Fahrbericht Aprilia 660 Tuono

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Salatprynz im Reich der Kurven.

Ich zickzacke also diese kurvige Straße entlang, rechts-links-links-rechts und immer so weiter, Hurra, der Blick scannt weit nach vorne; Gas, Bremse, Einlenken, Umlegen, Beschleunigen, alles passt, die Linie sowieso, und erhalte statt Stress lediglich Dynamik, Genuss, Schräglagen, Wohlgefühl und Fahrtwind serviert. Als das Etappenziel erreicht ist und ich die Zündung ausschalte, klappe ich nicht gleich den Seitenständer aus, sondern bleibe einen Moment sitzen, die Hände übereinander gefaltet auf dem Tank, wie ein Mönch versunken im Gebet oder eine Yogine beim Mond- und Planeten-Gruss, also ziemlich entspannt und horche in mich hinein. Dabei kommen mir Anbieter in den Sinn, ihre Bikes hier und da mit irgendwelchen Extras oder Zugaben anpreisen. Gerne feilgeboten werden etwa Sonder-Editionen mit verschwurbelten Farbnamen, Exklusivitäts-Zertifikat oder gravierten Plaketten unter der Batteriefach-Abdeckung. Also wenn Sie mich fragen: Ich würde für dieses attraktive, moderne, prächtig gelungene und superleicht fahrbare 95 PS-Gerät mit aufrechter Sitzposition einfach eine Art Happyness-Garantie abgeben, also Fahrspass und Zufriedenheit garantieren, für Einsteiger wie alte Hasen. Das wäre mal eine Ansage: Aprilia 660 Tuono, das erste Motorrad, dass Käufer garantiert glücklich macht. 

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Kurze Scheibe, konifizierter Lenker und buntes Aufleuchten, für einen Moment nach dem Zündung einschalten jedenfalls.

Aprilias Tuono 660 verknüpft als italienisch inspirierendes Mittelgewicht modernes und fesches Design mit State-of the-Art-Technik und eine sportliche Seele mit Alltagstauglichkeit. Tuono (Donner) steht bei der Company aus Noale für sportliche Performance, geraden Lenker, Halbverkleidung plus aufrechte Sitzposition. Mit dem neuen 660er Twin füllt Aprilia die Lücke der Tuono-Modellreihe zwischen respekteinflössender 1100er V4 und dem Einsteiger-125er Single für Teenager.

Aprilia RS 660 und Tuono 660 wurden zeitgleich entwickelt, der vollverschalte Sportler durfte lediglich eine Weile vorher in Produktion gehen. Das Baukasten-Prinzip erlaubt die Verwendung zahlreicher Gleichteile, was hilft, die Kosten im Rahmen zu halten und bei der Ersatzteil-Versorgung Vorteile mit sich bringt.   

Aprilias 660er Twin: drehfreudige, sportlich agile Kraftquelle, die mit guten Manieren sauber am Gas hängt.

Auf dem Papier leistet der Tuono-Motor 95 PS, das sind 5 PS weniger als bei der RS-Schwester. Grundsätzlich ist die Technik aber baugleich: Leicht vorgeneigter Parallel-Zweizylinder mit versetzten Kurbelwellen-Hubzapfen, DOHC-Vierventiler, Ausgleichswelle, 6 Gänge, Slipper-Kupplung, Leichtlauf-optimiert, sparsam und umweltfreundlich (Euro 5). Die erstaunlich kompakte Neukonstruktion erfüllt eine mittragende Funktion, denn das Gehäuse nimmt gleichzeitig die Schwingenlagerung auf.

Optisch ähnelt auch der schlank zulaufende Brückenrahmen aus Aluminium dem der RS. Tatsächlich haben die Entwickler den Gabelwinkel aber einen Spur steiler gewählt und gleichzeitig den Versatz der Gabelbrücken (für mehr Nachlauf) modifiziert, um über die Fahrwerkgeometrie das Handling an die geänderte Gewichtsverteilung (durch die aufrechte Sitzposition) anzupassen. Unkonventionell ist, dass dazu die mittlere Motorverschraubung auf beiden Seiten einfach weggelassen wurde, um mehr Flexverhalten beim Chassis-Gesamtkonstrukt aus Motor und Rahmen zuzulassen. 

Das Motorrad tritt wohlgeformt auf, vorne gedrungen kompakt und hinten ums kurze Heck eher luftig. Das Gesicht der Halbverkleidung mit LED-Doppelscheinwerfern inklusive Kurvenlicht und Tagfahr-Lichtleisten wird von den angedeuteten Winglets im doppelwandigen Bodywork flankiert. Der Tank ist im oberen Bereich wie eine Skulptur kunstvoll über die Flanken gezogen. Auch die geschickt abgedeckte Abgasanlage ist etwas Besonderes. Ausgepufft wird beidseitig in Unterflurmanier rechts und links vor dem Hinterrad, so dass nirgendwo ein Enddämpfer seitlich absteht.

Das Fahren mit der Tuono 660 entzückt über Erwarten. Der nicht zu breite, konfizierte Superbike-Lenker liegt gut zur Hand, das Sitzdreieck passt super, denn auch die Fußrasten sind dazu stimmig einen Tick tiefer montiert. Sitzpolsterung und Knieschluss passen, man sitzt angenehm integriert, sogar die schlanken Hebeleien gefallen wohlgeformt. Der Motor springt mit trockenem Schlag an, klingt gut und im Stand nach mehr Hubraum (als 659 ccm), hängt dazu fein dosierbar am Gasgriff. Die Drehbefehle der rechten Hand werden elektronisch gesteuert an die Einspritzung weiter leitet, auch die Kupplung lässt sich per Seilzug leichtgängig bedienen. Nach dem Aufsitzen jedenfalls fühlt man sich gleich zu Hause. 

Der Motor beweist sich in der Fahrpraxis als Freudenspender. Zivilisiert beim Anfahren, fröhliches Kurbeln in der Mitte, sportliches Schreien obenheraus. Man wird von einer drehfreudigen, sportlich agilen Kraftquelle mit guten Manieren angeschoben, die sauber am Gas hängt, willig die Drehzahlleiter erklimmt und schlicht glücklich stimmt. Fahrdynamisch geht im letzten Drehzahldrittel, also zwischen 7.000 und 10.500 Touren, mehr als ordentlich die Post ab, auch weil mit vollgetankt 183 Kilo ja erfreulich wenig Gewicht bewegt werden will. 

Leichtigkeit ist das bestimmende Thema. Auch beim Handling. Alles geht wie von selbst. Kein Wuchten, keine Hauruck-Input. Das Bike lässt sich mühelos dirigieren, folgt quasi den Gedanken, oder besser der Blickführung. Großartiges Einlenkverhalten und prima Vorderrad-Feedback sorgen für Wohlgefühl. Dazu passt die Abstimmung der Federelemente, ein gut austarierter Kompromiß zwischen Präzision und Komfort. Ob schnelle Biegungen, Wechselkurven, enge Haarnadeln, die Primaballerina wedelt einfach hindurch, was gleichermaßen beeindruckt wie erheitert – Fahrspass vom Feinsten eben.

Kurven in Sicht und alles locker im Griff. Hurra!

Verlass ist auf die Brembo-Hardware: Astrein zupackende, fein dosierbare Bremse vorne, auch hinten nicht knorrig. Tiptop die Schaltung, der (gegen Aufpreis erhältliche) Quickshifter funktioniert super, sogar bei niedrigen Drehzahlen; angenehm auch, dass das System beim Runterschalten automatisch für Zwischengas sorgt. Die kurz geschnittene Scheibe schützt ungefähr bis zum Bauchnabel vor Fahrtwind, was den von Naked-Bikes bekannten Vorteil hat, dass der Helm sauber angeströmt wird und man vor mitunter seltsamen Wirbelbildungen verschont bleibt. In den Fußrasten waren trotz gummierter Einsätze minimale Vibras zu verspüren, ansonsten herrschte Ruhe und die Twin-Laufkultur überzeugte. Gefällig ebenfalls mutet die Verarbeitungsqualität, egal an welcher Stelle das Auge ins Detail geht. 

Beim Einschalten der Zündung flackern kurz jede Menge bunte Lämpchen auf, im Fahrbetrieb erfreut das TFT-Display im Cockpit mit guter Ablesbarkeit; auch in der in der Menüführung findet man sich gut zurecht. Aprilias Elektronikpaket serviert die vorprogrammierten Fahrmodi, »Commute« und »Dynamic«, deren Unterschiede zwar spürbar, aber so weltbewegend nun auch wieder nicht sind. Wer die einzelnen Parameter frei konfigurieren will, wählt den Modus »Individual« über den Taster rechts am Lenker. Die Einstellungen zu Ansprechverhalten, Traktionskontrolle, Motorbremse und Anti-Wheelie-Control lassen sich über die Tasten an der linken Armatur bestimmen. Für den Tempomat, der ebenfalls zur Serienausstattung gehört, gibt es einen Halbmond-Taster mit Plus/Minus-Funktion oben auf der linken Armatur. 

Quality Time. Wie war das noch mit der Garantie?

Unbedingt wissenswert ist, dass Aprilia die Tuono 660 (im Gegensatz zum RS-Modell) nicht serienmäßig mit einer 6-Achsen-Sensorbox oder dem Quickshifter ausliefert, sondern nur optional gegen Aufpreis. Beide Features waren am Testbike montiert und sind ohne wenn und aber eine Empfehlung wert. Das Zauber-Gyro nämlich verhilft dem einfachen ABS zu einer Kurvenfunktion und steuert auch die Traktionskontrolle abhängig von der jeweiligen Schräglage. Beides hilft, den Sicherheits-Fallschirm gezielter aufzuspannen, falls situativ bedingt ein regelnder Eingriff notwendig sein sollte.

Ansehnlich und technisch wie funktionell überzeugend: Aprilias 660er Tuono versprüht leichtfüßige Fahrfreude und ist verlockend gelungen. 

Datensalat: Aprilia 660 Tuono 

Motor: Flüssigkeitsgekühlter Parallel-Zweizylinder, 659 ccm Hubraum, Leistung 95 PS/70 kW bei 10.500/min, max. Drehmoment 67 Nm bei 8.500/min, Bohrung x Hub 81/63,93 mm. Kurbelgehäuse horizontal geteilt, obere Gehäusehälfte und Zylinder einteilig gegossen, um 270 Grad versetzte Kurbelwellen-Hubzapfen, eine Ausgleichswelle. Verdichtung 13,5 zu 1, DOHC, Nockenwellen über Zahnkette (rechtsseitig) angetrieben, 4 Ventile pro Zylinder, Nasssumpfschmierung, Marelli-Kraftstoffeinspritzung, Drosselklappen-Ø 48 mm, 6-Ganggetriebe mit Quickshifter Up & Down, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Kupplung mit Anti-Hopping-Funktion, Kühlkreislauf mit Wasserkühler und zusätzlichem Wasser/Motoröl-Wärmetauscher, Airbox mit doppeltem Front-Lufteinlass, geregelter Dreiwege-Katalysator, Abgasnorm Euro 5. Auch gedrosselt mit 48 PS/35kW-Version für A2-Führerscheininhaber erhältlich.

Fahrwerk: Aluminiumguss-Brückenrahmen, Heckteil angeschraubt, asymmetrische Aluminiumguss-Schwinge. Motor übernimmt mitragende Funktion. Kayaba-Upside-Down-Gabel mit 41 cm Ø, Federvorspannung und Zugstufen-Dämpfung einstellbar. Schwingenachse im Motorgehäuse gelagert, Mono-Federbein direkt angelenkt, Federvorspannung und Dämpfer-Zugstufe einstellbar. O-Ring-Kette. Federweg v/h 110/130 mm, Aluminiumgussräder, vorne 3,5 x 17 Zoll, hinten 5,5 x 17 Zoll. Pirelli Diablo Rosso II Reifen vorne 120/70 ZR 17, hinten 180/55 ZR 17 (alternativ 180/60 ZR17), 320 Ø mm Doppelscheibenbremse, zwei Brembo 4-Kolben-Festsattelzangen, radial verschraubt, dazu Radial-Handbremspumpe und Stahlflex-Leitungen. Hinten Einscheibenbremse mit 220 mm Ø, 2-Kolben-Festsattelzange und Stahlflex-Leitung. Mit ABS (Kurven-ABS optional).

Elektrik + Assistenz-Systeme: CAN-Bus-System, Lithium-Ionen-Batterie, LED-Doppelscheinwerfer mit Abblend/Fernlicht und Kurvenlichtfunktion plus LED-Tagfahrlicht (Tag-Nacht-Umschaltung automatisiert über Lichtsensor sowie händisch), LED-Blinker, LED-Rücklicht, E-Starter. Ride by Wire-Gasgriff und Tempomat-Funktion. APRC-Elektroniksteuerung (optional mit 6-Achsen-Sensorbox) mit 3 Fahr-Modi (zwei Modi vorkonfiguriert, ein Modus individuell einstellbar). Parameter sind: Traktionskontrolle, einstellbares Motor-Mapping, Anti-Wheelie-Kontrolle, einstellbarer Motorbremse. Optional aufspielbar: Aprilia MIA Multimedia & Infotainment-Software für Smartphones.

Maße/Gewichte: Radstand 1.370 mm, Sitzhöhe 820 mm, Lenkkopfwinkel 24,1 Grad, Nachlauf 104,7 mm, Gewicht fahrfertig vollgetankt 183 kg (trocken 169 kg), Tankinhalt 15 Liter. Höchstgeschwindigkeit (Werksangabe) 240 km/h. Verbrauch (WMTC) 4,9 l/100 km. Co2-Emissionen 116g/km, Farben: Concept Black, Iridium Grey, Acid Gold.

Preis: 10.550 Euro, inklusive Fracht 

Typische Handschrift und markantes Antlitz.

Fotos: Buenos Dias, Felix von Motalia, Aprilia

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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