KTM 690 Duke R und die coole Sockine

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Ich kenne eher flüchtig eine Blondine, die ziemlich grün hinter den Ohren ist, weil sie mag Kawasakis. Gleich mehrere stehen in ihrer Garage: ein Winzding, eine leichte Enduro und eine dicke Four. Ein Gixxer gehört auch noch dazu, für Trackdays zwischendurch. Sie ist von zierlicher Statur, kann scheu gucken wie ein Reh, fährt liebend gerne und verdammt gut Motorrad und kann sogar kochen, wie ich inzwischen via FB und Twitter feststellen konnte: Braten, Überbackenes, Buletten mit Birne (echt!), Suppen, Desserts – das ganze Programm.

KTM 690 Duke R: 75 Einzylinder-PS bei 8.000/min, zwei Ausgleichswellen, 6-Gänge, Akrapovic, 162 kg vollgetankt, MTC-Fahrmodi mit Traction Control und Kurven-ABS, voll einstellbares Federelemente, Cockpit mit TFT-Display. 10.295 Euro + NK.

 

Die coole Sockine, wie ich sie nenne, schickte mir vor etlichen Wochen eine mail: »Bist Du in Mailand? Wenn ja, bring unbedingt Fotos der 690 Duke R mit«. Ich verstand nur Bahnhof. Warum ausgerechnet von dem alten Rappler? Meinte Sie vielleicht die göttliche 1290 Super Duke R? Oder die ganz neue, superfesche GT? Ich hatte keinen Schimmer, was KTM dort alles an Neuheiten zeigen würde, woher auch.

Wie üblich auf Messen rennt man überall rum und hin und bekommt längst nicht alles mit, etliche wesentliche oder interessante Dinge zischen an einem vorbei wie E-Bikes, ohne dass man es merkt. Die 690er Duke R stand da auf einem Podest, sah aber nicht viel anders aus und war kaum abzulichten, weil das Plexiglas drumherum am Podest zu weit herauf reichte; keine Ahnung woran der Messebauer gedacht hatte, an schöne Bilder oder halbwegs Fotografieren können sicher nicht. Jedenfalls knipste ich notdürftig ein, zwei Bilder und zog achselzuckend weiter – mission failed, so in der Art.

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Inzwischen weiß ich, dass die coole Sockine ihre dickste, sogar noch relativ neue Kawasaki verkauft, um sich die 690er mit dem R zu angeln. Also habe ich mich schlau gemacht, was es mit dem Teil auf sich hat, dass die ja eigentlich giftfarbig Beseelte derart hemmungslos orangiert auszuckt.

Oiso:

Generell: Die Duke wurde vor über 20 Jahren auf den Asphalt losgelassen. Inzwischen sind rund 50.000 Einzylinder im handlichen Fahrwerk in Mattighofen vom Band gelaufen. Die jetzige Generation ist die fünfte seit 1994. Die jüngste 690 Duke ist laut KTM »ein Sportler, aber auch ein Alleskönner und im besten Sinne praktisches Motorrad. Und nicht nur der stärkste, sondern auch der mit Abstand kultivierteste Einzylinda aller Zeiten«.

Motor: Big Single mit 690 ccm Hubraum, Einspritzung, Doppelzündung mit Zündkerzen-selektivem Mapping plus Ride-by-Wire-Funktion für Punch und Drehfreude; 75 PS und Drehmoment hochgeschraubt auf 74 Nm. Im Zylinderkopf werden die Auslassventile per Kipphebel betätigt, die Einlassventile aber direkt von der Nockenwelle, die ebenso trickreich wie neu jetzt zusätzlich eine zweite Ausgleichswelle ist. Dank Akrapovic-Titan-Auspufftopf und weiteren Änderungen bietet der neue Single ein 1.000/min breiteres nutzbares Drehzahlband und erreicht als erster KTM-Motor die Abgasnorm Euro 4.

Fahrwerk: Rezept sind wenig Gewicht (ca. 162 kg mit vollem 14-Liter Tank), spielerisches Handling und rasierscharfe Lenkpräzision plus Stabilität. Dafür sorgen orange beschichteter Gitterrahmen aus Chrom-Molybdän-Rohr, voll einstellbare WP-Federelemente, neue Gabelbrücken mit geringerem Versatz sowie aus dem vollen Aluminium gefrästen Monoblock-Bremssättel von Brembo.

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Elektronik: Neu an Bord der 690er R ist die geniale Motorrad-Stabilitätskontrolle MSC (wie bei den großen Adventure-Modellen) mit schräglagenabhängig geregeltem ABS. Die Fahrmodi „Sport“, „Street“ und „Rain“ werden über einen Mode Switch am Lenker links gewählt, komplett mit der ebenfalls schräglagenabhängig regelnden Traction Control, die je nach Fahr-Modus mehr oder weniger Antriebsschlupf am Hinterrad zulässt. Dazu kommt noch eine Motorschleppmomentregelung (MSR), die dem Blockieren des Hinterrads entgegen wirkt, falls der Fahrer den Gashahn abrupt schließt oder beim Herunterschalten die Kupplung zu schnell einrückt. Und noch ein aktivierbarer Supermoto-Modus, der Sliden übers Hinterrad ermöglicht.

Warum geniales MSC? Weil ich vor zwei Jahren dabei war, als KTM das Bosch-Wunderzeug der Weltpresse vorstellte. 60 Ungläubige haben in vollen Schräglagen gebremst wie die Henker, nicht einer hat es geschafft hinzuschmeissen, alle hatten Augen nachher groß wie Frisbeescheiben oder sanken vor den ABS-Göttern auf die Knie. Es war die denkbar sensationellste Vorführung von Kurven-ABS, ein unvergeßliches Weltwunder moderner und bis dahin für unmöglich gehaltener Technik.

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Drum und Dran: Das Kombiinstrument im Cockpit ist jetzt mit einem TFT-Farbdisplay bestückt, dessen Menü sich mit beleuchtetem (!) Bedienelement links am Lenker durchscrollen lässt. Blinker und Bremslicht glänzen mit LED-Technik. Die optimierte zweiteilige Sitzbank räumt mehr Bewegungsfreiheit ein.

So weit.

Jeder, der etwas vom Motorradfahren versteht, weiss, wie spaßfördernd wenig Gewicht sich generell auswirkt, vor allem in Kombination mit ordentlich Dampf im Kessel. KTM hat dem optisch unverändert sehnigen 690er Leicht-Eisen dank der zweiten Ausgleichswelle das Rapplige weggezaubert, dazu sinnvolle Zauberelektronik inklusive Kurven-ABS eingefüllt, übers Handling gepustet und ein paar Feinheiten optimiert.

Scheinbar hat die coole Sockine das alles sofort überrissen. Ich erst jetzt. Jüngster Vermerk auf meiner 2016er To-Do-Liste: Unbedingt KTM 690 Duke R ausprobieren.

Fotos: KTM

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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