Ausprobiert: Sena 5S

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Sena 5S, hier mit Klebehalterung am X-lite 403GT befestigt.

Kommunikation ist wichtig, privat, beruflich und überhaupt. Auf dem Motorrad hingegen entbehrlich, dachte ich bisher. Inzwischen habe ich meine Meinung geändert. Im Frühjahr beim Almeria-Presseevent setzte ich einen Nolan-Integralhelm mit eingebautem Intercom-System auf und genoss erstmals beim Fahren Musik über Bluetooth aus dem iPhone. Nicht stundenlang, nur zwischendurch hier und da, aber es gefiel mir gut. 

Dann kam der verschärfte StVO-Strafenkatalog. Krasse Bussgelder für minime Übertretungen und Führerschein-Entzug ab innerorts 21 km/h und ausserorts 26 km/h zu schnell. Ich bin kein Raser, wirklich nicht; aber je mehr ich diese Entwicklung überdachte, desto unrunder wurde mein Gemüt. Gleichzeitig lief mir jemand mit einer 200 PS starken Kompressor Kawa Z H2 über den Weg, den ich natürlich fragte, wie er mit der permanenten Führerscheinrupf-Bedrohung denn klar komme. Die Antwort: »Ich wehre mich mit der App »Blitzer.de«. So gelangen Warnungen über mein Kommunikationssystem direkt ins Ohr.« Bingo-verdächtige Antwort, dachte ich, so ähnlich jedenfalls

Sena 5S Lieferumfang: Steuergerät plus Klebe- oder Klemmhalterung, HD-Lautsprecherpaar mit Kabelage, Kabel- und Bügelmikro, Ladekabel, Befestigungsmaterial, Kleinteile.

Mitte Jahr brachte Sena das neue 5S auf den Markt, eine Gegensprech-Anlage, die elegant etliche Fliegen mit einer Klappe schlägt: Pfiffiges Empfangsteil mit Jog-Dial-Drehknopf und übersichtlichem LCD-Display, Highend-Lautsprechern, Bluetooth 5-Technik und Voicecontrol. Man kann Warn-, Navi- oder Sprach-Nachrichten hören, mit mehreren Mithörern freisprechend kommunizieren, telefonieren oder Musik hören, sogar ein FM-Radio ist eingebaut. Ergo lag nichts näher, als Sena um ein Testmuster des Alleskönners zu bitten, das postwendend eintraf. 

Das größte Problem, vor dem jeder Intercom-Rookie steht, ist der Einbau der Anlage mit allen Komponenten in den Helm, zumindest wenn sich kein Händler findet, der die Montage erledigen kann. Mir ging es nicht anders. Weil gleich darauf eine größere Tour zum CB1300-Jahrestreffen im Harz anstand, versuchte ich die Innenausstattung meines X-lite 403GT zu demontieren, gab aber bald auf, weil ich befürchtete, den zerpflückten Helm nicht mehr korrekt zusammengebaut zu bekommen. Zum Glück hatte ich eine bessere Idee.

Der Nolan-Vertriebsleiter half beim fachgerechten Zusammenpuzzeln, Danke Klaus!

Klaus Weymann, Vertriebsleiter bei Nolan, ist nicht weit von Kassel zu Hause, was quasi am Weg lag. Zwei Tankfüllungen später sass ich also auf der Veranda vor seinem Haus  und schaute zu, wie die blaue Ultracarbon-Murmel fachgerecht zerlegt und mit Steuergerät, Lautsprechern und Kabelage wieder kunstvoll zusammengesetzt wurde. Natürlich musste ich mir einiges zur Sena-Wahl anhören, weil Nolan ja hauseigene N-Com-Systeme anbietet, auch eine besonders flache Variante, die aus seiner Sicht tiptop gepasst hätte, worauf mir keine bessere Ausrede einfiel, dass mir neben allen Features des Sena 5S die superedle Klavier-Schleiflack-Optik der Steuereinheit zusammen mit dem Display ganz dolle gefällt.

So sieht eine Aussparung für einen Lautsprecher beim X403GT aus.

Andererseits löste sich die ganze Marken-Thematik in Luft auf, als Klaus erzählte, dass Sena als weltgrößter Hersteller ohnehin namhaften Helmmarken wie Shoei, Nolan/X-lite und HJC die Elektronik-Platinen für deren hauseigene Lösungen zuliefert, was den enormen Vorteil hat, dass sich alle Kommunikationssysteme dieser Hersteller untereinander problemlos verbinden lassen, wenn die Leute zu Gruppen zusammenfinden und sich beim Fahren austauschen wollen.  

Sena S5S: Richtig edel und dank Display und Drehkopf leicht bedienbar

Inzwischen sind zwei Monate vergangen. Mein Fazit zum CB1300-Fahren mit Musik im Ohr: Nicht immer, aber wenn, dann gerne. Kommt immer auf die Stimmung an. Manchmal passt es toll zusammen, also Rhythmus der Mucke und Fahrstrecke, dass man schreien möchte vor Glück (hört ja niemand) oder beschwingt mitsingt (dito). Manchmal stört es oder lenkt einfach ab. Sicher gibt es einen Eingewöhnungseffekt. Interessant war, dass ich zwischendurch einige Leute getroffen habe, jünger wie älter, die begeistert erzählten, dass sie IMMER mit Musik Motorrad fahren – das wäre mir des Guten zu viel.

Die App von Blitzer.de herunterladen kostet die ersten vier Wochen nur ein paar Cent, ein Lifelong-Abo danach 10 Euro. Gegen die App auf dem Handy hat der Gesetzgeber nichts einzuwenden; das Aktivieren und Nutzen ist hingegen illegal. Klare Ansage also: Wer sich erwischen lässt, kassiert 1 Punkt in Flensburg und zahlt 75 Euro Busse. Da ich als Salatprynz ein ganz Braver bin, käme ich natürlich NIE auf die Idee, dergleichen selbst auszuprobieren. Aber da ich zufällig Unbekannten über den Weg gelaufen bin, die vorgaben, sich damit auszukennen, kann ich zumindest guten Glaubens weitergeben, dass sich damit Überraschungen per Warnton vermeiden lassen und der Seelenfrieden beim Fahren erheblich gewinnt. Mir wurde jedenfalls erzählt, dass fest installierte Anlagen meist zuverlässig angewarnt werden, bei mobilen Anlagen kann die eine oder andere schon mal durchrutschen. 

Die Klangqualität der HD-Lautsprecher des Sena 5S hat meine Erwartungen, obwohl ich keine hatte, weit übertroffen. Geboten wird Konzertakustik mit fettem Bass, glasklaren Höhen und allem was dazu gehört, wirklich tadellos. Angenehm praxisgerecht dazu fand ich Drehrad und Display mit diversen Symbolen, die Bedienung entpuppte sich als problemfrei. Auch bei der Betriebsdauer gibt es nichts zu meckern: Der Lithium-Akku hält bis 7 Stunden, Aufladen ist nach 90 Minuten erledigt. Wer auf langen Touren im Tankrucksack oder Rucksack eine Powerbank mitführt, hat punkto Stromversorgung eh keine Sorgen, weder mit Handy noch Intercom-System.

Jethelm-Duo, Arai mit Bügelmikrophon.

Das Sena 5S gibt es einzeln oder im Doppelpack. Da letzteres zur Verfügung stand, baute ich das zweite System schließlich eigenhändig in einen Arai SZ Ram2 ein, was gut klappte. Oberkopf- und Backenpolster sind bei Helmen ja über Druckknöpfe befestigt, geclipst oder gesteckt, damit man diese zur Reinigung herausnehmen kann. Mit etwas Fingerspitzengefühl ist Demontieren und Zusammensetzen kein Hexenwerk. Die Lautsprecher kommen in Aussparungen, die Kabelage wird mit Klebeband fixiert. Beim X-lite hatte ich mich für einen dezenten Lautsprecherknopf (genannt Kabelmikrofon) seitlich auf der Polsterung entschieden, also baute ich beim Arai das ebenfalls zum Lieferumfang gehörige Bügelmikrophon ein. 

Gegensprechanlage im Doppeleinsatz.

Danach ging es mit leichtem Gerät (Honda Super Cub 125 und CB 125) und Freund Lothar auf Gegensprechanlage-Testfahrt. Auch eine Premiere, für uns beide jedenfalls, quasselnd dahinzubrausen und uns gegenseitig auf die Schönheiten am Strassenrand, in Dörfern, auf Feldern oder am Horizont aufmerksam zu machen. Bis Tempo 80 km/h klappte die Verständigung super, bei 100 km/h nahm das Rauschen eher überhand, wobei man aber berücksichtigen muss, dass wir beide einen Jethelm benutzten. Integrale bieten mehr Schutz vor dem Fahrtwind, der sich beim langen Jethelmvisier leichter seinen Weg untenherum zum Mikro sucht und mit steigendem Tempo dann Rauschen verursacht. Auf jeden Fall funktionierte das Bügelmikrophon (für den Rezipienten im anderen Helm) deutlich besser und rauschfreier als das seitlich am Polster fixierte Mikro. Die Reichweite des Sena 5S verblüffte mit erstaunlichen 700 Metern, in der Ebene zumindest; kommt ein Hügel dazwischen, reisst die Verbindung entsprechend früher ab. 

Telefonieren beim Fahren ist wie bei einer Freisprechanlage theoretisch wie praktisch möglich. Da ich davon aber kein Freund bin: Wenn Telefonate übers Mobiltelefon und Bluetooth-Anbindung eintrudeln, fahre ich rechts ran und stelle den Motor ab. Wer sich fragt, warum ich keinen Integralhut ausprobiert habe? Ganz einfach: Weil meine Vollvisierhelme von Arai und HJC eher sportlich ausgelegt sind und keine Aussparungen für Lautsprecher vorgesehen haben. Bei tourentauglich konziperten Integralhüten, die dafür Platz vorsehen, steht einem Einbau natürlich nichts entgegen.

Mit dem Bügelmikrophon klappt die Verständigung beim Jethelm besser. Beim Integralen sollte auch das Kabelmikro windgeschützt am Kinnteil fixiert anstandslos funktionieren.

Normalerweise ist bei Wasser und elektronischen Bauteilen Vorsicht ein guter Ratgeber. Ein paar Regenschauer habe ich mit dem Sena-System bedenkenlos abgeritten, bei langen und starken Regengüssen würde ich das am seitlichen Halter aufgesteckte Empfangsteil (das übrigens nur 48 Gramm wiegt) lieber abnehmen. Aerodynamisch ist die Apparatur übrigens nicht zu spüren, nicht im Geringsten.

Das Sena 5S-System kostet 169,- Euro und im Doppelpack 319 Euro. Wenn man alles, was das Gerät bietet und sinnhaft erscheinen lässt, auch Verarbeitung, Sound und Bedienungsfreundlichkeit, kommt man gar nicht umhin, die volle Gasgriffsalat-Empfehlung mit Sternchen auszusprechen. 

Fotos: Buenos Dias

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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