Weit weg, nah dran: Korea Life Kolumne, Teil 4

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Wolfgang Faust, hier mit seiner NC750X DCT vor dem Bongeunsa-Tempel in Gangnam, lebt und arbeitet in Seoul. Weil in Südkorea vieles anders, abenteuerlich und interessant ist, schreibt »Hondawolf« die Kolumne »Weit weg, nah dran« für Gasgriffsalat.com. 

Zur ersten Kolumne von Hondawolf führt dieser Link

Zur zweiten Kolumne von Hondawolf führt dieser Link

Zur dritten Kolumne von Hondawolf führt dieser Link

Hallo zusammen, ich erzähle im 4. Teil einfach mal weiter: Nachdem sommerliche Temperaturen die Natur explosionsartig grün anmalten, war an einem Sonntag Gelegenheit, dem Stadtmoloch Seoul zu entfliehen, den Vegetationsfortschritt in ländlicher Umgebung zu genießen und nette Bergsträßchen mit der Honda NC750X unter die Räder zu nehmen. Mit von der Partie war die Beste aller Sozias. Als wir alles Urbane hinter uns gelassen hatten, begann ein Kurventanz, der gleich die Laune hob. Wir bewegten uns in Richtung der Provinzstadt Gapyeong, hatten bald den nördlichen Zubringer des Han-Flusses, den Bukhanga, erreicht und es wurde idyllisch.

Kaffeedurst? Praliné? Das Leben ist schön.

Hier reihen sich Hotels, Pensionen, Wasserski-Stationen und andere Annehmlichkeiten des Freizeitlebens aneinander. Als sich Kaffeedurst einstellte, fanden wir ein Etablissement namens “Café de Maupassant”, mit viel Liebe zum Detail eingerichtet: Bücher von Maupassant, Chansons im Hintergrund, freundliche Bedienung. Die Pralinés zum Kaffee auf der Terrasse waren ausgezeichnet, das Leben war schön.

NC meets Spiderman.

Keine 50 Meter weiter die nächste Sehenswürdigkeit: eine Pension mit Restaurant und Fantasy-Themenpark – alle Sorten Transformer, auch Bat- und Spiderman fehlen nicht. Wie wir umherflanierten, rauschte eine Truppe Zweiradpiloten zur Rast heran, darunter zwei silberne RC90 (aka NC750X)! Wie mir auffiel, haben die in Korea verkauften NC´s kein LED-Frontlicht, sondern noch Glühlampen im Scheinwerfer. Wir liefen übers Gelände und ich fand eine abgehalfterte Motobécane im Gebüsch. Hier gibts nix, was es nicht gibt…

Meeting mit NC-Artgenossen.
Reis ist nice, pflanzt sich aber nicht von selbst.

Weiter ging es durch Dörfer und Weiler, überall frisches Grün und satte Farben. Landwirtschaft kennt bekanntlich kein WE. So sahen wir Bauern ihre Reisterrassen mit dem Trecker im Schlamm vorbereiten, etliche sind schon fertig und die Pflänzchen gesetzt. Nächstes Zwischenziel war das Kamera-Café mit eindrucksvoller Knipskisten- und Objektivsammlung in den Bergen nordöstlich von Yangpeong. Es war zwar geschlossen, gab aber eine hübsche Fotokulisse ab. 

Am Kamera-Café.

Weiter ging es zum späten Mittagessen am Treffpunkt nahe Yangpeong. Dort eingetrudelt, wähnten wir uns auf einem Guzzi-Treffen. Angemerkt sei, dass ich mal einer der häufig leise belächelten Jünger der Marke war. Von 2001 bis 2014 auf einer Quota 1100 und von 2014 bis 2016 auf der Stelvio 1200 8V. Das ist zwar Geschichte (obwohl ich die Fahrberichte zur neuen V85TT schon sehr interessiert lese…), aber 16 Jahre und über 100.000 übrigens störungsfreie Kilometer auf den urigen V2-Böllern sind nicht vergessen. So machte das Herz einen Sprung angesichts einer Audace (die Strip-Variante der California 1400), einer V7 III Stone, einer V7 III Classic und einer umgebauten 1100 Sport. 

Manchmal schon zwingend: Stylischer Auftritt.

Zum Sammelsurium Seouler Kuriositäten und mobiler Sehenswürdigkeiten gehörte ein stylishes Pärchen auf einer 125er Brixton. So sind die Jungen und Hippen hier unterwegs: Retrohelm mit Schirm und Brille, Karojackett (ist ja der Union Jack aufm Tankpad, da muss auch der englische Klamotten-Stil stimmen), Ankle Boots und gelbe Lederhandschuhe. Die Sozia hat noch Nachholbedarf beim Kleidungsstil. Vielleicht isses nur eine Lebens-Kurzabschnitts-Gefährtin; Sicherheitsaspekte spielen nicht so die grosse Rolle, Hauptsache, das Image stimmt.

Ein wilder Koreaner auf dem Jetski im Bukhangang-Fluss. Der Kapitän der Fähre, auf der wir uns befanden, hupte ihn und vier andere erbost an, weil sie ziemlich knapp sein Fahrwasser kreuzten, aber im Racemodus darauf wohl keine Rücksicht nehmen konnten…

Moderate Omi.

Die Vespen in Grün und Gelb bei uns in Seoul im Viertel stehen quasi Wache vor einem Laden mit Café und werden nur selten bewegt. Die Oma auf der Ausruhbank ist farbintensiv gekleidet, charakteristisch auch der Sonnenhut. Koreaner fürchten die Sonne wie der Teufel das Weihwasser. Diese (die Sonne) ist zwar in der Tat aggressiv, aber die panische Angst, auch nur einen Strahl auf nackte Haut abzubekommen, führt teilweise zu Vollschutz-Verkleidungen, die bei uns unter das Vermummungsverbot fallen. Omi ist also noch moderat unterwegs.

Kaffee, Kuchen, Flower-Power!

Was aussieht wie flüssiger Glückskeks, zeigt einen Feierabend-Kaffee plus Käsekuchen. In Hipster-Cafés wird Wert auf Milchschaum-Verzierungen gelegt. Dieser Laden z.B. nennt sich »Kukka-Flower Bar and Coffee Lab«. Zu jedem Kaffee gibt es da eine Blume, in der Tat sehr nett. Seoul ist Kaffee-Mekka, erstaunlich in einem Land mit Tee-Tradition. Es gibt hier mittlerweile Koffein-Tankstellen jeglicher Couleur. Drip-Kaffee (was ich in Deutschland versuche zu meiden, nämlich Filterkaffee aus der Maschine) ist der grosse Hit. Alles rund um schwarze Bohnen erfreut sich großer Beliebtheit. Es gibt exotische Sorten, Spezialröstungen, unzählige Geschmacksrichtungen (obwohl: Kaffee mit Kimchi-Aroma hab ich noch nicht entdeckt) und abenteuerliche Verzierungen obendrauf. Halt alles, womit sich den Leuten das Geld möglichst zügig aus der Tasche ziehen lässt. 

Desmo-Trio mit 625 PS und reichlich Zubehör-Klimbim.

Daneben gilt es immer wieder, die kurvenreichen Strecken in den Bergen der Region zu erkunden, was natürlich vom Wetter abhängig ist, welches uns zum Glück hold war. Am Treffpunkt “Big Site – Riders Land” gab es eine Ducati-Bande aus 1199 Panigale R, Panigale V4R und 1299 Panigale R zu bestaunen, teils aus kompletten Zubehörkatalogen aufgehübschte Groschengräber sondersgleichen. Klar plättet einen das. Da stehen mal eben 625 PS und über 120.000 Euro Italo-Baukunst nebeneinander und warten auf durchgehend tempolimitierten Strassen nebst Autobahn-Fahrverbot bewegt zu werden. Aber hey: wir ham’s ja!  

Indianer-Trupp.
Zeitmaschine: 1100er Katana aus den early 80´s.

Gegenüber parkierten motorisierte Indianer mit fransenbehangenen Ungetümen. Einer hat wohl einen Vertrag mit der Straßenreinigung; die Fransen an den Trittbrettern sorgen für sauberen Asphalt, zumindest in Kurven. Auch immer gerne genommen: Gruppenbild mit Daumen hoch! Im Laden fand gerade der Launch der neuen Suzuki Katana statt, zu dem sowohl die Neue als auch ein altes Modell gezeigt wurden. Ansonsten gabs diverse individualisierte Zweiräder zu bestaunen: eine Ducati Scrambler Desert Sled im grünierten “Big Site”-Design, eine beblümte Glitzerharley und eine eigenwillige Diavel mit Naturmotiven auf einer Vollverschalung. 

Hui: Beblümte Glitzer-HD

Auf dem weiteren Weg gen Osten begegnete uns eine Brücken- und Tunnelbaustelle, davor friedliche Landwirtschaft und dörfliche Atmo. Gigantische Baustellen und Landidylle daneben sind hier immer wieder frappierend.

Wenn gebaut wird, dann volles Rohr.
Bungeespringen am Fluss.

Einmal war ich mit meinem Kurzen in der Region Gapyeong unterwegs. Hauptziel für ihn war ein Bungee-Jump-Turm im Freizeitpark “Riverland” am Fluss. Beim Eintreffen sahen wir schon eines der freiwilligen Opfer am Seil nach dem Sprung auf das bereitstehende Shuttle-Boot einschweben. Mein Junge machte das später ganz souverän und hatte seinen Spass. 

Die Weiterfahrt führte über flussnahe und später bergige Sträßchen durch abgelegene Weiler. Reisterrassen und Gewächshäuser säumten den Weg, mein Blick galt aber mehr der Strasse, weil es teils eng und unübersichtlich zugeht. Vorbei am Eingang zu “Schaffhausen-Edelweiss”, ein Schweizer Themendorf typisch asiatischer Kuriosität: ein Investor hat in bergiger Lage dieses Dorf aufgebaut. In der Nähe gibt es auch “Petite France” mit Häusern und Vorgärten in europäischem Stil, Sehenswürdigkeiten im Kleinformat (Eiffelturm, Louvre etc.) und überall fotowütige Koreaner. Nach einem Kaffeestop mäanderten wir weiter durch die Berge und entdeckten einen genial gelegenen Golfplatz.

Eine Runde abschwingen gefällig?

Auf dem Rückweg nach Cheongpyeong erspähten wir interessante Motive. Zum einen das Cheongsim World Center, ein Mehrzweckbau mit Theater, Konzertsaal, Konferenzzentrum und Jugendcamp. Dann das seltsame Cheonjeonggung Palace Museum. Sieht aus wie der Petersdom aufm Berg, leider nicht zugänglich, weil offenbar noch Baustelle. Von da schwangen wir zurück mit einem letzten Zwischenstopp am Stauwerk bei Cheongpyeong in der Abendsonne.

Gefahren-Schilderwald.

Nach dem Abendessen (Korean Barbecue, superlecker mit marinierten Rindfleischstreifen, Salat, Gemüse und Reis) spazierten wir eine Runde an Wasserlauf entlang, der sich durch den Wald schlängelte. Angler entspannten sich am Ufer, es war idyllisch! Hätte man dem Warnschild am Ufer Glauben geschenkt, wäre es ein reissender, tiefer Strom gewesen, dem man keinesfalls zu nahe kommen sollte. Koreaner und Ausländer werden in Korea vor allem und jedem gewarnt, nur selten vor den wirklichen Gefahren (z.B. Mopedfahrer auf Fusswegen, Installations-Chaos etc.). Im Strassenverkehr ist die Dichte mit Danger!- und Slow!-Schildern unübersehbar, an Geländern prangen alle 50 Zentimeter Warntafeln mit Symbolen, dass man runterfallen kann. 

Idylle am Fluss.
Herzeigen gehört auch dazu.

Manchmal werde ich gefragt, ob Korea tatsächlich so reich und der Hang zum Schaulaufen und One-of-a-Kind-Sein so gross ist, weil mitunter mit Äußerlichkeiten geprotzt wird wie in Los Angeles. Das ist ein weites Feld. Ja, Korea ist reich und es gibt eine Menge Leute, die sich deutlich mehr als der Durchschnitt leisten können. In Hauptstädten ist Kaufkraft immer geballt zu finden und das ist auch in Seoul nicht anders. Die Wirtschaft ist immer noch ein Rätsel, es gibt Großunternehmen (Samsung, LG, Kia, Hyundai, die Stahlriesen, Werften und Baufirmen), die gut Kohle scheffeln. Andererseits ist Korea ein isolierter Markt, der trotz Free-Trade-Abkommen abgeschottet wird. Es gibt vieles “Made in Korea”, was nicht exportiert wird, weil die Inlandsnachfrage wohl ausreichend ist und alle konsumorientiert sind. Korea ist Hochlohnland mit teils absurden Gehaltsstrukturen. Es gibt aber auch eine riesige soziale Kluft, die zu Unruhen führt. Jugendarbeitslosigkeit ist ein Thema, auch Altersarmut. Das auszubuchstabieren, würde hier zu weit führen, deshalb zurück zum Ausgangspunkt. Sicht- wie spürbar ist, dass Streben nach sichtbarem Wohlstand ausgeprägt und das Zeigen desselben ein beliebtes Unterscheidungsmerkmal ist, woran sozialer Status festgemacht wird. 

Interessant wird es auch, wenn man bewusst und absichtlich gegen den Strom schwimmt. Wir etwa haben hier kein Auto, nur das Motorrad. Das stösst bei Koreanern auf völliges Unverständnis, weil “man das hat” (und wenn nicht, es sich nicht leisten kann). Dass man permanent im Stau steht, ist unwichtig, denn man steht wenigstens statusgerecht im Stau. Verzicht aus rationalen Gründen oder schlichter Nicht-Notwendigkeit und das Infragestellen von Konventionen sind hier einfach nicht üblich. Über gesellschaftliche Strukturen und Auffälligkeiten liesse sich endlos schwadronieren, ist aber hier nicht der Platz dafür. Lange Rede kurzer Sinn: Ja, auch der Koreaner ist ein wohlstandsorientierter Mensch, dem das Hemd näher ist als die Hose und der gerne zeigt, dass er nicht auf den Groschen schaut. Ob man all diese Dinge braucht, sie sinnvoll sind oder nachhaltig, ist hier noch nicht Thema.

Top-Rarität: Sachs Mad Ass

Einmal standen Besorgungen in der Stadt an. Danach folgte mit dem Sohnemann ein Abstecher zum Seoul Drum Festival vor dem Rathaus, wo neben Schlagzeughändlern auch eine Bühne aufgebaut war, auf der sich Nachwuchs-Trommelkünstler präsentieren konnten. Da die Innenstadt im Übrigen voller Demonstranten war, die für und gegen alles Mögliche auf die Strasse gingen (passiert hier regelmäßig und meist an Wochenenden, wo aus der Provinz Leute mit gefühlt Millionen Bussen nach Seoul gekarrt werden), suchten wir angesichts des Verstopfungszustandes der Strassen lieber das Weite. Am Bugaksan-Treffpunkt fuhr uns ein R nineT-Treiber vor die Linse. Neben einer seltenen Sachs Mad Ass habe ich eine Anlieferaktion mit einer Daelim CitiAce verfolgt. Abgesehen von der Doppelwanne auf dem Heck des armen Gefährtes, worin alles Denkbare transportiert wird, ist das Armaturenbrett praktisch ein Büro-Arbeitsplatz mit Stiften und Zetteln, Kalender und Klemmbrett. Die Kurier/Ausliefer-Jungs wohnen quasi auf ihren Vehikeln und haben es sich entsprechend eingerichtet. 

Armaturenbrett als mobiler Arbeitsplatz.

Bei einem Daelim-Lastendreirad um die Ecke werden Anbauteile im wesentlichen von Klebeband zusammengehalten. Ernsthafte Fragen wirft die statisch unbestimmte Bauform der Bügelkonstruktion an der Front auf. Die dünnen Stahlprofile dürften bei der Fahrt permanent wackeln wie ein Lämmerschwanz, auch das Dach scheint mit nur wenig mehr als Klebeband befestigt zu sein. Gruss übrigens an deutsche TÜV-Prüfer: Man kann das so machen und es fährt auch…!

Pizzahunger?

Dann noch ein fröhlicher Pizza-Kurier: Helm nachrangig, lange Hosen ebenso, Adiletten sind genug. Hauptsache, der Sound stimmt, siehe Knöpfe in den Ohren. Es sind zwar nicht alle so unterwegs, aber es sind erschreckend viele. Er bog dann übrigens rasant rechts auf die vierspurige Hauptstrasse ab, um seine Lieferung zuzustellen.

Pausbäckig apart!

An einem freien Tag drehte ich mit meiner holden Ehefrau eine Runde in der Stadt, zunächst zum Mittagessen ins Casablanca, ein marokkanisch angehauchtes Bistro. Wie ich die NC so parke, bemerke ich ein Zweirad, welches ich so noch nicht gesehen hatte: eine Honda Little Cub, die 50er Variante (mit 3,4 PS ) der Super Cub, die es auch gibt und die mit Sondereditionen attraktiv gehalten wird. Das Exemplar, welches mir heute über den Weg lief, war besonders apart ausstaffiert: die pausbäckige Heckverkleidung mit Gepäckfächern fand ich Hammer! Wie sich das ums Federbein und die Blinker schmiegt – das hat fast italienische Klasse. 

Superrar: DMC Honda Super DH88, Baujahr 1988.

Danach ging es an den Han-Fluss zum Spaziergang. Auf dem Rückweg probierten wir Sticky Ricky’s Eiscafé aus: ein Amerikaner betreibt in einem pittoresken Viertel unweit des Hauptbahnhofes von Seoul diese winzige Manufaktur. Das Eis ist sauteuer, schmeckt aber hervorragend, dazu fährt er ein Unikat, eine DMC Honda Super DH88, Baujahr 1988. Er erzählte, dass sein Händler sie eigentlich zum Alteisen geben wollte. Sie war in gutem Zustand (Originallack !) und läuft bis heute ohne Probleme. Über die Geschichte des Mopeds habe ich nicht viel erfahren, ausser dass es eine Lizenzproduktion von Honda in Korea gegeben haben muss. In leicht gechoppter Variante sieht das Teil extrem knuffig aus, meine ich. 

Don´t blame this on us. Aka: Der tägliche Wahnsinn.

Zum täglichen Wahnsinn auf Seouls Highways im Stadtgebiet mit Dauerstau auf vier Spuren: Das geht von morgens ganz früh bis nach Mitternacht so. Da Autobahnen für Motorräder aller Art nicht zugelassen sind, ist mir das zwar egal, ich bin trotzdem immer wieder erschüttert, wenn ich sehe, wieviele Büchsen da permanent immobil sind und sich im besten Fall zähfließend durch die Stadt kämpfen. Jeder natürlich mit Klimaanlage und zu 80% allein im grossen Viertürer.

Auch am WE gilt: Achtung Überbreite.

Ein Samstag war der Fortbewegung auf zwei Rädern gewidmet, sprich: Fahrradtour am Fluss. Dazu muss man sagen, dass Seoul und andere Verwaltungen richtig Geld in die Hand genommen haben, eine Fahrrad-Infrastruktur aufzubauen, zweispurig, mit Leitplanken, Beleuchtung, Parkplätzen, alle paar hundert Meter Toiletten, Wasserstellen etc. Es macht Spass, da zu fahren, obwohl am WE eine Menge Leute unterwegs sind, die nicht wirklich kompatibel sind. Die Hardcore-Rennrad-Fraktion ist pfeilschnell unterwegs und kommt ins Gehege mit Familienausflüglern, von denen manche erstmalig überhaupt auf einem Drahtesel sitzen. Entsprechend durchgemixt fällt die Fahrweise mitunter aus. Und dann gibt es Typen, die in Seelenruhe ihre überbreite Ladung auf dem Gepäckträger nach Hause schaukeln. Man staunt auch hier…

Best Zuckerwatten-Vehikel ever!

Zum Kaffee ging es in eine sehenswerte Fussgängerzone mit kleinen Läden, Cafés und Boutiquen. Nachdem wir umhergeschlendert waren, lief uns ein Daelim CitiAce als mobiler Zuckerwatte-Verkaufsstand über den Weg, ausstaffiert mit allem, was kleine und grosse Kinder an- und ihren Eltern das Geld aus der Tasche zieht. Bei Sturm muss er seinen Schirm einklappen, sonst hebt das Gebilde ab. Auf dem Rückweg konnte ich an der Warnschild-Kaskade auf dem Radweg nicht vorbei, ohne eine Aufnahme zu machen. Jeder Pfeiler muss eines tragen, man könnte ja daran zerschellen. Die koreanische Beschriftung besagt übrigens: Na? Richtig: “Gefahr”!

Gefahr hoch 6.

Einmal war ich mit der Besten aller Sozias zum zweiten Frühstück im Pocheon Art Valley, ein stillgelegter Steinbruch, den man als Sehenswürdigkeit ausgestaltet hat: die steilen Steinwände aufgetakelt, in die Schlucht Wasser gegeben und mit künstlichen Wasserfällen angereichert, um dem Grand Canyon im Maßstab 1:10 nachzueifern. Mit Kunst und Installationen aufgehübscht; eine Ausstellung, ein Café und Restaurant runden die Szenerie ab. Clou ist eine Mono-Rail-Bahn, die die lauffaulen Besucher vom Eingang ins höher gelegene Canyon-Gelände bringt. Und weil es in Korea nicht ohne “niedlich” geht, hat auch dieses Bähnlein ein entsprechendes Gesicht. Die zwei Waggons gurken den ganzen Tag auf einer Strecke von vielleicht dreihundert Metern rauf und runter. 

Rauf und Runter: Mono-Rail-Bahn.

Auf der Weiterfahrt fand sich ein traditionell koreanisches Restaurant. Man mag unterschiedlicher Meinung sein, aber warum sich in Teilen Asiens eine Esskultur auf dem Boden sitzend etabliert hat, wird sich mir nicht mehr erschliessen. Der Tisch 20 cm hoch, dass die Gräten nimmer drunterpassen. Unsereins klemmt dann einerseits in hochgradig unbequemen Haltung vor dem Tisch und verspeist andererseits sehr wohlschmeckende Speisen, die aufgefahren werden: Grillfleisch, Gemüse, Salat, Kartoffelpuffer (exotisch hier, weil Reis das Mass der Dinge ist), Kimchi usw. Gut gesättigt muss man nach dem Essen hochkommen und seine Stelzen erstmal geradebiegen. Dabei ist spürbar, wie das Essen weiter sackt, weil ja der Magen auch irgendwie eingeklemmt ist, wenn man im Schneidersitz auf der Erde hockt. Aber egal, lecker war’s!

Keine Formel 1-Fabrik, sondern das Jeongok Prehistory Museum.

Nächstes Ziel: Eine neu errichtete Hängeseilbrücke im Nirgendwo nördlich von Pocheon, die ein hübsches Tal überspannt, auf der sich vor allem ältere Koreaner den Adrenalinkick holen, das Teil schwankt ordentlich und hat an drei Stellen einen Glasboden, durch den man in die Tiefe linsen kann. Danach ging es auf Bergstrassen rüber nach Jeongok, wo sich das Jeongok Prehistory Museum befindet: ein architektonisch interessanter Bau, der die Menschheitsgeschichte in diesem Teil der Welt anschaulich darstellt. Das Gebäude fügt sich organisch in die Umgebung ein und ist mit einer verspiegelten Fassade versehen. Man kann das Dach begehen und geniesst eine tolle Aussicht. Ein netter Ort.

Mundwinkel hoch: Monkey + CB1100.

Nächster Ausflug in Begleitung meines Kurzen. Richtung Osten, gen Biker-Treffpunkt Big Site. Dort begrüßten uns eine neue Monkey und eine CB1100. Da gehen doch gleich die Mundwinkel hoch. Auch eine Vespa GTS 300 stach ins Auge. Man hat es ja hier nicht so mit Europa (weil schlicht zu weit weg). Ein weitere Preziose fand sich im Café-Innenbereich, eine geschrumpfte BMW R1200 GS als Tretroller.  Man kann ja den Nachwuchs nicht früh genug ans Hobby heranführen. Einen Preis fand ich nicht, bewegt sich aber wohl auf dem üblichen Niveau der Bayern-Kräder.

Eisentreiber, leider stillos.

Vor unserer Weiterfahrt startete eine Milwaukee-Museumseisen-Gruppe. So, wie die unterwegs waren, wären sie in Deutschland verhaftet und die Bikes konfisziert worden. Völlig stillose Kleiderordnung: Turnschuhe, kurze Hosen, kein Leder, keine Fransen, keine Cowboy-Stiefel – shocking !!

Bei Guzzi lacht das Herz.

Ein typisches Bild bot sich uns auf dem Stellplatz neben unserer NC: Ducati GT1000 mit Helm und Handschuhen bestückt, der Schlüssel steckte! Der Besitzer war unterwegs einen Kaffee holen. Eigentum anderer wird hier nicht angerührt. Man gewöhnt sich schnell an diese Sorglosigkeit. Ich muss unbedingt aufpassen, wenn ich demnächst in Deutschland im Urlaub bin.

Jugendliches Personal, zackig befehligt.

Auf der Weiterfahrt blinkte die Tankanzeige doch etwas hektischer, also Tränke für die NC aufsuchen. Tanken ist hier auch ein Erlebnis, man wird bedient, und zwar immer. Zapfpistole selbst anfassen ist Majestätsbeleidigung (und gefährlich natürlich). Also fährt man an die Säule, zeigt dem Tankwart, wo der Rüssel reingehängt gehört (hat beim NC-Hecktank schon für große Augen gesorgt). Heute war es besonders lustig: Das jugendliche Service-Personal wurde von einer kurzberockten Dame mit Mikro vor der Schnute per Lautsprecher über das Gelände gescheucht. Büchsentreiber bleiben in ihren Käfigen hocken, Kreditkarten werden lässig aus dem Fenster gereicht. 

Das gefällt dem Hondawolf, obwohl er gut ohne Auto auskommt.

Der Weg zurück in die Innenstadt führte vorbei an zwei Läden für teutonische Autokunst: der örtliche BMW-/Mini-Händler nennt sich “Deutsch Motors”. Das versteht zwar keiner, aber es macht eine Menge her. Trefflich kommt auch der VW-Händler “Klasse Auto” rüber – köstlich. 

Ei, ei.

Zum Abschluss noch: Ein aus einem Mad Max-Film entsprungenes Ei-Vehikel, dessen Rat-Styling nur unwesentlich von den BMW-Plaketten verschandelt wird. Wieviele von den Eiern der Ladung des nächsten Gefährts noch ganz sind, wenn er ankommt? Der Schwerlast-Forza neben uns an der Ampel hielt unter großen Mühen beim Anfahren die Balance. Gewaltige Volumina! Wir entfernten uns zügig aus dem Umfallradius. Ich bin immer wieder erschüttert, was und wie hier teilweise transportiert wird. Und da gibt es noch andere Beispiele. Muss mal schauen, ob es gelingt eine Galerie des Grauens zusammenzustellen. Vielleicht beim nächsten Mal, in ein paar Wochen dann. Bis dahin – passen´s auf sich auf, wo immer Sie diese Ostasia-Lektüre aus dem Moto-Kuriositätenkabinett Seoul verspeisen.

Schwerlast-Forza.

Text und Fotos: Wolfgang Faust 

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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