Vor 30 Jahren: Auf MZ von Dresden nach Paris

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Am 1. Juli ist der 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung. Gasgriffsalat.com-Kolumnist Wolfgang Faust, der heute in Südkorea lebt und arbeitet und damals (1990!) mit seiner 250er MZ von Dresden nach Paris auf grosse Fahrt ging, wirft passend zum Anlass einen nostalgischen Blick zurück.

In diesem verrückten Jahr 2020 feiern wir bekanntlich neben dem Sieg über das Corona-Virus (hoffentlich!) auch den 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung. Alle, die die Wendezeit bewusst miterlebt haben, werden sich an unterschiedliche Dinge erinnern – aufregend und umwälzend war es auf alle Fälle für jeden. Bevor die Party am 3.10.1990 starten konnte, gab es im Sommer des gleichen Jahres aber ein wichtiges Ereignis, welches den Rest erst ermöglichte – die Wirtschafts- und Währungsunion, die am 1. Juli 1990 in Kraft trat.

Ich war damals 24 Jahre alt, Student und schon eine Weile auf dem Motorrad unterwegs. Da ich ahnte, was die ersten Tage mit der ersehnten Westmark in der DDR für eine Hektik auslösen würden, wollte ich für diese Zeit weg aus meiner damaligen Heimatstadt Dresden und einen Traum in Erfüllung gehen lassen: mit meiner MZ ES 250/2 nach Paris!

Erster Ausflug in den Westen, Juli 1990: Vive la France

Beim Tanken in Dresden am 1.7. bezahlte ich zum ersten Mal das Benzin mit “richtigem” Geld, genau 12,50 DM. Am Montag, dem 2.7. sollte es losgehen sehr weit in den Westen. Das Wetter war sonnig, für Anfang Juli mit 17°C am Vormittag nicht zu warm. Der Tankrucksack (selbst gebaut, so etwas gab es in der DDR nicht zu kaufen) war aufgeschnallt und der Zweitakter sprang beim ersten Kick an. Am Vortag hatte ich das Motorrad nochmal durchgecheckt und keine Zweifel, dass ich problemlos hin und zurück kommen würde. Um 6.45 Uhr ging’s los: der Wilsdruffer Berg auf der A4 diente dem Durchwärmen des Motors (und dem Einnebeln der nachfolgenden Fahrzeuge…), danach lief es mit konstant 100 km/h ohne Zwischenfälle bis Eichelborn, wo ich gegen 9 Uhr zum Tank- und Kaffeestopp ankam. Die Grenze bei Herleshausen passierte ich ohne anzuhalten, die Grenzkontrollen waren zu dieser Zeit schon weitgehend aufgehoben. Ein erhebendes, weil immer noch neues Gefühl: Ich bin im Westen und keinen interessiert’s!

Buchführung im Tankheft: Genauigkeit ist eine Zier!

Weiter rollte ich über die A4 und A5 bis Alsfeld, wo ich an der Raststätte verschnaufte und ein frugales Mittagsmahl verzehrte: mitgenommene Butterbrote und ein Ei. Das Westgeld hatte ich zwar dabei, aber üppige Reserven waren es nicht; auch damals waren die Preise an den Autobahn-Raststätten schon prohibitiv hoch und das konnte ich mir nicht leisten.

Was aber sein musste, war Benzin, in Gießen war es wieder soweit. Die MZ musste an die Tränke, in dem Fall nicht mehr zu Minol, sondern zu Esso. Nun waren ja Gemischsäulen im Westen Deutschlands zwar prinzipiell vorhanden, aber halt nicht überall. Schon auf meinen vorherigen Touren war ich kein Risiko eingegangen und hatte immer Zweitaktöl dabei. Mittels einer Tabelle in meinem Tankheft konnte ich die exakte Menge Öl dem Benzin beimischen, auf dass dem Motor nicht zu warm und trocken um den Kolben wurde. War immer ein bisschen Schmiererei, aber es ging ganz gut. Jetzt lief der Motor mit West-Sprit und es ging an Wetzlar und Limburg vorbei durch das Lahntal bis Koblenz. Dort legte ich erneut Pause ein, um dann die letzte Etappe für diesen Tag zu absolvieren.

Baguette-Pause: On the road in der Champagne.

Mein Ziel war die Jugendherberge in Daun in der Eifel. Dort angekommen, war ich zwar erschöpft und froh, die Aussicht auf ein Nachtlager zu haben, aber dennoch voller Enthusiasmus, am Abend noch einen Kultort aufzusuchen: die “Alte Schmiede” in Daun-Pützborn, ein bekannter Bikertreff zu dieser Zeit (ich war seitdem nie wieder da, aber es gibt ihn wohl nicht mehr). An Wochentagen war damals nicht so viel los, aber ich bekam ein Abendessen und ein paar Unentwegte standen auf dem Parkplatz. Meine MZ fühlte sich wohl unter den Hondas, BMWs und sonstigen “richtigen” Bikes. 22 Uhr war Zapfenstreich, ich schlief schnell und fest ein.

Ahhhh, nach rund 1.160 km von Dresden aus: Am Eiffelturm.

Am folgenden Tag sollte es dann bis Paris gehen. Voller Vorfreude startete ich um 9 Uhr und fuhr zunächst bis Bitburg, um nochmal zu tanken. Nicht Bier, sondern Benzin natürlich. Ich passierte bei Echternach die Grenze zu Luxemburg und machte später eine kurze Rast (oder eher Andacht…) bei Graulinster mit Blick auf die Sendeanlagen von RTL Radio Luxemburg. Nie hätte ich gedacht, dass ich meinen damaligen Lieblingssender mal von so nahe sehen konnte. Mit der sonntäglichen Hitparade, empfangen auf Kurzwelle 6090 kHz, hat dieser mein musikalisches Gedächtnis geprägt. Nachdem ich bereits die zweite Grenze (die zu Frankreich) an diesem Tag überfahren hatte, ohne kontrolliert worden zu sein, erreichte ich gegen Mittag Verdun. Dort tauschte ich ein paar D-Mark in Franc, den Euro gab es ja noch lange nicht. Schnell ein Baguette in einem Straßenbistro gemampft und wieder in den Sattel.

Um 14.30 Uhr war der erste Tankstopp auf französischem Boden in Chalons-en-Champagne fällig: für 45,20 Franc gab es 9 Liter Super und es konnte weiter Richtung Paris gehen. Nach 17 Uhr schwoll der Verkehr allmählich an, ich spürte die Hauptstadt näher kommen. Damals gab es ja weder Navi noch Mobiltelefon oder sonstige elektronische Helferlein, man musste sich also auf Karten verlassen. Irgendwann kamen immer mehr Wegweiser ins Pariser Zentrum, ich musste mich auf den mittlerweile chaotischen Verkehr konzentrieren und Kurs halten. Das Zwischenziel war kaum zu verfehlen; ich wollte zum Eiffelturm und dem Place de la Bastille, eines Erinnerungsfotos wegen. So kam es dann auch: Bei schönstem Abendsonnenschein und Fotowolken parkte die ES in Sichtweite des berühmten Wahrzeichens von Paris und ich war schon etwas gerührt, dass ich es tatsächlich geschafft hatte.

Elegant gekleidet, aber gründlich: Flics im Dienst.

Nachdem dies absolviert war, musste ich mich in das völlige Durcheinander des Pariser Feierabendverkehrs begeben. Die ersten Kreisverkehre waren höllisch: mehrspurig, überall Autos und Roller. Ich habe einige Kringel bestimmt drei-, viermal umrundet, bis ich die richtige Ausfahrt nehmen konnte. Sowas kannte ich nicht. Schliesslich kam ich etwas abgekämpft am Place de l’Opéra an. Von dort aus rief ich meinen Quartiergeber aus einer öffentlichen Telefonzelle an, um die Zeit für unser Treffen zu vereinbaren. Kennengelernt hatte ich den freundlichen Polen, der für France Télécom arbeitete, im April 1990 bei einem MZ-Treffen in Heilbronn. Wir kamen dort ins Gespräch und er bot mir seinerzeit an, bei ihm zu übernachten, wenn ich “mal in der Gegend sei”. Nun war ich das und er hielt Wort. Um kurz nach 22 Uhr rollte sein roter Fiesta vor mir aus und nach kurzer Begrüssung folgte ich ihm bis in die Banlieue Créteil im Südosten der Stadt, wo er wohnte.

Die nächsten zwei Tage erkundete ich per Metro und Bus die französische Metropole: Louvre, Notre Dame, die Isle de la Cité, das Forum des Halles, Sacre Coeur und vieles andere stand auf dem Sightseeing-Programm. Dabei liefen mir auch französische Polizisten über den Weg, die zwar sehr elegant gekleidet waren, aber ihren Pflichten durchaus nachkamen.

Weltberühmtes Cabaret: Rote Mühle.

Am Donnerstag (5.7.) fuhr ich morgens mit der MZ zum Schlosspark von Versailles, um dort zu flanieren – ein königliches Erlebnis! Auf der Rückfahrt schaute ich an der Moulin Rouge vorbei, die davor parkende MZ ist hier oben zu sehen. Zwei sehr intensive und interessante Tage verbrachte ich in dieser wuseligen und dennoch sehr lebenswerten Stadt.

Am Freitag galt es schon wieder Abschied nehmen, die Rückfahrt stand an. Vorher schickte ich mir noch selbst eine Ansichtskarte aus Paris und steckte sie in einen Postkasten auf dem Weg. Mit vielen Eindrücken im Kopf und Fotos in der Kamera verliess ich Paris und strebte gen Heimat. Mit einem Unterschied: in Verdun machte ich einen Abstecher zum Kriegsdenkmal und Soldatenfriedhof von Douaumont – ein sehr bedrückender und beeindruckender Ort.

Die Jugendherberge in Daun stellte mir wieder eine Schlafstatt zur Verfügung. Den Samstag nutzte ich, um der Nürburg einen Besuch abzustatten; die MZ auf den Ring zu treiben, wagte ich mich dann doch nicht.

Am Quai de Londres: Platzsparend eingeparkt.

Viele Autobahnkilometer später erreichte ich heimatliche Gefilde und kam erschöpft, aber sehr zufrieden zu Hause an. Ich hatte in 6 Tagen 2.370 km zurückgelegt, 85,8 Liter Benzin für 110,- DM getankt und mir meinen Traum erfüllt: mit dem Motorrad nach Paris! Die MZ hat mich ohne jegliche Zwischenfälle oder Pannen den ganzen Weg getragen, sie war zu dem Zeitpunkt schon 18 Jahre alt. Später war ich noch einige Male in Paris, jedoch nicht mehr mit dem Motorrad. Diese erste Fahrt dorthin war unvergesslich und ich erinnere mich noch heute gerne daran.

Text und Fotos: Wolfgang Faust

Die 18 Jahre alte Emme trug Wolfgang zur Traum-Destination – und wieder zurück.

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