Ausprobiert: Neue Piaggio MP3-Dreiradroller

0

Neue Piaggio MP3-Modelle: 350 Sport, 500 HPE Sport, 500 HPE Business (von links).

Vier Räder sind zwei zuviel. Glasklar, darüber muss man nicht reden. Aber was ist mit drei Rädern? Gemeint sind jetzt nicht Gespanne, weil das ist eine eigene Welt. Sondern Vehikel wie Piaggios MP3. Die naheliegendste Antwort: Einfach mal ausprobieren. Wo? Na, wenn schon, denn schon – nämlich in Paris, weil dort mehr Dreiradroller Käufer finden und das Verkehrsbild mitprägen, als in jeder anderen Stadt Europas. Also brauste der Salatprynz auf Einladung von Piaggio einen Tag lang per MP3 durch die französische Metropole.

Typische FB-Reaktion: »Beweise! Das kann ja überall sein.«

MP3 steht für »Moto Piaggio Dreirad«. Die Dreiradroller der Vespa-Mutterfirma gibt es seit 2006. Beachtliche 170.000 Stück wurden bisher in über 50 Länder verkauft. Italien als Scooter-Schlaraffenland ist dabei gar nicht so MP3-affin, wie man vermuten könnte, sondern rangiert ungefähr auf dem Niveau von Deutschland; hier finden zwischen 1.200 und 1.400 Einheiten jährlich in Kundenhand. Frankreich und Spanien sind die mit Abstand stärksten Märkte, dort werden fünf- bis sechsmal mehr MP3 abgesetzt.

MP3-Rookie: Eine Kreuzung und drei Kurven, schon fühlt man sich zu Hause.

Neu ins Programm im Rahmen ihrer Modellweiterentwicklung rücken die Italiener nun den Piaggio MP3 350 ABS-ABR Sport sowie den Piaggio MP3 500 HPE ABS-ABR, den es in einer Sport- und einer Business-Variante gibt. Diese drei Dreiradler sehen sich bis auf Details ähnlich, sie zu unterscheiden gelingt am ehesten über den Hubraum-Schriftzug, den Auspuff, der Farbe der Stoßdämpferfedern sowie der verbauten Bremsscheiben. Alle Drei gibt es nur in gesetzten Farbtönen (Silber, Grau, Schwarz, Metallic-Grün oder -Blau und Weiss) was eigentlich schade ist. Aber ich werde mich natürlich hüten, einer italienischen Firma ein freches Rot oder Gelb oder etwas Pastelliges für eine frechere Optik und mehr Lebenslust vorzuschlagen.

 

Der 350er Einzylinder, der aus dem Beverly-Roller stammt und das modernere Aggregat ist (SOHC-Vierventiler mit reibungsarmen Rollenkipphebeln), leistet 30,7 PS bei 8.500/min. Das ebenfalls mit Vierventiltechnik konstruierte Halbliterherz trägt nun den Zusatz HPE (High Performance Engine), weil es mit konstruktiven Kniffen (Verdichtung, Steuerzeiten, E-Gas plus neue Einspritz-Mappings) nicht nur über die Euro-4-Hürde gehievt, sondern auch deutlich (um 14 %) in der Leistung angehoben wurde, auf 44,3 PS bei 7.750 Touren. Gleichzeitig glänzt das neue 500er Aggregat mit 10 % weniger Spritverbrauch und erhielt außerdem zum neuen Endtopf noch eine überarbeitete Kupplung, die automatisch geschmeidiger eingreifen soll.

Das Geniale an Rollern sind supereinfache Bedienung (Gas geben und Bremsen, kein Schalten), Stauraum unter der Sitzbank und Wetterschutz, wenn Petrus mal grollt. Auf einem MP3 kommen weitere positive Merkmale hinzu. Erstens: Man kann mit zwei Vorderrädern zwar Schräglagen fahren, aber nicht umfallen. Und zweitens: Es ist nicht unbedingt ein Motorradführerschein notwendig, es reicht der Autoführerschein.

Wer Motorrad fährt, kommt auch mit Rollern klar. Und wer Roller fahren kann, fühlt sich auch im MP3-Sattel auf Anhieb zu Hause. Nach dem Lösen der Handbremse und dem Anstarten per E-Starter gilt es noch den Roll-Lock-Schalter an der Lenkerarmatur rechts zu »unlocken«. Damit wird die Parallelogramm-Aufhängung vorne fürs Fahren entsperrt, dann steht Schräglagen nichts mehr im Weg. Zum Absteigen wird der Roll-Lock-Schalter wieder angetippt, um die Aufhängung elektrohydraulisch zu sperren, damit das Dreirad aufrecht stehen bliebt.

Grün: 350 Sport. Weiss: 500 Sport. Schlumpfblau: Salatprynz.

Piaggio macht es einem leicht als MP3-Neuling. Man geht bei beiden Modellen nicht auf ein Monstrum oder halbes Auto zu beim ersten Rendezvous, sondern auf ein distinguiert-elegantes Dreirad mit freundlich gestalteter Front und hoher Scheibe. Obwohl der Radstand über 1,5 Meter beträgt, wirkt die Statur kompakt und fast gedrungen, was mit den kurzen Überhängen zusammenhängt, daran kann auch das opulente Heck über der Triebsatzschwinge nichts ändern.

Die Sitzbank ist lang und kommod, Fußraum und Platz für die Knie ist reichlich vorhanden. Der Lenker passt, die Sitzposition ist aufrecht und bequem. Nur beim Aufsteigen muss man etwas den Fuß anheben und über den Tunnel lupfen, in dem der Tank und Einfüllstutzen ihren Platz gefunden haben. Keine extravaganten Überraschungen im Cockpit. Zwei Rundinstrumente mit Tachometer und Drehzahlmesser, dazu Tankuhr und Wasser-Temperaturanzeige eingeklinkt. Dazwischen digitale Anzeigen zu km-Stand, Tripmeter, Verbrauch, Zeit. Plus etliche Kontrollleuchten. Alles ansehnlich und übersichtlich; wenn auch in reichlich Plastik eingebettet.

Paris ist verkehrstechnisch ein Moloch, kein Wunder bei 2,2 Millionen Einwohnern. Trotz Metro, Taxen und Bussen, der Individualverkehr-Strom der Einwohner, Pendler und Touristen reist nie ab, jeder will irgendwohin und wieder zurück. PKW´s sind natürlich in der Überzahl. Die schiere Zahl der Motorrad- und Rollerfahrer fällt aber deutlich höher aus als in Frankfurt oder Köln. Auch die Präsenz der Dreiradroller ist wahrlich erstaunlich. Im bewegten Verkehr oder am Straßenrand abgestellt, es vergeht eigentlich keine Minute, ohne dass ein MP3 (oder Peugeot-Dreirad) ins Blickfeld rückt oder vorbeiflitzt.

Jedenfalls folgte unsere MP3-Testergruppe beschwingt einem Piaggio-Guide kreuz und quer durch Paris, über breite Boulevards, enge Kopfsteinpflastergassen, zahlreiche Brücken über die Seine und holte sich die volle Sightseeing-Packung ab: Avenue des Champs-Élysées, Place de la Concorde, Triumphbogen, über die Rue de Rivoli am Louvre-Museum vorbei, Place Pigalle, undsoweiter.  Auf eine erste Fotosession am Eifelturm, gleich daneben der Blumenpark am Trocadero, folgte ein zweites Shooting an der Kreuzung neben dem Invalidendom, in dem Napoleon Bonaparte seine letzte Ruhe gefunden hat. Das Wundersame am Pariser-City-Dschungel ist, als wir da waren jedenfalls, dass es nie zur völligen Verstopfung kommt. Trotz hohem Aufkommen bliebt alles im Fluss, der Verkehr bleibt fluid. Und da ist man als Biker oder Scooterist natürlich schwer im Vorteil, weil man wieselflink in jede Lücke hineinstecken kann, auch mit 3 Rädern.

In der Praxis ist MP3-Fahren nicht viel anders als mit einem einspurigen Großroller. Vorne in der Lenkung spürt man zwar deutlich mehr Masse in Kombination mit weniger Feedback. Was aber sofort vom Unterbewusstsein kompensiert wird, dass ständig murmelt: Da sind zwei Räder vorne, du kannst gar nicht umkippen. Wie lange die Umstellung dauert? Eine Kreuzung und drei Kurven, dann fühlt man sich schon zu Hause. Auf rumpligem oder rissigem Asphalt (gibt´s jede Menge in Paris) bleibt man lockerer und traut man sich eher, ohne viel Federlesen einfach drüberzufahren. Auf glattem Asphalt ist das Frontfeeling indifferenter, aber noch okay. An die reduzierte Präzision gewöhnt man sich aber rasch und denkt bald nicht mehr darüber nach.

MP3-Vehikel sind keine Leichtgewichte, im Gegenteil. Der 350er drückt mit vollem Tank (12 Liter) 256 kg auf die Waage, mit 500 Kubik sogar 275 kg. Bei normalem Mitschwimmen im Verkehr ist das kein Thema, weil beide gut ausbalanciert sind, sauber geradeaus laufen und sich willig einlenken lassen. Am ehesten merkt man das Gewicht noch beim Rangieren, wenn man absteigt, um die Fuhre beim Parken mach vorne oder hinten rangieren will. Beim Parkieren so anzufahren, dass man ohne Rückwärtssetzen später wieder abfahren kann, ist also eine Erkenntnis, die sich rasch bei den ersten Zwischenstopps an Pausen- und Fotopunkten einstellt.

Beim 500er Business serienmäßig: TomTom-Vio.

Beim Wechsel zwischen den Modellen fiel auf: Der 500er MP3 geht kräftiger zur Sache und beschleunigt lebendiger. Der 350er ist zwar ausreichend agil, auch bei Ampelstarts, hat bei Zwischensprints aber mehr mit dem Fahrzeuggewicht zu kämpfen. Dafür läuft der Einzylinder ausgewogener und nicht so rumpelig wie die hubraumstarken Brüder. Auch wenn der Fahrspaß mit dem stärkeren Motor spürbar höher ausfällt, gibt die  350er Variante motorisch eine harmonische und gute Figur ab. Deshalb bleibt abzuwarten, wie sich das Kaufverhalten in Zukunft darstellt. Früher, als der 500er Vorgänger-Motor mit 39 noch 5 PS weniger leistete und die kleinere 300er Variante nur 21 PS, entschied sich das Gros der Käufer für die große Variante.

MP3-Bonus: Schräglagen fahren ohne zu stürzen.

Optisch erkennt man die 350er und 500er Sport-Varianten am geschwärzten Frontgrill und den dunklen Felgen, dazu sind jeweils rote Federn und Wave-Bremsscheiben vorne verbaut, auch die Federabstimmung geriet geringfügig sportlicher. An der hubraumstarken Sport-Variante erkennt man fast nur unter der Lupe, dass Kunststoffpartien auf der Front zwischen dem Doppelscheinwerfer und längs unter der Sitzbank mit Carbon-Look per Wassertransferdruck veredelt wurden.

Die 500er Business-Variante glänzt mit verchromtem Grill, weiter sind schwarze Federn und normal gerundete Bremsscheiben montiert. Dazu erhielt die Mittelkonsole Streifen in silberfarbenem Finish und serienmäßig im Cockpit ein TomTom-Vio-Roller-Navi in die Lenkerplatte integriert, dass bei Bedarf demontiert und mitgenommen werden kann. Ein weiteres Ausstattungsdetail beider hubraumstärkeren Varianten ist die Möglichkeit, eins von zwei Einspritz-Mappings (Standard oder Eco) per Knopfdruck vorwählen zu können.

Gebremst wird händisch. Vorne rechts und hinten links. Die Verzögerung geht in Ordnung, erfordert aber hohe Handkräfte, die Dosierbarkeit war eher holzig, vor allem bei den beiden Sport-Varianten. Den Fußbremshebel, der integral alle drei Räder verzögert, probiert man einmal aus und nutzt ihn am besten einfach nicht mehr. Die Dosierung kommt einem Alptraum gleich, weil man dafür den ganzen Fuß anheben muss. Offenbar ist diese Vorrichtung nur vorhanden, weil irgendwelche Behörden-Bürokraten den Anbau für die Zulassung von Autoführerschein-Inhabern gefordert haben.

Dreiradroller überall: Paris ist quasi die MP3-Hauptstadt.

Praktisch denkende Naturen werden dafür den riesigen Staumraum unter der Sitzbank schätzen. Wer dreirädrig einkaufen möchte, wird jubilieren, außer Bierkästen passt quasi alles hinein, zwei Helme sowieso.

Eigentlich sollte man zum Schluss festhalten, dass MP3-Fahren auf jeden Fall etwas Besonderes und auch durchaus Exklusives ist, weil soviele Dreiräder wie in Paris rollern bei uns ja nicht herum. Besser als ein Motorrad oder ein dicker Roller fährt so ein MP3 gewiss nicht, sondern gewichtiger, massiger und auf der Vorderhand etwas diffuser. Trotzdem macht das Fahren Spass. Zu den üblichen Scooter-Vorzügen wie Bedienungskomfort und verbessertem Schutz bei Wind und Wetter gesellt sich dafür die Gewissheit, in Schräglage nicht wegrutschen oder umfallen zu können, was ein spezieller Bonus ist, besonders, wenn man die Sturzgefahr als permanente Bedrohung empfindet. Man sitzt im Fahrtwind und geniesst Schräglagen. Man ist zwar kein Motorradfahrer, aber man pfeilt flinker, befreiter, lustvoller und individueller als alle Dosenlenker um einen rundum durch den Verkehr. Das ist zwar nicht alles, aber mehr, als man als eingepferchter Automobilist normalerweise empfindet.

Blau: 500er HPE Businesss. Grau: 500er HPE Sport.

Fotos: Piaggio/Fabrice Berry, Buenos Dias

Die technische Daten:

About Author

Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

Leave A Reply