Short-Story: Das Ventil im Keller

1

Ventil-SS50

Ich war 16, hatte eben eine gebrauchte Honda SS50 gekauft, schnallte das Nötigste auf und landete nach zwei Tagen Kilometer-Schrubben in Bayern am Ammersee auf einem Camping. Mein erster Allein-Urlaub, mein erster Motorrad-Urlaub; die Welt war schwer in Ordnung. Ich baute mein Zelt auf, gegenüber parkierte ein Wohnwagen von einem Caprifahrer aus Bochum, der eine Tochter in meinem Alter hatte. Supersüss.

Die SS50 war der einzige Viertakter damals, biss mit 5,1 PS gegen Kreidler, Zündapp & Co mit 6,25 Pferdestärken natürlich ab, aber das war nicht wichtig. Der Sound machte die Musik, vor allem ohne die Flöte im Auspuff. Und Laufkultur und Charme waren um Lichtjahre smarter als die Zweitaktstinker.

Ich hätte am ersten Tag schwimmen gehen, einkaufen, die Gegend erkunden oder die Supersüsse umgarnen können. Aber was machte ich? Ich stellte die Ventile ein. Es gab keinen Grund dafür, die Honda schnurrte fröhlich vor sich hin. Aber ein Freund, der ein Jahr älter war, hatte mir die Prozedur einmal gezeigt, und offenbar war ich irgendwie der Meinung, das sei hier und jetzt, nach zwei Tagen Anfahrt, sinnvoll oder notwendig.

Ich hatte Werkzeug und die Fühlerlehre mit 0,05 mm dabei. Ich schraubte den seitlichen Deckel ab und die über den Ventilen, drehte am Polrad auf die Markierung, mass das Spiel, korrigerte die Einstellung, erst am Einlass, dann am Auslass. Danach trat ich auf den Kickstarter. Der Motor lief wie vorher, klapperte aber. Ich dachte mir nichts dabei.

Auf der ersten Ausfahrt in die Umgebung, der Motor klapperte die ganze Zeit, machte es irgendwann »Petsch« und meine SS50 war tot. Beim Tritt auf den Kick machte es nurmehr Klack-Klack-Klack. Was tun? ADAC gab´s nicht, also nicht für mich. Immerhin war ich zufällig in einem Städtchen mit einem Bahnhof gestrandet. Ich schob also dorthin, löste ein Ticket nach Utting am Ammersee, wo mein Zelt aufgeschlagen war, lud die Honda in den Zug, ratterte die paar Kilometer dorthin und schob die Honda dann weiter zurück zum Campingplatz.

Tags drauf kaufte ich eine Fachzeitung mit Kleinanzeigen und fand eine Honda-Adresse, die Hilfe versprach: Motorrad Spaett in München. Also schob ich die Honda wieder vom Camping zum Bahnhof, kaufte ein Ticket, lud das Teil ein, als der Zug kam und dampfte in die Stadt der Olympiade, die dort ein Jahr später stattfinden sollte. Am Hauptbahnhof lud ich das Kleinkraftrad aus, schob erst quer durch denselben und dann durch die City.

Bei Spaett angekommen; ich in den Laden rein, mit Typ hinterm Tresen wieder raus, er tritt auf den Kickstarter, es macht »Klack-Klack-Klack«, er zuckt die Schultern und meint lakonisch: »Na ja, Kolbenschaden. Oder Kurbelwelle gebrochen. Reparatur kostet 500 Mark, vielleicht 600.« Mir schwante eh Böses, aber das kam schlimmer als ein Hammerschlag. Ich hatte wachsweiche Knie. Das war mehr als ich gebraucht bezahlt hatte. Nicht mal die Hälfte steckte in der Urlaubskasse. Der Spaett-Typ ging zurück in den Laden, ich blieb verzweifelt zurück. Ich setzte mich neben meine Honda auf den Trottoir, wusste weder ein noch aus.

Irgendwann tauchte einer auf, stellte sich als Spaett-Mechaniker vor und bot an, die SS50 bei sich daheim anschauen zu können, vielleicht würde eine Reparatur ja nicht ganz so teuer. Ich war einverstanden, wartete ein paar Stunden, bis er Feierabend hatte, dann schleppte er mich mit seinem uralten Moped ab. Das Seil, eine bessere Schnur, war an seinem Gepäckträger verknotet. Das andere Ende schlang er in der Mitte um meinen Lenker, das Ende drückte er mir in die Gashand. Bei einem Schlamassel hätte ich loslassen müssen, das Seil hätte sich schon vom Lenker abgeschnürlt. So zog er mich quer durch die Stadt, es war wacklig und abenteuerlich, ging aber gut.

Anschließend brachte er mich zum Bahnhof, ich kaufte ein Retourticket und fragte am Schalter nach dem nächsten Zug. »Jetzt gleich«, lautete die Antwort, also nahm ich die Beine in die Hand. Als ich am Gleis ankam, sah ich wie im Kino nur noch die Rücklichter, die in der Ferne immer kleiner wurden. Verdammt. Der nächste Zug folgte zwei Stunden später. Als es soweit war und der Schaffner schließlich meine Karte knipste, klärte er mich auf, dass mein Zug nicht mehr die 60 km nach Utting fahren würde. Sondern Endstation macht in irgendeinem Kaff auf halben Weg. Verdammt, verdammt.

Als ich ausstieg am Endbahnhof, war es längst dunkel. Weiter zu Fuß blieb als einzige Möglichkeit, egal wie lange es dauern würde. Also stiefelte ich durch die Nacht, die unbeschreiblich dunkel war. Kein Mond, kein Stern, es war so duster wie mit verbundenen Augen im Keller. So tapste und stolperte ich auf der für mich unsichtbaren Straße dahin, rutschte auf Ziegenfladen aus, stürzte auf die Knie oder in den Straßengaben, wieder und wieder, kämpfte mich zentimeterweise vor, schwitzte und stank bald wie ein Schwein, halb verdurstet, völlig verzweifelt; mir war so elend wie nie zuvor.

Irgendwann, es müssen Stunden gewesen sein, tauchte vorne ein Licht auf, das nächste Dorf. Ich war nicht mehr ich, völlig fertig, ausgemergelt, verdreckt, müde; als das erste Haus erreicht war, steuerte ich wie ferngesteuert darauf zu und drückte die Klingel. Jemand öffnete die Tür, starrte mich an wie in Gespenst, ich schilderte mein Elend und bat, übernachten zu dürfen, zur Not auf dem Boden, bis zum nächsten Morgen nur, weil so ging es bei bestem Willen nicht mehr weiter. Als ich ausgeredet hatte, sagte der Mann bloss »Ich fahr´ Sie mit dem Auto gschwind nach Utting«, was ich dankbar annahm.

Zwei Tage später kam der Spaett-Mechaniker mit meiner reparierten Honda am Campingplatz vorgefahren, und ich erfuhr, dass ich bei der Ventilkontrolle oberen und unteren Totpunkt verwechselt hatte, das Spiel war viel zu groß, ein Ventil riss darauf ab, dann kam von unten der Kolben hoch und fertig war der Salat. Ich zahlte etwas über 200 Mark, immer noch eine stattliche Summe, aber schon okay; krummes Ventil und demolierter Kolben blieben als Souvenir.

Eigentlich war ich damit kurz vor der Pleite, aber den ersten Motorradurlaub abbrechen und vorzeitig nach Hause fahren kam überhaupt nicht in die Tüte. Ich blieb wie geplant, zu essen gab es halt 10 Tage nur noch Kartoffeln, aber es war trotzdem schön. Die Honda schnurrte wieder brav, und natürlich war da noch die Supersüsse. Ein Foto existiert von meiner schwarzen Honda SS50 nicht. Alles was ich habe, schlummerte bis heute in einem Karton im Keller – das verbogene Ventil.

Foto: Buenos Dias

About Author

Avatar

Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

1 Kommentar

  1. Avatar
    Zündapphuber on

    Habe den Beitrag nicht nur gelesen, sondern gefühlt.

    Genau das ist es, was einem kein Hersteller der Welt mit noch so grossem Aufwand heute als Retro bieten kann:

    Die Regennacht mit Werkzeug unter der Strassenlaterne, der dritte Tag im nassen Schlafsack irgendwo im Nirgendwo und die Überlegung, ob man für die die letzen 3 Mark doch noch eine Dose Ravioli und ein bischen Sprit kaufen soll – 500 km von zuhause weg.

    Danke, dass mir das Leben damals auch eine gebrauchte Fünfziger beschert hat statt ein Quadcore-Handy.
    Was hätten wir alles verpasst….

Leave A Reply