Zünd-up beim Honda Media-Day

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Michael Huber aka Zünd-up, NC750S: unscheinbar, mit allen Vorzügen der Doppelkupplung und Stauraum in der Tankattrappe.

Honda Deutschland rief zum Media-Day und musste nicht lange bitten. Vertreter der schreibenden Zunft waren geladen, die komplette Modellpalette unter erstklassigen Spessartstrassen-Bedingungen auf Herz und Nieren zu testen. Als Kolumnist der Zeitschrift »Motorradfahrer« und with a little help from a Gasgriffsalat-friend bekam auch ich die Möglichkeit zum Probefahrten-Feuerwerk – etwa 35 Maschinen aus dem Honda-Programm, vom 50er Roller bis zur Gold Wing. »Schlüssel steckt!« Na, wenn das kein Angebot ist…

Mein persönlicher Favorit ist gerade frei. CB1100. In der aktuellen EX-Version mit noch mehr Retro. Speichenräder. Honda hat mich erhört. Chromschutzbleche, ordentlich auf Oldschool getrimmte Armaturen, klassische Form bis zur Sitzbanknaht. So mag ich das. Fährt sich wie ne 750er, erlaubt auch kleineren Fahrern guten Bodenkontakt und lächelt bei der Zigarettenpause keck mit den Kühlrippen, als ob sie sagen wollte: »Stimmts, vor 30 Jahren hattest du die Kohle noch nicht. Wie wär´s denn heute mit uns Zweien?«

Nächster Zündschlüssel. Krasser Gegensatz. Roller SH300i. Auch der in meinem Focus. Privat habe ich einen 125er Roller fürs »Muss zur Arbeit« und eine CB1300 fürs »macht Spass«. Der 300er für jeden Tag ins Büro brächte schon mehr Spass ins Muss, Leistung hat ja noch nie geschadet. Wenn man ein grosses Motorrad gewöhnt ist, wähnt man sich hier auf einem Mountainbike – mit 27 PS. Auch vom Geräuschpegel her. Bis 80 km/h gibt’s Wind, sonst nichts. Akustisch ein Elektroroller. Aber flitzt aufgrund des geringen Gewicht ab wie Schmidt´s Katze. Fürs Ampelduell mit der gehobenen Geschäftswagen-Liga jederzeit gut. 100 PS-Golfs schnupft das unscheinbare Rollerchen einfach nur weg. Underdog sein, ich liebe das. Das ABS greift (man verzeihe mir) idiotensicher wie die gesamte Bedienung: Gas geben, Bremsen, fertig. Etwas mickriger Stauraum, aber der ist den grossen Rädern geschuldet. Honda spendiert als Ausgleich ein Topcase gleich mit. Für mich klar: SH300i statt Monatskarte. Bei einem Verbrauch um die 3,5 Liter hält das sogar einem spitzen Rechenexempel stand. (Und ja, es geht recht flott, bis der Tacho 140 zeigt).

Dagegen nehmen sich die Forza Modelle (125 und 300 ccm) dann eher aus wie normale Roller. Fahren prima, bremsen prima – aber haben die übliche Menge Plastikverschalung. Klar, besserer Wetterschutz und dank der kleinen Räder auch Stauraum unter der Bank. Eigentlich praktischer. Aber eben auch mehr Gewicht und eine Ausladung, die mir das Umherschlängeln im morgendlichen Stau nicht so leicht machen würde, wie die „halbnackten“ SH Modelle. Und der Underdog-Faktor wird schon ein wenig untergraben. Den gespeicherten Durchschnittsverbrauch des 125ers meiner nicht zimperlichen Vorfahrer (3,1 Liter) versuchte ich zu toppen. Gasgriff am Anschlag, bergauf. Keinen Millimeter nachlassen. Ich habe es geschafft und kam auf den letzten Metern auf 3,3 Liter in der Anzeige. Fürs Gebotene also ein sehr genügsamer Geselle.

Nun aber mal richtig rollern: Integra 750. Doppelkupplungsgetriebe. Für mich als Bediener passiert alles automatisch – das Getriebe wird aber fleissig geschaltet. Eine Kupplung für die geraden, die andere Kupplung für die ungeraden Gänge. Kaum wahrnehmbare Schaltzeiten, kein Rucken, kein Aufheulen. Einfach nur ein leises »Klack« von unten. Hört sich in etwa so an, als wenn bei einer alten Africa Twin das Blinkerrelais schaltet. Spassige Sache, zumal ich jederzeit manuell eingreifen oder nach Belieben hoch- und runterschalten kann. Spassfaktor hoch, Underdog- und Durchschlängelfaktor aber eher mittelmässig. Man sieht dem Ding gleich an, dass es mehr als 10 PS hat. Für mich eine Bereicherung in Hondas Modellpalette mit Doppelkupplungen.

 

MSX125: Für den Racer in mir.

MSX125: Für den Racer in mir.

Apropos Doppelkupplung: NC750S / NC750X. Vor dem Testtag für mich klar in der Klasse der Brot- und Buttermotorräder. Lockmittel für Neulinge oder Wiedereinsteiger. Eigentlich habe ich gar nicht gross Lust zum Testen. Bis mir ein anderer Teilnehmer davon vorschwärmt. Also rauf auf das Ding  und selbst ausprobieren. Er hat Recht. Die S hat schon eine Faszination. Keine übermässige Leistung, keine „Boaah Ey“-Optik. Aber das macht es aus. Ein unscheinbares Entchen mit allen Vorzügen der Doppelkupplung und mehr Stauraum in der Tankatrappe als beim SH300i. Deckel auf, Vollvisierhelm rein, Deckel zu. So muss das. Sollte ich vielleicht doch schwach werden bei der Wahl meines morgendlichen Durchschlänglers? Ausreichend Pfeffer im Hintern, um auch mal Spass zu machen und einen Verbrauch, den man fast nicht glauben kann. Knappe 4 Liter werdens wohl werden – bei nicht zu zaghaft geöffneter Drosselklappe wohlgemerkt.

Der Bruder NC 750X, technisch gleich, bietet eher Endurofeeling an. Höhere Sitzbank, aufrechtere Haltung, und ein passendes Gepäckprogramm, dass auch Weltumsegler glücklich macht. Wohl das, was man neudeutsch „Adventure“ nennt. Unterm Strich: Sie macht Spass, die NC-Serie mit der Kraft der zwei Kupplungsherzen. Wer keine Rennen gewinnen muss, aber stets zügig unterwegs sein mag, wird hier prima bedient. Und diese Bedienung macht einfach nur Spass. Automatik für ins Büro, manuelles Durchsteppen für die Odenwaldtour am Sonntagmorgen. Budget-Bikes, die auf hohes technisches Niveau und den Spassfaktor nicht verzichten. Bin (positiv) überrascht.

Hier und da bin ich auch noch über fast abgekühlte Motorräder gestolpert, eine CB500, CB650F oder VTR schauten traurig drein. Ich hatte Mitleid mit Ihnen. Und die schienen das gemerkt zu haben. Wenn sie schonmal da sind, sollte man sie auch fahren. Gesagt, getan – aber der Rahmen hier wird langsam eng.

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Vultus NM4: Auf zur Raumstation im Stealth-Style.

Noch kurz, was ich nicht gefahren habe? Die Fireblade im Repsol Dress (mein Orthopäde riet mir stark davon ab), den All-time-Classic-Kreuzer Gold Wing (ich habe keinen LKW Führerschein) sowie das State-of-the-Art-Teil Vultus NM4. Bei der Vultus habe ich lange überlegt. Aber letzten Endes hatte ich Angst davor, dass ich am Ende meiner langen Tour dringend pinkeln muss, an die Türe der Raumstation ISS anklopfe – und mich lässt keiner rein.

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