Ausprobiert: X-lite X-403 GT Ultra Carbon

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Passt immer: Jethelm mit langem Visier und bitte dunkel.

Im Frühjahr bei einem Motorrad-Event landete ich am Nolan-/X-lite-Stand, nahm erstmals einen integralen X-803 Ultra Carbon in die Hand, staunte über das geringe Gewicht und die schöne Innenausstattung. »Den gibt es im Prinzip auch für Dich«, grunzte Klaus Weymann, der über Jahrzehnte bei Suzuki in der Händlerbetreuung arbeitete und inzwischen bei Nolan Deutschland in Sachen Vertrieb unterwegs ist. Damit spielte er auf mein Faible für Jethelme mit langem Visier an und meinte den neuen X-lite X-403 GT Ultra Carbon, einen Oberklasse-Modulhelm, der über einen abnehmbaren Kinnbügel verfügt und sich deshalb auch als Jethelm-Variante einsetzen lässt.

Kennt alle und nur echt mit Bart: Klaus Weymann.

Also war ruckzuck beschlossen, mir einen X-lite X-403 GT Ultra Carbon aufzusetzen. Seit der Anlieferung in der Farbe Tinto Blue ist der Testhelm inzwischen knapp drei Monate im Einsatz, genug Zeit, um praxisgerechte Erfahrungen mit dem Italo-Kopfschutz zu sammeln.

X-lite ist die Highend-Schwesterfirma von Nolan und in Brembate di Sopra zu Hause, das liegt in der Lombardei etwa zwischen dem Comer See und Bergamo. Die Außenschalen der Ultra-Carbon-Helme werden, wie mir von Klaus mehrfach und eindrücklich versichert wurde, nicht von singenden Nonnen unter Harfenklängen (die gibt es nur bei Ducati), aber in fast unfassbar liebevoller Handarbeit und in drei verschiedenen Schalengrößen aus sehr speziellem Carbonfaser-Gewebe hergestellt. 

Anmutung, Optik, Haptik und Finish überzeugen.

Der X-403 GT Ultra Carbon übertraf bereits nach dem Auspacken punkto Anmutung, Optik, Haptik und Finish meine Erwartung. Unter der Klarlackschicht schimmern je nach Lichteinfall die Gewebematten, das Spiel mit Farben und Dekorstreifen wirkt edel. Die Seitenteile mit der Visiermechanik zeigen umlaufend gleichmässige Spaltmaße, Lufthutze obenauf und hinterer Spoiler sind sauber eingepasst, der Kantenschutz unten schließt rundum akkurat ab. 

Da steckt man seinen Kopf gerne hinein. Das Helle im Nacken ist Reflexfolie.

Auch der Blick auf die Innenausstattung (die herausnehm- und waschbar ist) überzeugt. Die Polsterung für Stirn, Oberkopf und Nacken ist weinrot gehalten und mit Mesh-Futter kombiniert, die ausgesparten Bereiche um die Ohren sind schwarz. Gepolstertes Kunstleder bildet den Abschluss nach unten, hübsch vernäht mit rotem Faden. Das Ensemble macht einen tadellos verarbeiteten und wohnlichen Eindruck, jedenfalls steckt man seinen Kopf da gerne hinein. 

Mit Kinnbügel mutiert der Multifunktionshut zu einem Integralhelm mit vergleichsweise großem Blickfeld. Das Kinnteil ist aus stabilem Kunststoff gefertigt, rastet recht und links sauber ein. Solide Führungsstifte und einschnappende Haken sorgen für wackelfreien Sitz. Betätigt man die Arretierhebel, lässt sich der Bügel lösen und abnehmen. 

Passgenaue Abdeckungen für die Kinnbügel-Öffnungen.

Für den Einsatz als Jethelm sind die Kinnbügel-Öffnungen mit den passenden Abdeckungen aus weichem Kunststoff, die rechts und links unterschiedlich sind, zu verschließen, weil sich darin sonst der Fahrtwind geräuschvoll fängt. Der Vollständigkeit halber: Auch gänzlich ohne Visier lässt sich der X-403 GT benutzen, ob mit oder ohne Kinnbügel. Dafür liegen extra zusätzliche Seitendeckel bei, mit denen sich die Visiermechanik rechts wie links glatt abdecken lässt.

Als Jethelm mit langem Visier wiegt der X-lite in der Größe XL 1.458 Gramm, was vergleichbar ist mit dem Arai SZ-R VAS (1.460 Gramm). Der Carbon-Gewichtsvorteil, den man vielleicht erwartet, wird also offenbar gleich wieder aufgefressen durch die Ausstattung – integriertes Sonnenvisier, notwendiges Gegenstück zur Kinnteil-Verriegelung, Kinnriemen mit Mikrolock-Schnappschloss (ein einfacher Doppel-D-Verschluss ist leichter) – denn auch Kleinigkeiten läppern sich. Mit dem Kinnbügel (+155 gr.) addiert sich das Gewicht auf 1.613 Gramm. 

Knopf drücken und Visier leicht nach vorne abziehen.

Das große Visier (klar wie getönt) aus kratzfestem Lexan macht einen stabilen Eindruck. Öffnen und Schließen lässt sich geschmeidig über eine 5-fach-Rastung bewerkstelligen. Eine umlaufende Gummilippe, die oben auf ganzer Breite wie seitlich anliegt, sorgt für zugfreie Abdichtung von Visier zu Helm. Praxisnah gelöst auch: Zum Öffnen aus der untersten Position zieht man das Visier zum Entriegeln über einen Noppen zuerst einfach etwas nach links und dann nach oben. 

Die Visierwechsel-Mechanik verdient ein Sonderlob.

Ein Sonderlob verdient die Visierwechsel-Mechanik. In aufgeklapptem Zustand einfach den Verriegelungsknopf niederdrücken und das Visier etwas nach vorne abziehen, das ist alles. Ein anderes oder das gereinigte Visier bei gedrücktem Knopf ansetzen und leicht nach hinten drücken, bis es einrastet – fertig. 

Integriertes Sonnenvisier, ja aber – der Salatprynz zieht ein getöntes Visier vor.

Ein integriertes Sonnenvisier ist bekanntlich eine praxisgerechte Idee, die es erlaubt, permanent das klare Visier montiert zu lassen, ebenfalls bei hellem Sonnenlicht, und damit auch bestens gerüstet zu sein, wenn es auf längeren Ausfahrten schließlich einmal dunkel wird. Über den Schieber linksseitig lässt sich das getönte Sonnenvisier des X-lite bei Bedarf gestuft positionieren oder bis auf Nasenhöhe runterklappen. Damit lässt sich gut leben, wenn man mit dem relativ harten Hell-Dunkel-Übergang bei ausgefahrener Sonnenblende zurechtkommt. 

Stimmiger Auftritt auch mit der Slash 5.

Es ist wohl eher eine Marotte, aber ich bin kein Freund integrierter Sonnenblenden, mir ist ein komplett getöntes Visier durchweg lieber. Wenn ich absehen kann, dass es am Ende des Tages ins Dunkle geht, führe ich ein klares Visier im Rucksack mit, ohne den ich selten aufs Motorrad steige. So leicht, wie der Visiertausch beim 403er X-lite vonstatten geht, nämlich ratzfatz, ist das Thema integrierte Sonnenblende von untergeordneter Bedeutung, zumindest für mich.

Riemen mit Mikrolock.

Der Kinnriemen ist mit einem Mikrolock-Schnellverschluss ausgestattet, welcher aus Kunststofflasche und Schloss-Gegenstück besteht. Auch wenn einem ein Doppel-D-Ringverschluss eigentlich grundsätzlich viel lieber wäre – sich damit zu arrangieren, fällt leicht. Das schliesst sicher, lässt sich exakt in der Länge einstellen, auch das Entriegeln klappt problemlos. 

Klappe auf, Luft rein….

Über der Stirn ist eine Klappe, die einen Spalt zur Oberkopfbelüftung freigibt, hinten unterm Spoiler tritt die Luft dann wieder aus. Der Effekt zwischen geschlossener und offener Klappe ist spürbar, auch wenn dazwischen keine Welten liegen. Dennoch lernt man an besonders heissen Tagen jedes bißchen Belüftung durchaus zu schätzen, das sollte man ruhig hinzufügen. In dem demontierbaren Kinnbügel findet sich eine weitere Belüftungsklappe, die die Luft nach oben in Richtung Nase und Visier strömen lässt.  

….und hinten unterm Spoiler wieder raus.

Der Tragekomfort ist angenehm. Das Aufsetzen gelingt geschmeidig, ohne übertriebenen Überstülpeffekt wie häufig bei Integralhelmen. Auch als Brillenträger muss die Sehhilfe vorher/nachher nicht abgesetzt werden, was ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist. Passform ist natürlich immer ein sehr individuelles Thema und bei jedem Kopf anders – bei mir passte es prima. Der Helm liegt rundum gut an, sitzt komfortabel und produziert genug Widerhalt, ohne zu drücken. 

Die weißen Dekostreifen reflektieren bei Nacht, nicht supergrell, aber sichtlich.

Der X-403 GT Ultra Carbon ist gut austariert, gleitet sauber und ausreichend leise durch den anströmenden Fahrtwind, etwa bis 100 km/h. Darüber wird es geräuschvoll bis laut. Ohrenstopfen sind die beste Empfehlung, die man geben kann, um die Windgeräusche in diesen Bereichen einzudämmen. Grundsätzlich lässt sich mit dem Italo-Jet mit langem Visier genauso fahren wie mit jedem normal funktionierenden Integralhut – da wackelt oder schlackert nichts, es zieht nicht rein und man kann den Kopf beim Schulterblick drehen, ohne dass sich das Visier öffnen will. Nur die Aussicht ist schöner, das Panorama besser und ohne einengende Bullaugen-Perspektive; dazu lässt sich das Cockpit ablesen, ohne den Kopf zu senken, Augendrehen reicht, zumindest bei aufrechter Sitzposition.

Fähre aus der Rotweinstadt, Helm aus Brembate di Sopra.

Ich habe den X-lite als Jethelm mit langem Visier als schützenden Begleiter schätzen gelernt und werde diesen auch weiterhin gerne aufsetzen und nutzen, ganz normal im Alltag, und mich wohl behütet fühlen; und diesen hoffentlich in Gesundheit verschleissen, so wie man sich das mit jedem Helm wünscht.

Den X-lite X-403 GT Ultra Carbon erfüllt die Prüfnorm ECE 22/05 und dazu als kombinierter Multifunktionshelm die P/J-Doppelhomologation. Er ist erhältlich in 8 Größen (XXS bis 3 XL) und drei Farbdekors (Rot/Gelb/Tinto Blue) für 539,99 Euro. Eine uni-schwarze Version kostet 489,99 Euro. Für ansonsten baugleiche Ausführungen mit Fiberglas-Composite-Helmschale stehen je nach Dekor zwischen 429,99 und 469,99 Euro auf dem Preisetikett. Für Ersatzvisiere sind 56,- Euro zu berappen, ob klar, leicht oder stark getönt. Ein silber verspiegeltes Visier kostet 78,50 Euro, ein blau verspiegeltes 83,- Euro. 

Huch! Ausnahmsweise ein Foto ohne Batman-type-Shield.

Info-Link zur Website von Nolan/X-lite

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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