Lucas Mahias, der Pinke auf der RC8 R

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Der Pinke und lauter Verstrahlte: Lucas Mahias und die KTM Endurance Battle Crew 2012 in Oschersleben.

Manche Beiträge lassen sich nicht planen, sie ergeben sich einfach, um so mehr, wenn es nur Anekdoten sind wie diese hier. Nach dem Training zum Bol d´Or an diesem Wochenende steht die GMT94-Yamaha R1 auf der Pole. Bestzeit im freien Training, Schnellster im ersten Quali, Bestzeit im Nachttraining sowie Schnellster in der Kombination der drei Fahrer David Checa, Niccolo Canepa und Lucas Mahias. Der Spanier Checa ist der Bruder von Carlos, dem SBK-Weltmeister. Der Italiener Canepa war Ducati-Werksfahrer in der Superbike-WM und für Pramac in der MotoGP unterwegs. Aber Mahias? Über den weiss in Deutschland niemand etwas. Bis auf ein paar orangiert Verstrahlte, die den Franzosen vor vier Jahren nach Oschersleben zum 8-H-Rennen lockten, um auf der Schittko-KTM RC8 R mit umzurühren.

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Weltmeister 2016 in der Endurance-Fahrerwertung: Mahias auf der GMT94-R1. Foto: Reygondeau/GMT94.

Damals gab es eine Superduke-Battle in Deutschland, die von KTM-Dealer Konrad Schittko organisiert wurde. Einer der Battlefahrer, ein gemütlicher Rheinländer mit dem Künstlernamen »da Moik«, veranstaltete im Winter für den familiären Battler-Haufen lockere Fahrtrainings in Pau und Nogaro. Dabei kreuzte zufällig ein unbekannter Franzose mit einer schwarzen R6 und pinker Lederkombi auf und geigte mit unfassbarem Speed zwischen den Superduke-Honks umher. Folge war: Konrad und da Moik überredeten den furchtlosen, superschnellen Gallier zu einem Gaststart auf der Schittko-RC8 R in Oschersleben, irgendwie mit Händen und Füßen, weil eine Verständigung auf Deutsch war unmöglich und auf englisch eher holperig.

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Die RC8 R stach schon ins Auge. Aber die Kombi dazu war echt ein Kracher.

So also kreuzte der kleine, stämmige, lockenköpfige Lucas mit dem auffälligen Leder in der Magdeburger Börde zum Langstrecken-Event auf und war mit Schittkos Endurance-Traktor wie erwartet schneller als der Schall, ansonsten aber bescheiden und ruhig, fast still. Er zog sich zwischendurch steinharte Musik über Ohrknöpfe rein und hatte eigentlich nur einen Wunsch – nach jedem Stint einen Teller heiße Nudeln mit etwas Salz, sonst nichts.

 

Ich spreche etwas Französisch und mimte hier und da den Übersetzer, anstatt nur mit Notizblock und Kamera herumzulungern, weil Bundy, der eigentlich Frankophile und nebenberuflich weltberühmte Poet und Buchautor, mit dem Aufheizen und Überwachen mehrerer Dutzend Reifen beschäftigt war. Mahias war pflegeleicht, dankbar und zufrieden, und lobte das Team die ganze Zeit höflich über den grünen Klee. Nur beim Getriebe der KTM fragte er einmal, ob sich die Schaltbarkeit nicht optimieren lasse beim Runterschalten, weil von seiner R6 sei er gewohnt, vor Kurven blitzschnell runterzusteppen – hier musste er immer ein Moment warten, bevor er den nächstniedrigen Gang reinkickte. Als es hiess, dass das halt so sei bei diesem Bike mit dem dicken Twin-Herz, akzeptierte er ohne Murren und arrangierte sich damit wie ein angehender Weltklassepilot – so gut es halt ging.

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Feuer in der orangen Hütte. Ging aber gleich weiter. Zum Pokal.

Lucas spannte mit Thomas Helldobler alias TEAD (TErrible And Dangerous), langhaariger Hobbyrennfahrer mit IDM-Erfahrung und Oliver »Rakete« Schmidt, zweifacher Papa aus Wuppertal, zusammen. Das Trio legte von Startplatz 25 los. In der ersten Stunde muckte die Vorderradbremse, bei Rennhälfte musste der Auspufftopf ersetzt werden. Und nach einer Pace-Car-Phase bereitete eine überhitzte Kupplung Kummer; erholte sich jedoch rasch wieder. Die Drei glänzten sturzfrei mit schnellen Rundenzeiten, auch die Schittko-Truppe, die aus lauter verstrahlten KTM-Duke-Battlern bestand, zauberte bei jedem Stopp. Am Ende einer denkwürdig grandiosen Fahrt brummte die RC8 R auf Gesamtrang 18. ins Ziel und das Trio wurde aufs Podest gebeten, um die Pokale für Platz 3 in der Open-Klasse abzuholen. Der Jubel im Team war ohrenbetäubend.

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Die GMT94-Equipe: Teamchef Guyot, Mahias, Canepa, Checa (v.l.).

Lucas Mahias, der Pinke, der Angaser vor dem Herrn, der Ruhige und Pflegeleichte, boxte sich in den letzten Jahren beharrlich nach oben. Er fuhr alles Mögliche in der französischen Meisterschaft, als Wildcard in der Moto2, drehte für das Tech3-Team am Gas, startete hier und da in der Supersport-WM. Das erste Langstrecken-WM-Rennen 2016 in Le Mans absolvierte er mit dem privaten April Moto Motor Events-Team auf einer Suzuki, dann lockte ihn das GMT94-Team auf die werksunterstützte R1-Yamaha, um den etwas zu sturzfreudigen Ex-GP-Piloten Louis Rossi abzulösen.

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Schittko, daneben mit Mütze da Moik: lotsten Mahias zuerst nach Oleben.

Mit der GMT94-Truppe siegte Mahias heuer in Portimao und in Oschersleben, kehrte also quasi auf das Podest zurück, das ihm von dem KTM-Ausflug bekannt war. In der Teamwertung verpasste GMT94 den Endurance-Titel um einen Punkt gegen SERT-Suzuki. In der Addition der Fahrerpunkte rangierte der einst Pinke jedoch allein an der Spitze, weil er in Le Mans Punkte kassierte, sein jetziges Team nach Stürzen jedoch ausschied. Mahias ist 2016 also tatsächlich Langstrecken-Weltmeister in der Fahrerwertung.

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Who is who: An der Kombi war Mahias leicht zu erkennen.

Gestern habe ich das Video gepostet, in dem Mahias mit der R1-Yamaha hinter Teamkollege David Checa in Paul Ricard im Training eine Runde dahinbraust. Beim Runterschalten hört man immer wieder, wie er die Gänge superblitzschnell runtersteppt, blipperunterstützt, klar. So ungefähr hat er sich das wahrscheinlich auch an der KTM gewünscht, damals. Vier Jahre sind seither vergangen, in denen sich einiges geändert hat. KTM baut keine RC8 R mehr. Der allseits beliebte Konrad Schittko ist an jener Krankheit gestorben, gegen die es kein Mittel gibt; seine Asche wurde in einer orangen Urne beigesetzt. Auch die Superduke Battle gibt es seither nicht mehr.

GMT94-night Kopie

Nach der Pole im Training beim Bol d´Or sagte Lucas Mahias, der mehrfach die schnellsten Rundenzeiten drehte: »Endurance ist dermassen schwierig. Ich fürchte nichts mehr als einen Fehler, der am Ende das Team bestraft. Gleichzeitig wächst mein Vertrauen mit jedem Rennen mehr, und heute haben mich alle besonders bestärkt, wofür ich dankbar bin. Meine Teamkollegen sind absolute Spitze, wir werden im Rennen alles geben.«

Sportliche Bescheidenheit ist eine Zier, damals wie heute. Finde ich.

Fotos: Buenos Dias, GMT94/D. Reygondeau

Video von Bluesprynz via Youtube

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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