Mit Ducati4U in Oschersleben

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Unter diesen Bogen sollst du fahren…

Rote Teppiche werden für Filmstars, Politiker und VIP´s ausgerollt, nicht für Motorradfahrer. Es sei denn, man ist bei Ducati. Der Lippenstift-Bodenbelag schmückt Box 28, in der Papier- und Orga-Kram erledigt sein wollen: Anmeldung und Haftungsverzicht ausfüllen, Transponder ausfassen, Startnummern und Sticker für die Abnahme abgreifen, dazu Verpflegungs-Bons, Zeitplan und Gruppeneinteilung studieren. Da harren eine Menge Leute aus, die Stimmung ist hibbelig aufgekratzt, Vollgas liegt in der Luft, angereichert mit Vorfreude – und dass das Ganze nicht in Chaos ausartet oder in einer Cloud aus Ungeduld explodiert, liegt an den freundlichen Engeln hinter den Tischen, die alles händeln und abarbeiten, wie es geschmeidiger nicht geht.

Einladend: Roter Läufer bis vor zu den V4-Testbikes.

Der nächste rote Teppich liegt in Box 26, einladend von ganz hinten bis durch in die Boxengasse, wo eine Handvoll Desmo-Boliden darauf harren, im Laufe des Tages ausprobiert zu werden. Panigale V4, Panigale 959, Supersport S. Herr über die Testflotte ist Ducati-Technikus Tonino, der mit Papieren und Laptop hantiert. In Dunkel der Box parkt eine weiße Supersport S für mich. Die Spiegel sind abgebaut, dafür sind Kofferträger-Bügel noch dran. Also: Startnummern aufkleben, Licht und Blinker tapen und zur technischen Abnahme, die rasch problemlos erledigt ist.

Desmodromisiert: Salatprynz auf Ducati Supersport S.

Ich bin also in Oschersleben bei Ducati4U, einem Trackday- und Fahrtrainings-Event. 190 Teilnehmer haben sich eingeschrieben, etwa zwei Drittel auf Desmo-Bikes, der Rest auf Fremdfabrikaten, was gerne gesehen wird, weil es nicht nur darauf ankommt, glücklich im eigenen Saft zu schmoren, sondern auch Fahrer/innen anderer Marken zu beglücken und eine rote Injektion zu verpassen, quasi desmodromisch zwangsgesteuert und per zweitägigem Tropf intravenös direkt. 

Instruktor-Meeting.

Das Event kann ein- oder zweitägig gebucht werden, die Fahrzeit beträgt sechs Mal 20 Minuten pro Tag. Es gibt vier Gruppen: Blau ist instruktorengeführt. Bei Gelb (wenig Rennstreckenerfahrung), Grün (häufiger auf Rennpisten unterwegs) und Rot (schnelle Sportfahrer) ist freies Fahren angesagt. Für die Blauen (Rennstrecke-Novizen, Lernwillige) stehen an die zehn Instruktoren zur Verfügung, damit die einzelnen Gruppen klein bleiben – zwecks besserem Lerneffekt. 

Fahrerbesprechung.

Pflicht am Morgen ist die Fahrerbesprechung, mit allgemeinen Verhaltensregeln auf der Strecke und in der Boxengasse sowie Flaggenkunde; dazu Hinweise , das Tempo umsichtig erst nach einer Eingewöhnungsphase zu steigern; und natürlich das Trinken nicht zu vergessen und Bananen zu essen. Getränke und Obst gibt es gratis in der Hospitality-Box und gehört ebenso zum All-Inklusive-Service wie Mittag- und Abendessen.

Instruktor Kai mit Instagram-Ikone Pepe_Lila.

Ich bin Instruktor Kai zugeteilt, der seine Brötchen bei Ducati im Vertrieb verdient; er fuhr als Rennfahrer Cups, Langstrecke, 1000 km Hockenheim, etc. und darf drei Leute instruieren: einen mittelalten Burschen, eine Blondine aus Berlin (Monster 821) und mich. Ein vierter Mitfahrer, ein Ducati-Mitarbeiter aus dem Teile- und Zubehör-Sektor, schnuppert nur ein paar Runden rein und will sich dann ausklinken. Wir schützen alle blutiges Anfängerniveau vor und bekommen im ersten Briefing zu hören: Im Moment wird nicht überholt, es gilt auf die Blickführung zu achten, also dahin gucken, wo man hinfahren will. Auf der Straße fährt man nach Gefühl und Gegebenheiten, hier gilt es, sich einen Rhythmus aus möglichst gleichen Abläufen anzueignen, dazu um Brems- und Einlenkpunkte, Ideallinie, Gangwahl, Ausnutzung der Streckenbreite, etc.

Kai hält außerdem fest: »Es geht um sicheres Fahren und Spass haben. Wer hinter mir herfährt, muss sich keine Sorge machen, dass irgendwas passiert.« Weil er wie alle Instruktoren, obwohl er vorausfährt, mehr in den Spiegeln nach hinten schaut und genau mitbekommt, wer was hinter ihm anstellt und die Gangart entsprechend anpasst, falls eine Lücke aufreissen sollte. Insofern bestimmt jeder Teilnehmer das Tempo und damit sein Wohlgefühl selbst mit.

Sammeln zur Abfahrt in kleinen Gruppen.

Am Zaun entlang der Boxengasse hängen Schilder mit den Namen der Instruktoren, auch die Einfahrt vom Fahrerlager in die Boxengasse (und zurück) ist mit Pylonen und Schildern bestückt. So fällt es leicht, seine Gruppe passend zum Zeitplan anzusteuern. Ich war, glaube ich, schon tausendmal in Oschersleben, aber immer nur mit Notizblock und Kamera. Selber fahren ist eine andere Hausnummer. Schon beim Aufstellen in der Boxengasse und unter dem roten Luftdings-Bogen durchfahren, umzingelt von bollernen Twins, hätte ich mir eine GoPro gewünscht oder irgendeine Screenshot-Funktion im Hirn. 

Prickelndes Gefühl.

Es ist ein prickelndes Gefühl, Oleben selbst unter die Räder zu nehmen. Die Piste erweist sich breiter als vorher eingeschätzt, die zwei langen Rechtskurven (Hotel 1 und Hotel 2, sagen wir später zumindest dazu) krümmen sich ewig lang durch die Botanik, die Linie durch die schnelle Dreifach-Links stellt sich als Mysterium dar, die rumplige Schikane vor der Gegengeraden ist ein Frechheit, die Rechts-Links-Kombi danach verlangt eine kunstvolle Linie und die letzte Rechts verlangt eher spätes Einlenken, weil man sonst die Highsider-Gespenster beim Gasaufziehen herausfordert.

Instruktoren-Fuhrpark – lechz!

Die ersten drei 20-Minuten-Sessions in unserer Krabbelgruppe sind aufregend und lehrreich. Wie man die Welt um sich herum vergisst, wenn man sich nur auf Blickführung, Linienwahl, Schaltmanöver, Drehzahl, Beschleunigen und Bremsen auf einem 3,5 km langen Asphaltband konzentriert. Manche Abschnitte klappen passabel, hier und da auch eher nicht. Bei der Mittagspause erzählt Kai von Keith Code´s Trackday-/Rennfahrer-Handbuch »A twist of the Wrist, in dem die Weisheit aufgetischt wird, dass man für alles, was es auf der Rennstrecke zu erledigen gilt, nur 10 Dollar zu Verfügung habe – je mehr man automatisiert oder im Unterbewusstsein erledigt, desto mehr bleibt fürs kunstfertige Fahren und eine Portion Extraspeed übrig. 

Enno beim Debriefing.

Für die zweite Tageshälfte mit weiteren drei Sessions reicht mich Kai an Instruktor Enno weiter, der mit einer Vierergruppe seine Kreise zieht: zwei Kerle aus Wolfsburg (BMW F850R und 12er Monster), Christine auf Ducati Supersport S und Frank auf einer nackten Streetfigher 848. Die Gangart fällt einen Tick beschwingter aus; vor allem aber tauscht Enno die Reihenfolge hinter sich per Handzeichen nach jeweils einer Runde durch und gibt dazu – quasi in real-time – mit dem Arm Zeichen, wo man als Nachfolgender auf der besseren Linie wäre oder näher an den Randstein heranfahren soll. Auch Lob-Signale folgen zeitnah: Erwischte man eine Linie schulmäßig, gekrönt mit passender Beschleunigung bis an den Randstein, lässt der vorfahrende Instruktor subito einen hochgereckten Daumen folgen! 

Wie Enno das hinzauberte – selber fahren, den (oder die) Lernenden im Rückspiegel beobachten und noch begleitend zeitgleich Handzeichen zu geben, helfend wie lobend – habe ich nicht wirklich verstanden, aber es war sehr beeindruckend und nützlich zugleich. 

So in etwa geht´s rund im Karton.

Hilfreich war auch ein Briefing zwischendurch zur Ideallinie. Hier einlenken, da raustragen lassen und wieder reinziehen zum Curb, Farbmarkierungen oder Linien neben der Strecke nutzen, die bei der Orientierung helfen, gemeine Bodenwellen, die man besser umfährt, ebenso der Hubbel im Asphalt nach der Hasseröder; Kurven so fahren, dass man früh aufrichten und beschleunigen kann, um mehr Topspeed am Ende der Folgeraden zu erreichen, die spezielle Linie im früheren Shell-S (heute Mibau) beachten, besser nicht vorne bremsen, wenn´s wirklich mal geradeaus ins Kiesbett geht und etliche weitere Tipps für Wissbegierige – der Info-Schwall wurde wie ein Schwamm dankbar aufgesaugt.

Der zweite Tag war wieder mit 6 Sessions à 20 Minuten gespickt. Weil das Wolfsburger Duo sich verabschiedet hatte, kurvten wir zu dritt hinter Enno her, was den Lerneffekt weiter verbesserte. Weil nicht alle Instruktoren-geführten Gruppen die gleiche Gangart an den Tag legen, kommt es vor, dass man (als Gruppe) überholt wird, wenn der Instruktor vorne die Hand hebt und auf einer der geraden Stücke zur Seite fährt. Also wurden wir nicht nur überholt, sondern überholten selbst hier und da, weil am zweiten Tag ja auch wieder Neulinge und Einsteiger dazu gestossen waren. Wie geschmeidig die Gruppen insgesamt untereinander auf der Strecke umgingen, war jedenfalls bemerkenswert.

Mein Event-Hut: X-803. Leise, Top-Passform, schickes Design außen und speziell auch innen.

In der zweiten Session am zweiten Tag fingen meine Arme an zu schmerzen, dazu ging mir die Puste aus, worauf Enno riet, mit dem Körper zu arbeiten und Gewicht zu verlagern anstatt das Motorrad über die Arme zu steuern. Also versuchte ich fortan, mein Rearend in Kurven nach innen zu bugsieren und gleichzeitig die Arme locker zu halten, was gut klappte, jedenfalls kehrte die Puste zurück und ich kam klar, ohne mit meinen 10 Dollar für die zusätzlichen Abläufe in Not zu geraten. 

Nach der Zielgeraden folgt diese schnelle Links, bevor man rechts in die Hotel No. 1 umlegt. Auf dem kurzen Geradeausstück dazwischen ist genug Zeit, mit dem Body von links nach rechts zu rutschen. Dito nach der Triple-Links vor der ewig langen Hotel No. 2-Rechts. In der seltsamen Schikane danach, als Franzose würde man Pifpaf sagen, verbiegt man theoretisch beim Geradeaus durchfahren das Kreuz wie ein Korkenzieher einfach etwas nach links, bleibt aber rechts sitzen für die nachfolgende Kurve auf die Gegengerade. Weil ich diese Passage nur wenige Male wirklich gerade durchstach, meistens wurde doch ein angedeuteter Rechts-Links-Bogen daraus, klappte das in der Praxis nicht ganz so elegant, aber nun ja, hust….

Paddock-Camp. Mit Zoomer als Geleitschutz.

Ducatis Supersport S, eine Mischung aus Sport und Alltags-Bike mit 950 Kubik-Desmo-Twin, 110 PS und 184 Kilo trocken, Öhlins-Fahrwerk, Traction Control und Kurven-ABS hat mich mit Fahrfreude souverän überschüttet und gleichzeitig gnädig davor bewahrt, im Kiesbett zu stranden; für meine Anfänger-Eskapaden hätte ich mir keinen gutmütigeres Sportbike wünschen können. Theoretisch hätte ich aus dem Testfuhrpark in der Pitlane auch für ein oder zwei Stints auf eine Panigale V4 zugreifen können, aber ich hatte mir bereits lange vorher eingerichtert, trotz aller Neugier vernünftig zu bleiben und darauf zu verzichten. 

Pitlane in Rot getunkt.

Zum Drumherum des Ducati4U-Events: Etwa die Hälfte der 20 Leute, die sich darum kümmern, dass alles reibungslos klappt und die Stimmung leichtfüssig italienisch bleibt, waren direkt von Ducati Deutschland, den Rest erledigten Mitarbeiter einer mit der Abwicklung beauftragten Agentur. Pro Jahr werden vier bis fünf Veranstaltungen abgewickelt, auf Strecken wie Nürburgring, Hockenheim, Oschersleben und Almeria in Spanien. Lausitzring und Sachsenring kamen in der Vergangenheit auch zum Zug, aber leichte Variationen im Saisonprogramm sind jedes Jahr möglich. Mittag und Abendessen sind im Nenngeld inkludiert. Pirelli war als Reifendienst vor Ort, dazu Racepixx.de/René Unger für Fotos und LMTY für Onboard-Videos. Zum ersten Mal war in Oschersleben Nolan/X-lite mit einem Service-Truck sowie Klaus Thiele mit seinem Öhlins-Fahrwerkservice vor Ort, ob daraus ein dauerhafter Service erwächst, wird die Zukunft zeigen. 

Zum Schluss erzählt die Blondine aus Berlin, eine Instagram-Berühmtheit namens Pepe_Lila, die von der Monster für zwei Stints auf eine Panigale V4 umgestiegen ist, dass sie hin und weg und völlig aus dem Häuschen ist, so leicht und easy liess sich die 200 PS Desmo-Granate durch die Olebener Kurvenorgie steuern. Damit ist klar: Ich muss wiederkommen und die V4 doch noch ausprobieren, unbedingt!

Live-Musik am Abend. Bei Ducati4U ist an alles gedacht.

Fotos: Buenos Dias, René Unger/Racepixx.de

Info-Link: https://www.ducati-4u.de

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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