Weit weg, nah dran: Korea Life Kolumne, Teil 3

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Wolfgang Faust, hier mit seiner NC750X DCT vor dem Bongeunsa-Tempel in Gangnam, lebt und arbeitet in Seoul. Weil in Südkorea vieles anders, abenteuerlich und interessant ist, schreibt »Hondawolf« die Kolumne »Weit weg, nah dran« auf Gasgriffsalat.com.

Zur ersten Kolumne von Hondawolf führt dieser Link

Zur zweiten Kolumne von Hondawolf führt dieser Link

Hallo zusammen, ich erzähle hier im dritten Teil einfach mal weiter: An einem Sonntag startete ich Richtung Nordwesten mit meiner holden Gattin, die eine Stelle ausfindig gemacht hatte, die interessant und besuchenswert schien – ein traditionelles Hanok-Dorf, nur neu. Wie das geht? Die Stadt Seoul hat solventen Interessenten Grundstücke angeboten, in pittoresker Lage am Stadtrand mit Bergblick, Flüßchen und viel Flair. Bedingung: gebaut werden darf nur mit Häusern in eben diesem traditionellen Hanok-Stil. Alles aus Holz, die Dächer geschwungen und mit typischen Dachziegeln und Verblendungen versehen. Sehr hübsch anzusehen, man spürt allerorten, dass irre viel Geld reingeflossen ist. Dass da nicht das Proletariat wohnt, ist sofort erkennbar. 

Korea wäre nicht Korea, wenn es nicht direkt daneben ein Museum zur Hanok-Geschichte sowie Restaurants und Cafés gäbe. Von dort aus lässt sich alles von oben betrachten, was mit der Bergkulisse im Hintergrund schon sehenswert ist. Zum Kaffee gab es dann den traditionellen Reiskuchen (Tteok), gefüllt mit roter Bohnenpaste. Etwas klebrig, aber lecker.

Fulldresser mit LED-Girlanden etc…

Auf dem Rückweg nahmen wird die Abzweigung zur Bugaksan-Höhenstrasse, um auf dem Plateau vorbeizuschauen. Wie immer standen dort am Hangaround ein paar koreanische Fahrer. Fulldresser mit LED-Girlanden ringsum, Blau- und Rotlicht oder Tröte sieht man öfter; selbst der abgeschabteste Roller kann noch einen LED-Leuchtstreifen unterm dreimal geflickten Seitenteil tragen. Die Rennleitung hier stört es nicht und für schmunzelnde Hingucker taugt es allemal.

Bizarr: Lastendreirad mit Stützrad.

Aber eigentlich fahren einem abwechslungsreiche Vehikel ständig über den Weg. Hier mal ein interessantes Lastendreirad, mit Stützrad am Heck. Mir ist nicht ganz klar geworden, ob das eine Art ausrollbare Ladeplattform darstellt oder bei sehr starker Beladung und/oder Steigungen das Nach-hinten-überkippen verhindern soll. Die Gefahr besteht ja schon, wenn man sich die Schwerpunktlage anschaut. Die schräg nach hinten oben verlaufende Feder ist auch seltsam…

Aero-Preis fürs Tricity.

Die nächste Konstruktion gewinnt den Aerodynamik-Preis: ein Yamaha-Tricity mit gewagtem Dachschwung und Windschutzscheibe sowie Schrankkoffer-Topcase. Der Fahrer winkte uns während seiner rasanten Abfahrt freundlich zu. Beachtlich: Scheibenwischer fehlt nicht, dafür sind Scheinwerfer und Blinker getarnt, braucht man beides ja eher selten…

Klingt eher nach Luxus: Schattel-Armada.

Das nächste Bild ist wenige Meter von uns zu Hause weg: dort treffen sich in einem Park mitunter die Pizzakuriere zu Kaffeepause und Palaver. Sie nennen sich übrigens »Shuttle«, weil das eher nach Luxus und Service klingt, wenn die überteuerte Detroit-Pizza nach Hause geschattelt wird.

Changierende Sitzbank für die 100er APE.

Dann eine Honda XZ100 APE (die heisst tatsächlich so, hat mit dem Vespa-Gefährt nix zu tun). Die gibts nur auf dem asiatischen Markt, ist ein schnuckeliges Teil, hier natürlich geadelt mit der gelb-orange changierenden Sitzbank.  

Hey Mr. Postman

Hier sehen wir Mr. Postman bei der Arbeit. Die allgegenwärtigen Daelim CitiAce werden auch von der koreanischen Post als Zustellmoped eingesetzt. Das “Café Shine” im Hintergrund ist eines von gefühlt Millionen in Gangnam, wo es die Hipster-Klassiker für die “beautiful people” gibt, siehe Sonnenschirm und Glastafel. Der Postmann kehrt da eher nicht ein. 

Hartes Brot für Liefer-Scooter.

Aufgespürt vor einer Werkstatt in Daegu, der viertgrössten Stadt des Landes. Die Liefer-Scooter werden gequält, kaum gewartet und crashen sicher auch mitunter. Wenn mal etwas ist, wird auch gleich umfangreicher operiert, wie man sieht. Da fehlt noch einiges, bis das Teil wieder rollt.

China-E-Böller.

Das Dreirad ist ein China-Böller mit Elektroantrieb, den man mieten kann. Das habe ich getan und bin damit eine Stunde umhergegurkt. Die Dinger haben eine Strassenzulassung und schaffen mit Rückenwind, Heimweh und Kneipe in Sicht knapp 50 km/h. Lenken ist dann kaum mehr angeraten, denn wirklich stabil ist das Fahrverhalten nicht. Gefedert (wenn man das so nennen kann) ist so ein Ei so gut wie nicht, dafür sitzt man trocken und fährt nahezu geräuschlos, wenn man von heftig klappernden Plaste-Teilen absieht. Spass hat es gemacht, vor die Tür stellen würde ich mir sowas aber nicht mal geschenkt. 

Bulli? Eher umgekippte Telefonzelle!

Dann das neueste Facelift vom VW-Bulli. Mutiger Umbau der hier wie in Japan sehr beliebten Kleintransporter, die im Serienzustand wie umgekippte Telefonzellen auf Rädern wirken. Etwas aufgehübscht sieht es aber gleich netter aus.  

Mein NC-Flügel: Ready für neue Pellen.

Stichwort neue Pellen: Es ist hier gar nicht so ganz einfach, entsprechende Quellen aufzutun und dann noch einen Service zu finden, mit dem man sich verständigen kann. Aber ich hatte Glück: es gibt in Gangnam einen Scooter-Verleih, der auch Reifenservice anbietet und (viel wichtiger !) einen englisch sprechenden Chef hat. Ich also da hingegurkt. Habe dann bei den richtig netten und kundigen Leuten von www.koreascootertours.com einen Satz Metzeler Roadtec01 gekauft. Nach einer Stunde, in der ich Mittag essen war, stand die NC frisch besohlt wieder auf der Strasse. Reifenbefüllung mit amerikanischem Nitro-Fill (also Stickstoff, ist Esoterik, ich weiss, war aber kostenfrei). Gesamtkosten mit umgerechnet 354 Euro ziemlich in gleicher Höhe, was ich beim letzten Mal in Deutschland gezahlt hatte. Die runtergeschmissenen Conti TKC 70 haben reichlich 10.000 km gehalten, zum Schluss allerdings hätte man mit dem Vorderreifen ein Brett sägen können, so stark war die Sägezahnbildung. 

Fancy Design im C27-Café.

Zur Feier des Tages sind wir in ein überkandideltes Café in Gangnam gefahren: das C27. Da gibt es ca. 84 verschiedene Käsekuchen zu absurden Preisen, aber das Fancy-Design will halt bezahlt sein. Die Bude ist trotzdem rappelvoll. Auf dem Weg dahin ist mir eine für hiesige Verhältnisse absolute Rarität über den Weg gelaufen. Es gibt hier so gut wie keine Oldtimer, die auf der Strasse bewegt werden. Umso erstaunter war ich, als an einer Ecke eine BMW R69S in erstklassigem Zustand parkte. Penibel sauber und auch mit Kennzeichen zugelassen.

Superrarer Oldtimer: R69S

Anschliessend haben wir einen Kult-Ort aufgesucht. Der Clip, mit dem K-Pop bekannt geworden ist, heisst »Gangnam-Style« von PSY, einer koreanischen Berühmtheit, das Original ist hier zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=CH1XGdu-hzQ. Man muss das nicht mögen, aber die Musik und ihre Ableger haben bis heute eine irrsinnige Wirkung auf die hiesigen Jugendlichen. Es gibt Merchandising-Shops, wo man ALLES zum Thema K-Pop kaufen kann, vom Aufkleber bis zur Bettwäsche. Persönliche Anlässe der K-Pop-Stars werden öffentlich zelebriert, in dem besagten Café z.B. gab es den Hitzegriffschutz für die Kaffeebecher mit dem Konterfei eines dieser Typen, der gerade Geburtstag feierte. Alle Teens und Twens kennen die. Wenn einer der Stars heute eine neue Frisur hat, bieten morgen alle Hipster-Haarsalons landesweit genau diesen Schnitt an. Bei uns unvorstellbar, aber so läuft das hier. 

PSY-Statue in Gangnam mit NC-X.

Zurück zum Kult-Ort: in Gangnam gibt es also eine Statue, die PSY und seinem Hit (Näheres dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Gangnam_Style) gewidmet ist. Da habe ich meine Honda davorgerollt und den Zeigefinger der Faust so ausgerichtet, dass er direkt draufzeigt. So wollte ich die NC schon länger mal ablichten.

Sich nicht beirren zu lassen, ist immer erfrischend.

An einem Samstag ging es in Seoul zum Kaffeetrinken auf die »Motorrad-Strasse«, wo sich die Bike-Shops aneinander reihen und es immer was zu sehen gibt. Mittendrin im Reigen pittoresker Verkaufs- und Service-Stätten findet sich ein Café, betrieben von einer Koreanerin und ihrem amerikanischen Ehemann. Beide extrem kommunikativ und nett – ich wurde unlängst durch die sehenswerte Haarpracht der Besitzerin auf den Laden aufmerksam, als sie davor stand. Dazu muss man ergänzen, dass “Andersaussehen” in Korea viel Mut und Selbstbewusstsein erfordert. Alles, was dem Mainstream entgegensteht, wird zunächst misstrauisch beäugt und im Zweifel abgelehnt, selbst wenn’s nur die Haarfarbe ist. Ich find’s erfrischend, wie es manchen dennoch gelingt, sich davon nicht beirren zu lassen und ihr Ding durchzuziehen. Die beiden tun genau das. 

Honda Vultus, ist ja auch eine NC, mit Extra-Spacebox.

Nach Kaffee und lecker Schokokuchen schlenderten wir noch etwas im Viertel umher. Dabei geriet mir eine Honda Vultus vor die Linse, verunstaltet von einem gewaltigen Expeditions-Topkasten. Aber über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Nachdem mir in einem der Motorradläden noch die Klappe angesichts einer Elektro-Brammo Empulse R runterfiel (hier gibts nix, was es nicht gibt), machten wir uns auf den Heimweg.

Etwas, das gemischte Gefühle auslöst: Wie sicher jeder einigermassen an der Weltpolitik Interessierte weiss, sind Nord- und Südkorea formal noch immer im Kriegszustand, seit 1953 gilt der 38. Breitengrad auf der koreanischen Halbinsel als Demarkationslinie zwischen den Staaten, die auf beiden Seiten durch eine je 2 km breite demilitarisierte Zone (DMZ) ergänzt wird und faktisch die Grenze bildet. Die DMZ auf südkoreanischer Seite kann man mittels Exkursionen besichtigen, es gibt Führungen zu Aussichtspunkten, von denen man in den Norden gucken kann. Zudem gibt es die Möglichkeit, einen der Tunnel zu besichtigen, die die Nordkoreaner unter der Grenze in den Stein gehauen haben und durch den sie im Angriffsfall pro Stunde 30.000 Soldaten in den Süden schleusen wollten. Der Tunnelbau wurde entdeckt, die Südkoreaner haben ihn verschlossen und jetzt ist er eine Sehenswürdigkeit. Eine weitere der Absurditäten, die sich in mittlerweile 72 Jahren der Existenz der DMZ herausgebildet haben, ist der Bahnhof Dorasan – die letzte Bahnstation auf dem Weg in den Norden. Dort steht 24/7 ein Zug bemannt und mit laufenden Motoren für den Fall, dass plötzlich eine Fahrt Richtung Pjöngjang stattfinden kann – eine Idee, die symbolisiert, dass man die Einheit immer noch will und theoretisch zumindest der Süden bereit wäre, sofort zu handeln. Ansonsten ist der Bahnhof völlig leer bis auf einen Soldaten, der dort einsam den Bahnsteig bewacht. Die Situation wirkt bizarr, aber das haben Grenzen dieser Art natürlich immer an sich. 

An der Grenze zu Nordkorea: Riesige Aussichtsplattform in ImJINgak.

Wir fuhren mit der NC750X von Seoul aus die 50 km zu jenem Ort, der für alle Zivilisten noch problemlos zugänglich ist: ImJINgak. Neben der Tatsache, dass dies der nächstliegende Punkt der DMZ für die Öffentlichkeit ist, hat man dort nach guter südkoreanischer Art eine Touristenattraktion hingestellt. Es gibt eine riesige Aussichtsplattform mit Fernrohren für den Blick in den Norden, Restaurants, einen Vergnügungspark und diverse Memorabilia aus dem Koreakrieg. Und eine Art Mahnmal für die durch die Trennung zwischen Nord und Süd zerrissenen Familien, damit es einen Ort gibt, wo man gedenken kann. Vor diesem Mahnmal rollten wir aus und stellten fest, dass dieser Platz auch Bikertreff ist, wie an den aufgereihten Krädern unschwer zu erkennen.

Symbolisierte Absicht only: »Let the iron horse run again«.

 Natürlich erkundeten wir das Territorium. Eine in eher beklagenswertem Zustand befindliche Dampflok, die vor einem Betonprellbock mit der Inschrift “Let the iron horse run again” stehend die Absicht symbolisieren soll, auch wieder mal in den Norden fahren zu wollen, gab die passende Kulisse für ein weiteres Foto ab. Von ImJINgak aus ist es doppelt so weit nach Seoul wie in die nächstgelegene nordkoreanische Stadt Gaesong, wo bis 2016 eine nord-südkoreanische Wirtschaftszone betrieben und dann stillgelegt wurde, weil der Norden die Finger nicht von seinen Kernwaffentests lassen konnte. 

Spyder-Viertruppe aus der Vogelperspektive.

Abgerundet wird die Szenerie durch unzählige Exponate und Reliquien, die einerseits die Trennung verdeutlichen, andererseits den innigen Wunsch nach Wiedervereinigung darstellen. Eines der leuchtenden Beispiele ist auf dem Bild mit der Zeichnung zweier Kinder zu sehen, die einträchtig mit den jeweiligen Landesfahnen nebeneinander laufen. Hoch lebe das Klischee. Dabei ist natürlich grundsätzlich das Thema “koreanische Einheit” ein extrem brisantes und hochpolitisches in jeder Hinsicht. Das hier zu erörtern, würde zu weit führen, deshalb Schwenk: Nach spätem Mittagessen und Besichtigung der Observationsplattform bot sich die Vogelperspektive auf eine Vierertruppe Can-Am-Spider, ein so cooles wie überflüssiges und hier noch völlig unpraktisches Verkehrsmittel, man steht genauso wie alle Büchsen im Stau (schlängeln ist ja nicht), sitzt dabei im Freien und friert. Ich würde mir bei diesem Bedarf ein Cabrio zulegen, aber was zählt meine Meinung schon. Als Eyecatcher taugen die Dinger natürlich. 

Aufgemotzt: PCX in Gold + Carbon.

Weitere koreanische Zweirad-Skurrilitäten: Der hier sehr beliebte Honda PCX im Doppelpack in einer goldeloxierten Tuning-Variante mit Karbon-Zierelementen und mattschwarz übergejaucht. Manche motzen ihre Mühlen optisch auf, dass es fast weh tut oder putzen und tunen mehr, als sie fahren. Andere 125er Piloten wiederum betrachten ihre Vehikel als reine Fortbewegungsmittel, lassen ihnen also null Pflege zukommen und heizen immer am Anschlag. 

Aparte Komposition, garniert mit einem Museums-Antrieb.
Ausflug mit Kollegen.

Die nächste Ausfahrt erfolgte im Trupp mit drei Kollegen. Einer auf Duc 900 SS, der Zweite auf BMW F 800 GS und der Dritte auf KTM 1290 Super Duke. Wir waren um 10.30 Uhr auf dem Bock, haben eine grosse Runde Richtung Nordosten raus aus der Stadt nach Gapyeong gedreht und dabei ordentlich am Kabel gezogen. So kam ich auf der ersten Hälfte der Tour kaum zum Fotografieren, wenn ich allein unterwegs bin, ist das anders. Aber egal, wir hatten Spass an kurvigen und bergigen Strassen, entlang an Flüssen und Seen, allerdings mit einer zunehmenden Zahl von Büchsentreibern, die natürlich auch mitbekommen hatten, dass es schönes Wetter draussen gibt. Nach dem Mittagessen am Treffpunkt bei Yangpeong gab es einige Preziosen der Tuner- und Veredelungsbranche zu bewundern. Zum Beispiel eine aparte Fransen-Chrom-Leder-Komposition, garniert mit Milwaukee-Museums-Antrieb. Die Dinger sehen immer wie aus dem Ei gepellt aus, wahrscheinlich nano-beschichtet gegen Staub und Feuchtigkeit…

T-Max nach Art des Landes.

Interessant auch die Oberflächenbehandlung an der Yamaha T-Max: Da hat sich einer an der Auspuffanlage, dem Hauptständer und diversen anderen Teilen ausgetobt, ein Regenbogen ist nix dagegen. Sogar ein Gruss nach Aachen fand sich: eine AC-Schnitzer-BMW – über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten.

Aachen ist überall, auch in Seoul.

 Auf dem weiteren Weg zum Cafe begegnete mir “The-View-Hotel”, ganz in schneeweiss (es blendete heftig…) und tatsächlich mit unschlagbarem Flussblick direkt am Ufer. Der Kontrast (pink…!!!) kam dann in Form des Cafés “200 Spoons”: mehr Niedlichkeit geht kaum, die Koreaner lieben es. Ich versteh’s nur bedingt, bin aber auch nicht Zielgruppe. Der Kaffee war jedenfalls gut und für ein Foto isses allemal den Stopp wert.

Pittoreske Blicke.
Gewaltig: Der Sihwa-Damm.

Morgenstund` fängt den frühen Wurm oder so ähnlich. Jedenfalls sass ich an einem Wochenende recht früh auf dem Bock und flitzte Richtung Südwesten. Mein Ziel waren die 60 km vor Seoul gelegenen Inseln Daebudo, Seonjaedo und Yeongheungdo. Einen Teil der Gegend kannte ich schon, das erste Mal hatte mich ein Kollege mit nach Daebudo genommen. Es ist da sehr schön: Meer, viele Inselchen, Ebbe und Flut und pittoreske Blicke auf Uferstreifen und Berge. Daebudo ist mit dem Festland über den Sihwa-Damm verbunden. Dieser trennt das Meer von einer Art Lagune, dem Sihwaho Lake, der bei Ebbe praktisch trocken fällt. Nachdem man gemerkt hatte, dass die Wasserqualität der Lagune durch den mageren Damm-Durchfluss immer schlechter wurde und Abhilfe not tat, kam man auf den Gedanken, aus dem Problem eine Tugend zu machen. Wie so häufig in Korea wurde gleich richtig geklotzt: In der Damm-Mitte befindet sich nun das weltgrösste Gezeitenkraftwerk. Durch den enormen Tidenhub strömt da richtig Wasser hin und her und treibt bei Flut die Turbinen zwecks Stromerzeugung an. Auf dem Damm gibts eine Möglichkeit, sich direkt an bzw. auf Wunsch sogar in das Wasser zu stellen; örtliche Fischer haben dort Boote vertäut und es herrscht rege Betriebsamkeit am Ufer, wenn sie morgens rausfahren und später mit dem Fang zurückkehren. 

Ausflug im Wattenmeer.

Nebenan wurde ein Freizeitpark mit Aussichtsturm, Cafés, Restaurants und einer Ausstellung hingesetzt, am Wochenende kommen immer eine Menge Leute. Für mich war dort Zwischenstation für Kaffee und mitgebrachtes Käsebrot (von manchen Gewohnheiten trennt man sich ungern, auch wenn man 8.000 km weit weg vom Vaterland ist). Ein kurzer Rundgang mit Besichtigung des “Obelisk of Light” schloss sich an, bevor ich mich dem anschwellenden Besucherstrom in Richtung der Insel Daebudo entzog. 

Kunstvoll: Obelisk of Light.

Auf Daebudo gibt es direkt im Wattenmeer ein paar Pisten, die auch bei Flut gerade noch so befahrbar sind, aber den Eindruck vermitteln, als stünde man mitten im Meer. Dann ist da die Brücke rüber nach Yeongheundo, die mit markanten orangen Pfeilern einen netten Hintergrund abgibt. Was noch bemerkenswert ist: Die ganze Inselwelt ist Anfluggebiet für den Flughafen Incheon, der ca. 15 km weiter nördlich auf einer Insel angelegt ist. Es kreisen also ständig Flugzeuge im Landeanflug über der Region. 

Die Brücke nach Yeongheundo und oben eine 747.

Ich hatte besonderes Glück: eine Boeing 747 schwebte direkt vor mir am Himmel und ich konnte sie zusammen mit der NC ablichten. Weiter ging es dann quer über die Insel Yeongheundo mit ihren kleinen, verwinkelten Strässchen, die teilweise direkt am Ufer entlanggehen mit immer wieder neuen Blicken auf Strände, Häfen, Watt und Meer. 

Natürlich wissen die Koreaner, dass es hier schön ist und haben allerorten Pensionen, Boutique-Hotels, kleine Cafés und Kneipen aufgemacht. In der Hochsaison füllen sich diese Orte am Wochenende gut. Leute spazieren am Strand, ärgern die Möwen, faulenzen im Liegestuhl und lassen es sich in den strandnahen Restaurants gut gehen. Für Fusslahme und Bequeme gibt es auch Kutschwagen mit Trecker vorne dran, die einen durchs Watt schaukeln. Man sollte nur den Fahrer vorher fragen, ob er aufgetankt hat, sonst kanns schnell feucht an den Stelzen werden. 

Was es alles gibt: Witziges Topfhotel.

Ich suchte noch einen speziellen Ort auf. Es gibt in Korea einen Trend zu Motiv- und Themenhotels, auf dieser Insel ist u.a. ein Topfhotel zu finden, mit überdimensionalen Kimchi-Töpfen, die bemalt und dekoriert sind und in denen man wohnen kann. Innen ganz normale Hotelzimmer, aber von aussen sehr witzig anzuschauen. Es gibt auch Pilz-, Baum- und Schiffshotels, ganz wie man möchte.

Yummy: Gemüsepfannkuchen.

Zwischendurch verspürte ich Hunger, also war die Suche nach einer gastlichen Stätte angezeigt. Diese fand sich in Form eines traditionell koreanischen Restaurants, in dem ich einen leckeren Gemüsepfannkuchen mit Meeresfrüchten vertilgte. Nach dem Mittagessen mäanderte ich weiter durch die westkoreanische Inselwelt mit Buchten, Uferstrassen und weiten Blicken über die Wattlandschaft. Inzwischen hatte die Ebbe sichtbar eingesetzt, immer mehr Boote, an denen ich vorbeikam, lagen schon schräg und halb auf dem Trockenen. Die weitere Fahrt über den Hwaseong-Staudamm und der Rückweg durch das südlich von Seoul gelegene Hinterland mit den zur Metropolregion gehörenden Städten Hwaseong, Suwon und Ansan verlief unspektakulär und relativ flüssig. Zur Kaffeezeit hatte mich das Stadtgewühl wieder, gegen 17 Uhr war ich zu Hause und um viel Meeresluft und interessante Eindrücke reicher.

Goldschwinge mit Stütze.

Auf dem Rückweg fuhr ich nahe Hwaseong an einem Café vorbei, vor dem eine Gold Wing und zwei Harleys parkten. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich eine seltsame Konstruktion an der Wing und wendete extra. Was meine Augen dann erblickten: Es gibt tatsächlich (natürlich elektrisch angetriebene) Stützräder für die Gold Wing. Macht für Papi das Anhalten und Einparken einfacher: Knopf gedrückt und schon fahren unter den Sozius-Trittbrettern stabile Profile mit Rollen aus und die Einbauküche bleibt in der Senkrechten. Es sieht zwar irgendwie verboten aus, wird hier aber sicher für endgeil erachtet. Ansonsten gabs zu einem Aufsitz-Gelenk-Schlepper am Wasser noch einen Indian-Piloten, der geradewegs aus dem Kinofundus von Hollywood entlaufen schien: man beachte die Fellhose – Stil geht hier über alles.

Stylish: Indianer mit Fellhose.

Einen Sonntag war eine kurze Stadttour angesetzt. Ziel war ein Park im Nordosten, wo bis 2010 einer der beiden Endbahnhöfe einer Eisenbahnlinie nach Chuncheon (90 km nordöstlich von Seoul) in Betrieb war. Die Linie ist stillgelegt und durch eine modernere ersetzt worden. Das Gelände wurde in einen “Rail Park” umfunktioniert, der Familien zum Sonntagsspaziergang und Kindern zum Bestaunen antiker Technik dient.

Kutscher-Erinnerung: Tatra T4D, früher in Prag, heute in Seoul.

Weswegen ich dahin gefahren bin: Ich war in grauer Vorzeit für zwei Jahre Strassenbahnfahrer, auf tschechischen Tatra-T4D-Triebwagen (Kennern sagt das was). Nun hat Seoul seine Strassenbahn schon in den 60er Jahren beerdigt und es gibt landesweit auch keine, soweit ich weiss zumindest. Um besagten Rail Park mit Exponaten anreichern zu können, hat man neben zwei alten Dampfloks mit Waggons auch einen T4D-Strassenbahn-Triebwagen hingestellt. Und zwar nicht irgendeinen, sondern die Nr. 7255 von der Prager Strassenbahn, der dort bis Oktober 2016 in Betrieb war. Seit Juli 2017 steht dieses Teil also in Seoul im Park, der wohl ein richtiges Schienenfahrzeug-Museum werden soll. Eine Reminiszenz an meine eigene Kutscher-Zeit (aber nicht in Prag). 

Bunt ist immer gut: Leihfahrräder.

Auf dem Weg zurück in die Stadt machte ich Halt an einem Nebenarm des Han-Flusses, wo sich einer der vielen Freizeitparks der Stadt mit Fahrradverleih, Sportgeräten und allerlei Familienbespassung befindet. Die vielfarbigen Leihfahrräder fielen mir ins Auge, kurz das Teleobjektiv angeschnallt und abgelichtet.

Benelli-Kompakteisen

Von da gings zum Kaffee auf die Bugaksan-Höhe, wo derart Betrieb war, dass man den Motorrad-Parkplatz den Blechbüchsen opferte und eine Etage höher auf die Aussichtsplattform verfrachtete. Ich hatte nix dagegen, weil so ein nettes Bild eines Milwaukee-Eisens (wie immer kein Stäubchen dran…) mit Berghintergrund möglich wurde. Nach Rundgang auf der Höhe und Kaffeegenuss gewahrte ich bei Rückkehr zu meiner NC 750 X eine Maschine, von der ich erst dachte, es sei eine aufgemotzte Honda MSX 125. Aber nein, es handelte sich um eine Benelli TnT 125 (kann man wohl auch in D kaufen). Hatte ich so noch nicht wahrgenommen und freute mich über das kleine Kompakteisen.

Zuletzt gab es in der Spitze bis zu 28°C und Sonnenschein satt. Was allerdings in der Stadt dazu führt, dass man bei Rotphasen (und die sind hier fast immer lang, weil die Kreuzungen so kompliziert sind) geradezu gegrillt wird. Nachdem ich erst vor anderthalb Wochen das Thermofutter aus der Jacke genommen habe, weil es morgens doch noch frisch war, ist jetzt der Umstieg auf die Air-Vent-Mesh-Klamotten nötig. 

An einem Samstag war ich mit meinem Filius in der Stadt unterwegs; wir hatten verschiedene Ziele. Zunächst stand ein Routinebesuch bei den Jungs von Koreascootertours an. Auf dem Weg dahin fuhr mir an einer Kreuzung in Gangnam ein stilbewusster Koreaner auf einer grünen Vespa (natürlich mit Akrapovic-Tüte!) vor die Linse. Man hätte ihn auch nach Mailand verpflanzen können, er hätte gut dahin gepasst. Bei Koreascootertours angekommen, sahen wir gleich: Die Herren machen jetzt offiziell in Royal Enfield. Heisst, sie sind Händler und Servicewerkstatt. Nach Aussage des Chefs verkaufen sich die Retroteile wie geschnitten Brot, er kann gar nicht so schnell Nachschub aus Indien organisieren, wie die Dinger aus dem Laden rollen. 

Erlkönig “RnullkommanineT”

Draussen auf dem Fussweg haben wir einen neuen BMW-Erlkönig gesichtet. Das Modell soll nach unbestätigten Angaben “RnullkommanineT” heissen, der Motor die Euro-6-Norm erfüllen. Über den Verkaufsstart ist noch nichts bekannt….

Kart-Fun mit dem Filius.

Von da gings auf eine Kartbahn im Stadtteil Jamsil, am Nebenarm des Han-Flusses. Mein Sohn ist begeisterter Kartpilot, deshalb war es an der Zeit, das hier mal auszuprobieren. Und es lohnte sich: Neben den üblichen 0815-Zivilkarts gibts auch sportlichere Varianten und sogar richtige Racing-Karts. Letztere sind vielleicht später dran, dieses Mal reichte die Sportausführung. Der Zweitakter brennt ordentlich und mein Sohn kommentierte seine 10 Minuten auf dem Asphalt mit den Worten: “kommt flott um die Ecken…”. Nebenan hat es noch einen Track, auf dem eine Motorrad-Fahrschule Übungsfahrten absolvierte. Dabei konnte ich eine Szene festhalten, als der Instrukteur die Körperhaltung bei Linkskurven in der Gruppe erläuterte und sich alle im Stand brav nach links neigten – ich fands urkomisch. 

Scooter race-Instruktion: Funny..

Als wir uns auf der Kartbahn ausgetobt hatten, gings zum Kaffeetrinken. Verbinden wollten wir dies mit dem Erkundungsbesuch des grössten Honda-Händlers vor Ort. Macht was her, der Laden. Nur mit der Modellzuordnung hapert`s noch. Auf der für die Gold Wing reservierten Fläche mit Landstrassen-Fototapete im Hintergrund parkte eine CB 650 R. Im zweiten Stock fand ich eine Armada von Super-Cubs aufgereiht und in einer Ecke sogar eine neue Gold Wing. 

Honda-Dealer-Ambiente.
Die Roller-Damen, auch die mit Super Cubs, mögen es stylish.

Danach noch kurz ein Abstecher zum Bugaksan-Treffpunkt. Hier konnten wir die Ankunft eines Damen-Roller-Clubs beobachten, die sich zum Kaffee und Quatschen trafen. Auch hier zählt das Erscheinungsbild, wie man an der Super-Cub-Pilotin im weinroten Samtrock samt Knie- und Schienbeinschonern sieht. 

Im Espresso-Paradies.

Einmal hatten wir uns mit einem Bekannten, der eine Benelli Leoncino fährt, verabredet. Er wollte mir und meiner Gattin den Weg zu einem “Café im Wald” zeigen. Und das war nicht zuviel versprochen. Nachdem wir über eine kurvenreiche Bergstrasse die Höhenzüge des südöstlich der Stadt gelegenen Namhansan-Berges unter die Räder genommen hatten, bogen wir an einem Wegweiser in einen steil aufwärts führenden Weg ein, an dessen Ende sich im Wald das richtig lohnenswerte “Café Arabica” befindet. Ein Familienbetrieb, mit viel Liebe zum Detail und einer riesengrossen Auswahl auch exotischer Bohnen. Das Kaffeegeschirr ein Sammelsurium aus aller Welt, jede Tasse anders. Wir konnten draussen sitzen, in Ruhe das Koffeingebräu geniessen und sahen sogar ein Eichhörnchen, was in der zugebauten und der Natur nur wenig Raum lassenden Metropolregion Seoul schon ein eher seltener Anblick ist.

Im Café Arabica.

Das soll es für diesmal gewesen sein. Schönen Tag noch und bis zum nächsten Mal in diesem Kino!

Die Korea-Kolumne wird fortgesetzt. Doch zuvor folgt hier auf Gasgriffsalat.com ein Beitrag zum Thema »30 Jahre Wiedervereinigung« und wie ich einst mit meiner 250er MZ auf große Freiheitstour ging: Dresden-Paris-Dresden!

Text und Fotos: Wolfgang Faust

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