Reiti, der Brems-Extremist

0

Reiti: »Was ich gedacht habe, als ich das Foto gesehen habe? Ja, geil!« Foto: Mara Paulicek.

Ein Bild sagt bekanntlich mehr als 1000 Worte. Trotzdem können ein paar anreichernde Informationen dazu manchmal nicht schaden. Als Markus Reiterbergers Hinterradl-in-der-Luft-Bremsbild hereinschneite, griff ich zum Telefon und erreichte den Bayern auf der Insel Man, wo er sich gerade als TT-Tourist neugierig ein bißchen umschaut.

Wie immer liess sich Reiti nicht lange bitten, sondern sprudelte gleich los: »Ja, dieses Foto entstand in Donington, vor der letzten Linkskurve. Da ist in der Bremszone eine Welle drin, das gibt noch mal einen Kick aufs Hinterrad. Da gibt´s ohnehin schon wenig Hinterradkontakt, mit dieser Welle ist es halt speziell, das Rad steigt noch ein bisserl höher. Gleichzeitig macht man beim Anbremsen manchmal den Fuss raus, um zu stabilisieren. Der Fotograf hat genau an der richtigen Stelle abgedrückt.«

»Dass das Hinterrad im Grenzbereich beim Bremsen lupft, ist oft der Fall, aber meistens nur kurz, weil man schon versucht, so gut es geht, den Bodenkontakt zu halten, um mehr zu verzögern. Wir passen immer die Motorbremse darauf an. Damit das Hinterrad nicht in einen Slide übergeht und man reindriftet wie die Moto2-WM-Fahrer, sondern weiter antreibt, über die Motorbremse, also mit geöffneten Drosselklappen, damit man mehr Hinterradgripp generiert, weil dann kann man später und mehr in die Kurve reinbremsen. Reinsliden ist nämlich nicht schnell.«

»Ich bin schon einer, der hinten mitbremst, auch im Trockenen, das hat mir einst der Waldi beim Minibike-Fahren beigebracht; das steckt immer noch drin und passiert automatisch. Ich versuche das Hinterrad am Boden zu halten, um maximal zu verzögern. Man fühlt es, wenn das Hinterrad steigt, das fühlt sich schon gut an, man muss aber aufpassen. Wennst auch danach noch mit Schräglage in die Kurve reinbremst, ist es schlecht, wenn es dann schräg aufsetzt. Das bringt richtig Unruhe rein, man muss die Bremse lösen und dann geht´s geradeaus. Deswegen macht man in haarigen Situationen das Bein raus oder runter, um zu stabilisieren, die Fuhre sich beruhigt und man leichter umlegen kann anschließend.«

»Ich hatte schon gehofft, dass es so ein Bild einmal gibt. Draussen auf der Strecke spürst immer alles; man denkt manchmal, das muss brutal sein. Aber Aufnahmen, auf denen man das bestätigt bekommt, gibt es eigentlich nie. Deswegen ist es schön, wenn man das einmal so sieht. Was ich im ersten Moment gedacht habe, als ich das Foto gesehen habe? Ja, geil!«

»Die Gabel ist bei solchen Manövern nicht auf Block, man muss schon die richtige Abstimmung finden. Es gibt Fahrer, die bremsen in ersten Moment brutal hart, und lösen dann zur Kurve immer mehr; andere bremsen am Anfang eher zart und dann immer stärker zur Kurve hin. Das Ganze ist relativ schwierig abzustimmen, über die Federvorspannung und mit der Druckstufen-Einstellung.«

»Mein Bremsstyle? Ich glaube, der ist ein bißchen einzigartig. Jedenfalls muss ich mir das von meinem Fahrwerks- und Data Recording-Männern anhören. Wir haben eine relativ straffe Abstimmung vorne, auch relativ harte Federn mit viel Vorspannung, weil ich immer auf die Kurve zufahre und im gleichen Moment, in dem ich das Gas schliesse, schon voll in die Bremse reingreife. Diesen ersten Kick fangen wir über die Abstimmung ab, jedenfalls versuchen meine Leute das, was schon eine Herausforderung ist. Zur Kurve hin bremse ich geradeaus brutal hart, beim Reinfahren immer weniger, so dass ich mit Schwung reinkomme. Ich habe schon gemerkt, dass andere das teilweise anders machen. Aber ich denke mir, solange mein Bremsstil schnell ist, brauche ich da nix ändern.«

Mit Mechanikus Wolfgang Kampe. Foto: Matteo Cavadini.

»Mit Gripp im Trockenen habe ich nie Probleme. Heikel wird es erst, wenn man zuviel bremst und mit zuviel Druck in Schräglage einbiegt. Deswegen kann ich nicht mit weichen Vorderreifen fahren. Ich bin in der IDM und auch in der WM immer den härtesten Vorderreifen gefahren, um die Stabilität zu generieren. Man hat dann zwar weniger Gripp, aber ich habe das auf der Bremse bisher immer gutmachen können, auch wenn ich manchmal beim Bremsen oder in maximaler Schräglage schon ans Limit komme und das Vorderrad wegzuklappen droht. Aber grundsätzlich ist es schon erstaunlich, was so ein Vorderradl-Pirelli alles aushält.«

»Meine Leute im Team fanden das Foto natürlich auch gut. Der Öhlins-Mann sagte „Alles was man mir gibt, das fresse ich auf.“ Also von der Abstimmung her, je härter es eingestellt ist, desto stärker bremse ich; so habe ich das verstanden jedenfalls.«

»Ob das jede Runde hinten so lupft? Es kommt schon öfter vor. Es kommt darauf an, wie man aus der vorherigen Haarnadelkurve herauskommt. Bremst man danach richtig spät, ist es sehr wahrscheinlich, dass das Hinterrad abhebt. Dafür, dass wir Serienbremsen haben, geht das sogar richtig gut. Da kann man schon mal Dank aussprechen an Moto Master, die die Scheiben machen, oder an SBS, die die Beläge liefern. Wir fahren mit Carbon-Belägen, das ist schon der Hammer, wie das bremst. Es sind ja immer noch Serien-Bremszangen, Stahlflex-Leitungen und Serienpumpe, das ist alles serienmäßig schon ein sehr hoher Stand. Auch die Bremskolben sind Serie.«

»Wie schnell es an dieser Stelle zugeht? Das müsste der 4. Gang sein, angebremst wird geschätzt aus knapp 200 km/h, am Kurveneingang sind es noch um die 80 km/h, in zweiten Gang. Also relativ langsam.«

»Donington brachte jetzt den dritten Sieg im vierten Superstock 1000-Rennen. Natürlich bin ich mit meinem Team und mit dem Motorrad sehr zufrieden, wir haben bereits im Winter und bei den Tests sehr gut gearbeitet, ich fühle mich superwohl, wir sind erfolgreich und in der Meisterschaft sieht es auch gut aus.  Mit diesem Team auch nächstes Jahr in der Superbike-WM angreifen zu können, das wäre das absolute Traum-Szenario, ja.«

Crew-Chief Dirk Linnebacher hat nochmal das Laptop aufgeklappt und ins Data Recording geschaut. Deshalb hier noch ein kurzer Nachtrag zur Magie der Zahlen: Als obiges Hammerfoto entstand, kam Reiti mit einer Geschwindigkeit von 198 km/h an der Bremsstelle an, in der Mitte der folgenden Haarnadelkurve waren es noch 65 km/h. Das Hinterrad war beim Anbremsen ungefähr 8 Meter weit ohne Bodenkontakt!  

Gut erkannt: »Alles was man mir gibt, das fresse ich auf.« Foto: Matteo Cavadini

Fotos: Mara Paulicek – mpafoto / Matteo Cavadini/Alexphoto

About Author

Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

Leave A Reply