Weit weg, nah dran: Korea Life Kolumne, Teil 5

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Tipp: Zum Vergrößern der Bilder einfach draufklicken.

Wolfgang Faust, hier mit seiner NC750X DCT vor dem Bongeunsa-Tempel in Gangnam, lebt und arbeitet in Seoul. Weil in Südkorea vieles anders, abenteuerlich und interessant ist, schreibt »Hondawolf« die Kolumne »Weit weg, nah dran« für Gasgriffsalat.com. 
Süüüß!

Hallo zusammen: Es gibt in Südkorea für alle möglichen Dinge “Themenstraßen”, auf denen sich Läden aneinanderreihen, die zu einem bestimmten Bereich (Sanitärtechnik, Lampen, Bilderrahmen o.ä.) vieles führen. Das macht Suche und Kauf mitunter schwierig, weil man nie alles an einem Fleck bekommt, sondern mehrere Läden abklappern muss, um alle benötigten Sachen aufzutreiben. Offenbar verbreitet sich aber die Erkenntnis, dass ein Baumarkt keine schlechte Einrichtung ist, weil man Werkzeug, Verbrauchsmaterial, Lampen und Ähnliches unter einem Dach findet. Angesagt war also eine Mischung aus Beschaffungstour und Besichtigung einer interessanten Location. Sozius war mein Sohn, mit dem ich zunächst in einen Baumarkt fuhr. So war es dann auch: Fahrradlampen, Klebe- und Klettband, Dremel-Zubehör und anderer Kleinkruscht waren in kurzer Zeit eingesammelt und nach Erwerb im Topcase verstaut. Auf dem Parkplatz war dann wieder Gefühls-Diabetes angesagt – ein Rollerchen mit süüüßen Dekofiguren auf dem Schutzblech, ohne niedlich läuft hier nix! 

Was bisher geschah:

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Weltüberall gleich.

Weiter zu einem weiteren Highlight der Einkaufskultur: IKEA. Wie weltüberall sind diese Möbeltempel auch hier Familien-Ausflugsziel. So schoben sich koreanische Paare mit und ohne Kinder durch die Gänge. Das Sortiment unterscheidet sich in nichts von dem, was man auch in Europa kennt. Wir waren gekommen, um zu essen, und zwar den Klassiker: Köttbullar mit Kartoffel-Pü und Erbsen, gekrönt mit Preiselbeermarmelade. Auch das schmeckt so, wie man es kennt. Ein paar schwedische Kekse und Fruchtsirup fanden als Mitnehmsel im Topcase Platz und fuhren mit auf dem weiteren Weg an einen Ort, den ich schon länger im Auge hatte. Wir waren früher schon durch Sorae gekommen, ein pittoresker Hafen mit Fischmarkt, der zur Stadt Incheon gehört und an einem Ausläufer des Westmeeres liegt. Von dort haben die Fischerboote bei Flut freien Zugang und versorgen den Markt mit fangfrischen Meeresfrüchten. 

Apart getunte MSX125.
Paradies für Kutter-Freaks.

Bevor wir uns ins Markttreiben warfen, kreuzte eine leicht getunte Honda MSX den Weg. Von der Mole bot sich der Blick auf Boote, die ihre Fracht entluden. Beim Rundgang durch die angrenzende Fußgängerzone fanden wir eine Daelim CitiAce in der aparten Dreifarbausführung “Türkis-Weiß-Rot”. Weitere Preziose: ein mit Luxus-Accessoires (Leichtmetallfelgen hinten, Sitzlehne!) ausstaffiertes Dreirad unbekannter Provenienz.

Preziose.

Vor dem Fischmarkt noch eine hiesige Besonderheit: die Elektro-Verkaufswägelchen der Yakult-Ladies – das sind rollende Kühltruhen mit Trittbrett hinten, aus denen die zu 100% weiblichen Besitzer alles mögliche Eßbare verkaufen. Die Teile sind erstaunlich flott, kommen auch steile Anstiege hoch, werden als mobile Einkaufsstationen genutzt und sind sehr populär in Korea. 

Fischmarkt in Sorae.

Der Fischmarkt in Sorae ist eine Sehenswürdigkeit für sich, man findet alles, was im Meer kreucht und fleucht, lebendig wie verarbeitet. Das ist nicht jedermanns Ding, aber die Koreaner sind bekennende Meeresfrüchte-Esser. Man kann sich auch vor Ort seine Mahlzeit aussuchen und in angrenzenden Restaurants zubereiten lassen. Frischer geht`s nimmer.

Mit Musik ist die Stimmung besser.

Auf dem Rückweg zum Motorrad fiel mir eine Gruppe Senioren auf, die im Schatten koreanischer Unterhaltungsmusik aus einem Lautsprecher lauschte und dabei gut in Stimmung geriet. Ich fand die Situation nett und witzig. Gegenüber war ein Brunnen, der mit seiner Venebelungsfontäne ebenfalls ein interessantes Motiv abgab. Ein weiteres fand sich ein Stück weiter an der Ausfallstraße zurück Richtung Seoul: eine beräderte Fahrradbrücke über einen Flußarm. Die Straßen-Anbindung wird noch gebaut, deswegen führen nur Schotterwege dorthin, also etwas für die Hardcore-Fraktion. 

Beräderte Fahrradbrücke.

Von da aus fuhren wir bei zunehmender Hitze wieder nach Hause, zeitlich ziemlich passend für Kaffee mit Kuchen. Was genau richtig war, denn kurze Zeit später zogen bedrohliche Wolken auf, aus denen sich ein Gewitter mit Platzregen entwickelte. Von unserer Terrasse genossen wir einen Senator-Lounge-Blick auf die Szenerie in der Stadt und die Situation vor dem einsetzenden Regen. Gegen Abend kam dann wieder die Sonne raus, als wäre nix gewesen. 

Zwischendurch eine Premiere: ich habe mein erstes Tubenvideo veröffentlicht! Ich habe seit einiger Zeit eine Äktschn-Kämm am Helm, die sich ganz gut bewährt. Nachdem ich mich ohne Videoschnitt-Erfahrung mit den Untiefen des Windows Movie Maker rumgequält habe, ist das folgende Machwerk entstanden: 

Nach dem Bewegtbild-Entertainment nun wieder weiter mit Geschreibsel und Foto-Hausmannskost: Trotz knackiger Hitze und zunehmender Feuchte drehte ich eine größere Runde, um einige mobilisierte Seouler Skurrilitäten abzulichten. Nachdem ich meinen Kurzen am Kino abgeliefert hatte, fand ich auf dem Rückweg zum Parkplatz diesen Schrottlaster vor. Ich war mir nicht sicher bin, ob er bei Anlieferung seiner Ladung nicht gleich selbst mit in die Presse wandern sollte, so abgeschabt, wie er aussah. Die Kontraste, die man hier sieht, sind schon extrem: Auf der einen Seite modernster Glitzer und dann mittendrin so ein verbeultes, rostiges Teil…

Kontrast in the City.
Easy Twins.

Dann traf ich aber an einer Kreuzung die beiden fröhlichen Ducati-Gesellen. Die Kleiderordnung war offensichtlich den Temperaturen geschuldet. Und ein farblich extravagantes Vehikel: ein Kia Sportage in Matt-Lila! Nachdem ich noch einen R1-Piloten (in kompletter Sicherheitsmontur!) einfangen konnte, sah ich ein Exemplar der Tuning-Sparte nebenan stehen – ebenfalls ein Kia Sportage in der Ausführung “Was lässt sich noch alles Schöne dranbauen?” Angefangen von Spoilerchen und Windleitleisten über Radschrauben, grüne Bremssättel bis zu Blockaufklebern “Limited Edition” auf der Reifenwand war dies ein sehr sehenswertes Gefährt; ich würd’s mir aber eher nicht in die Garage stellen.

Extravagant koreanisch.
Safer R1-Pilot.

Nachdem auf der Schraubermeile nicht viel los war, schwenkte ich um, zumal die Kaffeezeit näher rückte. Das Paperstreet-Café in Dongdaemun ist eine sichere Bank und in der Umgebung findet sich interessante Objekte. Aber erstmal war eine Fahrt quer durch die Innenstadt nötig. Das zieht sich ganz schön hin, man ist schnell mal 15-20 km nur von Ampel zu Ampel und in stählernen Hochhaus-Schluchten unterwegs. 

Lovely!

Und dann kam an einer Kreuzung das Haus “Lovely Dog’s Hotel & Kindergarten” ins Blickfeld. Wie jetzt? Tierpension mit angeschlossenem Kindergarten, damit die Kids was zum Spielen haben? Oder lassen sich hier Hundewelpen abgeben? Oder wars einfach eine koreanisch-sinnfreie Bezeichnung, damit sich’s irgendwie abhebt? Jedenfalls scheint’s nicht gut gelaufen zu sein, denn die Zettel im Schaufenster waren Vermiet-Angebote.

Oha!

Am Paperstreet-Café gab es am Nachbarladen eine weitere Preziose zu bestaunen: ein Elektro-Dreirad mit Camouflage-Zelt-Regenschutz. Frisch umgebaut und abholfertig. Mir schien, beim Design des Plastik-Überrollbügels stand der Allzeit-Häßlichkeits-Preisträger BMW C1 Pate. Aber das kann täuschen.

Brutzel-Künstler @ work.

Direkt vor selbigem Laden war ein Brat-Künstler damit beschäftigt, die Schwingenaufnahme eines Fat-Tire-Elektrorollers instandzusetzen. Da war wohl was unterdimensioniert. Einen Kameraschwenk weiter sah ich eine Suzuki Hayabusa. Selbst bei diesem Geschoß ging es nicht ohne niedliche Quietsche-Enten auf dem Heckbürzel.

Das Top-Case schluckt ordentlich.

Die nächste Aufnahme zeigt eine/n Integra als Lastenmotorrad. Der Besitzer war in der Boxengasse wegen Anbringung neuer Griffgummis, die nun neongrün leuchten.

Pittoresker Lastenesel.

Eine pittoreske Hyosung Mirage fuhr mir an einer Kreuzung in Gangnam vor die Linse. Das Kunstwerk wurde über Jahre verfeinert und angepasst: Tennisbälle als Stoßschutz auf dem Rohrgestell, LED-Leisten rund ums Rücklicht, Armaturenkasten mit vier Telefonen, sechs Powerbanks und Dutzende Kabel – alles gehalten von Gummiband, Klebestreifen und Draht.

Häuptlings-Treffen.

Noch ein Schnappschuss vom Heimweg: Hier war ein US-Oberhäuptling in der Stadt, um sich mit hiesigen Häuptlingen zu treffen. Das ist immer Anlass für Demos. Vor dem Hyatt-Hotel stand die Fraktion der Gußeisernen. Neben friedfertigen, gesprächsbereiten Leuten gibt es hier auch politische Kräfte, die die große Lösung bevorzugen, wie auf dem Spruchband mit den Porträts von Trump und der vormaligen Präsidentin Park Geun Hye zu lesen war: “Bombing North Korea is the only answer”. Dass damit auch das Ende des Südens besiegelt wäre, ist möglicherweise außerhalb der Überlegung. Jedenfalls war wieder eine Menge Krach und Hunderte Polizisten waren am Start. Nächtliche Hubschrauber-Patrouillen der Amis kommen noch dazu. Aber das führt weg vom Thema…

No Contest, klar. Plus: Supermann am Dach!

Nach dem Urlaub war gleich die erste Tour angesetzt: ein Kurztripp an die Westküste. Mit von der Partie: mein Kurzer. Los ging es mit gemütlichem Mittagessen um die Ecke zur Einstimmung. Die NC750X konnte am Gasthaus gleich in passender Gesellschaft auf unsere Rückkehr harren: der gelbe Lambo mit Superman aufm Dach steht öfter da. Wie wir so sitzen und essen, rollt auf der anderen Straßenseite eine skurrile Kombi heran, ein Chopper mit Sackkarrenanhänger, darauf eine selbstgeschmiedete Transportkiste, gesichert mit Gummiband, eine Sackkarre holperte lustig hinterher. Man muss es den Jungs hier ja lassen: kreativ sind sie bei den Transportlösungen.

Langgabler gibts auch.

Unser Ziel gen Westen war die nördlichste der kleinen Inseln vor Seoul – Ganghwado. Die Straßen führen mitten durch die Vorstadtsiedlungen des Stadtteils Gimpo, die sich am westlichen Rand von Seoul nahtlos aneinanderreihen. Als die Gegend luftiger wurde, nahm ich am Straßenrand eine abgeschabte Schrauberbude wahr, vor der eine Langgabel-Harley parkte. 

Can-Am-Dreiradler.

Als wir Gimpo hinter uns gelassen hatten und rechts und links immer häufiger Reisfelder mit sattem Grün das Auge erfreuten, fiel mir an einer Kreuzung ein Glasklotz auf, in dem Motorräder feilgeboten wurden. Wie sich zeigte, war das wieder eine bizarre Mischung: ein Honda-Indian-BRP (Bombardier)-Händler. Der Besitzer kam uns lächelnd auf einem CanAm Spider entgegen. Im Erdgeschoss fand sich eine Honda Super Cub unter einer Ride to Love-Reklame an einer Aprilia angeseilt. Im Oberstübchen Indians neben CanAm-Spiders und gebrauchten Harleys. Auf die Frage, wie denn die Bikes in den 1. Stock gelangen, öffnete der Verkäufer eine ungesicherte Tür! Ein banger Blick nach unten verriet, dass dies einen Freiluft-Lift für den Biketransport darstellte. 

Weiter zum Gimpo Marine Park, der sich als Ansammlung rostiger Kriegstechnik erwies, die am westlichen Ufer des Wattenmeeres vor sich hin gammelt und die glorreiche Geschichte des Koreakrieges erzählen soll. Nach einem unergiebigen Gang über das Gelände zogen wir es vor, am Ufer gegenüber Ufer, schon auf der Insel Ganghwado, einen Kaffee zu ordern. 

Hunger! Durst!

Nachdem wir die Brücke vom Festland auf die Insel hinter uns gelassen hatten, fiel die Wahl auf das Black Pearl-Café, ein hipstermäßig aufgebrezelter Laden, die man überall findet. Der Kaffee war gut, der Blick schön und die NC wartete draußen auf uns.

Zelten am Strand mit Kind und Kegel.

Auf der Insel angekommen wurde es idyllisch. Man mäandert durch die bergige Gegend, sieht zwischen den Hügeln das Meer durchfunkeln und erreicht schließlich die Uferstraße. Die Blicke auf das Watt (wir kamen bei Ebbe an) öffnen sich weit, man riecht das salzige Wasser und fährt an aufliegenden Fischerbooten vorbei, die auf die nächste Flut warten. Und dann erreicht man einen Strand, an dem sich ein in Europa kaum denkbares Bild bietet: Koreaner bauen ihre Zelte unter brutaler Sonne direkt auf dem Strand auf und chillen dort mit Familie, Kind und Kegel. Der Grill ist dabei, manche sind ausgerüstet wie für eine Wüstenexpedition. Kinder und Erwachsene buddeln im Schlamm nach Krabben und Muscheln, es herrscht fröhliche, ausgelassene Stimmung. 

Danach zog es uns in ein Motel am Meer. Auf dem Weg dorthin machten wir noch Halt an einer Brücke, die Ganghwado mit Seongmodo, einer noch kleineren Insel, verbindet. Mittlerweile hatten wir auflaufendes Wasser, die Flut kommt hier auf Grund des enormen Tidenhubs sehr schnell. Man kann quasi zuschauen, wie das Wasser steigt. Der Tag nahm sein Ende in einem Bistro am Wegesrand mit »local Italian food« – die Spaghetti Arrabiata waren ausgesprochen lecker, die Ginseng-Limonade ebenso. 

War Obelix hier? Nein, das ist ein »Dolmen«. Weltkultur!

Nach einer ruhigen Nacht und Frühstück im Zimmer (wir hatten alles nötige dabei, Wasserkocher, Besteck und Geschirr sowie Kühlschrank sind hier Motel-Standardausstattung) führten uns enge Dorfstraßen zu einem steinernen Buddha mit Skulpturenpark im Zentrum der Insel. Etwas weiter weiter befindet sich eine Sehenswürdigkeit von Ganghwado: Ein aus großen Steinblöcken errichtetes Megalith-Bauwerk. Dieser »Dolmen« auf Ganghwado ist ein ganz besonderer, weil seit dem Jahre 2000 UNESCO-Weltkulturerbe. Dolmen gibt es weltweit, in Korea werden bis zu 35.000 solcher Bauwerke gezählt. 

Gemütlich.
Mmmmmh.

Für den zweiten Frühstücks-Kaffee zeigte das Navi eine Vielzahl Alternativen an, von denen wir uns das “Tretar:H” aussuchten. Ein zunächst sinnfrei erscheinender Name, aber nach einer Google-Recherche stellte sich heraus, daß das ein schwedisches Wort für “a threefill” oder “second refill” von Kaffee ist. Die Einrichtung erinnerte in der Tat an skandinavische Etablissements dieser Art, war liebevoll und gemütlich. Beim Studieren der Kuchenauslage fiel mir eine Delikatesse ins Auge, die hier anders als in Europa heißt: Titamisu. Ein schlichter Tippfehler, auf koreanisch isses nämlich richtig geschrieben, so viel verraten mir meine rudimentären Sprachkenntnisse jedenfalls. 

So, hier mein zweites Tourenvideo: 


Noch ein paar Skurrilitäten der hiesigen Szene. Los geht es mit einer Vespa in der Sonderedition “Aufkleber”. Da muss man lange sammeln, bis man für die großen Flächen genug Material hat. 

Kleb-Kunst.
Holz-CB.

Dann etwas mit Schrankwand-Atmosphäre aus dem Wohnzimmer: eine Honda CB1100 mit der Seitenkoffervariante in “Kiefer hell gestreift”. Die Retro-Schriftzüge geben dem Ensemble den nötigen 60er-Jahre-Touch. 

Die Maschinen von SYM aus Taiwan sind hier eher selten. Umso mehr erstaunte mich die Version “Nostalgia Wolf” in Racing-Green mit braunen Einzelsitzen. 

Sieh an: Sym Nostalgia Wolf

Während unserer Tour auf die Insel Ganghwado gab es am Hafen von Hwangcheongni einen sehenswerten Sonnenuntergang. Wir waren nicht die einzigen, die auf dem Motorrad angereist waren. Eine Harley Ultra Glide Classic FXSTCXYZABC-etc. brachte ein koreanisches Pärchen an den Ort des Geschehens. 

Peitsche am Lenker! Wofür?

An einem anderen Wochenende gings mit dem Kurzen (der gar nicht mehr so kurz ist…) nach Gangnam in den “Yankees Burger” zum Mittagsmahl. Ich esse das Fastfood-Zeug selten, aber hier war alles frisch und das Fleisch wirklich schmackhaft. Das Innendesign industrial-mäßig, wenigstens fielen wir in unseren Klamotten nicht auf.

Lambo-Hangaround, quasi.

Auf der Weiterfahrt musste ich mich auf den Verkehr der vielspurigen Magistralen in Gangnam konzentrieren, während mein Filius sich umgucken konnte und prompt krähte, ich müsse anhalten und ein paar Meter zurückfahren. Was er entdeckt hatte: Im “Café de Bodyfriend” war quasi ein Lamborghini-Treffen. Akkurat eingeparkt standen am Eingang zwei Huracan, ein Aventador SVJ und der/das neue SUV Urus. Mir ist nicht erinnerlich, außerhalb eines Händler-Showrooms im Straßenbild eine solche Ansammlung schon einmal wahrgenommen zu haben. 

Tröööt: Traditionelle Mucke im Umfeld der Namhansanseong-Festung.

Weiter zeigten sich dann die Berge und schon bald ging es über hübsche und recht dünn befahrene Sträßchen hinauf zur Namhansanseong-Festung. Diese ist UNESCO-Weltkulturerbe und apart anzuschauen. Wie immer hier, sind derlei Sehenswürdigkeiten an den Wochenenden rappelvoll. Dazu gab es traditionelle koreanischer Musik, die von Künstlern in Trachten gespielt wurde. Die Akustik ist Geschmackssache, schick anzusehen ist es allemal. Nett auch, dass man nach Ende der Vorführung interessierten Besuchern und vor allem Kindern die Gelegenheit gibt, selbst ein wenig Krach zu machen. Mein Junior war begeistert dabei… 

Bei Paldang.

Noch weiteren beschwingten Kilometern auf Bergsträßchen erreichten wir das Café Arabica. Mitten im Wald, eine Oase mit hervorragendem Kaffee und mitgebrachtem Pflaumenkuchen (dem Hefegebäck meiner Angetrauten ist nicht zu widerstehen, ich will da nix anderes). Nach dem Genuss zog es uns weiter Richtung Norden zum Han-Fluß. Die Brücke bei Paldang führte uns auf die Nordseite und nach ein paar Kilometern Schnellstraße kam das “Big Site” in Sicht: ein Treffpunkt der Zweiradzunft, wo es immer was zu sehen gibt. Auch diesmal wurden wir nicht enttäuscht.

Am Treff der Zweiradzunft.

Im Laden nebenan war mal wieder alles umgestaltet; präsentiert wurde eine Ducati 1260 Multistrada Enduro. Der Rabattpreis von 34.500.000 Won treibt einem die Tränen in die ohnehin feinstaub-wunden Äuglein. Umgerechnet sind das zur Zeit 26.400 Euro. Diese Ausführung kostet in D 20.690 Euro, also ein satter Exotik-Zuschlag. Nach dem Showcase-Event kostete der Hobel dann 37,5 Mio. Won, also günstige 28.600 Euro. 

Honda Neo-Sports-Café-Ecke

Danach war der Anblick der Honda Neo-Sports-Café-Ecke wahrer Balsam: keine Preise, dafür ein schick aufgemachter Präsentations-Stand mit einer CB 1000 R, einer CB 650 R und einer CB 125 R. Zwei Meter weiter sah ich das erste Mal eine Royal Enfield Himalayan Enduro. Gemütliche 25 PS, dafür robust und Schlechtwege-tauglich. So’n Teil und der Himalaya verliert seinen Schrecken… 

Draußen vor der Tür wartete dann ein Schrecken der besonderen Art: eine Lambretta V125 Special, ver(un)ziert mit Kohlenkasten-Topcase. Ein Kumpel von mir hat genau das gleiche Modell, ebenfalls in supercoolem Orange. Ich musste ihm gleich das Bild schicken und ihn anweisen, so ein Verbrechen nicht an seinem Modell zu begehen.

Hübsche Farbe….

Eine flammneue K 1600 Bagger in Babymöhrchen-rot wurde von einem Piloten mit eher kurzen Stelzen bewegt. Ein leicht abgesenkter Kiesstreifen diente als Parkplatz-Abgrenzung zur Straße. Der Versuch des BMW-Typen, sich in den Verkehr einzufädeln, endete mit einem Ausrutscher und der Bock fand sich in stabiler Seitenlage auf besagtem Kiesstreifen. Ob’s zu viel Gas war oder er anhalten mußte und die Gräten zum Abfangen zu kurz waren, wer weiss das schon. Jedenfalls sahen rechter Seitenkoffer und Sturzbügel nicht mehr so makellos aus wie zuvor. Dem Fahrer war nix passiert und nachdem vier (!!) Burschen das bayrische Kunstwerk wieder auf die Räder gestellt hatten, ging’s auch weiter. 

Interessante Kabelbaumführung.

In der Umgebung hiesiger Zweirad-Shops finden sich häufig sehenswerte Vehikel. Zum Beispiel dieser bis auf die Knochen gestrippte Scooter mit interessanten Einblicken in Kabelbaumführung und sonstige Details, die sonst ja meist unter Plaste verborgen sind. Daneben eine Honda Super Cub mit Soziussitz-Tasche (mangels Staufach). Zurück an der geparkten NC fand sich eine farbenfrohe Street Rod 750. Dass diese Hubraumklasse überhaupt Eingang in die Palette der Schwermetaller gefunden hat, mutet seltsam an. Aber man muss ja auch Einsteiger bedienen, die nicht gleich mit acht Zentnern durch die Gegend walzen wollen/können. 

Postgelb, auch umrandet.

Zum Mittagessen fahre ich in Seoul schon mal an den Hauptbahnhof ins „Glücksschwein“ zu Schnitzel und Bratkartoffeln. Auf dem Vorplatz begegnete ich einer postgelb lackierten Vespa. Die Liebe zum Detail wird hier am farblich passenden Scheibenkantenschutz deutlich. Daß die Nummernschild-Unterlage wieder „GB“ trägt und einen komischen Spruch auf Englisch, ließ mich ratlos zurück. Es könnte aber daran liegen, dass der Eigner der Meinung ist, die Vespa-Fabrik liege in England. 

Scooter mit Stützradkonstrukt.

Ein Highlight koreanischer Bratkunst: ein Roller mit Stützradkonstruktion. Da haben Rohrbieger, Schweißer und Fahrwerks-Experten eine Meisterarbeit abgeliefert, die jedes Ingenieursherz höher schlagen lässt. Im Stand umfallen kann das jedenfalls nicht. Registriert isses mit 4 Rädern möglicherweise als Auto. Immerhin hat die Vespa daneben eine italienische Nummerschild-Unterlage, deren Eigner weiss offenbar Bescheid. 

Ebbe erfordert Geduld.

Da meine Holde auf einer anderen Tour im Land unterwegs war, startete ich als Nächstes mit meinem Sohn zu einer Männerpartie an die Westküste. Erste Zwischenstation war der Freizeitpark am Sihwa-Gezeitenkraftwerk. Unsere Ankunft war noch bei Ebbe, so dass die Fischerboote, die nicht rausgefahren waren, auf dem Trockenen lagen. 

Pink, was sonst?

Den Zweite-Frühstücks-Kaffee gab es bei Pascucci, wo man während der Wartezeit gleich noch die Funktion und Teile des Italo-Espressokochers kennenlernt. Beim Gang in den Außenbereich sahen wir ein passend zur rosa Fahrzeugfarbe gekleidetes Mädchen im Mini Cabrio. Zurück am Parkplatz parkierte ein Yamaha Xmax-Scooter in der hier beliebten Optiktuning-Variante mit roten Anbauteilen und vielen Aufklebern. 

Großes Kino am Hafen von Jeongokhang.

Ein Zwischenstop war der Hafen von Jeongokhang an der Küste der Insel Daebudo. Da war richtig Betrieb: Touristenboote legten an und ab, Yachten liefen in den Hafen ein, Boote wurden mit Trailern aus dem Wasser geholt. Auf der Hafenpromenade tummelten sich Erholungssuchende neben Anglern. Großes Kino dazu an der Trailerrampe; da wurden im Minutentakt kleine und große Boote aus dem Wasser gezogen. 

Mein Boot ist mein Castle.

Beim Hafenpromenade-Schlendern begegnete ich einem Paar, das einen Jungen im Plastik-Porsche Cabrio spazieren fuhr. Sogar das Stuttgarter Nummernschild war dran. Allerdings fiel ich unmittelbar vom Glauben ab, als der stolze Vater folgende Worte an mich richtete: „It’s a Porsche – a nice Italian car!“ Meine Antwort: „Ähm, this is still a German car” stiess auf ein verwundertes „Really?“. Naja, wenigstens der Kontinent stimmte… 

Am Damm.

Danach sattelten wir auf in Richtung der Insel Jebudo. Diese ist über einen Damm im Wattenmeer erreichbar, der bei Flut nicht passierbar ist. Ich hatte vorher in den Gezeitenkalender geguckt und eigentlich geplant, kurz nach Mittag vor Ort zu sein. Aber wir hatten ein wenig getrödelt (im Hafen war’s so interessant) und kamen erst gegen 14.40 Uhr auf der Insel an. Da steht dann an jedem Damm-Ende ein Posten und regelt den Verkehr. Mir kam das schon komisch vor, als ich eine Leuchttafel sah, auf der etwas von 14.50 Uhr stand. Tatsächlich ist der Damm dann gesperrt und erstmal Feierabend. Also mußten wir schleunigst wenden und wieder aufs Festland düsen, um nicht die nächsten 6 Stunden da festzuhängen. 

Chez Flo…

Zum Kaffee ging es ans Steilufer der Insel Seonjaedo. Die NC-Honda wartete neben einem alten Wasserrad auf uns. Von der Terrasse des Floredo-Cafés geniesst man einen schönen Blick auf das Meer und den Kuchen umso mehr. Das brauchten wir auch, denn der staubelastete Rückweg in die Stadt schlauchte dann doch etwas. Schlussendlich sind wir aber heil zu Hause gelandet, nach einem abwechslungsreichen und interessanten Tag. 

Das brettert: Lambretta.

Der folgende Samstag versprach bei Temperaturen um die 23°C bestes Tourenwetter, also nutzte ich die Gelegenheit, mit der Besten aller Sozias auszureiten. Wir waren mit einem Bekannten verabredet, auf einer signal-orangen Lambretta 125. Er war ganz erpicht darauf, mal was anderes als seinen Arbeitsweg unter die Räder zu nehmen. Wir einigten uns auf eine Spritztour zur Namhansanseong-Festung und ins Waldcafé. Der Weg dorthin führt durch den Hochhaus-Dschungel von Gangnam. 

Bajuwaren-Duo.

Auf dem Berg an der Festung standen schon ein paar Vertreter der Zunft: eine rausgeputzte R nineT und ein Sechszylinder-Dampfer in apartem Senfmetallic. Auf dem Boxer war ein besonders edles Quietsche-Entchen befestigt: metallicrot-goldener Propellerhelm und Sonnenbrille mit Straßsteinchen sicherten den 1. Platz in der Style-Wertung. 

Airbrush mit Musik.

Auf dem weiteren Weg gab es weite Blicke über die Täler, die sich im Hinterland des Han-Flusses im Osten von Seoul erstrecken. Auf dem Parkplatz des Big Site Rider’s Land gab es eine Harley mit bemerkenswert gestalteten Airbrush-Motiven zu bestaunen. Den Tropfentank zierte ein Schwarz-Weiss-Porträt neben einer Oldtimer-Front und diversen anderen Details. Der Heckkotflügel war ebenso sehenswert – Freddy Mercury in gelber Joppe und typischer Pose. 

Wer kichert da?

Ein paar Meter weiter parkte eine schwarze Yamaha R6 mit goldeloxierten Anbauteilen, Akrapovic-Tüte und Plüsch-Mieze auf dem Sozius. Die ein paar Meter entfernt stehende Fahrerin kicherte vernehmbar, als ich ihr Bike im Bild festhielt. 

Black & White-Artistry in Seongsu.

Beim nächsten Ausflug über Seitenstraßen rund um die Konkik-Universität im Stadtteil Seongsu nahe dem Seoul Forest fanden sich interessante Graffiti-Wände an freistehenden Häusern. Infos darüber findet man nahezu ausschließlich in Internet-Quellen wie Instagram. Darüber war auch mein Ehegespons gestoßen und wir wurden nicht enttäuscht: die abgebildete Hauswand hat was, finde ich. Glücklicherweise war kein Auto davor geparkt, so dass ich die NC in die schwarz-weiße Szene setzen konnte. Ein paar Meter weiter fanden wir im Hinterhof mit Basketball-Bolzplatz ein weiteres S/W-Kunstwerk. Ich finde es faszinierend, wie man mit Pinsel-Strich-Punkten auf grau-weißem Grund ein so detailliertes Bild, zumal in dieser Größe, hinbekommt.

Bei Bedarf wohl eher abspringen.

Wir rollten weiter durch schmale Gassen, um auf eine Pretiose der Zweirad-Baukunst zu stossen. Da stand am Straßenrand ein Eigenbau der Sonderklasse mit Rasenmähermotor, Kettenantrieb und statisch (von dynamisch gar nicht zu reden) instabiler Radführung mit Flacheisen an Federgabel und Steuerkopflager. Eine Bremse war nur hinten dran, im Bedarfsfall hilft wohl eher abspringen.

Nach dem Mittagessen in einer Hipster-Location namens „Urban Source“ ging es Richtung Lotte World Tower und der angrenzenden Mall. Dort war auf dem Seokcheon-See eine Installation namens „Luna Project“ zu sehen. Aufhänger: Das 50-jährige Jubiläum der Apollo 10-Mission und die Tradition der NASA, die Rufzeichen der Raumschiffe von der Mannschaft auswählen zu lassen. Das Apollo 10-Raumschiff wurde „Charlie Brown“ genannt, die Mondlandefähre „Snoopy“, beide aus den „Peanuts“ von Charles M. Schulz. Da lag es nahe, aufblasbare Comic-Gummifiguren als Kunstprojekt zu zeigen. Auf dem See schwammen also Snoopy und Woodstock auf einer Rakete um das große, blaue „Earthmon“, umgeben von anderen Figuren. Und weil das alles die Koreaner begeisterte, liessen sich die Leute vor diesem Hintergrund fotografieren und bildeten dabei die beliebten Herz-Symbole mit den Armen. 

German Fest @ Lotte World Tower.

Es wurde aber noch mehr geboten: Auf dem Rasenplatz vor der Lotte World Mall lief das „German Fest at Lotte World Tower“. Lotte ist ein koreanischer Mischkonzern, der als Familienunternehmen (ein sog. Chaebeol) in diversen Geschäftsfeldern unterwegs ist: Lebensmittel, Versicherungen, Elektronik, Autovermietung, Immobilien, Hotels, Chemie-, Bau- und Maschinen-Industrie und vieles mehr. 

Dass das Festival an diesem Platz stattfand und einen deutschen Hintergrund hatte, war nicht unmittelbar ersichtlich. Der Gründer der Lotte-Unternehmensgruppe Shin Kyuk-Ho (der noch lebt und vor kurzem 97 Jahre alt geworden ist) war so begeistert von Johann Wolfgang von Goethe und besonders von dessen Roman „Die Leiden des jungen Werther“, dass er in Anlehnung an Charlotte (auch oft Lotte genannt) seiner Firma den gleichen Namen gab. Auf dem Vorplatz zum World Tower war ein Goethe-Monument aufgestellt. Auf der Rückseite eines Aufstellers stand ein deutsches Pärchen in dem, was sich Koreaner als Nationaltracht in Deutschland vorstellen, vor einer Fototapete mit Wernigerode als Hintergrund, um den Besuchern ein Erinnerungsbild zu ermöglichen. 

Beauty first.

Einer der Sponsoren und Mitveranstalter der Festivität war Borussia Dortmund, die dort ein Zelt hatten, um mit diversen Werbeartikeln den Fußball-Standort Deutschland zu promoten. Es spielen ja einige Koreaner in deutschen Vereinen. Gut besucht war das Ereignis jedenfalls, es gab eine Torwand, eine Tombola, diverse Kinderbespaßungen und natürlich einen Bierstand (nicht für die Kinder…). 

Korea wäre nicht Korea, wenn nicht direkt nebenan eine Konkurrenz-Veranstaltung laufen würde: die „Allure Beauty Fair“. Da gab es alles, was die Illusion immerwährender Jugend und Schönheit aufrecht erhält und dafür sorgte, dass die Besucher freudig ihre Schatulle öffneten und en gros kauften, was man sich ins Gesicht und anderswohin schmieren kann, auf dass die Falten verschwinden. 

Walking im Watt.

Es war amüsant, aber wir trollten uns dennoch nach ein paar Fotos. Ich bin zu schön für Kosmetik und meine Frau erst recht, so dass mit uns kein Staat zu machen war. Wir setzten uns lieber ins Café, anschließend auf die NC750X und surften durch die Stadt wieder nach Hause, um das Erlebte sacken zu lassen und schön zu entspannen. 

Bis demnächst in diesem Kino und Gruss aus der Ferne vom Hondawolf.

Text und Fotos von Wolfgang Faust

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