Ausprobiert: Jethelm Arai SZ-R VAS

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Arai SZ-R VAS

Der Arai SZ-R VAS ist der jüngste Jet-Helm mit langem Visier und Oberkopfbelüftung der japanischen Premium-Marke. Neu sind die weiter verstärkte Verbundharz-Schale, niedriger angebrachte VAS-Visier-Drehpunkte/Halteplatten, um das Abgleitverhalten zu verbessern, ein neues Interieur, überarbeitete Oberkopfbelüftung sowie das optionale Pro Shade Sonnenschutz-System. Eine erste Vorstellung des für 2019 neuen Helms erfolgte bereits im Dezember im Gasgriffsalat. Im nachfolgenden Beitrag geht es um die Praxiserfahrungen mit einem Testhelm, der vor einigen Wochen hier eintraf.

Warum überhaupt ein Jet-Helm mit langem Visier? Das größere Blickfeld, der Panoramablick wie ich es nenne, man schaut nicht wie aus einem Bullauge von drinnen nach draussen, sondern sieht auch Cockpit und Tank, ohne den Kopf dafür nach unten zu neigen. Das Aufsetzen ist deutlich einfacher, vor allem für Brillenträger. Das geringfügig geringere Gewicht ist noch ein Argument, und die geringere Stirnfläche, wenn das Visier so schlank zuläuft wie hier. Das luftige Feeling ohne Kinnbügel vor dem Unterkiefer muss man selbstredend mögen, was umso leichter fällt, je wärmer die Außentemperaturen sind. Dass ein Jethelm das Gesicht weniger schützt als ein Integralhelm, versteht sich von selbst.

Die Qualität an sich. Schon mal richtig gutes Werkzeug von Hazet oder Facom in die Hand genommen? In ein qualitativ hochwertiges Auto eingestiegen? In einer teuren Küche die Türen oder Schubladen aufgezogen? Man spürt den Unterschied auf Anhieb. Nicht anders ist es bei einem Helm der Oberklasse, zu dem der SZ-R VAS ohne Zweifel zählt.

Der Arai fühlt sich gut an, so wie er designt und verarbeitet ist; wirkt fast kostbar. Man fasst ihn beim ersten Check mit spitzen Fingern wie eine teure Vase an und stellt ihn auch behutsam wieder ab. Der Blick ins Interieur auf Polster, Riemen und alle zusammenfügten Bauteile offenbart ansprechende Materialien und hochwertige Verarbeitung. 

Es fällt leicht, Gefallen an den makellosen Oberflächen zu finden oder sich an den geringen Spaltmaßen der Seitenplatten oder ausgeformten Lufthutzen mitsamt ihrer Einpassung zur Helmschale zu ergötzen. Die Schieberöffnungen der Oberkopfbelüftung lassen sich geschmeidig öffnen und schließen, glänzen zu »Auf« und »Zu« außerdem mit einer Mittelrastung. Die Farbe ist bei diesem Arai-Exemplar nicht einfach Weiss, sondern Perlmutt-Weiss, der Klarlack dick.

Oberkopfbelüftung zu…
….und Schieber auf.

Man gewöhnt sich an vieles, deswegen wird auch die Nutzung eines hochwertigen Kopfschutzes alsbald selbstverständlich. Man bricht also nicht jedesmal in Jubelschreie aus, wenn man den Helm in die Hand nimmt. Aber es bleibt ein gutes Feeling und eine hohe Zufriedenheit. Weil einem bewusst ist, dass der Kopf bestmöglich geschützt ist, auch wenn jeder natürlich hofft, diese Schutzwirkung nie in Anspruch nehmen zu müssen.

Visier-Belüftungsklappen.

Das Aufsetzen. Gelingt geschmeidig, weil die Innenaustattung angenehm anmutet, also weich und fast samtig. Für die Ohren ist ausreichend Platz, so dass diese nicht umknicken beim Überstülpen und nachträglich händisch gerichtet werden müssen. Klappt man das Visier vorher auf, ist das Aufsetzen eines Jet-Helm natürlich einfacher und schneller bewerkstelligt als bei einem Integralhelm.

Für Brillenträger wichtig: Die Brille kann beim Auf-Absetzen aufbleiben. Die Bügel verlaufen in einem Brillenkanal, der weder zu groß noch klein bemessen ist. In meinem Fall passt die Polsterung einwandfrei, eine Änderung der Polsterelemente (die bei geschulten Händlern möglich ist) war nicht notwendig. Den Tragekomfort würde ich mit sehr hoch umschreiben, das Interieur liegt rundum angenehm satt an, Druckstellen um den Schädel fehlen völlig. 

Doppel D-Ring-Verschluss

Das Verschliessen. Wie alle Arai-Helme hat der SZ-R VAS einen Kinnriemen mit Doppel D-Ring-Verschluss, die weithin anerkannt beste Lösung punkto Sicherheit und Bedienung. Durchschlaufen und zurückführen, bis auf die gewünschte Einstellung und es passt. Der Riemen hat die korrekte Länge, das Geflecht ist weder zu steif noch zu labberig, sondern genau richtig, auch der Druckknopf zum Fixieren des Riemenendes sitzt an der richtigen Stelle. Riemen- und Verschluss-Seite sind ordentlich gepolstert, wie es bei Arai Standard ist 

Rund ums Visier. Der Visierwechsel beim SZ-R VAS ist umständlich. Zwei Sicherungshebel lösen, das Visier samt Seitenplatten abnehmen, zwei weitere Hebel entriegeln, die Platten vom Visier lösen, die Platten an das neue Visier ansetzen und dann das Ganze wieder beidseitig am Helm montieren. Mit dem Prozedere lässt sich leben, weil je öfter man das macht, desto unproblematischer ist es. Dennoch gilt festzuhalten: Es gibt Hersteller, die pfiffigere und unkompliziertere Lösungen zum Visierwechsel anbieten.

Visier-Seitenplatte und winziger Knubbel zum zusätzlichen Visierverriegeln, der einfach innen gegen die umlaufende Gummidichtung gedrückt wird.
Die Visiermechanik: Wird der untere Vorsprung nach vorne geschoben, lässt sich die Visierplatte vom Helm ablösen.

Neu am SZ-R Visier ist ein kleiner Plastikknubbel links, mit dem sich das Visier nach dem Herunterklappen zusätzlich sichern oder verriegeln lässt. Der Knubbel wird durch einfachen Druck einfach hinter die umlaufende Gummilippe an dieser Stelle geschoben und senkt das Visier dabei vielleicht einen Millimeter ab. Zum Öffnen zieht man das Visier linksseitig einfach wieder etwas nach außen und dann nach oben, das Ganze ist absolut praxisgerecht und funktioniert problemfrei.

Einfaches Schließen reicht, damit das Visier ordentlich dichtet, unten bleibt und sich beim Schulterblick-Kopfdrehen im Fahrtwind nicht öffnet. Die Visier-Mechanik bietet in sich ausreichend Widerstand. Das Verriegeln über den Knubbel bietet, für den der es wünscht, noch einen Tick weniger Luftströmung linksseitig hinter dem Visier, weil es noch dichter abschliesst, sowie noch mehr Sicherheit gegen ungewolltes Öffnen.

Rückseite mit seitlichen Entlüftungen.

Optisch ist das Visier einwandfrei, es verzerrt und spiegelt nicht. Auch ein Verbiegen oder Verformen bei höherem Tempo (also 160 bis 200 km/h) ist nicht festzustellen. Während der Helm im oberen Bereich rundlich ausfällt, ist das Visier von vorne betrachtet stärker gekrümmt und damit aerodynamisch günstig. Das trägt mit dazu bei, dass der Helm mit wenig Winddruck durch den Wind schneidet, was grundsätzlich angenehm ist.

Arai bietet für den SZ-R VAS das Pro Shade System an, eine getönte Visierlage, die auf halber Höhe auf das klare Visier aufgeklappt werden kann. Etliche Hersteller bieten Helme mit integrierten Sonnenblenden an, eine Bauweise, die Arai nicht gutheisst, weil es die hauseigene Safety-Philosophie einschränken würde. Pro Shade ist ein anderer Weg, ein vergleichbares Ziel zu erreichen, nämlich das Umgebungslicht bei Sonnenlicht zu dämpfen, zumindest auf halber Visierhöhe, und sich bei Bedarf einfach aus dem Gesichtsfeld hochklappen lässt.

Links Arai Profile-V mit Pro Shade System, rechts der SZ-R VAS mit getöntem Visier.
Das Ganze nochmal aus anderer Perspektive.

Ich habe am SZ-R VAS-Jethelm kein Pro Shade System, weil ich ein komplett getöntes Visier bevorzuge. Allerdings habe ich das Pro Shade System in der Praxis an einem Integralhelm, dem Arai Profile V, bereits ausprobieren können und kann deshalb sagen, dass es einwandfrei in der Praxis funktioniert und sich vor allem auch in aufgeklapptem Zustand nicht aerodynamisch negativ bemerkbar macht. 

Praktisch und universell bei jedem Wetter einsetzbar sind integrierte Sonnenblenden wie auch das Pro Shade System ohne Zweifel. Was mir persönlich missfällt, ist die harte Hell-Dunkel-Kante auf halber Visierhöhe, deshalb ist mir ein komplett dunkles (oder klares) Visier einfach lieber. 

Die Belüftung. Arai hat die Oberkopfbelüftung überarbeitet, sie gleicht jetzt den Luftkanälen der RX-7V-Integralhüte. Die Lufteinlässe präsentieren sich grösser und sind nun mit Schiebern (vorher Klappen) versehen. Ganz zu, ganz auf oder halb geöffnet sind die Einstellmöglichkeiten. Die Luftkanäle obenauf sind anders geformt, am Ende wurde dazwischen ein Stabilisatorflügel hinzugefügt. Zwei Klappen am oberen Visierrand, die sich öffnen oder schließen lassen, komplettieren das Belüftungssystem. 

Spoiler-Abschluss zwischen den Lufthutzen und zwei Hebel, mit denen die Entlüftung verschlossen werden kann.

Die Belüftung funktioniert gut. Der Unterschied zwischen Auf und Zu der diversen Kanäle ist zu spüren, wenn auch keine Welten dazwischen liegen, sondern mehr Nuancen. Mit offenen Schiebern steigen natürlich die Windgeräusche, nicht stark aber vernehmlich. Fahrer von Integralhelmen mit Oberkopfbelüftung kennen diese Zusammenhänge und behelfen sich dann mit Ohrenstöpseln, diese Option steht natürlich auch beim Jethelm offen, vor allem auf Langstrecken und bei durchweg hohem Tempo. Im Alltag und bei mittleren Geschwindigkeiten würde ich die Windgeräusche des SZ-R VAS als problemfrei und absolut erträglich einordnen.

Das Feeling beim Fahren. Die Aussicht mit einem Jethelm ist generell schöner, das Gefühl luftiger. Das Gewicht liegt etwas unter dem eines vergleichbaren Integralhelms. Der Arai SZ-R VAS glänzt mit großartiger Passform (zumindest beim Salatprynz-Schädel) und liegt rundum satt und bequem an, ohne einzuengen oder punktuell Druck auszuüben. Das Visier reicht tief nach unten, eine Verwirbelung dahinter findet nicht statt, egal bei welchem Tempo. Tränende Augen oder dergleichen sind absolut kein Thema. 

Beschlagen ist nach meiner Erfahrung bei einem langen Jethelm-Visier überhaupt kein Problem. Wer trotzdem ein Pinlock-Visier zusätzlich einsetzen möchte, die Haltungen dafür sind bei den Serienvisieren (klar wie getönt) bereits vorgesehen.

Der SZ-R VAS ist mein bislang vierter Arai-Jet. Der erste hieß SZ und hatte eine glatte Außenschale. Der Zweite war ein SZ-m mit kleinen Belüftungsklappen vorne und hinten. Der Dritte (SZ-Ram3) glänzte mit einer ausgewachsenen Oberkopfbelüftung. Der SZ-R VAS ist die letzte Weiterentwicklung mit allen oben beschriebenen Neuerungen. Der leiseste von allen war der SZ, was aber logisch scheint; je glatter die Schale und je weniger Öffnungen, desto weniger entstehen Geräusche durch Fahrtwind.

Perlmutt in der Abendsonne.

Fazit: Das luftige Wohlgefühl mit dem Arai SZ-R VAS liegt sehr hoch. Der Helm sieht gut aus, ist bequem und qualitativ hochwertig und verdient die volle Gasgriffsalat-Empfehlung, auch wenn er beim Fahren punkto Windgeräusch etwas leiser abschneiden könnte. Dafür funktioniert die Belüftung effizient und auch die Optik kann sich sehen lassen. Bei den Jethelmen mit langem Visier spielt der SZ-R VAS zweifellos in der Oberklasse, auch preislich. Einfarbig stehen 599,- Euro in der UVP-Liste, diverse Dekor-Varianten kosten 100,- Euro mehr. 

Technische Daten: Arai SZ-R VAS, erhältlich seit Frühjahr 2019, Prüfstandard ECE-22.05. Helmschale PB-cLc2 (Peripherally Belted Complex Laminate Construction Square). Innenpolster austauschbar. Doppel-D-Verschluss. Größen: XS, S, M, L, XL, XXL. Gewicht: 1500 Gramm +- 50 Gramm, Preis einfarbig 599,- Euro, Dekor-Varianten 699,- Euro.

Info-Link www.araihelmet.eu

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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