Fahrbericht: Harley-Davidson Sport Glide

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Harley sagt zur Sport Glide: »Wenn Sie gerne herumstreunern, dann aber richtig.«

Harley-Davidson organisierte bei Malaga in Spanien ein Media-Event unter dem Überbegriff »Triple S«, was für »Softail, Sportster, Scramble« stand. Es ging darum, eine Handvoll Big-Twins zu entdecken, einen Hillclimb zu überleben, eine Spritztour mit der elektrischen LiveWire zu geniessen und mit wunderbar customisierten (und lauten) Sportstern durch die Nacht zu donnern. Die ganze Action in einen Beitrag zu pressen, wäre nicht angemessen, deshalb greift hier die Stück-für-Stück-Taktik, bei der alle paar Tage ein Artikel folgt. Den Anfang machte ein Interview mit Frau Street Bob, Lisa Happ, dann eine Impression der Sause mit den customisierten Sportstern, hier folgt nun ein Fahrbericht über die Sport Glide.

Der linke Tankdeckel ist eine Attrappe, getankt wird rechts. Schöne Aussicht.

Harleys Modellpalette glänzt mit hohem Verwirr-Potential – der amerikanische Namensalat ist nicht so easy abzuspeichern,  dazu sehen sich alle Eisen ziemlich ähnlich. Also wirf man als Frischling zuerst einen orientierenden Blick auf die HD-Website. Dort steht einleitend zur Sport Glide: »Wenn Sie gerne herumstreunern, dann aber richtig. Heben sie ihre Streifzüge auf ein höheres Level. Spulen Sie Kilometer auf der Autobahn ab. Jagen Sie durch das Winkelwerk der Kurven. Stoßen Sie ins Nachtleben. Die Sport Glide ist gemacht, um mit ihr Abenteuer zu erleben.«

Andere Welt: 317 Kilo und 83 PS aus 1.750 Kubik.

Steht man in Natura vor der Sport Glide, mutet diese gefällig langgestreckt und relativ knackig an, ein bißchen wie gejoggt. Der extra aufgedickte Chrom-Lenker (kein Fat-Bar) ist tourig geformt, die Fußrasten sind nach vorne versetzt. Das kantige Mantis-Design der überfrästen Gussfelgen ist echt mal etwas anderes, ungewöhnlich mutet auch die 2-in-1-Auspuffanlage (mit schwarzen Töpfen) an. Die Koffer sind abnehmbar und lassen sich nach Betätigen eines Hebels aufklappen zum Beladen. Die Preisgestaltung beginnt bei 17.995,- Euro mit einfachem Schwarz, die schicken Zweiton-Farben Tahitian Teal oder Scorched Orange kosten 1.500 Euro mehr.

Eine Besonderheit ist, dass der Milwaukee-Eight-Motor (mit 107 Cubik Inch) fest verschraubt im Softail-Rahmen hängt, aber mit einer Ausgleichswelle versehen ist. Dieser Big-Twin holt aus 1.746 Kubikzentimeter Hubraum 83 PS bei 5.450 Touren. Das max. Drehmoment von 145 Nm zerrt bei 3.250/min am Belt-Drive. Vorne federt eine Upside Down Gabel, hinten ein Monoshock mit einstellbarer Federvorspannung, dafür findet sich am rechten Seitendeckel extra ein Drehknauf. Die lenkerfeste Verkleidung kann nach Lösen weniger Schrauben abgenommen werden. 

Sport Glide: Durchaus schlanker optischer Auftritt.

Der Analog-Tacho auf dem Tank bietet im unteren Teil ein LCD-Fenster, in dem sich Drehzahlmesser, Tank- und Restweitenanzeige, Temperatur, Uhrzeit, Km-Stand und zwei Tageskilometerzähler über einen Taster links am Lenker nacheinander durchschalten lassen. Eine digitale Ganganzeige hilft, das 6-Ganggetriebe zu sortieren. Die HD-gebrandeten Michelin-Scorcher-Pneus messen 130/70-18 (vorne) und hinten 180/70-16. Der Tank bunkert stattliche 18,9 Liter, den Verbrauch ist mit 5,3 Litern auf 100 km angegeben. Eingefüllt wird über den rechten Tankdeckel, der linke ist eine Attrappe, um die Symmetrie zu bewahren. LED-Scheinwerfer und LED-Rücklicht komplettieren die Ausstattung, ebenso USB-Steckdose, Keyless-System und Einscheiben-Bremse mit Vierkolben-Festsattel-Kneifer vorne. Das Gewicht beträgt vollgetankt 317 kg, die Sitzhöhe 680 mm. 

Einen Grund, die Verkleidung abzunehmen (geht easy) gibt es eigentlich nicht.

Bei manchen Bikes anderer Hersteller fällt das Handling leichter aus als die Optik vermuten lässt. Bei Harley ist es eher umgekehrt. Der Auftritt der Sport Glide ist für HD-Verhältnisse fast schlank gestreckt, in Bewegung erfordern schiere Masse und Gewicht jedoch festes Zupacken. Man überreisst jedenfalls rasch, warum alle von »Eisen« reden und nicht von »Daunenfedern«. Von selbst oder gar mühelos geht das nicht um die Ecken. Nach ein paar Kilometern Eingewöhnung geht das Fahren aber schon besser von der Hand und der geschmeidige Charakter der Sport Glide scheint durch.  

Man throhnt halt so da, das entspannte Sitzdreick passt, das Motorpulsieren wird eher weggedimmt wahrgenommen. Die Kupplung ist nix für Luschis, das Getriebe verströmt Landmaschinen-Charme, ohne »Klonk« kein Gangwechsel. Dafür funktioniert die Vorderrad-Bremse schön dosierbar. Der Federungskomfort stimmt, die Aerodynamik hinter der Lenkerverkleidung mit knapp abrasierter Scheibe funktioniert ohne Wirbelbildung und störende Turbulenzen. Hinten bremsen lässt sich auch, das Arrangement aus vorverlegten Rasten und luftig freistehendem Hebel fühlt sich jedoch eher gewöhnungsbedürftig an.

Ob das Fahren mit der Sport Glide Spass macht? Seltsame Frage, ja natürlich!

Ob das Fahren mit der Sport Glide Spass macht? Seltsame Frage, ja natürlich! Aber: Harley-Fahren ist eine Welt, in der es gewichtig zugeht und die Eingewöhnung erfordert. Schwungvoll gleiten lässt sich mit der Sport Glide zweifellos. Das läuft wie angeschraubt geradeaus und liegt auch satt in Kurven. Aber besser ist es, stets einen Tacken mehr vorausschauen, quasi wie ein Tankerkapitän. Spontane Fahrmanöver, um den Kurs zu korrigieren, gilt es besser zu vermeiden, ebenso hektische Alarm-Alarm-Aktionen. Mit Zurückhaltung fährt es sich in der Heavyweight-Liga jenseits der 300 Kilo einfach entspannter. Auch weil die Hacken auf den vorverlegten Rasten nach unten stehen, beim Aufsetzen in Schräglage zieht es einem nämlich gleich den Stiefel herunter.

Unverkennbare HD-Handschrift, jedenfalls wird nie jemand fragen: »Ist das eine BMW?«

In der persönlichen Salatprynz-Rangliste mit fünf Big Twins (außerdem noch Street Bob, Fat Bob, Low Rider S und Heritage 114) rangierte nach zwei Testtagen die Sport Glide optisch an erster Stelle und punkto Fahrspaß an zweiter Position. Als nächstes folgt in Kürze ein Beitrag über die Harleys Heritage 114, ein tourenfreundliches Dickschiff mit schüchternen 1.868 Kubik, 330 Kilo Lebendgewicht und riesiger Windscheibe. Also: Stay tuned.

Schöner Schatten.

Datensalat Harley-Davidson Sport Glide

Motor: Milwaukee-Eight 107, Luft- und flüssigkeitsgekühlter Zweizylinder-Viertakt-45-Grad-V-Twin, zwei zahnradgetriebene Ausgleichswellen, eine untenliegende, per Zahnkette angetriebene Nockenwelle, vier über gegabelte Kipphebel betätigte Ventile je Zylinder (ohv), Auslassbereich ölgekühlt, Hydrostößel, Bohrung 100 mm, Hub 111,1 mm, Hubraum 1.745 ccm, Verdichtung 10 zu 1, Leistung 83 PS bei 5.450/min, max. Drehmoment 145 Nm bei 3.000/min, Trockensumpfschmierung, Kraftstoffeinspritzung, Saugrohr-Ø 55 mm, Electronic Throttle Control (ETC), kontaktlose Transistorzündung, E-Starter, 390 Watt Lichtmaschine, wartungsfreier AGM-Akku 12 V/17,5 Ah, geregelter Katalysator, Ölkühler, 2-in-1-Auspuff.

Prächtige Aussicht, keine Frage.

Fahrwerk: Doppelschleifen-Stahlrohrrahmen, Backbone-Oberzug, Upside-Down-Telegabel, Tauchrohr-Ø 43 mm, Zentralfederbein mit hydraulisch von Hand einstellbarer Federbasis, Dreieckschwinge aus Stahlrohr, Vierkantstahlprofil und Gussformelementen, Lenkkopfwinkel 30°, Nachlauf 150 mm, ABS-Bremssystem, vorne eine 300 mm Ø Scheibenbremse mit Vierkolben-Festsattel, hinten eine Scheibenbremse Ø 292 mm mit Zweikolben-Schwimmsattel, Federweg vorne/hinten 130 mm/86 mm, 5-Doppelspeichen-LM-Gussräder schwarz, teilpoliert, Reifen Michelin Harley-Davidson, vorne 130/70 B18 63H Scorcher 31, hinten 180/70 B16 77H Scorcher 31, Primärantrieb über Duplex-Kette, mechanisch betätigte Zehnscheiben-Ölbadkupplung, 6-Ganggetriebe, Belt-Drive-Zahnriemen.

Diverses: Gewicht 317 kg, Tankinhalt 18,9 Liter, Verbrauch 5,3 Liter/100 km, Sitzhöhe 680 mm. Höchstgeschwindigkeit 190 km/h. Farben: Vivid Black, Midnight Blue, River Rock Gray Denim, Performance Orange; Tahitian Teal; Scorched Orange & Silver Flux, 4 Jahre Garantie ohne km-Begrenzung, Inspektion 1 x jährl. oder alle 8000 km, Preise ab 17.995,-

Features: abnehmbare Verkleidung, abnehmbare Koffer (Gesamt-Volumen ca. 50 l), LED-Scheinwerfer, LED-Rücklicht/Bremslicht/Blinker (kombiniert), Cruise Control, USB-Anschluss, Wegfahrsperre, Keyless Ignition, vorverlegte Fußrasten, Restreichweiten-Anzeige, Warnblinkanlage, Blinker selbstrückstellend, Anschluss für Batterieladegerät.

In der Heavyweight-Liga fährt es sich am besten entspannt.

Fotos: Buenos Dias, Arnaud Puig, Alex-Photo, Alessio Barbanti

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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