Fahrbericht Harley Low Rider S

0
Passt rundum: Low Rider S, Jahrgang 2020.

»Messen Sie ihre Herzfrequenz in km/h«. So überschreibt Harley die 2020er Low Rider S auf der Company-Website. Das lässt sich ohne Zaudern unterschreiben, wenn man einen Tag damit entzückt herumgecruist ist. Der 1,9 Liter-Motor der durchaus schlank anmutenden, aber vollgetankt immer noch 308 kg schweren Maschine rumpelt beim Druck auf den E-Starter los wie ein Schiffsdiesel, gebärt sich nach dem Losfahren aber smoother, man spürt das Pulsieren nicht so direkt, trotzdem ist das Big-Twin-Feeling da, drehzahlabhängig, mal mehr mal weniger, nur in den Fussrasten kribbelts zwischendurch, was das Fahrerlebnis angenehm unterhaltsam gestaltet. Der Motor hängt fein abgestimmt geschmeidig am Gas. Auch die Sitzposition ist okay, die Fussrasten sind mittig positioniert; bei diesem Bike passt also alles ziemlich auf Anhieb bei einer Test- oder Probefahrt, was wichtig und bemerkenswert ist, vor allem wenn das Bewegen gewichtiger US-Eisen sonst eher selten praktiziert wird (oder bisher noch gar nicht).

Mächtiges Eisenherz mit schöner Laufkultur.

HD-Kenner wissen, dass es 2016 bereits eine Low Rider S mit Stereo-Federbeinen am Heck gab. Die neue 2020er Low Rider S gehört nun der Softail-Familie an. Das heisst: Der Rahmen weckt optisch die Illusion eines Starr-Rahmens, verfügt jedoch über ein Federbein unter dem Sitz, das dem Auge des Betrachters verborgen bleibt. In dieses Softail-Chassis hat Harley-Davidson den luftgekühlten Milwaukee-Eight 114 V-Twin mit 1.868 Kubikzentimetern Hubraum, Doppelzündung und ölgekühltem Auslassbereich eingebaut. Der Vierventiler wuppt 94 PS und 155 Nm Drehmoment aus niedrigen Drehzahlen, alles spielt sich zwischen 850 Touren (Leerlauf), 3.000 Touren (max. Drehmoment) und 5.020 Touren (max. Leistung) ab. Speziell ist, dass der Motor starr mit dem Rahmen verschraubt ist, jedoch über zwei Ausgleichswellen verfügt. Das ist die Erklärung dafür, dass sich das Harley-Feeling genießen lässt, ohne mit übertrieben schüttelndem Eigenleben konfrontiert zu werden. 

Entspannt cruisen.

Auf der Gabelbrücke nehmen zwei Riser den etwas nach hinten gekröpften Tourenlenker auf. Tacho und Drehzahlmesser sind in analogen Rundinstrumenten auf dem Tank platziert, im kleinen LCD Feld kann man diverse Angaben nacheinander aufrufen: Ganganzeige, Kilometerzähler, Kraftstoffstand, Uhrzeit, Tageskilometer und Reichweite. Den Tank zieren zwei Tankdeckel, aber nur der rechte fasst Sprit. Der linke Spiegel ist recht nah an Handgriff und Lenkerarmatur plaziert, der rechte lässt mehr Raum für die Gashand. Die kleine Lampenverkleidung vorne pflegt einen optisch dezenten Auftritt, produziert keine störenden Wirbel und ist mit LED-Licht mitsamt Tagfahr-Funktion bestückt.

Aufgeräumtes Cockpit.

Dem Fahrwerk haben die Amis die Bezeichnung High Performance mit auf den Weg gegeben. Heisst: Die Front führt eine 43er Upside Down-Gabel, hinten am Monodämpfer lässt sich die Federvorspannung über ein Handdrehrad einstellen. Die Low Rider S rollt vorne auf einem schmalen 110er Vorderrad (mit 19 Zoll), am Heck rotiert ein normalbreiter 180er Pneu (in 16 Zoll). Zwei Grad weniger Lenkkopfwinkel (28 Grad statt 30) als beim Basismodell Low Rider stellen ein Plus an Agilität sicher. Damit steuert die Fuhre angenehm harmonisch, also wie man sich gemeinhin vorstellt, dass eine Harley fährt, ein bisschen schwerfällig vielleicht, aber nicht gleich Bulldozzer-tonnig.

Schwer vielleicht, aber nicht Bulldozzer-tonnig.

Als Fahrer throhnt man auf einem kommod gepolstertem Solositz, für Zweimannbetrieb schrauben HD-Dealer optional gerne ein zusätzliches Sitzbrötchen und Beifahrer-Fußrasten dran. Der V2-Motor hat einen bärig-gemütlichen Charakter, schiebt ordentlich an und zieht prall durch, auch der Sound aus der 2-in-2-Auspuffanlage im Shotgun-Style ist gefällig, lauter würde ich gar nicht haben wollen. Sechsganggetriebe und Belt-Drive transferieren die Kraft ans Hinterrad. Bronzefarbene 9 Speichen-Gussräder sind mit Michelin-Reifen (Typ Scorcher 31) bestückt.

Viel amerikanischer lässt sich nicht Motorrad fahren. Der Big-Twin wummert. Getriebe und Schaltung sind klonkig, Landmaschinenbau pur, aber man gewöhnt sich dran und blendet das irgendwann aus. Die Kupplung ist nicht superleicht, aber akzeptabel. Masse und Gewicht sind omnipräsent. Das Eisen lässt einen spüren – ich bin eine Maschine, keine Daunenfeder, Du musst mir schon sagen, wo es lang gehen soll.

Zwei Scheibenbremsen vorne und eine hinten sind für die Verzögerungsarbeitv zuständig. Die Bremse vorne lässt sich ordentlich dosieren und verzögert okay. Blinker typisch mit Tasten rechts und links, auch der Rest ist bedienungsfreundlich. Mit dem Keyless-Dings in der Tasche muss zuerst die Zündung aktiviert werden, dann betätigt man den E-Starter. Eine Alarmanlage gibt es natürlich auch an Bord.

Hubraum? Mehr als genug. Aircooled? Klar.

Etliche Bauteile der Low Rider S sind in Schwarztönen gehalten. Motor, Primärantrieb-Abdeckung und Tankkonsole (für die Rundinstrumente) sind in Wrinkle Black ausgeführt. Kupplungsdeckel, Luftfilter und untere Rockerbox-Abdeckungen tragen Gloss Black, die Auspuffanlage ist in Jet Black gehalten. Gabel, Gabelbrücken und Riser samt Lenker wiederum sind mit Matte Black beschichtet. 

Die Reifen sind Harley gebrandet, aber von Michelin. Haben gut funktioniert, Einlenken ohne besonderen Kraftaufwand, auch leichtes Verzögern in Kurven funktioniert ohne Aufrichten. Das macht es einfach, sich wohl zu fühlen. Man lässt entspannt in Kurven reinlaufen und zieht wieder raus, mit gutem Feeling. Die Bodenfreiheit ist besser als erwartet. Mit der Low Rider S lässt sich schön durch Kurven surfen, fast schon sportlich. Der bärenstarke, elastische Motor macht Laune, auch in den oberen Gängen schiebt es ordentlich aus Kurven raus, so wie es sein soll, um Spass zu haben. 

Die 2020er Harley-Davidson Low Rider S gibt es in Vivid Black für 19.795,- Euro und Barracuda Silver für 20.145,- Euro. 

Low Rider S beim Dealer zur Probefahrt auswählen? Gute Idee.

Datensalat Harley Davidson Low Rider S

Motor: Milwaukee-Eight 114, Luft- und flüssigkeitsgekühlter Zweizylinder-Viertakt 45-Grad-V-Twin, Kurbelwelle quer zur Fahjrrichtung, zwei zahnradgetriebene Ausgleichswellen, eine untenliegende, per Zahnkette angetriebene Nockenwelle, vier über gegabelte Kipphebel betätigte Ventile je Zylinder (ohv), Auslassbereich ölgekühlt, Hydrostößel, Bohrung 102 mm, Hub 114,3 mm, Hubraum 1.868 ccm, Verdichtung 10,5 zu 1, Leistung 94 PS bei 5.020/min, max. Drehmoment 155 Nm bei 3.000/min, Trockensumpfschmierung, Kraftstoffeinspritzung, Saugrohr-Ø 55 mm, Electronic Throttle Control (ETC), kontaktlose Transistorzündung, E-Starter, 42 A-Dreiphasen-Drehstromlichtmaschine mit 390 W bei 1000 U/min und max. 546 W, wartungsfreier AGM-Akku 12 V/17,5 Ah, geregelter Katalysator, Ölkühler, 2-in-2-Auspuffanlage

Fahrwerk: Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen mit Backbone-Oberzug, Upside-Down-Telegabel, Tauchrohr-Ø 43 mm, Zentralfederbein mit hydraulisch von Hand einstellbarer Federbasis, Dreieckschwinge aus Stahlrohr, Vierkantstahlprofil und Gussformelementen, Lenkkopfwinkel 28°, Nachlauf 145 mm, ABS-Bremssystem, vorne zwei gelochte 300 mm Ø Scheibenbremsen, Vierkolben-Festsattel, hinten eine Scheibenbremse Ø 292 mm, Zweikolben-Schwimmsattel, Federweg v/h 130 mm/112 mm, 9 Speichen LM Gussräder, Reifen Michelin/Harley-Davidson Scorcher 31, vorne 110/90 B19 62H, hinten 180/70 B16 77H, Luftdruck 2,5 bar vorne + 2,8 bar hinten, Primärantrieb über Duplex-Kette, mechanisch betätigte Zehnscheiben-Ölbadkupplung, 6-Ganggetriebe, Zahnriemen.

Diverses: Gewicht vollgetankt 308 kg, Zulässiges Gesamtgewicht 526 kg, Zuladung 218 kg, Tankinhalt 18,9 Liter (Reserve 3,8 Liter), Verbrauch 5,6 Liter/100 km, Kraftstoff Super Bleifrei, Sitzhöhe 690 mm, Radstand 1.615 mm, Höchstgeschwindigkeit 190 km/h. Farben: 4 Jahre Garantie ohne km-Begrenzung. Service-Intervalle: Erstinspektion nach 1.600 km, Inspektion 1 x jährl. oder alle 8.000 km, Motorölwechsel mit Filter alle 8.000 km, Motoröl Harley Davidson HD 360, Füllmenge Öltank mit Filter 4,7 Liter, Zündkerzen 6R10, Leerlaufdrehzahl 850/min.

Features: Solositz, Scheinwerferverkleidung, LED-Scheinwerfer, USB-Anschluss, analoger Tachometer und analoger Drehzahlmesser (separat in Tankkonsole), Wegfahrsperre, Keyless Ignition, Restreichweitenanzeige, selbstrückstellende Blinker, Warnblinkanlage, Anschluss für Batterieladegerät.

Preis 19.795,- in Vivid Black / 20.145,- Euro in Barracuda Silver

Black Bikes look better in shape? Yup, hier schon.

Fotos: HD, Buenos Dias

About Author

Avatar

Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

Leave A Reply