Als die WM noch ein Traum war

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1000 km Hockenheim 2015: 6er Trio Gradinger, Tulovic, Fritz.

Das Trio Marvin Fritz/Lukas Tulovic/Thomas Gradinger rührte im Frühjahr 2015 bei den 1000 km in Hockenheim in der 600er Klasse um. Es war bitter kalt und nass und alle in Boxengasse jammerten, nur bei den Youngstern herrschte freudig aufgekratzte Stimmung nach der Winterpause. Hurra, endlich wieder Vollgas und Donner und Doria. Kälte und Glätte war egal, die Atmo in der Box blendend, es wurde rumgeblödelt und gelacht, wie es halt geht, wenn Unbekümmerte etwas unternehmen, das Spaß macht. Die Drei waren so geil aufs Fahren dass sie stanken, hatten eine Riesen-Hetz und schnell waren sie obendrein, das sah ein Blinder mit dem Stock.

Marvin kreist vor der Meute: So richtig gemütlich war es eher nicht.

Fritz war mit 21 quasi der Senior und bereits 600er IDM-Champion. Tulovic, spaghettidürr und noch 15, hatte zuvor im ADAC Junior-Cup powered by KTM als Vize-Meister auf sich aufmerksam gemacht. Gradinger, auch so ein Schlaks, war 18 und hatte eine Saison in der Moto3-IDM hinter sich, war aber schwer einzuschätzen trotz zweier Podestplätze, weil da keine 10 Leute am Start waren. Der Österreicher, als Lehrling bei KTM in Mattighofen beschäftigt, war praktisch von klein auf mit Minibikes, Supermotos und dann im Junior-Cup unterwegs gewesen.

Jedenfalls geigten die Drei schmerzfrei auf, holten im Qualifying den zweiten Startplatz (unter 81 Teams!), siegten am Ende in der 600er Klasse und finishten in der Gesamtwertung auf Platz 4. Das Qualifying ging bei einstelligen Temperaturen und Nieselglitsch über die Bühne, dabei wurden bereits 45 Stürze gezählt. Deshalb wurde das Feld erst gegen Mittag losgeschickt, über eine verkürzte Distanz und hinter einem Pacecar. Es regnete, war glatt und kalt und grenzwertig, aber es wurde gefahren; bis eine Stunde vor Schluss setzte es weitere 75 Crashs.

 

Das übermütige R6-Trio fasste im Training einen und im Rennen zwei Stürze aus, der letzte ging auf Gradingers Kappe, hinten in der 160 km/h-Rechts nach der Spitzkehre. Weil dabei ein Motordeckel entzwei ging, der Ösi aber nichts mitbekommen hatte davon, kam es zu einer Ölspur bis zur Boxengasse, die eine Unterbrechung erzwang mitsamt Reinigung per Zauber-Reinigungsmobil. Ist das inzwischen verjährt? Hoffentlich.

Die Boxengasse rauf und runter: Ein Königreich für Heizlüfter.

Heute sind vier Jahre vergangen und alle drei stecken inzwischen in einer WM. Marvin Fritz bei YART in der Endurance-WM. Thomas Gradinger holte 2017 den IDM 600 Titel und stieg in die Supersport-WM auf, die er im Rookiejahr 2018 auf Rang 8 beendete; nächstes Jahr geht es im Kallio-Team weiter. Und Tulovic hat nach dem R6-Cup 2015 und dem Umweg über die CEV in Spanien einen Platz in der Moto2-WM beim Kiefer-Team für 2019 sicher. Hier und da hört man schon mal, dass es in Deutschland keine Nachwuchstalente gibt. Natürlich muss man schon genau hinschauen. Heute lässt sich sagen: Hockenheim 2015 war nicht nur ein denkwürdiges Event sondern auch eine gute Gelegenheit dafür.

Jörg Teuchert (5) zu Marvin Fritz (71): »Ätsch, ich habe Heizgriffe montiert.«

Wie sich das Trio Gradinger, Tulovic und Fritz an die 1000 km Hockenheim 2015 erinnert:

Thomas Gradinger »Hockenheim 2015 war lustig. Ich war vorher dort mit dem Tulovic Luki zum Trainieren, das war das erste Training für uns beide mit einer 600er, weil wir hatten erst angefangen, die grossen Mopeds zu fahren. Dann schaute von Lukis Club, dem AMC Ettlingen, der Vorstand, also der Jörg Amann vorbei, wir sind essen gegangen, und dabei entstand die Idee, dass es super wäre, wenn wir da zusammen bei dem Rennen mitfahren. Der Marvin und Luki waren schon lange miteinander bekannt. Marvin hat das Meisterbike bekommen vom Buchner Sepp. Wir haben uns angemeldet und schon ists dahin gegangen.«

Teamwork: Papa Branco Tulovic zieht den Transponder beim Boxenstopp, der an die Gradinger-R6 kommt, die Spezl Toby und Frank Spall (r.) nach dem Trainingscrash erstmals geradegebogen und liebevoll beklebt hatten.

»Ich hatte Toby mitgenommen, meinen Spezl; es war komplettes Sauwetter, geregnet und geschüttet hat´s, aber eigentlich hatten wir eine ziemliche Gaudi, Quali war auch nicht so schlecht, wir waren am zweiten Startplatz, also mit Abstand das schnellste 600er Team und Zweiter hinter Teuchert/Heiler/Galinski.«

Gradinger nach dem zweiten Crash, mit anderer Optik.

»Im Quali wollte ich eine noch schnellere Zeit fahren, dabei hat´s mich in der dritten Kurve geschmissen, richtig abgespuckt, weils so nass war und so kalt, aber na ja, das Moped war rasch wieder hergerichtet. Den Start hat Marvin übernommen. Plan war, auf Sicherheit zu fahren, aber so gut hat das nicht geklappt. Den Luki hat´s einmal zerrissen und mich auch noch einmal, in der schnellen Rechts nach der Haarnadel. Ich hatte extra noch gefragt, ob ich weiterfahren darf, außen oder auf der Streckn, und der Streckenposten sagte auf der Strecke. Ich hatte nicht mitbekommen, dass der Deckel demoliert war; so zog ich rundum eine Ölspur, auch wenn ich extra neben der Ideallinie gefahren bin. Dann gab es eine Safetycar Phase.«

Gradinger jongliert durch die Sachskurve. Links sieht man, wie ein Müllsack als Regenschutz zerfleddert

»Einmal kam Marvin rein, Luki sollte übernehmen, sass aber auf dem Klo, also wurde Marvin wieder rausgeschickt, hatte aber schon keinen Transponder mehr dran. Schließlich ist Luki raus, so waren zwei Fahrer auf der Strecke. Als nächstes kamen Leute, um zu fragen, ob von uns zwei Fahrer draussen wären? Naaa, haben wir gesagt, das geht ja gar nicht, wir haben doch nur einen Transponder und wie sie jetzt darauf kämen – war für ein Durcheinander, dazu das Chaos mit den Stürzen und dem Wetter. Aber wir hatten Spaß. Wir wurden Gesamt-Vierte und die 600er Klasse haben wir eh gewonnen. Zum Schluss ist es sogar aufgetrocknet. War eine coole Erfahrung, mit den zwei Jungs zu fahren. Mittlerweile haben wir es alle drei in die WM geschafft. Das hätte damals auch keiner von uns geglaubt.«

Das Öl-Wegzauber-Mobil hatte viel Arbeit.

Marvin Fritz: »Ich war im Vorjahr Deutscher Meister in der Supersportklasse und davon stand im Winter noch die R6 im Wohnzimmer, als Lukas bei mir vorbeischaute. Dann fragte er: »Wieso fahren wir eigentlich nicht das 1000 km Rennen mit?« Weil es zeitlich recht früh war und keine Überschneidung gab, kam es dann dazu – wir beide und der Gradinger dazu.«

Fritz: Mit 21 quasi der Senior im Team.

»Wir hatten in Hockenheim dann richtig Glück mit dem Wetter, es regnete 7 Stunden am Stück. Ich bin den Start gefahren, erstmal ging es eine Stunde hinterm Safety Car her. Es war brutal kalt, alles durchnässt; ich habe noch mit der Heissluft-Pistole versucht, die Sachen zu trocknen. Die Eltern von Lukas Tulovic versorgten uns mit Essen und heissem Tee. Am Ende war ich der Einzige im Team ohne Crash; zum Glück, weil die Speziallackierung vom Meistertitel noch auf meiner R6 drauf war. Es wäre ziemlich blöd gewesen, wenn ich damit gestürzt wäre.«

An der Heizpistole: Marvin.

»30 bis 40 Minuten ist jeder pro Stint gefahren. Die 600er Wertung haben wir am Ende gewonnen, trotz der Stürze von Gradinger und Lukas. Gesamt waren wir Vierte. Wir waren eine gute Truppe und es war auch ein gutes Regentraining. Wir hatten viel Spaß, die zwei sind ja lustig drauf, der Gradinger erst recht. Damals hat man schon gesehen, dass beide ein Supertalent haben und dass aus denen auch etwas wird. Und jetzt fahren wir alle drei in der Weltmeisterschaft in unterschiedlichen Serien.«

Marvin Fritz: Zum Glück blieb die 2014er Meistertitel-Verkleidung heil.

»Das Event war auf jeden Fall super und lustig, nur das Wetter war blöd, aber für die Zukunft wäre es schon interessant, mal wieder das 1000 km Rennen mitzufahren. Dieses Jahr sind die 24 Stunden Le Mans über Ostern, ich weiss nicht, ob sich das überschneidet, aber grundsätzlich wär es schon eine coole Sache, da nochmal mitzufahren.«

Lukas Tulovic: »Marvin und ich kennen uns schon lange, er wohnt eine Viertelstunde von mir zu Hause, wir sind quasi Nachbarn. In dem Jahr zuvor war er 600er IDM-Champion. Gradinger kannte ich auch, wir hatten von ihm meine Aprilia für den Junior-Cup 2013 gekauft, dazu ein paar Trainings zusammen absolviert.«

Tulovic: Hände erfroren, aber gutes Regentraining.

»Gradinger und sein Spezi Toby sind cool drauf, wir waren über Silvester in Cartagena. Dann entstand die Idee, die 1000 km zusammen zu fahren. Mit drei schnellen Fahrern bestand die Chance zu gewinnen; dazu wollten wir trainieren und Spass haben. Jeder hat ein paar Leute mitgebracht und hatte sein eigenes Motorrad. Es hat dann die ganze Zeit geregnet wie aus Eimern. Marvin fuhr den Start hinterm Pacecar. In der Parabolica froren nach ein paar Runden die Hände ein, derart eisig wars; anschließend die Haarnadel aus Topspeed anzubremsen war nicht so gemütlich. Aber als Regentraining war es trotzdem mega. Soviel Fahrzeit im Nassen kriegst sonst ja nie zusammen.«

Tulovic: »Das war wohl nicht so optimal abgesprochen.«

»Wir waren lange auf Platz zwei oder drei, aber Stürze passieren immer schnell im Regen. Einmal kam Gradinger in die Box rein zum Wechsel, eigentlich war ich dran, sass aber auf der Toilette. Das war wohl nicht so optimal abgesprochen. Hier und da haben wir schon Zeit verloren, sonst hätten wir Gesamtdritte statt Vierter werden können, aber am Ende die 600er Klasse zu gewinnen war schon super. Das ist jetzt vier Jahre her, aber ich erinnere mich gerne daran. Wir drei waren schon gut unterwegs und jetzt stecken wir alle in einer WM. Mit Marvin treffe ich mich hier und da zum Kartfahren oder im Sommer zum Trainieren. Mit Gradinger ist der Kontakt auch nie abgerissen.«

Mittlerweile alle drei in einer WM. »Das hätte damals auch keiner von uns geglaubt.«

Marvin Fritz heute: Endurance-WM bei YART.

Thomas Gradinger, hier mit Vesa Kallio, dem Bruder von KTM-MotoGP-Testfahrer Mika Kallio, fährt 2019 seine zweite 600er WM-Saison – im Kallio-Team.

Tulovic, hier beim Weihnachtsmarkt in Eberbach, bricht 2019 mit dem Kiefer-Team in die Moto2-WM auf.

Fotos: Buenos Dias, Gradinger

Fotos anderer Teilnehmer gibt´s auf www.rennsportarchiv.de

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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