Gefahren: Neue BMW R nineT /5

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BMW R nineT /5: Ab dem 7. September beim Händler.

Kein Entenschnabel, kein asymmetrisches Karl Dall-Gesicht, kein Lifestyle-Quark. Einfach ein klassisches Boxer-Bike, airgecoolt und mit zeitloser Linienführung, das dank freundlicher Ausstrahlung und strahlendem Lack gefälliger anmutet, als einige der anderen R-nineT-Modelle mit gedeckten Farben, hohem Schwarzanteil und rustikalem Scrambler-Auftritt.

Dazwischen liegen 50 Jahre.

BMW schlägt mit der als Sondermodell titulierten R nineT /5 gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen begeht man würdig den 50. Geburtstag der /5-Baureihe, die 1969 mit den Modellen R 75/5, R 60/5 und R 50/5 in Produktion ging und eine neue Ära für die Propellermarke einläutete; technisch (neue Motoren, neues Fahrwerk), optisch (erstmals gab es bunte Farben statt Einheits-Schwarz) und überhaupt. Es stand Mitte der Sechziger ja auch eine komplette Schließung der Motorradfertigung zur Debatte, die Einzylinder waren bereits eingestellt, aber zum Glück setzten sich ein paar Leute mit Herzblut und Weitblick durch, die ans Motorrad als Freizeitvehikel und speziell den Boxer glaubten, anstatt nur auf den ungleich lukrativeren Automobilbau und dessen Wachstumspotenzial zu spitzen. Nicht vergessen: BMW hatte einst nach Flugmotoren mit Motorrädern begonnen, die vierrädrigen Kisten folgten erst 5 Jahre später.

Zum anderen zelebriert BMW den zeitgleichen Beginn der Motorrad-Fertigung im Werk in Berlin-Spandau. Vor 50 Jahren fertigten 400 Mitarbeiter 30 Maschinen pro Tag. Heute sind es 2.000 Menschen, die im Schnitt 700 Maschinen pro Tag bauen, in zwei Schichten, und in der Lackiererei sogar rund um die Uhr in drei Schichten. Erst kürzlich war Grund zum Feiern, als das dreimillionste BMW-Motorrad unweit von Spree und Havel von den Montagelinien rollte.

Lupinblau mit Doppellinierung und Smoke-Effekt. Die verchromte Plakette trägt dick auf, fast prollig, auch wenn die Anfertigung durchaus aufwändig erfolgt.

Die Kreation des neuen Retro-Roadster geht auf eine Plauderei zurück, bei der zwei BMW-Designer, die beide eine alte /5-Gummikuh ihr Eigen nennen, sich in der Kantine bei der Mittagspause über ihre Umbau-Modifikationen austauschten und schließlich benzinbeseelt sinnierten, wie der historisch wertvolle Boxer bei einer Neuauflage für die Jetztzeit aussehen müsste. Und so wie Designer halt sind, sprudelten gleich die ersten Ideen, wie ein existierendes Flat-Twin-Modell angemessen modifiziert werden könnte; was subito mit einem Entwurf auf einer Serviette skizziert wurde: Faltenbälge, Speichenräder, Stufensitzbank, dieses und jenes Detail, bis hin zur 50 Jahre-Erinnerungsplakette.  

Ein Produktmanager nahm die Idee auf, präsentierte sie dem Baureihenleiter und der wiederum den weiteren Häuptlingen; schließlich waren alle begeistert und gaben grünes Licht. Nur ein Jahr später steht nun die neue BMW R nineT /5 als sechstes Heritage-Modell fixfertig da, ab dem 7. September werden die Händler mit der Maschine, die es nur in diesem Blau gibt, beliefert. 14.600 Euro ruft BMW für die jüngste Boxer-Neuheit auf, zuzüglich einer Frachtpauschale. 

Luftgekühlt: Der brummige Grantler darf sich weiter durchboxen.

In der Aufpreisliste ab Werk findet sich lediglich eine Diebstahlwarnanlage. Das ist insofern bemerkenswert, weil ausgerechnet bei den Ur-/5-Modellen damit begonnen worden war, den Kunden zusätzliche Sonderausstattungen anzubieten. Ein zweiter Spiegel zum Beispiel, oder ein Elektrostarter, der bei den kleineren Hubraumen nicht automatisch an Bord war. Kleinere Tanks, ohne und mit Chrom-Seitencover standen ebenfalls zur Auswahl. Daraus entwickelten sich im Laufe der Jahrzehnte jene Monster-Aufpreis- und Sonderausstattungslisten, die Kunden heute studieren dürfen, wenn sie dann über die Schwellen der bayrischen Glaspaläste getreten sind.

Ohne Zugriff auf den BMW-Baukasten wäre die neue R nineT /5 nicht in der knappen Zeitspanne zu realisieren gewesen. Basis ist die R nineT Pure, deren luft-/ölgekühlte Boxermotor 1.170 Kubikzentimeter Hubraum aufweist. Die Spitzenleistung beträgt 110 PS bei 7.750 Touren, das maximale Drehmoment von 116 Nm wird bei 6.000/min erreicht. Die Steuerung der vier Ventile erfolgt über zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen (DOHC) pro Zylinder. Die Kraftübertragung übernehmen ein Sechsganggetriebe und der Kardanantrieb zum Hinterrad. 

Zeitlos gefällig.

Auch das Chassis-Konstrukt wurde der Einfachheit halber übernommen. Der Stahl-Gitterrohrrahmens besteht aus drei miteinander verschraubten Komponenten: vorderer und hinterer Hauptrahmen sowie Soziusrahmen. Vorne führt eine (nicht einstellbare) 43mm-Teleskopgabel mit 125 Millimetern Federweg. Die Führung des Hinterrads übernimmt die Paralever-Einarmschwinge, deren Zentralfederbein 120 Millimeter Federweg bietet. Die Federbasis ist hier einstellbar und die Zugstufendämpfung zudem stufenlos justierbar. 

Speichenräder mit lackierten Felgenringen.

Statt der Gussräder der Pure sind 17-zöllige Drahtspeichenräder montiert, deren Aluminium-Felgenringe weder poliert noch eloxiert, sondern ansehnlich in Silber lackiert sind. Für die Verzögerungsarbeit sind vorne Vierkolben-Bremssättel zuständig, zusammen mit schwimmend gelagerten 320er Bremsscheiben sowie ABS. Um das Durchdrehen des Hinterrades bei Regen oder kniffligen Asphaltbedingungen zu verhindern, steht ASC (Automatische Stabilitätskontrolle) als elektronischer Helfer im Hintergrund zum Eingreifen bereit. 

Kniekissen wie früher.

Die R nineT /5 darf mit einem Mix klassischer und moderner Elemente glänzen, kombiniert mit hochwertigen Oberflächen. So erstrahlt der Tank in Lupinblau mit Doppellinierung und Smoke-Effekt, abgerundet durch seitliche Kniekissen. Obenauf prangt die »50 Jahre /5« Jubiläumsplakette aus einem Kupfer-Prägestück, welches bei der Herstellung beim Zulieferer erst vernickelt und schließlich verchromt wird. Die restlichen Zutaten betreffen die muldenförmige Sitzbank plus seitlichen Zierleisten, Faltenbälge für die Gabel, Chromspiegel und einen geschwärzten Kardantunnel. Motor und Zylinder präsentieren sich in hellen Aluminiumfarben, ebenso wie Fatbar-Lenker und die Gabelgleitrohre. 

Fährt wie es aussieht – schön.

Das Motorrad fährt so, wie es aussieht, nämlich schön. Das luftgekühlte Boxerherz, das Legionen GS-Fahrer zufrieden stellte, bevor 2013 auf Wasserkühlung umgestellt wurde und seit 5 Jahren in den R NineT-Varianten weiterleben darf, gefällt mit seiner souverän-kernigen Laufcharakteristik über ein breites Drehzahlband, nach Art eines brummigen Grantlers, den jeder mag, trotz einiger Ecken und Kanten. Der Rückdrehmoment der längslaufenden Kurbelwelle bei Lastwechseln ist eine Spezialität, an die es sich zu gewöhnen gilt, das nicht schnippbare 6-Gang-Getriebe eine andere. Hochschalten erfordert einen Moment Geduld, Runterschalten noch ein wenig mehr.

2-in-1-Anlage, kräftiger Sound.

Ein Dubiosum scheint die Geräuschentfaltung aus der 2-in-1-Anlage (Krümmer verchromt; Dämpfer aus Edelstahl), die eher kräftig ans Ohr dringt, wenn man im Sattel sitzt. Als Betrachter von außen stellt sich die Akustik beim Vorbeifahren hingegen dezenter dar. Ergo: Sound-Engineering vom Feinsten. BMW operiert hier mit einem elektrischen Stellmotor sowie einer über Öffnungs- und Schließzüge angesteuerten Akustikklappe in der Abgasanlage.

Auch beim Fahrverhalten ist alles im Lot. Der Geradeauslauf ist Vertrauen einflössend, die tiptop abgestimmte Federung schluckt eine Menge, das Motorrad lenkt sauber ein und durchzieht Kurvenradien aller Art mit beruhigender Stabilität. Mit vollgetankt 219 kg muss sich das Handling nicht verstecken, das Bike lässt sich leicht steuern und angenehm manövrieren, ohne als Agilitätswunder aufzufallen. 

Sitzposition nicht für jedermann/frau.

Die Sitzposition sieht auf den ersten Blick unproblematisch aus, wird jedoch nicht jedermann/frau passen, weil zum breiten Lenker eine erhöhte Sitzbank montiert ist. Das sorgt für eine niedrige Lenkeranordnung, was in Kombination mit vorgelagerten Fussrasten ein eher beengtes Sitzdreieck zur Folge hat. Ich würde bei diesem Bike zuerst nach einem anderen Lenker Ausschau halten, schmaler und höher. Bei den Fussrasten müsste ich nicht lange suchen: Ein hübsch gefräste LSL-Nachrüstanlage speziell für die R nineT-Modelle wurde im Salat bereits vor längerer Zeit vorgestellt.

Klein und spartanisch.

Das spartanische Cockpit mit dem kleinen Tacho-Rundinstrument passt zum funktionalen Charakter, immerhin sind Heizgriffe serienmäßig montiert. Schalten nach Gehör ist zwar ungewöhnlich, klappt aber natürlich auch. Wer dennoch einen Drehzahlmesser wünscht, kann einen aus dem wie üblich üppigen BMW-Zubehörangebot (downscrollen zur Auflistung) nachrüsten lassen.

Die aktuelle Bezeichnung Sondermodell bedeutet nicht, dass geplant ist, die R nineT /5 etwa in limitierter Stückzahl oder nur auf bestimmte Zeit vom Band laufen zu lassen. Die Produktion wird ganz normal von der Nachfrage bestimmt. So gefällig, wie das optisch auftritt und im Fahrbetrieb funktioniert, sollte die neue /5 problemlos ihre Liebhaber finden und über einen längeren Zeitraum im Verkaufsprogramm bleiben. Wäre schwer zu verstehen, wenn dem nicht so wäre.

Locker vom Hocker: Markus aka El Knipso @ work.

Fotos: Markus »El Knipso« Jahn/BMW, Buenos Dias

Datensalat: BMW R nineT /5

Motor: Luft-/ölgekühlter Zweizylinder-Boxermotor, 1.170 ccm Hubraum, Leistung 110 PS bei 7.750/min, max Drehmoment 116 Nm bei 6.000/min, Bohrung x Hub 101/73 mm, Verdichtung 12,0 zu 1, DOHC, 4 Ventile pro Zylinder, Kraftstoffeinspritzung, Drosselklappen-Ø 50 mm, 6 Gänge, hydraulisch betätigte Trockenkupplung, geregelter Dreiwege-Katalysator, Euro4

Fahrwerk: Stahl-Gitterrohrrahmen, Motor mittragend; nicht einstellbare Telegabel mit 43 cm-Standrohr-Ø, Aluminiumguss-Paralever-Einarmschwinge mit integriertem Kardan, Zentralfederbein, Federbasis und Zugstufendämpfung einstellbar, Federweg v/h 120/125 mm, Aluminium-Drahtspeichenräder, 17 Zoll-Felgen, Breite v/h 3,5/5,5 Zoll. Reifendimension vorne 120/70 ZR17 und hinten 180/55 ZR 17,  Doppelscheibenbremse mit 320 mm Ø vorne, Einscheibenbremse mit 265 mm Ø hinten, ABS. 

Elektrik: Lichtmaschine 720 W, Batterie 12 Volt/14 Ah, Scheinwerfer 60/55 H4, Heizgriffe serienmäßig.

Maße/Gewichte: Radstand 1.493 mm, Sitzhöhe 825 mm, Gewicht fahrfertig 219 kg, Tankinhalt 17 Liter.

Fahrleistungen laut Werk: 0-100 km/h in 3,7 s, Höchstgeschwindigkeit über 200 km/h. Kraftstoffverbrauch (WMTC) 5,3 l/100 km.

Preis: 14.600,- Euro zzgl. Frachtpauschale

Blau? Bitte gerne.

Original BMW Motorrad Sonderausstattung.

• Diebstahlwarnanlage.

Original BMW Motorrad Zubehör.

  • Kühlerblende links / rechts aus Aluminium handgebürstet.
  • Einzelsitzbank Scrambler Urban.
  • Komfortsoziussitzbank mit Halteriemen.
  • Lenkerabschluss Aluminium.
  • Drehzahlmesser.
  • Instrumenten-Kombi-Topf chrom matt.
  • Schutzgitter für Scheinwerfer (nicht für denöffentlichen Straßenverkehr).
  • Windschild Aluminium, handgebürstet.
  • Abdeckung Zündlenkschloss in Granitgrau.
  • HP Carbon Teile: Abdeckung Zündlenkschloss, AbdeckungAnsaugschnorchel, Blende Drosselklappenstutzen, Vorderradabdeckung,Höckerabdeckung, Riemenabdeckung, Zylinderkopfhauben.
  • HP Sportschalldämpfer.
  • Endschalldämpfer R nineT.
  • Zylinderkopfhauben 2V Style.
  • Zylinderkopfhauben verchromt, Schwarz oder Silber.
  • Zylinderkopfhaubenschutz Aluminium oder Kunststoff.
  • Lenkungsdämpfer High End (einstellbar).
  • Gabelbrücke mit integriertem Stummellenker.
  • Tankrucksack und Hecktasche.
  • Satteltaschen auf Soziussitz.
Wer es lieber versnobt mag, sagt Slash 5.

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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