Einer von uns: Alex Blome

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Alex Blome ist Motorradfahrer, also einer von uns, und er schreibt auch professionell darüber. Er hat nach dem Studium volontiert, driftete dann irgendwie in Video-Gefilde ab. Später fand er Kontakt zu meinem Lieblings-Verlag und liefert inzwischen als freier Mitarbeiter für den »Tourenfahrer« und den »Motorradfahrer« erfrischend lesenswerte Beiträge zu. Beim Bridgestone-T31/A41-Testevent neulich in Marokko nutzte ich die Gelegenheit neugierig zu sein und den Kollegen, in dessen Signatur „Multi-Media-Redakteur“ steht, etwas auszuhorchen für einen Beitrag hier im Salat. »Erzähle mal von Dir und was Du so treibst« ermunterte ich ihn und schaltete die Aufnahmefunktion am Smartphone ein.

Mobilität als das Tor zur Welt: Alex Blome beim Bridgestone-Reifentest in Marokko.

»Ich heisse Alexander Blome und komme aus dem Schwarzwald. Ich bin als Junge immer zu meinen Freunden im Viertel rüber, dazwischen war eine riesige Wiese. Also ist mein Vater dauernd zum Mittagessen auf den Balkon und hat laut gerufen »Alexaaaaander! Deine Mutter sagt, du sollst soooofort heimkommen.« Ich war der Affe im Viertel dadurch. Deswegen werde ich lieber Alex genannt.«

»Ich beschäftige mich mit Motorrädern, schreibe Geschichten oder mache Videos. Ich bin quasi im Wald aufgewachsen, habe dort trainiert, geheult, meditiert, bin Mountainbike gefahren. Natürlich ist es toll, eine Verbindung zur Natur zu haben, aber ich bin halt nicht wirklich rausgekommen. Meine Eltern sind sehr gerne zu Hause und wir waren nur einmal zusammen in Urlaub. Ich war fixiert auf den Schwarzwald und unsere Gegend und habe mit 16 dann mein erstes Moped bekommen, nach drei Monaten war die Drossel ausgebaut. Für mich hat damals das Leben angefangen, die Mobilität war für mich das Tor zur Welt.«

»Klar, das hätte auch zwei Jahre später mit dem Auto passieren können, aber das ist nicht vergleichbar. Ein Motorrad ist für mich kein Luxusgegenstand oder Statussymbol. Ich fahre Motorrad, weil damit eine Emotion verbunden ist. Ich bin immer Sportbikes gefahren, weil es mich schneller von A nach B bewegt und stärker beschleunigt als ein Tourer. Eigentlich mag ich derlei Differenzierungen gar nicht, weil sie Abgrenzung bedeuten, die eigentlich nichts Schönes sind. Jeder soll auf seine Art gerne Motorrad fahren. Ich fahre halt Sportler, weil es diese Freiheit mit wenig Gewicht und viel Leistung verbindet. Ich fühle mich lebendiger, wenn es ordentlich vorwärts geht.«

»Wenn ich fahre, bin ich gut zu mir, lebe gesund und fühle mich wohl.«

»Motorradfahren hält mich gesund. Es hält mich von Apotheken fern, von Drogen, von Alkohol, vom Rauchen. Wenn ich fahre, bin ich gut zu mir, lebe gesund und fühle mich wohl. Es gab mal ein Jahr ohne Motorrad. Das war die schlimmste Zeit meines Lebens. Weil ich mit allem möglichen Mist angefangen habe. Da habe ich gemerkt, dass ich das brauche wie eine Pflanze das Wasser, weil sie sonst eingeht. Ich muss Motorrad fahren, damit meine Energie fliesst.«

»Ich bin 32 Jahre alt und seit vier Jahren selbstständig. Der Verleger, für den ich jetzt arbeite, ist ein herziger, ganz toller Mensch und ich werde dort gut bezahlt, also für die Branchenverhältnisse gut bezahlt. Es ist trotzdem nicht einfach, also erledige ich ein Drittel im Jahr Marketing-Jobs, die zwar Überwindung kosten, aber mein Konto auffüllen, damit ich Rechnungen bezahlen kann. Dann mache ich wieder Motorrad, bis ich pleite bin und die EC-Karte nicht mehr funktioniert. Marketing-Jobs sind eigentlich mediale Umweltverschmutzung. Motorradgeschichten macht man ja, um mit Leidenschaft andere Leute anzustecken. Leben ohne Leidenschaft und Liebe ist vergeudetes Leben. Finde ich jedenfalls.«

95 % Traum und 5 % Mist. »Bin immer froh, zwischendurch Motorradgeschichten machen zu können.«

»Ich hatte immer ein Faible für Film- und Video. Im Studium belegte ich einen Kurs, in dem ich Kameramann gelernt habe, Ton und Bewegtbild. Dann baute ich für Luftaufnahmen einen Kameracopter, das war noch vor der Zeit, bevor es wirklich gute Fertigsysteme gab. Nach einigem Tüfteln ergab das einen 5 Kilo-Helikopter, daran konnte man eine Spiegelreflex oder eine Videokamera befestigen, damit entstanden Dokus für den NDR oder Aufnahmen für eine Partnerfirma einer großen Bahngesellschaft. Bei diesen Luftaufnahmen habe ich dann gemerkt, dass es zu 10 % nur um Aufnahmen geht, 90 % besteht aus Logistik, Batterie- und Absturzproblemen; ich benötigte dazu einen Piloten, der extra aus Hamburg kam und die Drohne flog, während ich die Aufnahmen machte – im Endeffekt also war es 95 Minuten Alptraum und 5 Minuten Traum, wenn wir das produzierte Material schließlich sichten konnten.«

»Ich habe mich davon nicht verabschiedet, aber ich war immer froh, wenn ich zwischendurch Motorradgeschichten machen konnte, weil da war alles umgekehrt, nämlich 95 % Traum und 5 % Mist. Es kann sein, dass ich nicht die hellste Kerze auf der Torte bin, vielleicht bin ich auch kaufmännisch nicht pfiffig genug. Ich mache das immer solange, bis mein Bankmann sich meldet und meint, ich sollte doch ein bischen mehr verdienen. Geld aber steht bei mir nie im Fokus. Immer wenn ich flüssig bin, genieße ich die Zeit und kann tolle Reportagen machen. Ich sage nicht, ich bekomme soundsoviel und danach produziere ich. Ich produziere halt, wie die Geschichte sich entwickelt. Wenn ich dafür statt 5 Tage zwei Wochen unterwegs bin, weil irgendetwas Abgefahrenes passiert, dann lasse ich das passieren, weil das ist ja gerade der Charme daran. Das ist wirtschaftlich ein Vollgau, natürlich, aber anders geht es nicht, weil dann müsste ich anfangen, Geschichten nach Zeitplan zu produzieren, und das möchte ich nicht. Deswegen mache ich zwischendurch immer wieder kommerzielle Geschichten im Videobereich, weil da geht es eigentlich nur ums Geld. Trotzdem mache ich auch Bewegtbild tatsächlich gerne, auch wenn man eigentlich nur abbildet, was der Kunde möchte und nicht seiner Kreativität nachgeht.«

»Motorradgeschichten macht man ja, um mit Leidenschaft andere Leute anzustecken.«

»Ich habe mal einen Seifenblasen-Film produziert, die Idee entstand auf einem Festival, weil ich gesehen habe, wie happy alle Altersgruppen mit Seifenblasen sind und wie damit Reaktionen geweckt werden, die man normal so nicht bekommt. Das Ganze lief nebenbei und hat sich über zwei Jahre hingezogen. Ich habe den Film beim Porsche Medien Award eingereicht, bei dem Nachwuchskünstler ihre Werbefilme zeigen, ziemlich hochwertiges Zeug aus der Auto- und Parfümindustrie, bin dann in die Shortlist gekommen, die engere Auswahl aus 5 Filmen von 200, und nach London eingeladen worden, der Film lief dort einen Abend im Kino, das war natürlich mega.«

»Theoretisch ist das ein White-Label-Film ohne Branding, den ich gemacht habe, weil es Freude bereitete und den man hätte verkaufen können. Eigentlich geht es um einen Roadtripp, ich bin unterwegs und teile diese Seifenblasen mit Leuten. Das meiste entstand während diverser Reportagen nebenbei. Als ich jetzt mit Herstellern, Agenturen und Marken gesprochen habe, wurde mir klar, wie hässlich das Ganze eigentlich ist. Weil du den Film brandest mit etwas, was man eigentlich gar nicht möchte. In dem Film geht es um Lebensfreude, wie man das Leben feiert, und da dann eine Marke draufzuhauen, ist natürlich ein Widerspruch. Was ich jetzt damit mache? Wohl etwas anderes, eine Botschaft einbringen, die den Leuten etwas bringt. Ich werde also eher einen antikommerziellen Weg gehen, weil so ein besseres Gefühl bleibt.«

»Habe nie gesagt, ich möchte in einem Bus leben, das ist natürlich entstanden.«

»Eigentlich bin ich inzwischen ein mobiler Nomade, weil ich lebe nicht in festen Mauern, sondern in meinem VW Bus. Weil ich gemerkt habe, dass ich in meiner Wohnung nicht mehr zufrieden war und dass mein Wohlbefinden immer mehr davon abhängt, wo ich gerade bin. Eigentlich hatte ich den Bus für die Video-Produktionen geholt, weil man ständig unterwegs ist, Strom zum Akkuladen benötigt, es prima ist, wenn man die Aufnahmen in einem abgedunkelten Raum sichten kann, was möglich ist, wenn man die Vorhänge zuzieht. Es ist auch praktisch, unterwegs kein Hotel suchen zu müssen. Wennst auf der Silvretta-Hochalpenstrasse unterwegs bist, ist das nächste Hotel ewig weg, man müsste morgens um Vier aufstehen, um zum Sonnenaufgang wieder da zu sein, so bleibt man halt einfach und kann morgens seine Aufnahmen machen. So habe ich nach und nach mehr Zeit im Bus verbracht. Ich habe nie gesagt, ich möchte in einem Bus leben, sondern es ist natürlich entstanden, bis ich meine Wohnung aufgelöst und eine Garage gemietet habe, zusammen mit einem Freund, in der unsere Motorräder und Leidenschaftssachen stehen.«

»Ob es einen Plan nach vorne gibt? Eigentlich immer nur von einem Tag auf den nächsten. Kürzlich war eine gute Veränderung, jetzt habe ich Pflanzen in meinem Bus, die sind wie Freunde, also ein paar Kleinere und einen Baum, der einen Meter hoch ist, die mich morgens begrüßen, für gute Luft im Bus sorgen, damit machst automatisch die Vorhänge auf, weil die ja Licht brauchen. Mein Busleben hat sich überhaupt verändert, am Anfang mit den Scheiben hattest wenig Privatsphäre. Mittlerweile sehe ich vieles offener, ich wache manchmal auf einem McDonalds Parkplatz auf, dann kommt morgens ein Mitarbeiter und schenkt mir einen Kaffee. Obwohl man da nicht stehen und übernachten darf. Solche Sachen erlebe ich im Bus ständig, erlebe Deutschland auf eine andere. sehr schöne Art und Weise.«

»Wohin es als nächstes geht mit dem Bus, wenn ich zurück bin? Gute Frage. Es sind jetzt 4 Tage bis zum nächsten Auftrag. Ich war die letzten Tage etwas matschig, fahre wahrscheinlich Richtung Rottweil, mein Kumpel hat eben gemailt, dass er gestrichen und Regale aufgebaut hat, das ist eine Garage und Werkstatt, aber auch eine Wohnung, also vom Layout eher strange. Ob ich heute Abend fahre, hängt davon ab. Wenn ich happy bin, dass ich im Bus schlafe, koche ich erstmal, ich habe noch Rukkola-Salat im Kühlschrank, und alles mögliche; das heisst, ich werde mir erstmal einen Salat machen, Granatapfel und Feldsalat habe ich noch im Bus, Chicoree und Radieschen auch, dann Pesto dazu, werde geile Musik hören, vielleicht noch den Flughafen-Parkplatzwächter einladen auf einen Kaffee. Wenn ich unleidig bin, werde ich mit dem Bus in den Süden fahren, meinen Kumpel treffen, der auch in einem Bus lebt, mit ihm abends kochen und etwas unternehmen.«

Die arme Panasonic ist schlimmeres gewohnt, als nur durchleuchtet zu werden.

»Ich war mal oben auf einem Pass, es war nass und neblig, als mir einer hinterherschrie: »Bist Du nicht der Spitzbube vom »Tourenfahrer?« Das hatte ich vorher nie erlebt, dass jemand einen erkennt; jedenfalls lernte ich so den Gerd kennen, der eine Indian Chef Vintage lenkte. Ich fragte die Fotografin, die dabei war – ich hatte sie übers Internet gefunden und engagiert – von uns ein Bild zu machen. Nee, sagte sie dann, weil es ist nach 18 Uhr und irgendwann muss ja mal Schluss sein mit Arbeiten. Die hat dann tatsächlich nicht mehr auf den Auslöser gedrückt! Das ging mir so tierisch auf die Nüsse, dass ich mir anschließend zum selbst Bebildern unterwegs eine Kamera zugelegt habe, eine spiegellose Panasonic GH4, eine Mischung aus Foto- und auch Videokamera, die dann auch bei meinem selbstgebauten Kameraheli zum Einsatz kam.«

»Die Kamera hängt in dieser Rotationsgeschichte und so ein Helikopter entwickelt extrem harte Vibrationen zur Start- und Landephase. Diese Kamera hat hunderte Starts und Landungen mitbekommen, die Vibras sind so heftig, dass die Kamera teilweise aussetzt aufzunehmen, oder weil die SD-Karte die Verbindung zum Slot nicht mehr hält. Einmal war die Sicht problematisch, worauf der Heli ein paar Saltos drehte und hart im Wald eingeschlagen ist, mit Body und Bajonett voraus. Der Heli hatte fast nichts, die Kamera hat alles absorbiert und überlebt. Bei einem Yamaha R6-R1-Vergleich ist sie bei 50 km/h aus dem Kofferraum eines fahrenden Autos geflogen, aber man sieht nirgendwo einen Kratzer. Sie hat jede Menge Seifenblasenlotion abbekommen und ewig bei Panorama-Aufnahmen im Regen im Grünen gestanden. Auf Granada bei einer Rollertour ist mir das Ding zweimal mit Stativ umgefallen und auf einen Stein geknallt. Wenn ich Fotografen treffe, die sehen, wie ich meine Kamera mit montiertem Objektiv im Rucksack mitführe und die hin und her kullert, drehen die schon durch. Aber die Kamera interessiert das überhaupt nicht. Ich habe sogar extra eine Versicherung dafür abgeschlossen, weil ich sonst manches kaputt kriege, aber diese Kamera ist absolut unzerstörbar, das beeindruckt mich immer wieder.«

Auch mal hinsetzen und reflektieren: «Ich muss Motorrad fahren, damit meine Energie fliesst.«

Fotos: Buenos Dias, Alex Blome

 

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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