Toni und das Mörderfoto

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Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte, wenn alles stimmt, wie bei diesem. Katar, MotoGP-Thriller 2014. Foto: Toni Börner

 

Eigentlich soll man Fotos nicht zerreden. Aber bei diesem sei eine Ausnahme gestattet. Fabriziert hat es Toni Börner* letztes Jahr beim Katar-GP, als Marquez, Rossi und die anderen Helden sich um die Spitze balgten.

Ich fotografiere selbst seit viel zu vielen Jahren: Motorräder, auch Autos, Busse und vieles, was sich sportlich bewegt. Aber so ein Mörderfoto habe ich noch nie gesehen. Ich habe mich gefragt: Was zum Teufel hat den Kerl bewegt, bei Rennhälfte an der Boxenmauer herum zu lungern? Bei einem Grand Prix sind vielleicht 50 Profi-Fotografen zu Gange, denken und agieren aus vielerlei Gründen nach nachvollziehbaren Bewegungsmustern. Aber auf so eine Idee kommt keiner.

An dieser Stelle der Zielgeraden haben die Bikes auf mindestens 250 km/h beschleunigt. Sie legen dabei pro Sekunde 69,44 Meter pro Sekunde zurück, auf den Fotografen zu. Die EXIF-Daten der Aufnahme besagen, Tonis Nikon D4S war mit einer 300 mm Tele-Optik versehen, auf 1000 ISO eingestellt, die gewählte Verschlusszeit betrug 1/400 Sekunde. Das hätte ich mich nicht getraut, sondern mindestens doppelt so kurz eingefroren. Damit wäre wohl die Tiefenschärfe beim Teufel, aber zumindest die Gefahr reduziert, dass die Bikes beim Auslösen regelrecht durchs Bild durchfahren.

Toni hat alles richtig gemacht: Zur richtigen Zeit am richtigen Ort, Bildausschnitt und Komposition, Aufnahmetechnik, trotz kniffliger Nachtbedingungen. Denn je weniger Licht, desto schwieriger wird es generell, auch wenn sich heutzutage an den Digi-Dingern die ISO-Lichtempfindlichkeit schon heftig hochschrauben lässt, bevor die Körnung überhand nimmt und die Natürlichkeit zerstört.

Als wäre es als Momentaufnahme nicht sensationell genug, im Nachhinein rafft es auch noch den Saisonverlauf von 2014 zusammen. Das Honda-Wunderkind gegen den Yamaha-Weltstar, flat-out, mit allem was geht; die anderen einen Tick dahinter, eingerahmt von bunten Farbklecksen und einer Pappwand, die uns sagt, wo wir eigentlich sind, im Dunkel der Nacht. Es war ein hochdramatisches Rennen und deswegen ist es auch DAS Foto, um voller Vorfreude einen Blick nach vorne zu werfen auf die MotoGP-Saison 2015, die jetzt am Wochenende beginnt, wieder in Katar.

Für diese Zeilen habe ich Toni noch ausgehorcht, wie das Bild entstanden ist. Seine Antwort: »Ist ja krass, du bist der Erste, der das fragt. Eigentlich ist es ganz einfach. Da ich die deutschen Texte für motogp.com erstelle, bin ich zeitlich arg gebunden. Mit Fallen der Zielflagge MUSS auf Deutsch eine Überschrift und ein Teaser zum Rennausgang online sein. Mein Ablauf ergibt sich daraus zwingend: Startaufstellung am Grid, dann der Start, vielleicht noch Actionaufnahmen in ein bis zwei Kurven – aber kurz vor Halbzeit MUSS ich zurück Richtung Media-Center. Zumindest, wenn draußen kein mobiles Internet für mein MacBook Air-Laptop anliegt. Katar zeigt zwar 3G im Netz an, funzt aber nicht. Auf dem Weg zurück habe ich halt noch mal schnell über die Boxenmauer gelugt, sah den Hintergrund, die Lichter, die Schilder – und Zack, war das Ding im Kasten.«

Nachsatz: »Meine Faust im Nacken ist die Zeit. Ich bin gezwungen, hart durchzutakten und zu planen, insofern lief alles normal streng zeitgebunden ab. Das kann ein Nachteil sein. Vorteil ist aber: Meine Normalität ist anders als die der anderen Fotografen, woraus jedoch wieder andere Perspektiven entstehen können, manchmal jedenfalls.«

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*Toni Börner ist ein (noch) relativ junger Bursche aus Kamenz in Sachsen, der sich in der Rennszene als Schreiber und Lichtbildner etabliert und mit Mediendienstleistungen unter dem Namen Highside-PR einen Namen gemacht hat. So begleitet er u.a. das Penz13-Team in der Langstrecken-WM, die Freudenberg-Truppe in der IDM, liefert dem nimmersatten Red Bull Content Pool allerlei Interessantes zu und arbeitet dazu für die Veranstalterfirma Dorna, indem er den deutschen Inhalt der offiziellen MotoGP-Webseite wie auch der Superbike-WM pflegt, übersetzt und editiert.

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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