Jubiläum: 50 Jahre Honda CB 750 Four, Teil 4

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Die Bol d´Or-Siegermaschine von 1969

Die Menschen wollten schon immer wissen, wer der Beste, Schnellste, Stärkste ist. Oder sich sportlich messen mit anderen, um ihre mechanischen Geistesblitze und Konstruktionen im Wettkampf einer Bewährungsprobe zu unterziehen. Also dauerte es nicht lange, bis die Honda CB 750 Four, die vor 50 Jahren die motorradinteressierte Welt in Erstaunen versetzte, auch im Sportgeschehen aufkreuzte. Im vierten Teil der Gasgriffsalat-Serie zum Jubiläum der Vierzylinder-Legende sind deshalb sportliche Erfolge das Thema.

Most fabulous motorcycle ever: Der erste Prospekt nach Serienanlauf.

Morio Sumiya.

Wenige Monate nach Anlauf der Serienproduktion der CB 750 Four ging in Suzuka 1969 ein 10 Stunden-Langstreckenrennen über die Bühne. Das Marathon-Event war quasi der Vorläufer des heutigen 8-Stunden-Rennens. Die Honda R&D-Entwicklungsabteilung ging dort mit zwei Bikes und einer Art Inhouse-Mannschaft aus Testfahrern an den Start, die Nennung erfolgte unter dem Namen „Blue Helmet MSC«. Das Team Morio Sumiya/Tetsuya Hishiki trug auf Anhieb den Sieg davon, auf den zweiten Platz brausten knapp dahinter Youichi Oguma/Minoru Sato.

Der schnelle Morio Sumiya war öfter als Rennfahrer im Einsatz, in Japan und sogar in Daytona/USA sowie in Frankreich; er probierte in den Folgejahren auch eine aufgebohrte Honda CB 500 Four als Racebike aus, ein interessanter Ansatz damals, mit weniger Gewicht und quickerem Handling gegen die Big-Bikes zu bestehen. Später bezahlte der Japaner seine Rennleidenschaft teuer, er verunglückte bei einem Rennen tödlich.

Ex-CB750-Racer Youichi Oguma managte das GP-Werks-Team 1983 von Honda und HRC, als Freddie Spencer die 500er WM-Krone gewann.

Youichi Oguma kreuzte in den frühen 80er Jahren dann im Grand Prix Sport auf, als Teamchef des Honda-Werks-Teams mit Freddie Spencer, Marco Lucchinelli, Ron Haslam und Takazumi Katayama auf den 500er Dreizylinder Zweitaktern auf. HRC (das Kürzel steht für Honda Racing Company) war erst Ende 1982 in Leben gerufen worden. Vorher nannte sich die Honda Rennabteilung RSC (Racing Service Center). Als Spencer 1983 mit Erv Kanemoto als Technikus mit der NS 500 den ersten Halbliter-WM-Titel für Honda erkämpfte, war Oguma für HRC als verantwortlicher Japaner bei allen GP-Rennen vor Ort.

Bol d´Or 1969 in Linas-Monthléry: Die Sieger-Honda CB 750 Four von Rougerie/Urdich.

Nach dem Suzuka-Erfolg dauerte es nicht lange, bis in Europa der nächste Sieg gelang. Beim Bol d´Or über 24 Stunden in Linas-Monthléry, am 12. September 1969, triumphierten Michel Rougerie/Daniel Urdich auf einer CB 750, die eigens bei Honda GB auf Befehl aus Japan aufgebaut worden war; den Einsatz vor Ort übernahm der Pariser Honda-Händler Japauto.

Ende der 60er Jahre waren Motorräder und Rennsport in Frankreich schwer in Mode bei der jungen Generation. Weiter angefacht von Hondas superber Four sollte sich dieser Trend über ganz Europa ausbreiten. Die Japaner wussten, wie wichtig dieses Bol d´Or-Rennen mit Serienmaschinen für die Entwicklung der Szene war, dass nach 8 Jahren Pause erstmals wieder ausgefahren wurde. Rougerie, extrem schnell und spektakulär im Bammelbein-Stil unterwegs, stieg später in der GP-Szene zum dreifachen GP-Sieger auf, wurde 1975 250er Vizeweltmeister, steuerte sogar vertretungsweise die 500er Werks-Suzuki von Barry Sheene. 1981 erwischte es den beliebten Franzosen beim Rijeka-GP – er kam nach einem tragischen Unfall ums Leben.

Dynamik.

Die Honda-Vertretung Japauto, die unter dem rennbegeisterten Boss Christian Villaseca zu einem der größten Honda-Händler überhaupt aufsteigen sollte und über 1000 Bikes pro Jahr verkaufte, schaffte später zwei weitere Siege beim Bol d´Or, der schließlich nach Le Mans umgesiedelt wurde: 1972 mit Debrock/Ruiz und 1973 mit Debrock/Tschernine. Die Japauto-Hondas waren bald regelrechte Endurance-Bestien, auf 950 Kubik aufgebohrt und mit einer monströsen Verkleidung ausgerüstet, von denen später Replicas in beachtlichen Stückzahlen auf die Straße gebracht wurden, in Frankreich und auch in Spanien.

1970: Daytona Sieger Dick Mann

Auf den ersten Bol d´Or Sieg 1969 folgte im Frühjahr 1970, am 15. März, der nächste große Triumph. Dick Mann gewann auf einer Honda CR 750 das 200 Meilen-Rennen in Daytona. Aus kommerzieller Sicht war dieser Sieg unbezahlbar, denn vorher hatten stets britische oder amerikanische Fabrikate gesiegt. Gleichzeitig verhalf die damit unter Beweis gestellte Performance der damals neuen Vierzylinder-Konstruktion zum Durchbruch.

Die Story hinter der Daytona-Story ist, dass Honda vier 750er Racebikes extra in Japan aufgebaut hatte, vollgepumpt mit Leistung (zwischen 90 und 100 PS, je nach Schärfe der verwendeten Nockenwellen) und etlichen Spezialteilen. Bob Hansen, ranghoher und rennerfahrener Manager bei Honda USA, leitete die Operation. Drei Fahrer wurden aus England rekrutiert: Tommy Robb und Ralph Bryans, beides routinierte GP-Racer, dazu der rennfahrende Bike-Dealer Bob Smith. Ami-Haudegen Dick Mann war als vierter Fahrer an Bord.

Grosse Augen: Daytona Sieger Dick Mann 1970. Links Bill Smith.

Die Hondas waren special und nicht langsam, aber konstruktiv für brutales Highspeed-Racing auf dem Daytona-Banking nicht ausgereift genug. Achillesferse war der Spanner für den Nockenwellen-Kettenantrieb. Bereits im Training wurden etliche Motoren verschlissen, ein Bike stand nach einem Sturz sogar in Flammen. Während die Briten ihr Training durchzogen, beschied Hansen dem verblüfften Dick Mann, es frühzeitig gut sein zu lassen, das Material zu schonen und schickte ihn lieber zum Baden an den Strand.

Obwohl angehalten, materialschonend zu fahren, brauste Dick im 200-Meilen-Rennen an die Spitze und häufte sogleich einen schönen Vorsprung an. Dahinter fielen mehrere der mitfavorisierten BSA´s und Werks-Harley aus, einer nach dem anderen. Die übrigen Hondas kamen auch nicht weit; Bryans warf nach 3 Runden das Handtuch, Robb war nach einem Dutzend Umläufen draussen. Smith war mit technischen Probs erst gar nicht gestartet.

Goldstück: CB750 Four K1, anno 1970

Je länger das Rennen dauerte, desto ungesünder schien sich Dick Manns-Motor anzuhören. Es gab zwischendurch Fehlzündungen, beim Runterschalten waren Qualmwolken zu sehen. Hansen, der die Gangart über die Boxensignale steuerte, bewies Nerven wie Drahtseile,  reduzierte die Drehzahlen und ließ seinen Fahrer so schonend wie möglich die Runden drehen, obwohl von hinten Gene Romero auf einer Werks-Triumph immer näher rückte. Yoshio Nakamura, Hondas Formel-1-Persönlichkeit und RSC-Direktor, der in die Operation mit eingebunden war, forderte mehrfach, das Tempo anziehen lassen, was Hansen ignorierte und sich dazu den Affront leistete, den Japaner von der Boxenmauer zu verweisen. Am Ende gewann Honda mit Dick Mann DAS Rennen schlechthin in Amerika, worauf die Verkaufszahlen für die CB 750 Four endgültig durch die Decke gingen.

Bob Hansen, die abgebrühte Socke, kündigte kurz darauf, weil er überzeugt war, ohnehin gefeuert zu werden. Dafür heuerte er bei Kawasaki USA an und baute dort das spätere Hansen-Kawasaki-Team für die US-Road-Racing Championship auf, mit Legenden wie Gary Nixon, Yvon Duhamel & Co. Und nicht nur das: Hansen war auch entscheidend involviert in die Kreation der bis heute weltweit bekannten Kawasaki-Hausfarbe Giftgrün. Aber diese Geschichte müssen wir jetzt und hier nicht unbedingt ausbreiten, vielleicht später einmal.

Honda Hawk Salzsee Zigarre.

Auch Salzsee-Rekordfahrten zählen zur CB-Historie. Die Firma Reaction Dynamics baute eine 6,5 Meter lange und rund 280 PS-starke Highspeed-Zigarre namens »Honda Hawk« mit zwei turbogeladenen CB-750-Vierzylindern. Die Rekordversuche in Bonneville unter Fahrer Jon McKibben fanden 1971 bis 1972 statt und endeten mit Mittelwerten von 374 km/h in die eine Richtung und 461 km/h in die andere. Die von Reglement geforderte Rückfahrt innerhalb einer Stunde war wetterbedingt nicht möglich, auch später machte Regen einen Strich durch die Hoffnungen, einen offiziell bestätigten Rekord vorweisen zu können.

Period correct: Schöner Nachbau einer CR 750.

Ein typisch amerikanisches Kapitel stellte 1973 auch der Dragster mit drei CB 750-Motoren von Russ Collins dar. »Atchinson, Topeka & Sante Fe Express« (benannt nach einem ebenfalls legendären Fernreisezug) hiess der mit geschätzt über 500 PS vollkommen übermotorisierte Nitromethanol-Triple-Hammer, der die Viertelmeile als erstes Seven-Second-Motorcycle herunterschoss. Collins, der die Tuningfirma RC-Engineering betrieb, baute vorher den einmotorigen Honda-Vierzylinder »The Assassin« und hinterher noch den zweimotorigen Top-Fuel-Dragster »The Sorcerer«, die beide für unzählige Rekorde und viel Aufsehen sorgten. Aber der Honda-Triple, der 1976 bei einem Crash in Akron total zerstört wurde, war mit Abstand das wildeste, abgefahrenste Dragster-Teil jener Jahre und praktisch jedem ein Begriff.

Rollendes Versuchslabor Honda RCB, 1976, mit dem Gehäuse der frühen CB, aber bereits mit DOHC-Kopf.

RCB-Motor mit CB-Gehäuse.

Als Honda 1976 in die Endurance-EM einstieg, mit dem famosen RCB-Prototypen, bekam dieser Renner, eine Art rollendes Versuchslabor mit zunächst 941 Kubik, einen DOHC-Vierventilkopf auf ein CB-Motorgehäuse aufgesetzt. Vier Jahre lang wurde diese Konstruktion immer weiter aufgebohrt, verfeinert und verbessert, gewann praktisch alle Langstreckenrennen und Titel in Europa und war schließlich die Grundlage für die extrem erfolgreiche DOHC-Serienmaschine CB 900 F Bol d´Or ab 1979, den eigentlich legitimen Nachfolger der CB 750 Four.

CB 900 F Bol d´Or, der legitime Nachfolger.

Sport ist ein weites Feld; in diesem wütete die Hondas Vierzylinder wie ein Flächenbrand, der eine unendliche Liste Fahrwerksbauer, Motorentuner und Zubehör-Hersteller anzündete, die mit Verbesserungsideen rund um die CB 750 groß oder bekannt wurden und unglaublich tolle Bikes auf die Räder stellten, die bis heute vielen eine Menge bedeuten, auf der Straße, wie auf der Rennstrecke: Bimota, Egli, Japauto, Eckert, Dunstall, Rickman, Martin, Bakker, Rau, Seeley, Dresda, Dholda, Yoshimura, Scheibel, König, Schüle, Marving, Becker, Krauser & Co. Was die Honda CB 750 Four über die Jahre als Beschleuniger in der Motorradszene weltweit bewirkte, kann eigentlich gar nicht angemessen genug gewürdigt werden.

 

Nächste Woche, am 24.11. folgt das nächste und fünfte Kapitel zum 50 Jahre-Jubiläum: Was Honda-Designer Hitoshi Ikeda über die Kreation der CB 750 Four erzählt. Reinklicken nicht vergessen!

CB Treffen in Linas-Monthléry, an der Stätte des ersten Bol d´Or-Sieges.

Fotos: Honda, Buenos Dias

Video via Youtube

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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