Herz und Verstand: Ducati SuperSport

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Um Himmelswillen: Sanitäter!

Verdammte Hacke. Keine Umsicht ergibt keine Rücksicht. Knacks. Und ab. Spiegel links futschikato.

Was mich jetzt irgendwie frustriert. Habe ich gefühlt 10.000 Motorräder rückwärts, vorwärts und manchmal seitwärts in kleine wie große Transporter gehievt und wieder ins Freie entlassen. Ob Gold Wing-Dickschiff oder BMW K-Eisen (die ohne eingeschaltete Zündung für die Kombibremse im Rückwarts-auf-der-Rampe-jonglier-Modus eine sehr unangenehme Eigendynamik entwickeln) – alle heil. Und jetzt „Grande Casino“ ausgerechnet bei der taillierten, leichten Schönheit aus Bologna. Incredibile! Aber immer noch ehrenhafter einen Spiegel an einer Transporterwand killen als gleich ein ganzes Motorrad am Boden zu verteilen.

Genuss im wahren Leben.

Rauf auf die SS. Was, wie mir schon beim Losrollen einschießt, auch für „Super Strada“ und nicht für „Super Sport“ stehen könnte. Die stinknormale schnelle Asphaltpiste ist das perfekte Territorium für den herrlich kompakten Sportler. Heute steht halt nicht Mugello auf dem Programm, sondern real life. Und da braucht es keine Über-Panigale in Zweier- oder Vierer-Konfiguration.

Nicht, dass es niemand vorher gewusst hätte – gesunde 100 Cavalli, genauso viele Newtonmeter bei 200 Kilo voll, das kommt der perfekten Landstraßenpartie einfach sehr nahe. Eine Rezeptur die bei garantiert zügigem Vorankommen gleichzeitig zutiefst entspannende Momente liefern kann.

Lockere Übersicht und die volle Freiheit für alle Körpersensoren. Genial.

Liebend gerne nehmen wir auch hier die volle Elektronik mit an Bord. ABS auf der Bremse und DTC unterm Gas plus ein tadelloser Schaltautomat machen den Swing noch genießbarer, liefern zwar keine Unsterblichkeit, aber doch verlässliche Rückendeckung beim Tanz durch das echte Zweiradleben.

Im Gegensatz zur Superbike-Überdosis bleiben die rechnergesteuerten Assistenten aber im Hintergrund, sind auf der Hausrunde keine zusätzlichen Performance-Faktoren. Jeder bis Ultimo aufmunitionierte Chauffeur einer käuflichen SBK-Replica, der Dir Anderes erzählen will – lass ihn einfach ziehen. Möglich, dass die Rea-Melandri-Lowes Doubles schneller am Ziel sind. Ihre Blutdruckwerte und Adrenalinspiegel (da war es wieder das Wort) bewegen sich aber immer im kritischen Bereich.

Die Werte an Bord des milden Zweiventilers dagegen kerngesund. Einen großen Anteil an der fahrenden Glückseligkeit hat das Sitzarrangement auf der aktuellsten Supersport-Generation. Der Schnitt erfordert ein zartes Maß an Körperspannung, zwingt aber in keinem Modus, ob zart oder hart, zu Krämpfen. Lockere Übersicht und die volle Freiheit für alle Körpersensoren. Genial gemacht.

Und dann wäre da noch das Fahrwerk. Traditionell Kernkompetenz der Nord-Italiener, die sich auch mit der Hilfestellung aus Mittelschweden ergibt. Sportlich knackig ja, Folterkammer nein. So das Fazit nach einem Marsch durch die Abstimmungsmöglichkeiten der schimmernden Öhlins-Ware. Das Zauberwort heißt dabei in jeder Situation: Rückmeldung. Hier ist den Entwicklern der Supersport S gelungen, ein sehr intensives Paket an den Stahlrahmen zu schrauben. Vergessen wir nicht: Auch Edelreifen wie die montierten Pirellis und wirklich guten Energievernichter von Brembo haben fühlbaren Anteil am Gesamtkunstwerk.

Für Herz und Verstand, hochwertig ohne Allüren.

Auch ohne eine Flasche Pinot Grigio im Körper muss jeder mit Herz und Verstand zu dem Fazit kommen: Ein tolles Sportmotorrad diese Ducati. Sie macht sich zu Nutze, was derzeit aus den oberen Etagen der Entwickler herausgegeben wird, sticht aber vor allem mit klassischen Werten. Echtes, nutzbares Drehmoment, superhomogene Fahreigenschaften und das stetige Gefühl, auf einem hochwertigen Bike ohne Allüren zu sitzen. Das auch noch beim Putzen für meditative Momente sorgt. Echtheit aus Bologna, die es sich lohnt zu erfahren. Und die es sogar mit zwei Spiegeln gibt.

Text & Fotos: Fahrkunst

 

Technische Daten Ducati SuperSport S

Motor: Flüssigkeitsgekühlter Zweizylinder V-Motor, 937 ccm Hubraum

Leistung: 110 PS (81 kW) bei 9.000/min, 93 Nm bei 6.500/min

Chassis: Gitterrohrrahmen mit 43er Upside-Down-Gabel und Monofederbein von Öhlins, beide volleinstellbar, Einarmschwinge, Aluminium-Gussfelgen, Bereifung vorne 120/70-ZR 17, hinten 180/55-ZR 17

Gewicht vollgetankt: 210 kg

Tankinhalt: 16 Liter

Ausstattung: Brembo-Doppelscheibenbremse mit Radialzangen vorne, Bosch-ABS, Ride-by-Wire-Gasgriff, Riding-Mode-Fahrprogramme, LCD-Display, Windscheibe höhenverstellbar, LED-Tagfahrlicht, Quickshifter up/down

Preis:  14.790 Euro (Modell S in Weiss)

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Fahrkunst

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