Kathi, Aprilia 125 und Honda CBR600RR

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Ein Elektrikfips an der Cup-Aprilia RS 125 war für die Tochter von Gasgriffsalat-Autor Egbert Schwartz der finale Auslöser, auf eine Honda CBR 600 RR umzusteigen. In Almeria hieß es bei einem Abschieds-Turn „bye bye Zweitakter“, dann ging’s ab mit dem Viertakter.

Kurven kratzen in Almeria: Kathi auf der RR.

Das Grinsen ist breit und auch unter dem Helm nicht zu übersehen: »Die hat Power, die macht Spaß!« Kathi hat gerade den ersten Turn mit der Honda CBR 600 RR PC37 auf dem „Circuito de Almería“ absolviert. Es ist nicht der erste Viertakter, mit dem sie auf einer Rennstrecke unterwegs war. Meine Tochter durfte bereits ein paar Gast-Erfahrungen auf KTM 390, Kawasaki ZX-7R, Yamaha R6 und BMW S 1000 RR sammeln, betrachtete dieses Motorkonzept als Zweitakt-Fan aber stets mit Abstand. Weil sie mit ihrer giftigen Aprilia RS 125 seit den aktiven Jahren im ADAC-Junior-Cup und danach immer Spaß hatte (Link). Meistens mehr, aber auch mal weniger.

Die gute alte Giftspritze.

Rückblende: Ein sommerlauer Tag im Juni 2018 auf dem Sachsenring. »Jetzt reichts!« Kathi ist sauer. Gerade brannte ihr die Sicherung durch. Nein, nicht ihre. Sondern eine im Stromkreis der Aprilia RS 125. Nun stehen beide mitten in der Bergauf-Passage nach dem Omega. Die Aprilia macht keinen Muckser mehr. Wegen besagter Sicherung. Eigentlich kein Drama im Vergleich zu den diversen mechanischen Schäden, die uns der Zweitakter im Laufe der letzten zwei Saisons serviert hat: Kolbenring gebrochen, Lager gefressen… eine Zweitakt-typische Never-ending-Story, Motorwechsel und -Reparatur sind zur Routine geworden. Und nun die Elektrik. Damit ist Kathis Geduld überstrapaziert. Auch wenn es, wie sich später herausstellt, nur ein Haarriss in der Schlange der Schmelzsicherung ist. Was ja bei einem Zweitakter passieren kann, er vibriert nun mal ein bisserl mehr als ein Viertakter.

Beflügelt: Die Neue ist ein feines Teil.

»Aus, Ende, jetzt kaufe ich mir einen Viertakter!« entscheidet meine Tochter mit einem enervierten, später aber doch noch mal bedauernden Blick auf die rote Cup-Aprilia mit der Startnummer 34. Also gut: Noch eine Abschiedsrunde damit fahren und später zur Deko ins Wohnzimmer stellen. Aber vorher beginnt die Recherche. Kaum daheim, kalkuliert Kathi ihre Budget-Schmerzgrenze. Die liegt bei maximal 3.500 Euro, das Gehalt einer Physiotherapeutin ist nun mal nicht allzu üppig. Und welche Marke, welches Modell, welcher Hubraum soll es sein? Letzteres ist das erste Kriterium: 600 ccm. Weil’s ja auch eine Frage des für eine 54 Kilo-/1,60 Meter-Frau händelbaren Gewichts ist. Und obwohl ihr die Yamaha R6 bisher am besten gefallen hat – Zitat: „Handlich, kurvenwillig, Sitzposition passt“ – liebäugelt Marc Marquez-Fan Kathi eher mit einer Honda. So ist es denn ein echter Glücksfall, als wir im Herbst auf eine für die Rennstrecke aufgebaute CBR 600 RR (PC37) stossen. Sie parkt nicht weit weg von München, der Preis liegt im Budget-Rahmen. Dann geht alles recht schnell: Hinfahren, anschauen, Probesitzen, anhören, verlieben, verhandeln, kaufen.

Traglaststarke Heckgarage.

Bildunterschrift 1: Blauer Himmel, schöne Kurven: Aufzünderglück in Andalusien. Bildunterschrift 2. Kathi zeigt Lukas Tulovic die Linie – Hust!

Am zweiten Weihnachtstag starten wir mit der „Kleinen“ und der „Großen“ in der 350 kg traglaststarken Heckgarage eines Carthago chic e-line 50 LE. Ab in Richtung Andalusien, zum viertägigen Winter-Renntraining von Bikepromotion. Das Programm lockt mit einem Schmankerl: Vormittags darf man wahlweise über den „Circuito de Almería“ oder den „Circuito Nuevo Andalucía“ gleich nebenan zirkeln. Nachmittags werden die beiden rund 4,5 km langen Strecken über ein Verbindungsstück zum knapp neun Kilometer großen „Circuito de España“ zusammengefasst. Diese Mammutstrecke wollen wir der kleinen Aprilia für ihre Abschiedsrunden nicht mehr zumuten.

Kathi und ihre CBR mit der 34 im MM-Look.

Also rühre ich ein letztes Mal das Zweitaktgemisch für die Vormittags-Turns des ersten Tages an und Kathi rollt mit leichter Wehmut aus der Boxengasse. Der Umgang ist vertraut, die Elektrik funktioniert dank einer Generalüberholung durch Profi Peter Steger von R&R in Maisach (nochmals heißen Dank!!) perfekt – bis der Zweitakter  zur Mittagspause einmal mehr mit einem Kurbelwellenlagerschaden kapituliert. Kathi nimmt’s mit Gelassenheit. Die Honda CBR 600 RR steht ja einsatzbereit parat, mit ihrer Startnummer 34 im Marquez-Design auf der Verkleidungsfront. Warmlaufen lassen, Reifenwärmer runter und ab geht’s. Erst mal verhalten zum Eingewöhnen. Am zweiten Tag wird das Fahrwerk dann auf Kathis Gewicht sowie ihre Handlingwünsche eingestellt. Von einem späten Nachmittags-Turn kommt sie dann mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurück: »Auf der langen Gegengeraden standen 261 km/h auf dem Tacho – und ich habe dann fast den Bremspunkt verpasst…«. Den erwischt sie am dritten Tag in der Kurve auf Start und Ziel dann aber ebenso wie den Scheitel- und Gasaufreisspunkt so gut, dass ihr das erste Überholmanöver mit ihrer CBR gelingt. Und am Abend des vierten, damit auch letzten Tages streicht Kathi mit leuchtenden Augen über den Tank der Honda: „Das ist meine Große, wird sind jetzt ein Paar, das war die richtige Entscheidung.“ Aber auch die Aprilia bekommt noch einen liebevollen Tatscher: »War ne tolle Zeit mit Dir. Geniess den Ruhestand«.

Väter, die unterstützen, wann und wo immer, sind die Besten.

PS: Unten tobt sich noch Professor Spielberg aus:

Text: Egbert Schwartz

Fotos: E. Schwartz, Heinz Studt

 

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Eggi

Egbert Schwartz kreiselte mit Kreidler, Suzuki, Yamaha, Moto Guzzi und ist jetzt bei einer Suzi Freewind XF 650 angekommen.

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