Reiterbergers Zaubertrick-Bremse

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Mechaniker Wolfgang Kampe (schwarzer Pulli) tüftelte Reitis etwas andere Hinterrad-Handbremse aus.

Boxen bei Rennen sind wie Höhlen, eher düster, vollgepropft mit Bikes und Equipment, Teamleute wuseln überall herum und verhätscheln ihre mechanischen Babys; in der hektischen Betriebsamkeit kann es schon passieren, dass man als interessierter Beobachter vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Nach dem Warm-Up am Sonntagmorgen beim IDM-Finale in Hockenheim grunzte Wolfgang Kampe, Mechaniker bei Markus Reiterberger, mich freundlich von der Seite an: »Wennst das noch fotografieren willst, dann jetzt, weil ich baue das jetzt ab« und lenkte meinen Blick auf zwei Handhebel übereinander am linken Stummel von Reitis IDM-Superbike.

Oben Kupplung, unten Hinterradbremse. IDM: No! WM: Yo!

Ich fragte erstmal zurück, wofür dieses Hebel-Arrangement gut sein sollte, worauf mich folgende Erklärung erhellte: Oben ist der Kupplungshebel, darunter der Hebel betätigt die Hinterradbremse, aber nicht von hinten per Daumen, sondern von vorne mit den Fingern.

Links herum wird hinten normal per Fuß gebremst, falls notwendig.

Erfunden wurde die Daumenbremse bekanntlich 1992 für die erste Big-Bang-Honda NSR 500 von Mick Doohan, der sein rechtes Bein nach komplizierten Brüchen und haarsträubenden OP´s nicht mehr abwinkeln konnte, um die Fußbremse nach unten zu drücken. Also wurde der Fußhebel demontiert und dafür ein Hebelstumpf am Lenker neben dem Griffgummi installiert, der über den linken Daumen gedrückt die Hinterradbremse aktivierte. Es gab seither immer wieder Rennfahrer, die Doohans nachgebaute Problemlösung nutzten, um hier und da lieber per Daumen zu bremsen, statt mit dem Bremsfuß.

Besser dreimal hinschauen: Der Bowdenzug aktiviert eine Wippe, die den Fußhebel nach unten bewegt.

Nun sind Daumenbremsen in der IDM nicht zulässig, wenn sie über das Hydrauliksystem funktionieren. Reitis händische, zusätzliche Hinterradbremse, erdacht und gebaut von Wolfgang Kampe, schlug darum doppelt trickreich einen Bogen: Erstens ist es kein Daumenhebel, sondern einfach nur ein zweiter Hebel, der unter der Kupplung nach vorne weist. Zweitens erfolgt die Betätigung über einen Seilzug, der mechanisch über eine Wippe den Fußbremshebel nach unten bewegt. Fußbremse und händische Fußbremse funktionieren unabhängig voneinander.

Reiti nutzt die händische Hinterradbremse nur in Rechtskurven für Korrekturen, weil dem rechten Fuß in Schräglage kein Platz zum Betätigen bleibt. Beim Anbremsen und Linksrum wird normal per Fuß gebremst.

Den Hebelsalat zu verstehen, fiel auf Anhieb nicht so leicht. Als Reiti sich dazu gesellte, fragte ich also, wie diese Bremse für ihn funktioniert. »Super«, sprudelte er los, »mit einer Daumenbremse komme ich nicht zurecht, weil ich den Daumen zum Festhalten brauche. Deswegen hatte Wolfgang die geniale Idee, das so umzusetzen. Auf der anderen Seite habe ich vier Finger, da kann ich easy einen entbehren und leicht mit bremsen. Es geht dabei hauptsächlich um Rechtskurven, um in der Mitte die Linie zu korrigieren. Beim Anbremsen verwende ich weiter die Fußbremse, in der Mitte von Kurven, wenns links rumgeht, verwende ich auch normal die Fußbremse, was in Rechtskurven aber nicht möglich ist in Schräglage, weil kein Platz mehr ist. Ob ich mit den zwei Hebeln links nicht durcheinander komme? Nein, weil die Kupplung braucht man ja beim Fahren nimmer, mit Quickshifter und Blipper-Downshift-Funktion, nur beim Losfahren am Start.«

Kein Durcheinander mit zwei Hebeln beim Fahren? Reiterberger: »Nö«.

Hat der Bayer in der WM vorher schon mal eine Daumenbremse ausprobiert? Reiti: »Nein, nur beim Testen einmal heuer, ich bin jetzt beim IDM-Finale im Training das erste Mal damit gefahren. Weil es erst hiess, eine Daumenbremse sei hydraulisch als Extra nicht zulässig, hat Wolfgang etwas Manuelles gebaut. Aber wir müssen es jetzt wieder demontieren, weil Michael Galinski, dem das nicht passte, bei der technischen Abnahme dagegen gestänkert hat. Ob ich mir wünschen würde, das dauerhaft zu haben? Ja, weil es hilfreich ist, und cool finde ich es außerdem. Es war eine prima Idee mit dem nach vorne verlegten Hebel. Wolfgang hat sich richtig Mühe gegeben, das sauber zu bauen, und es nützt ja auch etwas.«

Nach vorne ab haute Reiterberger auch mit demontierter Zauberbremse – wie das ganze Jahr schon.

Während ich die Apparatur fotografierte, hiess es noch, dass in der Moto 2-WM ein Mattia Pasini, der seine Vorderbremse nach links zur Kupplung umgebaut hat, weil sein rechter Arm nach einem Motocross-Unfall seit Jahren nurmehr wenig Kraft aufbaut, gar nicht mehr am Start sein und sogar gewinnen könnte, wenn derartige Umbauten gleich verboten wären.

Danach schraubte Wolfgang seine etwas andere händische Hinterradbremse also ab und blieb gelassen: »In der WM nächstes Jahr ist es mit Sicherheit erlaubt, von daher ist uns das jetzt erstmal egal.« Und Superbike-Champion Reiterberger siegte schließlich auch im letzten Rennen wieder ohne den jüngsten Brems-Geistesblitz.

Fotos: Buenos Dias

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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