125er Ausfahrt ins Café Fahrtwind

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CBF125: Ein Achtel Liter Glück.

Kleine Motorräder können ziemlich großartig sein, wie mein Freund Lothar entdeckte, als er sich vor Jahren eine Hisun 100 neben die Fireblade in die Garage stellte. Die Hisun, ein China-Nachbau von Hondas praktischer Cub-Durchstiegsmopete, kam fortan im nahen Umfeld zum Einsatz – Post, Bäcker, Bank, Friseur. Ziele also, für die die Blade anheizen nicht lohnt. Später wurde der Fuhrpark um eine MZ 125 Supermoto erweitert. Und jetzt stiess noch eine CBF 125 dazu, ein luftgekühlter Brot- und Butter-Flitzer. Die ranke Rote war auf bestem Weg, als Totalschaden auf dem Schrott zu landen, weil wegen eines krummen Rahmens die Schwinge schief stand. Lothar erbarmte sich, erstand zuerst die Honda für kleines Geld, fand dann einen gebrauchten Rahmen mit Brief und montierte schließlich den Motor und alles andere fein säuberlich um.

Lothars Freund Hartwig ist quasi der Rollerkönig. Früher lenkte er ausgewachsene Maschinen, zuletzt irgendeine Kuh, der Bruder sammelte Wankel-Bikes und fuhr Norton, aber er ist dann zu den Scootern abgedriftet. Derzeit lenkt er einen Peugeot Citystar 200i, mit über 42.000 km nach vier Jahren auf der Uhr! Jedenfalls hiess es irgendwann: Wir sollten zusammen eine Tour unternehmen mit den kleinen Dingern. »Der Salatprynz bekommt meine MZ und ich fahre die Honda«, bestimmte Lothar, »weil ich muss ja checken, ob auch wirklich alles festgeschraubt ist und funktioniert, vielleicht habe ich ja etwas übersehen bei der Transplantation.« Auch die Destination war quasi ein Klacks. »Wir könnten zum Café Fahrtwind fahren. Da steht gerade ein Bericht in der Motorrad News«, schlug Hartwig vor und schaute mich an. »Warst Du vor zwei Jahren nicht auch mal da?« Also wurde nicht weiter diskutiert: »Kuchen, wir kommen«.

Fahren super: MZ 125 Supermoto, Peugeot 200i, Honda CRF 125.

An einem August-Mittwoch ging es los. Meine 13 hat ungefähr 8 Mal mehr Power als die 15 PS starke MZ 125, also fuhr ich zur Eingewöhnung lieber mit dem Salat-Zoomer an. Vollgetankt, Luftdruck geprüft und Kette geschmiert standen die Emme und die CBF 125 mit sagenhaften 11,3 PS bereit, Hartwig war mit dem Peugeot bereits eine Stunde früher da. Wetter astrein, blauer Himmel, Sonnenschein, kein Gegenwind. »Bist mit dem Roller eigentlich im Vorteil?«, fragte ich. »Nicht wirklich«, untertrieb Harti listig: »Der Hubraum beträgt tatsächlich nur 171 Kubik.«

Also los und erstmal an die MZ gewöhnen. Hohe Sitzposition, breiter Lenker. Man sitzt aufrecht und eher vorne. Das Bike wirkt schmal und leicht, der Motor zieht brav. Unten brummt es, in der Mitte pfeift es, sind wohl ein paar Zahnräder geradeverzahnt, obenrum dröhnt es aus dem Luftfilterkasten unter dem Tank. Airbox gab es damals noch nicht. Das Sechsganggetriebe will exakt bedient werden. Vorne bremst es okay, hinten ist der Pedalweg ein bißchen lang, obwohl Lothar extra neue Beläge eingebaut hat. Das Cockpit bietet einen Tacho und ein paar Kontrollleuchten. Fast vergessen, dass es das noch gibt: Links steckt ein Benzinhahn. Nach unten ist auf, nach vorne Reserve und nach hinten zu.

Benzinsparkönige.

Nicht rasen, aber auch nicht trödeln, so rollen wir dahin, die Nase im Fahrtwind. Alles super. Wir drei sind eigentlich ziemlich gleich schnell (oder gleich langsam). Die Honda beschleunigt zumindest in den unteren Gängen sehr lebendig, die MZ entwickelt mit Anlauf obenrum mehr Reserven. Wenn man den 5. Gang bis 100 km/h drehen lässt, passt auch der Sechste, wenn es flach weiter geht. An Steigungen ist es mit dem Anschluss so eine Sache. Die Drehzahl sinkt dann etwas, verhungert peu à peu, bis man auf den Fünften zurück geht und den Motor wieder zwirbeln lässt.

Herrlich: Blauer Himmel, glatter Asphalt, Kurven.

Zuerst fährt Lothar mit der CBF vor, über die Dörfer bis Bingen, und irgendwelche Schleichwege über Stromberg bis Rheinböllen. Dann folgt ein Stück Schnellstraße. Natürlich Vollgas. Ich kitzle alles aus der MZ heraus, 120 km/h, Lothar keucht hinterher, aber Hartwig schafft 125 km/h oder so, wenn nicht noch mehr, und überholt mich so aufreizend lässig, dass ich einen Moment glaube, ich stehe. Kein Wunder, der Peugeot rotzt 19 PS heraus. Mmmmh. Aber okay, beim Leistungsgewicht holen wir 125er wieder auf.

Zwei Ausfahrten weiter biegen wir ab und peilen quer durch den Hunsrück die Mosel an. Natürlich sind unsere Pferdestärken milde, aber die Mopeds sind ja leicht. Die MZ fühlt sich gut an und geht tapfer vorwärts, die anderen auch, das Wetter ist Bombe, wir kreuzen Dörfer mit hübschen Häusern, die Straßen sind leer, die Wiesen grün und die Felder weit, ein paar Windräder pusten uns freundlich zu. Es herrscht wenig Verkehr, wir kommen entspannt voran.

»Sind wir bald daaaa..?»

Orientierungspause zwischendurch. Lothar hat die Abfolge diverser Ortschaften aufgeschrieben oben auf dem Tankrucksäckchen, der Rollerkönig zückt eine richtige Straßenkarte, ich einen Routenplaner-Computerausdruck und dazu das TomTom Vio, dessen Halterung ich erstmal am Spiegelarm befestige. Am Ende gibt es mehrere Routen-Optionen, die sich nur um ein paar Kilometer Länge unterscheiden. »Sollen wir da oder da lang?« »Egal, sach Du«. Bloss keinen Stress, diesbezüglich sitzen wir alle auf einer Bank, wie schön.

Für den weiteren Weg an die Mosel lassen wir Zell links liegen und rollen Richtung Nord-West durch den Hunsrück durchs Grüne über kurvenreiche Straßen durch abwechslungsreiche Landschaft. Bei der Querung von Waldstücken fällt der Blick manchmal auf dunkles Unterholz, das bedrohlich schwarz wirkt, dass man fast meint, im nächsten Moment stürmt Räuber Hotzenplotz oder sonst eine grimmige Seele daraus hervor. In Senheim queren wir die Mosel, dann leitet das Vio über eine Abkürzung zur B259, die Richtung Ulmen führt. Dort weisen die ersten Schilder gen Nürburgring, womit die Navigation bereits in den Hintergrund tritt.

Road Kings, also so ähnlich.

Die MZ fährt super, ich komme klar. Ich könnte jetzt erzählen, dass ich früher mal eine Honda S 90 hatte, gekauft von einem Bergmann mit Staublunge, den ich so lange im Preis drückte, bis er aufgebracht drohte »Tiefer gehe ich nimmer, lieber nehme ich einen Hammer und haue das Teil kaputt!«. Zwei Jahre brummte ich mit dem Hubraum-Winzling umher (der 7,5 PS leistete, also die Hälfte der MZ 125 jetzt), bevor eine giftspritzige 250er Dreizylinder Zweitakt-Kawa folgte, an der die Gabel krumm war und stecken blieb nach jeder halbwegs herzhaften Bremsung.

Aber jetzt genug mit den ollen Kamellen. In Adenau ist eine Menge los. Wie magnetisch am Nürburgring sogar mitten in der Woche alle angezogen werden, ist erstaunlich. Jede Menge Besucher aus anderen Ländern auf zwei und vier Rädern, die eine Runde über die Nordschleife drehen wollen. Von da aus ist es nurmehr ein Katzensprung nach Hönningen, unser Ziel an der B257 liegt vielleicht 20 Kilometer hinter Adenau.

125er ziehen die Wurst nicht vom Teller? Einspruch!

Meilenweit fahren für selbstgebackenen Café-Fahrtwind-Bienenstich und Capuccino.

Ankunft am Café Fahrtwind nach schönen 160 Kilometern Fahrt. Erstmal was trinken, dann eine Stärkung. Lothar nimmt Schokokuchen, der rascher verputzt ist, als ein Foto davon gemacht ist. Ich ziehe eine Currywurst mit Fritten vor, Hartwig ohne, dafür passt hinterher noch ein Stück Bienenstich hinein. Also, auch wenn das jetzt keine weltbewegende Erkenntnis ist: Die Gefahr zu verhungern oder zu verdursten ist bei Fahrtwind-Wirt Mirko Mochetti, der alle seine Kuchen selber backt, eher gering.

Versperren wir nicht die Einfahrt? Ja klar, aber für einen guten Zweck.

Bevor es auf den Rückweg geht, versperren unsere drei Vehikel den Weg vor dem Café-Eingang für ein Souvenirfoto. Zurück geht es über kurviges Eifel-Geläuf erst Richtung Mayen, dann Cochem. Harti fährt vor, ich guide von hinten an Abzweigungen mit Handzeichen und frühem Blinken. Klappt einwandfrei. Lothar fährt hinterher und fotografiert mit der Gopro vor der Brust (automatisiert, ein Bild pro Minute), mit der ich zuvor im Sattel der MZ geknipst habe.

Hartwig fährt und fährt. Ist sein Sitzfleisch aus Eisen? Oder sind unsere 125er unbequemer als ein Roller? Wir müssen das mal ausdiskutieren. Jedenfalls ist eine Pause zwingend notwendig. Dabei dürfen wir uns anhören: »Das ist ein Roller, der will rollen!«

Benzin. Eigentlich überhaupt kein Thema, aber trotzdem wichtig. Der Roller wurde mal betankt zwischendurch, ich werde später die Zapfsäule beehren. Beide liegen wir locker unter drei Liter. Bei Lothars CBF mit 13 Liter-Tank bewegt sich die Tachonadel weniger nach einem halben Fahrtag als die Nadel dick ist. Und natürlich tischt er uns die wundersamen Durchschnittswerte der Honda auf, die auf einer Benzinsparseite von den exakt buchführenden Eignern nachzulesen sind, zwischen 1,6 bis etwas über 2 Liter auf 100 Kilometer. Und überhaupt: 125er sind steuerbefreit, preisgünstiger also geht es eigentlich wirklich nicht.

Inspiration ist positiv, immer.

An der Mosel hinter Cochem biegen wir links ab. Die Straße führt bergauf, gefolgt von einem Kurven-Eldorado, Serpentinen und mittelschnelle Ecken folgen einander und hören eigentlich gar nicht mehr auf. Wir geben alles, in den Schlängel-Passagen, an Steigungen und amüsieren uns köstlich. Ungefähr wie früher nach der Schule, wenn im Rudel ausgetestet wurde, wer am besten beschleunigt und den höchsten Topspeed erzielt. Ich muss an den Boxenteppich von Michelin mit der Aufschrift »We are all racers« denken, der heute bei mir in der Garage unter der 13 liegt. Na ja, natürlich nicht wirklich, aber inspiriert Träumen ist ja nicht verboten, schon gar nicht, wenn man eine 125er auswringt.

Kichern unterm Helm.

Vor lauter Fahrfreude und Kichern unterm Helm geht ein bißchen die Orientierung verloren, die wir Richtung Kappel dann wiederfinden. Höhe Simmern ist Hartwig scheinbar nach einer Extrawurst zumute, er biegt auf eine Abzweigung ein, die uns auf die Schnellstraße nach Trier führt. Kleiner Umweg, passt schon. An der nächsten Ausfahrt wird umgedreht, danach geht es flachliegend über die Schnellstraße retour, wieder in die richtige Richtung. Dann weiter über Nebenstraßen nach Stromberg in eine Eisdiele. Hier beginnt quasi unser heimisches Hausstrecken-Terrain, von hier aus ist es nurmehr eine überschaubare Etappe bis nach Hause.

Eiskaffee geht immer.

Nach gesamt 339 km sind wir wieder in Ingelheim, der Rotweinstadt, der berühmten. War absolut eine würdige Ausfahrt. Die MZ 125 ist ein feines Teil, der Peugeot-Roller eine Macht, die CBF 125 schnurrt eh wie eine Eins, was denn sonst? Lothars Honda hätte ich schon gerne mal ausprobiert. Aber vielleicht heben wir uns das auf für die nächste gemeinsame Ausfahrt mit den kleinen Dingern.

Benzinpreise waren kein Thema, eigentlich.

Fotos: Buenos Dias

Info-Link zum Cafe-Fahrtwind

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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