Demo in Wiesbaden gegen Fahrverbote

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So etwas hat Wiesbaden noch nicht erlebt.

Eigentlich reicht ein Blick auf die Facebook-Seite der Gruppe »Demos & Sternfahrten gegen Motorradfahrverbote am 4.7.2020«, um einen Eindruck zu erhalten, was gestern am Samstag überall los war – in Düsseldorf, Oldenburg, München, Wiesbaden, Schweinfurt, Essen, Berlin, Dresden, Friedrichshafen, Karlsruhe und Stuttgart. Hier der aufschlussreiche Link.

In Deutschland sind rund 4,5 Millionen Motorräder zugelassen, und dem Bundesrat fiel nichts Besseres ein, im Mai aus heiterem Himmel vom Gesetzgeber Motorrad-Fahrverbote an Wochenenden zu fordern. Dazu unrealistische Geräusch-Emissionen, härtere Strafen bei Umbauten, sofortige Beschlagnahmung der Bikes bei Kontrollen und weitere Schikanen mehr.

Soweit das Auge reicht. Sammelstelle Mainzer Straße.

Was soll das? Haben wir alle noch nicht genug mit der Coronavirus-Malaise und Auflagen und Verordnungen, die unser Leben seit Monaten durcheinander wirbeln? Müssen Motorrad-Fahrverbote in Tirol, die derart überzogen sind, dass aktuelle Polizei-Ducatis auf einmal als dienstuntauglich gelten und neue, vollkommen legale Maschinen nicht mehr gefahren werden dürfen, jetzt auch bei uns eingeführt werden? Ist die Sehnsucht nach Sündenböcken auf zwei Rädern, die sich beliebig verteufeln lassen, so gross, dass weltfremde Obrigkeiten glauben, diese vom Tisch fegen zu können wie lästige Schmeissfliegen? Stumpfe Verbote waren noch nie eine Lösung, geschweige denn zielführend.

Wenn es hier und da Motorräder in Deutschland gibt, die illegal und zu laut sind, warum fischen Ordnungshüter und TÜV diese nicht einfach heraus? Die Mittel und Gesetze dafür gibt es doch längst? Alleallealle, die auf zwei Rädern legal unterwegs sind, plötzlich bestrafen zu wollen und allgemeine Motorrad-Fahrverbote in den Raum zu stellen, kann es ja wohl nicht sein.  Wohin soll es denn führen, wenn statt gesundem Menschenverstand nurmehr Diskriminierung zum Zuge kommt?

Genau!

Ich jedenfalls war gestern in Wiesbaden mit zur Demo. Die dicke CB blieb im Stall, dafür wurde die Honda 125 SuperCub angeheizt. Ein Schild mit trefflicher Parole war rasch gepinselt, Freunde Lothar und Hartwig gaben Geleitschutz. Aus allen Himmelsrichtungen strömten die Bikes zum Protest heran. Die (großzügig angelegte) Mainzer Straße als Sammelstelle füllte sich und war bald brechend voll. Ich sah Nummernschilder aus Koblenz, Kassel, Mainz, Frankfurt, Bad Homburg, Alzey, Mannhein, undundund. 7.500 teilnehmende Bikes sollen von der Polizei gezählt worden sein. Keine Randale, keine brennenden Mülltonen, keine Plünderungen und was man sonst so im TV sieht. Stattdesssen lauter vernünftige Leute, so weit das Auge reichte. Motorrad-Enthusiasten wie Du und ich. Männer und Frauen in allen Altersklassen, auf Bikes aller Marken und Hubraum-Kubaturen.

Der imposante Tross setzte sich als Endlosschlange in Bewegung und drehte eine Schleife durch die Innenstadt. Im Vorfeld hiess es, die Motorrad-Demo solle in die City vor den Landtag geführt werden, um eine Petition an zwei Minister der Hessischen Regierung zu überreichen. Dieses Vorhaben wurde vermutlich aus Platzgründen umorganisiert, also vorher oder nachher erledigt, denn der zweirädrige Korso mäanderte um etliche Ecken, und wurde schließlich am Bahnhof vorbei gen Westen geführt, Richtung Autobahn, um sich nach und nach aufzulösen.  

Happening-Atmo zu ernstem Anlass.

Ich denke, dass wesentlich mehr Demo-Teilnehmer auf Motorrädern vor Ort waren, als vorher eingeschätzt wurde (bundesweit ebenfalls). Einen halben Tag lang war Wiesbaden in Motorradfahrer-Hand, viel mehr nebenbei ging sicher nicht. Es war toll zu sehen, dass derart viele Betroffene sich nicht einfach von weltfremden Gremien Unsinniges gefallen lassen, sondern auf die Straße gehen, sich wehren und protestieren. 

Später am Abend meldeten Online-Medien, dass Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) seine Position bekräftigt habe, weitere Verschärfungen und Verbote für Motorradfahrer abzulehnen. »Wir haben ausreichende, geltende Regeln«, wird Scheuer zitiert. »Die Biker zeigen bei den Protesten ihre Haltung gegen Verschärfungen und Verbote. Das ist auch meine Haltung. Ich werde die Beschlüsse des Bundesrates, also der Bundesländer, nicht umsetzen.«

Merke: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Auch Motorradfahrer sind Wähler, umso mehr, wenn bundesweit ein paar Millionen zusammen kommen. Danke an Orga und Kräfte im Hintergrund; an alle, die gestern mit auf der Demo waren und Flagge gezeigt haben, in Wiesbaden wie in allen anderen Städten.

Faak? Nee, Wiesbaden!

Fotos: Buenos Dias

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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