Tim Holtz: Assen-Twin-Cup-Tagebuch

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Dekorierte Tunnel-Einfahrt zum Assen-Paddock.

Tim Holtz aus Nienburg, der im Deutschen Rundstrecken-Cup (DRC) mit einer Yamaha R1 umherglüht, erhielt eine Einladung zum Gaststart im Twin 700 Cup mit einer 650er Suzuki Gladius. Begleitet von Papa Thomas ging es letztes WE im Wohnmobil nach Assen zur IDM, in deren Rahmen die Serie für Nachwuchsfahrer über die Bühne geht. Den Wunsch, tagebuchähnliche Notizen aufzusprechen und per WhatsApp zu übermitteln, erledigte er nebenbei mit Freude. Danke Tim.

Assen, Freitag Morgen, 10.04 Uhr: »War heute morgen bei der Anmeldung, ging reibungslos, auch die Fahrerlagerordnung ist gut strukturiert und geordnet, das ist mir als erstes aufgefallen. Das erste Twin-Cup-Training von 9 bis 9.20 Uhr habe ich ausgelassen, weil der Wetterbericht Regen vorhersagte und danach dann nicht mehr. Darauf haben wir uns verlassen, weil es ersparte, einen Satz Regenreifen zu kaufen. So wie es momentan aussieht, wird es den Tag über aber weiterregnen, zumindest vormittags.«

»Die 650er Suzuki mit dem geraden Lenker sieht neben einer verkleideten 1000er etwas unschuldig aus, aber davon soll man sich nicht täuschen lassen. Das weiß ich nach meinem vorherigen Gaststart in Schleiz. Jetzt war ich damit erstmal bei der technischen Abnahme. Das war auch nicht anders als im DRC bei Bike Promotion oder einem Renntraining. Es wurde geguckt, ob die Rahmennummer stimmt, die Bremse funktioniert und ob alle Schrauben fest und gesichert sind. Jetzt heisst es abwarten, wie sich das Wetter entwickelt. Zur nächsten Session kurz vor 12.00 Uhr geht es auf jeden Fall raus.«

Assen, Freitag Mittag, 12.26 Uhr, nach dem zweiten freien Training: »Wir haben jetzt doch Regenreifen gekauft und montiert, weil es hat immer noch getröpfelt. 11.45 Uhr ging es auf die Strecke. Da ich nicht unbedingt der Regenspezialist bin, entweder packe ich mich hin oder rangiere weit hinten, ging ich die Sache verhalten an. Nach ein paar Runden habe ich gemerkt, dass die Regengummis richtig viel Gripp bieten. In Kombination mit der Gladius, die ja schön handlich ist und ein gutes Fahrgefühl vermittelt, hat es so Spaß gemacht, dass ich das richtig genossen habe und traurig war, als die Session vorbei war. Die ersten Runden habe ich geguckt, was die anderen so anstellen und versucht mich ranzutasten – wie weit reicht der Gripp überhaupt, vom Gummi und von der Strecke her. Das Vertrauen stellte sich aber rasch ein, ich steigerte mich jede Runde um eine halbe Sekunde oder so und fühlte mich wohl, auch weil die Strecke in Assen relativ schnell ist und sich gefühlvoll zügig fahren lässt. Jedenfalls war alles super, es gab schon ein paar schöne Zweikämpfe mit Mitstreitern und ich hatte so viel Spaß im Regen wie noch nie.«

»Wie ich hier am Wohnmobil sitze und die Sprach-Memo für den Salatprynz aufs Handy spreche, hat es aufgehört zu regnen, jetzt sind die 1000er GSX-R Cuppies draussen zum Training. Mal schauen, wies es weiter geht. Zum ersten Quali am Nachmittag sollte es trocken sein, da würde ich schon gerne angreifen. Derzeit bin ich Vierter, Platz 2 und 3 sind noch in Reichweite, nur der der Erste, René Raub, auch ein Gaststarter, der sonst Gixxer-Cup fährt, hat uns allen 3 Sekunden aufgebrummt. Ich bin super zufrieden, weil ich nicht gedacht hätte, dass Regenfahren so viel Spaß machen kann und ich erstmal gut mit dabei bin.«

Tim: »Das hier ist cool und fair und trotzdem toller Rennsport.«

Assen, Freitag Nachmittag, 15.33 Uhr: »Das erste Qualifying war im Trockenen. Da das Wetterradar anzeigte, dass es kurz zuvor erneut regnen sollte und es nur einen Felgensatz gibt, haben wir erstmal zugewartet, um uns für Regen- oder Trockengummis zu entscheiden. Ganz schön knifflig bei wechselhaften Bedingungen; jedenfalls haben wir eine dreiviertel Stunde vorher dann entschieden, die Trockenreifen aufzuziehen. Also bin ich notgedrungen mit lauwarmen, nur leicht angewärmten Reifen rausgefahren und habe die ersten zwei, drei Runden erstmal versucht, die Gummis auf Temperatur zu bringen. Dann bin ich in die Boxengasse abgebogen, in der Papa wartete, um den Luftdruck entsprechend  anzupassen und korrekt einzustellen. Es war gut trocken inzwischen, die ersten Runden war viel Verkehr, ich konnte mich aber frei fahren, fand einen guten Rhythmus und konnte die Stellen ausfindig machen, wo es schon geschmeidig lief und wo ich noch Zeit liegen liess. So konnte ich ein bisschen pushen und mich steigern, von 1,58 hoch auf 1.58 flach zu 1,57er Zeiten. Dann hat Papa mir angezeigt, dass René Raub und Justus Weinke, der Twin 700 Cup-Führende, mir ziemlich dicht im Nacken sassen. In der letzten Runde war nochmal freie Bahn, trotz eines Schnitzers konnte ich mich um eine halbe Sekunde verbessern und halte nun mit 1,57,2 min. die provisional Pole.«

»Die Gladiole macht Mega-Spass. Man kann die Linien frei wählen; das ist nicht so wie bei einer 1000er, wo man gleich spürt, wennst mal etwas abkommst, dass die Runde nichts mehr wird. Man hat mehr Spielraum, kann nachjustieren und in der nächsten Kurve wettmachen, was man vorher eingebüsst hat. Da alle die gleichen Bikes mit 70 PS haben, ist es einfach genial, zusammen auf der Strecke zu sein. Das hier ist cool und fair und trotzdem toller Rennsport. Die Zweikämpfe sind unterhaltsam; es ist nicht dieses Gegeneinander-Raufen, wo eh schon wenig Platz ist, mit Mörderspeed auf extrem leistungsstarken und schweren Motorrädern. Ich meine, dass es auch nicht so schlecht ist, mal wieder den Fokus auf Kurvenspeed zu legen, was man sonst als 1000er Fahrer mit der Zeit vernachlässigt. Mir taugt es, so Motorrad zu fahren und ich bin auf jeden Fall sehr zufrieden mit dem Tag.«

Die meiste Zeit Rad an Rad: Justus Weinke (44), Tim Holtz (22).

Assen, Samstag Vormittag, 11.32 Uhr: »Um 12.00 Uhr startet das zweite Quali, der Vormittag war entspannt bisher. Plan ist, nochmal die Zeit zu verbessern, um zu gucken, wie weit ich gehen kann und um zu schauen, ob die Übersetzung und alles passt fürs Rennen, unabhängig davon, was die anderen machen.«

Assen, Samstag Mittag, 12.48 Uhr, nach dem zweiten Zweittraining: »Quali ist geschafft, das ganze Feld ist schneller geworden, ich konnte mich um 1,2 sec verbessern und stehe weiter auf der Pole. Habe mich wie gestern superwohl gefühlt, bin rausgefahren, habe es laufen lassen und hatte Spaß. Den Wind hier gilt es im Auge behalten, man sollte zumindest wissen, wo es einem entgegen pustet oder ob Seitenwind in einer schnellen Kurve droht. Im Moment läuft alles. Bin gespannt, wie das Rennen wird, es gibt 28 Starter und das Rennen ist lang, 11 Runden. Jetzt habe ich erstmal Kohldampf, weil ich vormittags vor dem Quali nichts mehr essen wollte. Aber jetzt.«

Beeindruckende Gladiolen-Meute nach dem Start.

Assen, Samstag Nachmittag, 17.56 Uhr: »Hurra, alles super, ich habe das erste Twin-Cup-Rennen gewonnen! Nach dem Start hielt ich die Nase vorne, aber Justus Weinke klebte sofort am Hinterrad und war in der ersten Runde aus dem Windschatten heraus auch gleich neben mir. In der zweiten Runde, beim Anbremsen der ersten Kurve, ist mein Vorderrad leicht gerutscht, weil ich überbremst habe, da ist Justus sofort vorbei, war dann eine halbe Runde vorne, ich habe im letzten Sektor gekontert, bin vor der Schikane außen neben ihn und habe auf der Bremse reinlaufen lassen. Es war wohl etwas eng, wie er hinterher sagte, ich hatte aber kein schlechtes Gewissen, echt nicht. Die nächsten zwei-drei Runden klebte er noch an meinem Hinterrad, ich kam aber immer besser in Schwung, konnte nochmal eine Sekunde schneller kreiseln als im letzten Training und so bis ins Ziel etwas Vorsprung herausfahren. Justus Weinke wurde Zweiter, Nick Filler Dritter. Beim Start gab es einen Zwischenfall, ein Fahrer produzierte ein unfreiwilliges Wheelie und ist dabei hinten runtergefallen; er konnte aber sofort wieder aufstehen, ist also nix passiert.«

Hübsch bunt: Platz für ein paar Sieger mehr am Podest ist bei Suzuki kein Problem. Von links: Kai-Uwe Lenz, Tim, Justus Weinke, Ludwig Plinke und Gaststarter Julian Neumann.

Assen, Sonntag Mittag, 13.48 Uhr: »Das zweite Rennen war bis zur letzten Kurve spannend, ich konnte wieder gewinnen, aber es war knapp. Für die Zuschauer war es wohl unterhaltsam. Der Start hat wieder gut hingehauen, ich hatte aber Justus Weinke erneut direkt am Hinterrad. Ich habe zwei, drei Runden versucht, ihm wegzufahren, das hat aber nicht geklappt. Der Gegenwind hat soviel ausgemacht, dass es wie bei einem Moto3-Rennen praktisch unmöglich war, einfach wegzufahren. Weil in den Kurven die Unterschiede nicht so groß sind, dass man sich so freifahren kann, um auf den Geraden keinen Windschatten mehr zu spenden.«

Aero-Tricksereien.

»Es ging hin und her. Justus hat mich auf der Gegengeraden überholt, ich habe umgehend gekontert, dann ist er auf Start-Ziel wieder vorbei gegangen, so haben uns jede Runde dreimal überholt. Papa hat aber angezeigt, dass es schon etwas Abstand zum Dritten gab, also bin ich ihm schliesslich gefolgt und habe geguckt, wo ist er schneller, an welchen Stellen ich, und habe mir eine Taktik zurechtgelegt. Wir waren die ganze Zeit Rad an Rad, bis auf eine Runde, da war nach einem Fehler eine Lücke von 30 bis 40 Metern, die ich aber wieder zufahren konnte, und dann habe ich bis zur letzten Runde gewartet und in der Schikane vor Start-Ziel, wo auch die ganzen Zuschauer sassen, den Assen-Klassiker praktiziert und beim Anbremsen innen hinein überholt. Dafür habe ich mich aus der schnellen Links vorher etwas raustragen lassen, den Schwung mitgenommen und neben ihn gesetzt, die Tür zugemacht und mich innen reingezwängt; die Linie hat noch gepasst und ich hielt bis zum Zielstrich die Nase supernapp vorne. Wie hatten beide mächtig Spaß, haben uns direkt nach dem Rennen beglückwünscht und umarmt, von daher war alles super. Justus Weinke hat mit diesem Rennen übrigens bereits vorzeitig den Meistertitel im Twin Cup sichergestellt, dazu gratuliere ich ihm sehr.«

»Alles in allem war es ein sehr schönes Rennwochenende. Im Twin 700-Cup sind lauter nette Leute, es ist ein schönes Miteinander. Die Veranstalter Sascha Schoder und Roger Plath geben sich alle Mühe, etwas zu bieten, am Abend gab es Live-Musik im Cup-Zelt mit einem Gitarristen, alle waren da, ein Kaltgetränk in der Hand, um den Abend zusammen zu verbringen.  Ich hatte an diesem IDM-Wochenende in Assen jedenfalls eine Menge Spass und kann nur sagen – immer gerne wieder.«

Fotos: Jörg Klöppner, Kees Siroo, Thomas Holtz, Michelin

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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