Ausprobiert: Öhlins-Federbeine an CB1300

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Feeling ist wichtig beim Motorradfahren. Dynamik, Sound und Wind um die Ohren, der ganze Hokuspokus, der alle Sinne aktiviert und für Fahrspaß sorgt. Ein wichtiger Punkt dabei ist zumindest mir das Gefühl von Präzision. Wie gefühlvoll die Motorleistung abrufbar ist, wie fein die Bremse sich dosieren lässt, wie das Fahrwerk funktioniert, speziell das Einlenkverhalten und das Gefühl in Schräglage und wie die Federung anspricht. Wenn alles stimmt, stellt sich ein Wohlgefühl ein, das Fahren wird zur Abfolge von Reflexen, die kein großes Nachdenken erfordern. Das ist kein Rausch, sondern mehr ein Flow, ein Genuss fast esoterischer Art, der wenig mit Speed oder Grenzbereich zu tun hat. Wenn das Feeling stimmt auf einer schönen Strecke, möchte man weiterfahren bis zum Horizont, oder zumindest bis der Tank leer ist.

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Eine Zierde, kein Thema.

Meine CB1300 zählt nicht gerade zu den jungen Eisen, mit inzwischen 13 Jahren und über 90.000 km auf der Uhr. Trotzdem fährt das noch sehr schön. Montiert sind daran ältere WP-Stoßdämpfer, die ich aus nostalgischen Gründen von meiner vorherigen CB1000F aka Big One übernahm, nachdem diese ein Fachbetrieb auf die korrekte Einbaulänge umgebaut, dämpfungstechnisch überarbeitet und mit einer Höhenverstellung versehen hatte. Die Auslegung dieser Dämpfer würde ich mit eher straff bis trocken umschreiben, was mir bisher immer recht gut getaugt hat.

Warum ich jetzt trotzdem einmal einen Satz Öhlins-Federbeine ausprobieren wollte? Antwort: Aus purer Neugier. Ich bin vor ein paar Jahren mal eine 12er Bandit mit Öhlins gefahren; das war ein Testbike des »Motorradfahrer«. Wie präzise das Federbein ansprach, wie transparent und gut spürbar die Dämpfung erst weich und dann firmer reagierte, wie die Schläge und Unebenheiten regelrecht verdaut wurden, war ein erstaunliches Erlebnis, das immer im Hinterkopf blieb. Also nutzte ich jetzt die Gelegenheit und fragte leihweise bei Öhlins Deutschland (am Nürburgring) nach einem Satz Test-Federbeinen für den Gasgriffsalat an. Die Antwort fiel positiv aus, ein Paket mit passenden HO417-Dämpfern und gelben Federn traf alsbald ein.

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Schwedengold: Bling Bling für die Augen.

Die ersten drei Tage ließ ich die Verpackung geöffnet stehen, warf lediglich verzückt Blicke darauf. Bling Bling. Öhlins ist teuer, jeder weiß das. Oder zumindest nicht billig. Aber die Fertigungsqualität ist umwerfend. Wer diese makellos-edlen Teile in die Hand nimmt, vergisst sofort die Frage, ob 1450,- Euro dafür angemessen sind. In der Kommunikationswissenschaft ist schon mal vom »Bolstering Effect« die Rede, wenn man seine Kaufentscheidung für was auch immer im Nachhinein rechtfertigt. Je teurer der Gegenstand, desto länger wird der Kauf anschließend »abgepolstert«. Ich schätze jetzt mal, dass dieser Punkt bei den meisten Öhlins-Kunden nach dem Auspacken abgehakt ist….

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Customisierte, schon ältere WP´s, Öhlins zum Ausprobieren.

Der Einbau war rasch erledigt. Der Auspuff musste runter und das Hinterrad raus, sonst ist mit dem Drehmomentschlüssel für die unteren Befestigung nicht genug Platz. Die beiden Gasdruckdämpfer mit externem Reservoir (Piggy Back) sind nicht identisch. Beim rechten Dämpfer muss das externe Reservoir eingebaut leicht nach rechts stehen, beim Linken nach links. Der Versteller für die Druckstufe ist oben, für die Zugstufe unten. Die Einbaulänge beträgt wie beim Serien-Stoßdämpfer 365 mm, die Höhenverstellung erlaubt +8 und -2 mm. Geliefert wurden die Öhlins HO417 mit 00480-33-Federn. Die 33er Kennung bedeutet, dass diese Federn eine Kraft von 33 Newtonmeter benötigen, um einen Millimeter zusammengedrückt zu werden. Die empfohlene Einstellung lautete: Federvorspannung 21 mm, Zugstufendämpfung 21 Klicks auf, Druckstufendämpfung 15 Klicks auf.

Der Vollständigkeit halber: Es gibt diese Stereo-Federbeine auch mit schwarzen Federn. Oder in einer Blackline-Version auch komplett in Schwarz.

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Die erste Testfahrt verlief okay, also mit Blick auf das Fahrverhalten allgemein, aber der Komfort und speziell das sensible und präzise Ansprechverhalten, das ich von der Bandit-Testfahrt mit Öhlins-Dämpfer noch im Hinterkopf hatte, stellte sich nicht ein. Im Prinzip federte und dämpfte das eher straff und trocken, nicht viel anders als meine adaptierten WP-Teile.

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Anstatt es dabei zu belassen, was durchaus eine Option war, rief ich Wolli an. Wolli, aka Wolfgang Zeyen, war viele Jahre Redakteur beim Nitschke-Verlag, selbst als Rennfahrer aktiv, dazu Rennleiter beim früheren DNL-Ducati-Team. Seit ein paar Jahren ist er Ducati-Händler in Adenau (»Ducati am Nürburgring«) und dazu Öhlins-Service-Stützpunkt. Ich schilderte ihm die Lage, von der idealisiert verklärten Bandit-Testfahrt bis zur CB-Testfahrt mit dem schwedischen Gold und meinen speziellen Begehren nach mehr Komfort und vor allem spürbar präziserem Ansprechen. Seine Antwort: »Vermiss mal das Fahrwerk und schick mir die Daten.« Also ermittelte ich die Werte der Hinterradfederung unbelastet in der Senkrechten, mit mir als Fahrer sowie komplett ausgefedert mit dem Rad vom Boden.

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Genial simples Federvorspannung-Verstellwerkzeug, das keine Macken hinterlässt.

Wollis Antwort: »Feder zu weich! Aktuell zu viel Vorspannung, erkennbar am geringen Wert fürs Einsacken ohne Fahrer. Im Gegenzug ist die Fahrhöhe beinahe richtig. Ergebnis des momentanen Setups ist aber, dass die Federung nicht optimal anspricht. Jetzt einfach die Vorspannung zu reduzieren bringt´s auch nicht, dann fährst Du hinten zu tief. Die richtige Feder für Dich wäre die 00480-34.«

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Gegen Verdrehen: Sicherungs-Madenschraube aus Kunststoff.

Die Öhlins-Leute reagierten geschmeidig, ich fuhr also geschwind zum Nürburgring und die Feder wurde umgebaut. Zu Wollis Geschäft im alten Bahnhof in Adenau war es anschließend nur ein Katzensprung. Dort demonstrierte er mir noch am Computer die unterschiedlichen Federkurven. Die härtere 34er Feder (die entspannt 230 mm Länge misst) reagiert mit 11 mm Vorspannung erstmals weicher im Anfangsbereich als die vorherige Feder mit deutlich mehr Vorspannung. Zurück zu Hause habe ich die Federbeine zunächst mit 10 mm Vorspannung eingebaut, dazu die Druckstufe 15 und die Zugstufe 20 Klicks aufgedreht. Danach suchte ich mir eine Art Testparcours mit Kreiseln, schnellen Kurven, holprigen Streckenabschnitten und abschließendem Stück Autobahn und drehte geduldig eine Testrunde nach der anderen mit verschiedenen Einstellungen.

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Das fühlbar progressive Ansprechen der Öhlins-Bandit habe ich nicht erreicht, was ich mir damit erkläre, dass die Suzuki über ein Monofederbein mit Hebelumlenkung verfügt. Was ich jedoch erreicht habe mit den HO417-Stereo-Federbeinen, die mit progressiv gewickelten Federn ausgestattet sind (ansonsten überwiegen laut Wolli lineare Federn bei Öhlins), ist überzeugender Komfort; Stöße und Schläge werden wie bei einem fliegenden Teppich einfach weggeschluckt. Je nach Einstellung gewann auch das Rollverhalten von leichter in stärkere Schräglage, was für ein gutes Gefühl beim Fahren extrem wichtig ist.

Ich hatte am Ende mit 8 mm Vorspannung und 15/25 Klicks bei Druck/Zug ein prima Gefühl auf glattem, kurvenreichem Asphalt, dazu stimmten Ansprechen und Komfort auf Rumpel-Passagen. Mit 10 mm Vorspannung ist etwas mehr Körperspannung beim Einlenken angeraten, dafür fällt der Geradeauslauf ab 180 km/h etwas stabiler aus, das heisst, eingeleitete Unruhen klingen schneller ab. Autobahn-Tempo ist bei einem Naked-Bike zwar kein Top-Thema, völlig aus den Augen verlieren sollte man Stabilität geradeaus aber auch nicht.

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Finaler Check auf schöner Eifel-Tour.

Mit dem präferierten Setup bin ich anschließend bei Knut Briels May-Day-Ausfahrt einen Tag lang kreuz und quer durch die Eifel geströmt; ich kann mich nicht erinnern, das mein Motorrad jemals souveräner und schöner gefahren ist. Ich bin jedenfalls froh, dass ich diese Öhlins-Federelemente ausprobieren konnte. Versuch macht klug, heisst es schließlich nicht umsonst. Spannend war es; und beeindruckend, wie sich diverse Einstellungen bei Federvorspannung und Zug/Druck-Klicks auswirken, wie Präzision und Gefühl gewinnen können. Wer mich fragt, ob diese Teile Ihre Geld wert sind, kann ich nur antworten, aber ja doch. Vor allem, wenn das Feeling am Ende besser ist. Allein darauf kommt es beim Motorradfahren schließlich an.

Fotos: Buenos Dias

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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