Weit weg, nah dran. Korea-Life-Kolumne Teil 2

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Wolfgang Faust, hier mit seiner NC750X DCT vor dem Bongeunsa-Tempel in Gangnam, lebt und arbeitet in Seoul. Weil in Südkorea vieles anders, abenteuerlich und interessant ist, schreibt »Hondawolf« die Kolumne »Weit weg, nah dran« auf Gasgriffsalat.com.

Zur ersten Kolumne von Hondawolf führt dieser Link

Hallo Gemeinde,

hier also die zweite Folge von “Wie überlebe ich als Motorradfahrer in Korea?” Wenn bei Euch der Tag anfängt, ist er hier praktisch herum, wir sind ja 7 Stunden voraus. Wenn das Wetter es zulässt, fahre ich mit meiner NC750X zur Arbeit. Weil es meine Sommerhandschuhe hinter sich haben, schaute ich noch auf der “Mopedstraße” in Seoul, was so im Angebot ist. Gucken kann ja nie schaden, dazu ist die Gelegenheit günstig, ein paar interessante Gefährte abzulichten, die sich in den angrenzenden Straßen tummeln. Zunächst fand ich ein Dreirad (eigentlich ein Fünfrad, weil hinten mit Zwillingsreifen!) mit Schwenkmechanismus und großem Topcase. Das ist hier extrem wichtig, weil alles Mögliche damit transportiert wird. 

Irre: Fünfrädriges Dreirad als Schwenker plus riesiges Topcase.

Ein weiteres Dreirad der Kategorie “Chopper vorn, Starrachse hinten” wurde gerade mit frisch gedruckten Papieren beladen. Sehr apart die aerodynamisch und ästhetisch gelungene Vierkantrahmen-Konstruktion für Frontscheibe und Dach, garantiert crashgetestet…. Dann fuhr mir noch eine wohlproportionierte Variante der populären Daelim CitiAce über den Weg: Transportvolumen ist alles, ob der Fahrer da noch halbwegs drauf hocken kann, scheint nachrangig. Offenkundig isses aber schon öfter beim Gassenschlängeln (zu) eng geworden, wenn man sich die Schleifspuren am Topcase-Rand anschaut.

Chopper vorn, Starrachse hinten, als Lastenesel.

Wie lange ich in Seoul zu bleiben gedenke? Nun, vorgesehen sind erstmal 4 Jahre. Mein Job bringt das mit sich – Heimat ist für mich immer da, wo meine jeweiligen vier Wände sind. Ich bin in den letzten 25 Jahren achtmal umgezogen, d.h. insgesamt sechzehn Mal Zeugs ein- und wieder auspacken. Das wird mit zunehmendem Alter nicht leichter, sorgt aber für schlanken Besitzstand; man nimmt und behält nur das, was man wirklich braucht. Ich habe da ein striktes Prinzip: was beim zweiten Mal Einpacken nicht benutzt worden ist, fliegt raus (wird verkauft/verschenkt/entsorgt), ausser, es hat ideellen Wert (Fotos, pers. Gegenstände).

Platz da! Transportvolumen ist alles.

Bemerkenswert ist, dass hier praktisch nicht geklaut wird, das gilt als “bääh!” und extrem verwerflich. Ist sehr angenehm und verursacht anfangs einige Aha-Erlebnisse. Leute lassen ihr Telefon (gern das neueste Iphone) aufm Tisch in der Kneipe liegen, wenn sie auf Toilette gehen und es ist hinterher noch da. Offene Handtaschen werden über Stuhllehnen gehängt, mit allem drin, was man bei uns eher im Safe lagern würde, aber da greift niemand rein. Mein Sohn hat mal einen leeren, aber für ihn wertvollen Leinenbeutel im Bus vergessen. Wir haben bei der dafür eingerichteten Hotline angerufen, die haben beim Buslinienbetreiber nachgefragt und siehe da, der Beutel lag abholbereit an einer Endstelle der Linie. Das war zwar JWD, aber er ist dann da hingefahren und hat seinen Beutel wiederbekommen. Hier ist bei weitem nicht alles Gold, was glänzt (und es glänzt ne Menge), aber solche Dinge geben einem ein wenig den Glauben an das Gute im Menschen wieder. 

Immer wieder: Erstaunliche Platzausnutzung.

Einmal war ich mit meinem Kurzen (14 Jahre alt) unterwegs. Die Tour startete am späten Vormittag und führte uns östlich von Seoul in die Berge. Die urbanen Ausläufer der Hauptstadt verschmelzen quasi übergangslos mit den weiter im Inneren gelegenen Dörfern, man fährt nirgends längere Zeit durch unbebautes Gebiet. Das Land ist sehr dicht besiedelt, Bauland ist durch die bergige Gegend Mangelware, damit teuer und muss aufwändig erschlossen werden. Die Platzausnutzung ist manchmal erstaunlich, da wird noch der letzte Winkel zurechtgefrickelt. Dass die städtische Skyline Hochhäuser in Hülle und Fülle hat, ist nachvollziehbar. Wenn man aber mit dem Zug über Land fährt und aus dem Fenster ein Gebirgstal sieht, in das sich ein Wohnviertel mit einem Dutzend 35-Geschossern reinquetscht, wähnt man sich schon manchmal wie im Film. 

Zweirad-Vielfalt.

Als wir die Stadt endlich hinter uns gelassen hatten, war erstmal Mittagessen angesagt. Dabei entstand das Foto einer beampelten Fahrradweg-Kreuzung, an der sich mitunter die hier meist mit Hightech-Rädern und -Klamotten ausgestatteten Freizeit-Radler stauen. Mein Sohn ist regelmäßig aus dem Häuschen angesichts der Fahrräder, häufig Vollkarbon-Geschosse mit Highend-Komponenten vom Lenker bis zu den Felgen. Gefahren wird meist, als gäbe es kein Morgen, volle Pulle, mit der JBL-Musikrolle und LED-Girlanden ringsum.

Kohlkopf-Selbstpflücker.

Als die NC750X dann die Bergsträßchen unter die Räder nehmen konnte, wurde es deutlich weniger quirlig und dafür ländlich. Leute waren auf den Feldern als Kohlkopf-Selbstpflücker unterwegs, um es zu Hause als Kimchi zuzubereiten und einzulagern. Das ist die auch in Europa bekannte koreanische Spezialität, die aus sauer und scharf (mit Paprika- oder Chilipaste) eingelegtem Gemüse, meistens halt Kohl besteht und zu praktisch allen Gerichten (ausser Süsskram) gereicht wird und in speziellen Kimchi-Töpfen lange haltbar ist. Eine Besonderheit der koreanischen Küche ist, dass sie eigentlich nur süss oder scharf kennt, salzig so gut wie gar nicht. In der Praxis führt das dazu, daß mein Kurzer sich eine Gorgonzola-Pizza bestellte, die dann süss schmeckte und zu allem Überfluß mit einem Schälchen Honig gereicht wurde – gewöhnungsbedürftig. Andererseits ist das scharfe Essen trotzdem sehr schmackhaft und aromatisch; Bibimbap z.B. mag ich gern, von Fleisch und Meeresfrüchten verstehen sie etwas. 

Innovativ: Betonstelzen im Fluss.

Über kurvige und teils recht steile Straßen ging`s bis auf 420 m Höhe und durch pittoreske Dörfchen (oft mit abstrakter Kunst an den Ortseingängen und/oder zentralen Plätzen) zurück an den Han-Fluss und zum Kaffee mit Kuchen an den “Block 9”, einem Hipster-In-Place mit Flussblick. Anschließend mussten wir durch den zähen Verkehr auf teils furchterregend monströsen Straßen zurück in die Stadt. Warum monströs? Seoul und Umgebung haben eine irrsinnig komplexe Verkehrsinfrastruktur; durch die Lage am Fluss und die hügelige Umgebung ist man gezwungen, sich innovative Lösungen für Straßenführungen auszudenken. Da die schon vierspurigen Uferstraßen beidseits des Flusses mit der Zeit so überlastet waren, dass dort nix mehr ging, hat man an vielen Stellen einfach Autobahntrassen auf gigantischen Beton-Stelzen in den Fluß reingebaut oder auch bestehende Straßen einfach mit neuen Straßen überbaut.

Kommunikativer Orientierungskünstler (und Transportroller/Kurierfahrer).

Man fährt manchmal dreistöckig. Die Aus- und Überleitungen dieser Strassen, vor allem zu den Brücken, sind eine echte Herausforderung; da kommst angefahren und musst binnen Sekunden entscheiden, welche von den fünf Abzweigungen jetzt die Richtige ist. Geht manchmal auch schief und dann hängste im nächsten Stau und musst sehen, wie es wieder in die richtige Richtung geht. Navi funzt zwar gut (habe meinen ehrwürdigen Zumo 660 mit routingfähigen OpenStreetMap-Karten bestückt, die wirklich taugen), aber manchmal braucht es zu lange, um sich zu orientieren und dann biste falsch. Zum Glück ist das Tempo meist nicht so hoch und das DCT hilft natürlich ungemein. Jedenfalls machen Entdeckungstouren immer Spass und meist erreicht die NC-Honda unversehrt wieder die heimatliche Garage mit etlichen Kilometern mehr auf der Uhr. 

Kunst? Nicht immer tiefere Bedeutung.

Dinge wie das Regenbogentor? Mmmmh, ich behaupte mal, dass etliche Bauten oder Dinge keine tiefere Bedeutung haben. Ich hab hier schon diverse “Kunst”-Objekte gesehen, wo man sich fragt, was da wohl dahinter steckt. Häufig hat man den Eindruck, es war einfach noch Geld übrig und der Architekt hatte gute Beziehungen zu einem Steinmetz oder Metallbauer oder Schnitzkünstler und dann ergibt sich daraus etwas. Vor dem örtlichen Olympus-Brandstore z.B. findet man einen Silberkugelbullen. Da ist viel Stahl und Chrom verbraten worden und jetzt steht er halt da. Ich erwähnte bereits einmal die Brücken in Südkorea. Es ist faszinierend zu sehen, was für Konstruktionen und Bauten am Start sind. Der Lotte World Tower etwa ist mit 555 m Höhe das höchste Gebäude in Korea und das fünfthöchste der Welt. Man kann da bis auf 480 m Höhe rauffahren und hat eine gläserne Aussichtsplattform, das lohnt sich.

Silberkugelbulle. Jetzt steht er halt da.

Nochmal zu einer hiesigen Spezialität: gestretchte Roller, die es in ungeheurer Vielfalt gibt. Mir scheinen diese Gefährte sehr merkwürdig, fahrdynamisch muss das eine Katastrophe sein, schneller werdens nicht und Platz brauchts auch mehr. Aber jedem Tierchen sein Pläsierchen. Mit TÜV ist das hier so eine Sache. Ich habe versucht, mich schlau zu machen und es ist wohl so, dass alles über 200 Kubik zur Überprüfung muss. Das heisst im Umkehrschluss, alles drunter eben nicht. Jedoch sollen offenbar ab 2021 alle, also auch 50er Vehikel, dann geprüft werden. Es gibt also Übergangsperioden, während derer die Dinge durch Weggucken geregelt werden, es ist jedoch generell schwierig, verlässliche Infos zu erhalten. Es läuft oft nach dem Motto “wo kein Kläger, da kein Richter”. Die Jungs auf ihren Transportrollern verdienen damit ihr Geld und wären quasi ihrer Lebensgrundlage beraubt. Da das hier trotz allem eine sehr harmoniebedürftige Gesellschaft ist, die Konflikte lieber vermeidet, ist es wahrscheinlich, dass es so funktioniert. 

Hui, ein Einzelstück: MZ 1000 S

Einmal wurde mir ganz warm ums Herz, als ich auf dem Heimweg vor einer Schrauberbude anhielt und vor mir ein Koreaner seine Mühle warmlaufen ließ. Zuerst dachte ich, den Sound einer Suzuki TL 1000 erkannt zu haben, aber nein, vor mir stand eine MZ 1000 S! Der Eigner sprach drei Brocken Englisch und erzählte, das er das Ding aus Deutschland importiert habe. Was ihn dazu verleitete, erschloss sich mir nicht (dürfte hier ein absolutes Einzelstück sein, für das Teile nur mit gigantischem Aufwand beschaffbar sind). Aber egal: Ein Motorrad der Zschopauer Traditionsschmiede in Seoul zu sehen, damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Ansonsten stand da noch eine aufgetakelte KTM Ädventscher rum. Und wie man sieht, werden hier neben den großen Brummern selbst die Scooter mit Akrapovic-Tüten bestückt.

Verwandte: Meine NC750X und ein X-ADV.
Skurril, kreativ, hoher Unterhaltungswert.

Eines der skurrilsten Mobile seit Kaiser`s Zeiten war ein Eigenbau vor einem Laden. Eine sehr kreative Interpretation: Ein Yamaha-Treibsatz mit einem interessanten Kühler und einer Öhlins-Gabel in einem reparaturgeschweißten Alurahmen, dekoriert von einem Guzzi V7-Tank und -Seitendeckeln. Dieses Kunstwerk hatte ebenfalls einen Akrapovic-Auspuff und (das verwunderlichste…) ein Kennzeichen. Was das mal als Basis war, weiß ich nicht, möglicherweise hat dafür ein Yamaha-Roller herhalten müssen. Man steht jedenfalls staunend vor diesem Eisen und fragt sich so einiges. Hohen Unterhaltungswert hatte das allemal.

Bowl-Room: Cooles Ambiente.

Wenn an Wochenenden das Wetter motorradtauglich ist, drücke ich für eine Tour gerne auf den Anlasserknopf meiner Honda. Nach einer halben Anlasserumdrehung schnurrt sie und es geht los. Ich habe einmal meine Holde zum Cross-Fit-Training nach Gangnam gefahren (ja, das ist das Viertel, wo der K-Pop herkommt und es überall glitzert und glimmert). Diese Gegend ist immer wieder einen Besuch wert. Abgesehen von Edelboutiquen und vielen Beauty-Kliniken, die verpflasterte Mädchen nach Nasen-Wangen-sonstwas-OP´s ausspucken, gibt es auch immer wieder neue Bistros, kleine Restaurants und Kneipen, die Reingucken lohnen. Während also meine bessere Hälfte sich sportlich betätigte, speiste ich im „Bowl-Room“ zu Mittag: leckerer brauner Reis mit Lachs und Shrimps, scharfem Dressing und Salat. Frisch zubereitet und in hipstermäßiger Umgebung (minimalistisches Design mit Sichtbeton, Bartischen und der Speisekarte auf dem Apple-Display) hebt das gleich die Stimmung. 

Gehört bei HD-Eisen dazu: Fransen und viel Chrom zum Putzen.

Danach ging es mit der frischgeduschten Sozia Richtung Südwesten. Seoul als Stadt platzt aus allen Nähten, durch die bergige Umgebung ist es schwierig, noch mehr Baufläche zu gewinnen. Also weicht man in die Fläche aus, in der Metropolregion Seoul verschmelzen die Nachbarstädte miteinander. Die größte dieser Nachbarstädte ist mit über 3 Millionen Einwohnern das westlich von Seoul gelegene Incheon, ein Zentrum für Innovation, Wissenschaft und neue Technologien. Befeuert wird das Ganze durch die Nähe zum Flughafen Incheon, DAS Drehkreuz Koreas und Ostasiens (zumindest vor Corona)  – modern und riesengroß. Im Umfeld des Flughafens entstanden in den letzten Jahren komplette Satellitenstädte mit jeweils sechsstelligen Einwohnerzahlen, eine davon – Songdo – war unser Ziel. Angelegt auf trockengelegtem Marschland am Meeresufer mit Dutzenden hypermodernen Hochhäusern (da ist das Smarthome schon Realität, spannend nur, wenn der Strom ausfällt…), futuristischer Glas-Beton-Stahl-Architektur allerorten – höher, schneller, weiter ist die Devise.

Lotte World Tower: höchstes Building in Korea (und 5-höchstes der Welt).

Dazwischen zum Teil künstlich angelegte Flussläufe, ein „Central Park“ zum Flanieren, Baukunst und das sichtbare Bemühen, diesen Retorten-Ort einigermaßen wohnlich und ansehnlich zu machen. Man muss das mögen, heimelig im europäischen Sinne wirkt das alles auf den ersten Blick sicher nicht. Die Koreaner lieben es, weil es neu, supermodern und frisch ist. Dazu muss man wissen, dass alle Koreaner wahnsinnig stolz auf den Aufstieg ihres Landes in den letzten 50 Jahren sind. All diese Glitzerviertel waren vor wenigen Jahrzehnten noch Brache und Wildnis. Was hier innerhalb kürzester Zeit mit gemeinschaftlicher Anstrengung (und viel Geld…) buchstäblich aus dem Boden gestampft wurde, ist höchst respektabel. Die Dimensionen dieser nicht nur stadtplanerischen Leistungen sind gewaltig. Die dunkle und durch die Erfahrungen mit Koreakrieg, Teilung und Militärdiktatur aufgeladene Vergangenheit lassen die Koreaner hier auch symbolisch hinter sich. Wer mehr darüber wissen will: https://de.wikipedia.org/wiki/Songdo_Int…siness_District

Wir wanderten durch den „Central Park“, während ein Ausflugsschiff auf dem Kanal vorbei glitt, Kinder spielen und junge Pärchen coffee-to-go–schlürfend herumschlendern und einfach „in“ sind. Wir müssen als Europäer, noch dazu in unserer Motorradkluft, wie Außerirdische wirken, die sich im Landeplatz geirrt haben. Obwohl: wohin, wenn nicht hierher, würden sich Aliens beamen? Apropos: wir sind hier tatsächlich als solche erfasst: alle Ausländer müssen eine „Alien Registration Card“ haben…

Auch so traditionell kann sich koreanische Baukunst darstellen.

Beim Rückweg im Sonnenuntergang kommen wir in Sorae an einem Markt vorbei, in dem wieder die alte Zeit atmet: Marktfrauen preisen ihre Ware an, Männer mit Schubkarren sind auf den schmalen Straßen unterwegs, überall wuseln Leute umher, alles illuminiert mit unzähligen LED-Lichterketten. Ich muss allerdings mehr auf die Straße gucken, der Verkehr ist eine Herausforderung. Vorfahrtsregeln sind Auslegungssache, wenden geht auch ohne zu blinken und der linke Daumen liegt permanent auf dem Hupenknopf für den Fall der Fälle. Zum Glück geht es eher langsam zu, so dass man immer reagieren kann. Nach ein paar Kilometern Schnellstraße durch die Vorstädte von Seoul, vorbei an Hochhaus-Siedlungen, die in Europa einwohnermäßig eine mittelgroße Kreisstadt bilden, hat uns die Metropole wieder.

Zweirad-Einsamkeit kommt keine auf.

Samstagabend in Seoul ist die pure Reizüberflutung, ein Ameisenhaufen ist eine geordnete Veranstaltung dagegen. Überall blinkende Lichter in den Geschäften, gigantische Werbetafeln an den Fassaden, Millionen Leute auf Fusswegen, an Haltestellen und auf Plätzen vor Theatern und Restaurants. Abrupt haltende Taxifahrer, wild hin und her schwenkende Busse, gefühlt siebzehnspurige Kreuzungen und verschachtelte Abzweigungen über Brücken, in Tunnels und Überfahrten. Mittendrin meine brave NC, deren DCT sich einmal mehr als Segen erweist. Wir kämpfen uns mittels Navi und viel Geduld durch diesen Moloch und als der N-Seoul-Tower auftaucht, sind es noch drei Kilometer bis in die heimische Garage auf unserem Berg. Als wir ankommen, muss ich durchschnaufen, der Kopf brummt und der Puls braucht eine Weile, um wieder runterzukommen. 

Viel zu gucken: Heyri Art Village.

Am folgenden Sonntag ist mein Sohn dran, bei uns wird der Soziusplatz paritätisch aufgeteilt. Unser Weg führt aus der Stadt Richtung Nordwesten. Da der Highway nahe dem Han-Fluss für Motorräder leider verboten ist, müssen wir durch die Innenstadtstraßen einen Weg raus aus der Stadt suchen. Als wir hinter Goyang die westlichen Ausläufer der Stadt verlassen, wird es etwas ruhiger. Das Ufer des Han hinter der Autobahn ist mit teilweise doppelreihigem Stacheldrahtzaun gesichert – man spürt die Nähe zum nordkoreanischen Nachbarn. Beim Odusan Mountain kommt direkt am Fluß der „Unification Tower“ in Sicht. Von da aus kann man in den Norden über die Grenze blicken. Wir sparen uns das, weil man nur mit dem Shuttlebus da hoch kommt, eigene Fahrzeuge sind nicht zugelassen. Also fahren wir weiter in das nahegelegene Heyri Art Village. Das ist ein großes Areal mit einem Sammelsurium von Museen aller Art, kleinen Handwerks- und Kunstgewerbebetrieben, Galerien, Kinderbespaßungs-Einrichtungen, Cafés, Restaurants und weiss der Fuchs was noch… 

Interessant: Im Museum of Modern History of Korea.

Wir parken am Eingang neben einem Abstellplatz für Lokomobile, Traktoren und historischen Mobil-Schrott, u.a. einem „Daidong-Diesel“-Aggregat. Die Firma gibt’s heute noch, sie stellen diesel- und gasbetriebene Generatoren her und sitzen in Incheon. All diese Gerätschaften gehören zu einem Gebäude, welches unsere Aufmerksamkeit fesselt, das „Museum of Modern History of Korea“. In einem grossen Haus findet sich ein dreistöckig eingerichteter Rundgang durch eine Art Musterdorf, in dem liebevoll und detailreich die Entwicklung der traditionellen Lebensweise im Korea des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis zur jüngeren Vergangenheit gezeigt wird. Präsentiert werden verschiedene Handwerke, das Alltagsleben, die Wohnumgebung, Schule, Freizeitaktivitäten und Wissenswertes aus der Geschichte des Landes. Der Gang durch dieses Labyrinth ist interessant, in jeder Ecke findet man sehenswerte Szenerien und Bilder. Ein Exponat weckt mein besonderes Interesse, ein Dreirad zur Kohlenauslieferung, am Tank ein Emblem, auf dem sich kurioserweise der Name „Kia-Honda“ findet. Leider war zu diesem Mobil nichts Näheres in Erfahrung zu bringen. 

Diavel-Duo an der Bugaksan-Serpentinenstrasse.

Zu mitgebrachtem Apfel-Hefekuchen trinken wir nach dem Museum in der Nachmittagssonne einen Kaffee. Danach machen wir uns Richtung Osten über den Ort Paju auf den Rückweg in die Stadt. Ein Abstecher auf die am Stadtrand gelegene und bei Bikern wie Radfahrern beliebte Bugaksan-Serpentinenstrasse mit Zwischenstopp auf dem Plateau rundet die Tour ab. Das Wetter hat auch andere Enthusiasten ans Licht gelockt: zwei Ducati-Diavel-Piloten (sehr stylish jeweils in schwarz und weiss), eine BMW R nineT, deren Fahrer uns seit ein paar Kilometern hinterherheizt und noch ein paar andere. Im letzten Licht gondeln wir dann nach kurzem Smalltalk (soweit möglich, weil kaum jemand brauchbar Englisch spricht) durch das Zentrum nach Hause, danach hat die NC wieder 250 km mehr auf der Uhr. 

International speisen lässt sich auch in Korea, und Sushi ist unbeschreiblich gut.

Essen hat in Korea einen enormen Stellenwert – gaaanz wichtig – es wird zelebriert und natürlich ist die koreanische Küche die weltbeste. Im Gegenzug wird “alles nicht-von-hier” als exotisch eingestuft und misstrauisch beäugt. Dennoch lässt sich in Seoul wahrlich international speisen. Es gibt nix, was es nicht gibt, welche Geschmacksrichtung auch immer gewünscht ist. Einmal entschlossen wir uns, dem Lieblings-Japaner wieder einen Besuch abzustatten. Dazu muss gesagt werden, dass es die japanische Küche, obwohl geografisch nah und von den Zutaten her ähnlich, hier eher schwer hat. Das koreanisch-japanische Verhältnis ist kompliziert und arg belastet, was mit der Geschichte zusammen hängt (Okkupation, Kriegsnachwirkungen, Verschleppung koreanischer Frauen zur Zwangsprostitution für japanische Soldaten, aktuelle Provokationen und Gegenreaktionen im militärischen Bereich etc.). Für Koreaner gilt es als unpatriotisch, japanische Vorlieben zu haben. Dennoch gibt es natürlich japanische Restaurants, uns isses eh wumpe, dafür schmeckt’s zu gut, als dass wir dies kulinarisch ignorieren könnten. Das Sushi ist unbeschreiblich gut, nicht zu vergleichen mit dem, was man in Europa bekommt. Hier gilt “weniger Reis, mehr Fisch”, dazu gibt es diverse Suppen, japanische Udon-Nudeln (so was von lecker!) und Beilagen – das schmeckt man.

Ein Fall für Adleraugen: Vogelfotografen.

Bei einer der nächsten Touren war als Mitfahrer zuerst der Kurze dran, danach die beste aller Sozias. Zunächst führte eine Rundtour uns zunächst am Han-Fluß entlang Richtung Osten bis in die Kleinstadt Yeongpyong. Während wir durch die Kurven schwingen, sehe ich plötzlich in einer Haltebucht direkt am Flussufer eine Reihe riesiger Fotostative, bestückt mit Kameras und Teleobjektiven, dahinter Männer in Tarnanzügen. Anker geworfen und rangefahren, das muss aufgeklärt werden! Wie sich rausstellte, waren das Vogel-Fotografen, die auf einen am Flussufer am Berghang nistenden Adler warteten, bis er auf Beutezug geht. Einer konnte etwas Englisch und erklärte, dass es nur noch 20 Exemplare dieser majestätischen Jäger gibt, die regelmäßig in Korea nisten. Wir konnten Fotos anschauen, die die Burschen schon erfolgreich gemacht hatten, sehr beeindruckend! Während wir dort standen, rührte sich selbstverständlich der Adler keinen Millimeter aus dem Nest.

M-Sticker all over the place für die BMW.

Weiter gen Osten gab es eine Raststätte, die am WE beliebter Motorrad-Treffpunkt ist. Auch wir hielten an, um etwas Lokalkolorit nach dem Motto “Was treibt der koreanische Biker am Wochenende?” aufzuschnappen. Es gibt (wie überall) die BMW-Fraktion, »King of Motorrad«, eh klar. Die eher kurzbeinigen Koreaner sind oft keine Hünen und die bajuwarischen Kräder bekanntlich schon ziemliche Wonneproppen. Ein gewisser Zielkonflikt ist also vorprogrammiert. Ich durfte der Auspark- und Abfahrprozedur einer K1600 GT beiwohnen. Das dauert seine Zeit, bis der Brocken gaaanz langsam und vorsichtig zurechtgerückt und der Seitenständer ausgeklappt ist, der linke Fuss die Fussraste entert, die rechte Stelze über den tiefergelegten Sitz geschwungen ist, die Fuhre in die Senkrechte balanciert wird und es dann, nachdem der Seitenständer wieder eingeklappt ist, auch schon losgehen kann. Die Heckansicht zeugt natürlich vom Tunnelblick des Eigners, M-Aufkleber kleben all over the Heck; da fällt auch nicht weiter ins Gewicht, dass es mitunter verkehrt herum auch ein W ist. Dann die Harley-Fritzen, die sind eigentlich überall gleich: Fransentaschen, Auspuff nicht unter 2,50m Länge, blitzendes Chrom, gerne auch das ganze Eisen damit überzogen, auf das bei Papi am Abend die Putzwolle glüht.

Stretch-Zoomer, sehr apart.

Sehr apart auch wieder tiefgelegte Stretch-Varianten des Honda Zoomer. Ich stehe da regelmäßig davor und frage mich kopfschüttelnd, wie man so eine Büchse bewegt, ohne einen Krampf zu kriegen. Auch ein X-ADV rollte heran und parkte direkt neben meiner NC. Nach einem Kaffee und einem Kuchenkringel (neudeutsch Donut) ging es weiter auf der anderen Flußseite zurück Richtung Stadt über kurvige und eigentlich fein zu fahrende Straßen, wären da nicht ständig diese Speed-Bumps und koreanische Büchsentreiber, die ihre Vehikel am liebsten um die Kurve tragen. Anyway, war wieder ein netter Ausflug mit Wissens- und Sehenswertem.

Soweit bis hierhin also, demnächst in 14 Tagen mehr in diesem Kino. Gruss aus der Ferne vom Hondawolf

Text und Fotos von Wolfgang Faust

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