Weit weg, nah dran. Korea-Life-Kolumne, Teil 1

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Wolfgang Faust lebt und arbeitet in Seoul. Weil in Südkorea so vieles anders, abenteuerlich und interessant ist, wird »Hondawolf« sich mit der Kolumne »Weit weg, nah dran« auf Gasgriffsalat.com künftig regelmäßig melden. Hier ist er mit seiner NC750X DCT vor dem Bongeunsa-Tempel in Gangnam, der zu Buddha´s Birthday prachtvoll geschmückt wurde.  

Hallo zusammen, mein Arbeitgeber hat mich nach Südkorea verschifft, wo ich seit August 2018 lebe und jeden Tag zu lernen versuche, wie das Land und seine Leute ticken. Alles ist anders als in Europa und Deutschland im Speziellen. Wobei das Alltagsleben funktioniert wie bei uns. Das Erscheinungsbild der Menschen ist meist sehr modisch, die Infrastruktur geht in Ordnung, der Verkehr brummt, modern und neu sind beliebte Attribute für die Beschreibung dessen, was man sieht. Dahinter stehen jedoch Jahrhunderte alte Traditionen, ein konservatives Gesellschaftsbild bei der älteren Generation und ungelöste Probleme bei der Bewältigung der großen Sprünge in die Moderne, was für latent konfliktträchtige Momente in der Bevölkerung sorgt. Als Ausländer betrifft einen das schon wegen der hohen Sprachbarriere nur am Rande, man bekommt es aber mit. Abgesehen davon ist das Leben hier angenehm, man hat uneingeschränkte Bewegungsfreiheit, kann auf sehr gut ausgebaute Verkehrs- und Kommunikationsstrukturen zugreifen und kommt gut zurecht. Auf die politische Problematik mit Nordkorea gehe ich hier bewußt nicht ein, das ist ein mehr als abendfüllendes Thema.

Ein wesentlicher Bestandteil des Umzugsgutes war meine Honda NC 750 X, die nach umfangreichen administrativen Vorbereitungen hier zugelassen ist und (ganz wichtig, darauf komme ich gleich!) auch von mir bewegt werden darf. Südkorea hat eine eher eigene Praxis bei der Umschreibung ausländischer Führerscheine; den Autolappen bekommt man problemlos umgetauscht, er beinhaltet automatisch die Berechtigung zum Fahren von Zweirädern bis 125 ccm. Für alles darüber gelten außerhalb von Korea erworbene Führerscheine nicht, dafür muss zwingend eine gesonderte Prüfung absolviert werden, die gewissen Aufwand erfordert. 

Aparte Bezeichnung der Butze, in der das Büro der Fahrschule ist: “Motorcycle Control room – Waiting room”. Klingt fast wie in Cape Canaveral..

Die Seoul Driving Academy (SDA) bietet für sogenannte »Expats« eine Möglichkeit, die im Idealfall drei Tage erfordert und drei Theorie- sowie zehn Praxisstunden umfaßt, wobei an einem Tag maximal vier Praxisstunden möglich sind. Man muss keine theoretische, wohl aber die Praxisprüfung am Schluss der 10 Übungsstunden absolvieren. Diese Prüfung wird jeweils Dienstag und Samstag abgenommen und besteht im möglichst fehlerfreien Befahren eines speziellen Kurses auf dem Übungsplatz der Fahrschule, deren Prüfer von der staatlichen Führerscheinbehörde anerkannt sind. 

Fahren will gelernt sein: Ordentlich Betrieb bei der Seoul Driving Academy.

Der Fahrkurs besteht aus vier Elementen. Das erste bereits treibt auch erfahrenen Fahrern den Schweiß auf die Stirn. Man muss eine meterbreite Gasse befahren, die nach einer Fahrzeuglänge rechtwinklig nach links abbiegt und nach drei weiteren ebenso rechtwinklig nach rechts. Man darf dabei die Ränder des Kurses nicht mit den Rädern berühren. Dort ist ein Sensorkabel eingelassen, welches bei Berührung einen Fehler aufzeichnet. Der weitere Verlauf sind eine S-Kurvengasse, die problemlos zu befahren ist, ein schmaler Geradeausstreifen und eine relativ breite Slalomgasse, wobei beide mit etwas Übung gut zu bewältigen sind. Wenn man diesen Kurs nach insgesamt ca. 35-40 Sekunden fehlerfrei bzw. mit maximal einem Fehler (z.B. Fuß runter oder Rand berührt) absolviert hat, ist man fertig. 

Die Fahrschul-Bikes sind Hyosung GT 250R.

Es gibt während der Übungsstunden Gelegenheit, diesen Kurs hunderte Male jeweils ca. 50 Minuten am Stück (danach ist zehn Minuten Pause, man checkt per elektronischer Karte neu ein, was peinlich genau überwacht wird) stupide zu befahren, wobei zur Prüfung nur der aktuelle Versuch gewertet wird, der auch schon mal schiefgehen kann. Dann muß man zum nächsten Prüfungstermin nochmal antreten. In den letzten Fahrstunden vor der Prüfung schaltet der Instruktor die Anlage scharf, so daß man testen kann, wie man durchkommt. Ich durfte die Prüfung bei strömendem Regen ablegen, habe aber beim ersten Versuch bestanden. Neben diversen administrativen Anforderungen kostet der Spass umgerechnet ca. 250 Euro. Die Prüfung kostet extra (ca. 25 Euro), die Ausstellung des Führerscheins selbst auf der zentralen Behörde etwa 5 Euro. Das ist zwar alles in allem günstig, bindet aber wie gesagt drei Tage.

Knifflige Passagen, Outfits eher luftig.

Vor allem aber braucht man viel Geduld und Langmut. Die SDA wirbt mit englischsprechenden Mitarbeitern, letztlich sind die Kenntnisse der Fahrlehrer zwar ausreichend, aber schon begrenzt. Wenn in den Theoriestunden auch Koreaner sitzen, wird der Unterricht auf Koreanisch gehalten, was aber unproblematisch ist, da man dort im Grunde nur seine Zeit absitzen muss und die Stunden keinerlei Erkenntnisgewinn bringen. Man bekommt u.a. einen Videofilm mit englischen Untertiteln und teils abenteuerlicher Übersetzung gezeigt, in dem so bahnbrechende Hinweise wie »es gilt den Kinnriemen am Helm zu schließen, damit er auch schützt« vermittelt werden. 

Schön anzusehen, wenn ein Proband, man beachte die Protektoren, erfolgreich den Kurs umrundet hat. Dann wird für den Prüfer mitsamt Victory-Geste posiert. Der freudige Moment muss ja für die Nachwelt festgehalten werden. 

Die Praxisübungen sind also hochgradig eintönig und ausschließlich auf das Bestehen der Prüfung ausgerichtet. Man fährt keinen Meter auf öffentlichen Straßen, zu Fahrtechnik, Fahrzeugbeherrschung, Sicherheitstechnik, Interaktion mit anderen Fahrzeugen etc. wird kein Wort verloren. Die auf dem Platz benutzten Motorräder sind Hyosung GT 250R – brave Zweizylinder, die den ganzen Tag über den Kurs gequält werden, im ersten Gang und mit Standgas.

Pretty close, aber eine Adventure-NC in Südkorea kann so schnell nichts erschrecken.

Alles in allem eine interessante Erfahrung, die alternativlos ist, wenn man in Korea Motorrad fahren will. Jammern und Wehklagen helfen nichts, man muss da durch, andernfalls bekommt man sein Motorrad (jedenfalls als Expat) weder versichert, geschweige denn zugelassen. Ein schönes Gefühl, nach (in meinem Fall) 35 Jahren Motorradpraxis bestätigt zu bekommen, dass man sein Gefährt auch hier bewegen darf, ist es allemal. Danach also durfte ich ein Kennzeichen an meine NC-Honda kleben und erste Touren in die Umgebung von Seoul unternehmen. Da die Straßen alles in allem in sehr gutem Zustand sind, macht das Fahren Spaß und man gewöhnt sich schnell an den quirligen Verkehr, in dem das DCT-Doppelkupplungsgetriebe seine Trümpfe natürlich ausspielt. 

Zahlreiche Zweiräder überall, auch Mitfahrer gibt es reichlich

Seoul nimmt man trotz der 10 Millionen Einwohner kaum als Megacity wahr, weil die Umgebung bergig ist und die Stadtteile auch durch den Han-Fluß gut voneinander getrennt sind. Die Entfernungen sind spürbar größer und die Ausdehnung natürlich mit keiner europäischen Stadt vergleichbar. Der Autoverkehr ist zäh und stauintensiv, auf den teils achtspurigen Magistralen am Fluß und auf den großen Brücken herrscht im Grunde Dauerstillstand. Mit dem Zweirad ist man da deutlich besser und schneller unterwegs, um den Preis einer erhöhten Gefährdung natürlich. Letztlich fahren die Koreaner aber relativ defensiv, Ausnahmen sind Taxi- und Busfahrer, von denen es nur zwei Typen gibt: entweder vollkommene Phlegmatiker, die auch stur Kurs halten, selbst wenn es eng wird oder Hektiker, die in jede Lücke springen und alle anhupen, die vermeintlich im Weg stehen. Empfindlichen Mägen ist das eher unzuträglich, weil der permanente Wechsel zwischen Gas- und Bremspedal (jeweils in den Endstellungen) Brechreiz hervorrufen kann. 

Song-do – die Retortenstadt, gehört administrativ eigentlich zur Stadt Incheon, nicht zu Seoul. Da hier aber quasi alles zur 25 Millionen-Einwohner-Hauptstadt-Metropolregion zählt, lässt sich das, zumal aus der Ferne, durchaus gelassen sehen.

Eine Pest sind die omnipräsenten Smartphones und ihre darauf starrenden Besitzer. Fußgänger laufen einfach auf die Fahrbahn und wähnen sich in einer Schutzblase; sie schauen nicht mal auf, wenn vor ihnen notgebremst wird. Autofahrer verpennen Ampelphasen, weil WhatsApp wichtiger ist. Das Allerschärfste sind die Moped- und Rollerkuriere, die auf ihren abenteuerlich umgebauten Gefährten regelrechte Armaturenbretter angebracht haben, in denen sie ein halbes Dutzend Telefone betreiben, auf denen Bestellungen im Sekundentakt eingehen, Navigation angezeigt wird oder ein Trickfilm läuft. Bedient wird das alles selbstredend während der Fahrt. Für diese Kuriere gelten sichtlich auch keine Regeln: man fährt bei Rot, nutzt Fußgänger-Überwege zum Wenden oder Abbiegen, Einbahnstraßen sind nonexistent, Fußwege nicht zwingend tabu. Beladen mit allem Möglichen und Unmöglichen sichern sie die Versorgung einer konsumorientierten Metropole und sind nicht wegzudenken. Interessant auch die Kleiderordnung: im Sommer gern in T-Shirt, Shorts und Adiletten, aber immer mit Knie- und Ellenbogenschützern. Inzwischen sieht man auch hier und da richtige Motorradklamotten, aber Sicherheit steht nicht wirklich im Vordergrund. Sehr schön auch manche Lenkerstulpen, die man in der Billigvariante mit Plastiktüten und Tape wasserdicht macht. Handschuhe gehen ja wg. Handybedienung gar nicht.

Schnappatmung. Nichts ist unmöglich.

Die technischen Umbauten an manchen Vehikeln würden einem deutschen TÜV-Prüfer Schnappatmung bescheren. Zur Vergrößerung der Ladefläche hinter dem Fahrersitz wird schon mal das Heck verlängert, am Rahmen ein Rohrgestell angeschellt, die Schwinge durchgesägt, ein Vierkantprofil rangebraten und die Kette verlängert. Manchmal gibt’s noch ein Paar Zusatzfederbeine wegen der größeren Last. Sehr beliebt sind auch Dreirad-Hybride: vorne ein Daelim-Chopper (gerne auch mit Plexiglas-Regenhauben-Überbau), ab Fahrersitz nach hinten verbreitert mit ungefederter Starrachse und Ladeplattform. Fahrverhalten wie ein Konzertflügel; wenn so ein Ding über eine sechsspurige Kreuzung eiert und durch die Spurrillen ins Hoppeln und Wanken kommt, fällt einem das Vaterunser ganz schnell wieder ein. Man sieht in Deutschland ja häufig Handwerkerautos von Glasern, die an der Seite Aufnahmegestelle für Fensterrahmen und Scheiben aufweisen. So etwas gibt’s hier auch, nur eben an Mopeds, die damit dann auch Schräglage in Kurven fahren.

Die NC 750 X wird auch in Südkorea angeboten, ebenso der X-ADV, ist allerdings vergleichsweise teuer, wie alle Importe, besonders die japanischen. 

Aber genug gelästert. Die „echte“ Motorradgemeinde ist überschaubar, was nicht zuletzt mit der Führerscheingeschichte zusammen hängt, aber auch dem Umstand geschuldet ist, dass die meisten als Statussymbol halt ein Auto haben wollen und ein großes Motorrad dann reiner Luxus ist. Nichtsdestotrotz sind alle großen Hersteller mit Händlern vertreten. Harley hat seinen Protzpalast ebenso wie BMW (deren Haupthändler heißt hier witzigerweise „Deutsch Motors“), die vier Japaner, Ducati, KTM usw. Auch Exoten wie Indian, Benelli und MV Agusta gibt’s. Die Heimatmarken Hyosung und Daelim, die taiwanesischen Kymco und SYM sind natürlich allgegenwärtig, spielen aber im Motorrad-Segment keine große Rolle. 

Gold Wing in Rundum-Regenbogen-LED-Illumination.

Wer sich hier für ein Motorrad entscheidet, nimmt richtig Kohle in die Hand. Die Harleys sind meist in der Christbaumausstattung unterwegs, diverse BMW R nineT mit handabgesteppter Bergziegenpenisleder-Sitzbank und goldeloxierten Handhebeln trifft man ebenso an wie die neue Gold Wing in der Rundum-Regenbogen-LED-Illumination. Sehr beliebt ist auch Front- und Heck-Kameraaufzeichnung mit GPS-Tracking, warum auch immer. Südkorea hat kaum Alltagskriminalität, man sieht nagelneue I-Phones auf Kneipentischen, während die Besitzer pieseln gehen. Es gibt eine Reihe von Motorrad-Zubehör- und Klamottenhändlern, die alle in einem bestimmten Viertel angesiedelt sind, so wie alle anderen „Gewerke“ auch. Es gibt eine Straße für Bilderrahmengeschäfte, eine andere für Backzubehör, Haustiere, Wasserhähne und eben auch eine für Motorradkrempel. Das macht die Suche mitunter aufwendig und schwierig, ist aber Tradition. Sowas wie OBI oder Mediamarkt, wo man alles an einer Stelle bekommt, gibt’s hier nicht. 

Alteisen fahren und stehen auch herum.

Die Harleyfritzen organisieren offensichtlich öfter gemeinsame Touren, jedenfalls habe ich auf den bisherigen Touren fast immer HD-Gruppen getroffen. Kann natürlich auch damit zusammenhängen, dass sie sich gegenseitig helfen können, wenn wieder so ein Museumseisen stehen bleibt. NC-Hondas habe ich schon gesehen, die NC 750 X wird auch hier angeboten, ebenso der X-ADV, allerdings sind diese vergleichsweise teuer, wie alle Importe, besonders die japanischen. 

Glücksschwein, interessanter Name für eine German Metzgerei.

Zugang zur hiesigen Community ist nicht so einfach wg. der Sprache. Die meisten verabreden sich online in Chatgruppen, da habe ich keine Chance. Ist aber nicht weiter schlimm, ich bin ohnehin meist alleine oder mit der liebsten aller Sozias unterwegs. Lohnenswerte Sträßchen gibt’s hier massig. Wenn man mal aus der Stadt raus ist, wird’s sogar richtig idyllisch – bergig, kurvig, gut zu fahren und immer was zu sehen. Alle Nasen lang hat’s Tempel, Aussichtspunkte, irgendwelche Attraktionen. Es gibt flächendeckend Cafés, Kneipen (wo man aber schauen muss, was es zu essen gibt, nicht alles ist unser Geschmack), man findet überall benutzbare Toiletten – kurzum sehr angenehmes Reisen meist entlang von Wasserwegen und in den Bergen. Tanken ist auch kein Problem, es gibt ausreichend Zapfstellen, die Preise sind mit denen in Deutschland vergleichbar, aber bei den NC-Verbräuchen ist das eh nachrangig. Ein Nachteil ist, dass man mit Motorrädern egal welcher Größe/Leistung generell nicht auf die Autobahnen darf, die im Übrigen mautpflichtig und alle tempolimitiert sind (max. 110 km/h). Wenn man z.B. zügig an die Ostküste will, ist das hinderlich, weil man schlicht doppelt so lange braucht. Ansonsten ist es natürlich schön, weil die Überlandstraßen vergleichsweise wenig befahren sind und es viel zu sehen gibt.

Für’s Erste soll es das gewesen sein aus Seoul, ich melde mich wieder, in 14 Tagen. Gruss aus der Ferne vom Hondawolf

Obst-Business in großem Stil.

Alle Fotos: Wolfgang Faust

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