Interview: IDM 600-Meister Thomas Gradinger

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IDM 600 2017: Thomas Gradinger vor Kevin Wahr und Max Enderlein.

Vor ein paar Jahren tauchte ein Youngster-Trio mir drei R-6en bei den 1000 km in Hockenheim auf. Lukas Tulovic hatte im Vorjahr im Junior Cup mit der 390er KTM aufgegeigt, Marvin Fritz mit der Biker-Box-Yamaha die IDM 600-Krone erobert und Thomas Gradinger mit einer Moto3-KTM umgerührt. Die drei waren wie alle jungen Rennfahrer sympathisch unbekümmert, komplett schmerzfrei und so geil aufs Fahren, dass sie stanken. Die Rundenzeiten waren unglaublich, es gab technische issues und Stürze und turbulente Aktionen, die wir besser nicht so genau aufwärmen. Aber: Am Ende des Tages kassierten die drei Wilden den Klassensieg und hatten, so wie Rennsport eben sein soll, unterm Strich eine Riesenhetz.

Extrem kalt, nass und sturzreich war´s, aber erfolgreich und spaßig dazu. Die jungen Wilden 2015 in Hockenheim, 1000 km: Gradinger, Tulovic, Fritz. Vielleicht gibts in der WM mal ein Wiedersehen, eines Tages.

Tulovic machte hernach im Yamaha-Cup dank sehr entschlossener Fahrkunst auf sich aufmerksam und steckt heute in Spanien in der CEV-Pipeline, um hoffentlich eines Tages in der Moto2-WM aufzuschlagen. Fritz gewann gegen namhafte Importeurshelden auch noch den Superbike-IDM-Titel und geniesst nun bei YART die Vorteile eines Endurance-Werksfahrer-Daseins. Gradinger ist inzwischen, also jetzt gerade, IDM-Champion in der Supersport-Klasse geworden, nach einer verdammt starken Saison.

Das MPB-Team 2017. Von links: Etienne Wagner, Marcel Bach, der Chauffeur, Jakob Wollboldt, Thomas Kubiak, Frank Hörholz, Tobias Gattermaier.

Letztes Jahr noch schlurfte der Österreicher bereits nach dem Training in Zolder mit dem Arm in Gips herum und meinte optimistisch »I wui fahrn«, also mit Blick aufs nächste Rennen bezogen, was sich aber nicht ganz ausging. Erst erheblich später in Assen, beim Comeback, schmetterte er erstmals aufs Podest, in Hockenheim beim Finale dann gleich zum Doppelsieg. 2017 nun hat er 6 Siege, 4 zweite Plätze, 1 Sturz und ein DNF geschafft. Der Titel war bereits in O-leben, eine Station vor Schluss, gesichert im Kasten. In Hockenheim beim Finale war Gelegenheit, sich hinzusetzen und über die Saison zu plaudern.

Grid: Teamchef Marcel Bach, Mechanikus Toby, Glücksbringerin Katharina.

Thomas Gradinger: »Die Saison ist besser gelaufen als gedacht. Es war abzusehen, dass wir konkurrenzfähig sein können, mit dem Paket und dem Team, aber natürlich schwebte das größte Fragezeichen über Kevin Wahr, wie er aufgestellt ist, wie  seine neue R6 funktioniert, usw. Der Nürburgring gleich zu Beginn war ein ordentlicher Dämpfer mit meinem Sturz. Trotzdem habe ich danach ziemlich gute Leistungen zeigen können und war, wenn Kevin ausgefallen ist, eigentlich meist vor ihm. Gesamt bin ich mit der Saison natürlich happy, logisch.«

Gas geben und niederknien, am Limit jonglieren. Wie das genau funktioniert? »Woas i ah ned«.

Wie geht es weiter nächstes Jahr?

Thomas Gradinger: »Supersport-WM. Das ist der Plan und eigentlich fast fixiert. Es geht nur noch um die Finanzen, weil das kostet doch einiges mehr Geld. Deswegen sind wir auf Sponsorensuche. Die technische Mannschaft wird gleich bleiben, aber in ein anderes Team integriert. Die WM ist eine andere Welt, das habe ich am Lausitzring mit der Wildcard gesehen. Ich kann zwar mitfahren, muss aber noch einiges lernen. Wir werden das ausprobieren und riskieren nächstes Jahr, und dann schauen wir, ob ich es drauf habe oder nicht.«

Nächste Saison: »Und dann schauen wir, ob ich es drauf habe oder nicht.«

Um die wacklige IDM-Zukunft musst Dir also keine Sorgen machen?

Thomas Gradinger: »Persönlich nicht, weil mein Ziel die WM ist und da werde ich mit hoher Wahrscheinlichkeit hinkommen. Aber natürlich ist der ganze Schlamassel nicht gut für die Motorradszene in Mittel- und Nordeuropa. Das ist schon arg bedauerlich.«

Schleif-Kratz eingangs Sachs.

Supersport DM und WM, wie groß ist der Sprung?

Thomas Gradinger: »Im Qualifying sind WM-ler 1,5 Sekunde schneller. Sie wissen halt, wie man in einer Runde mehr aus den Reifen rausholt. Auf die Renndistanz ist es nicht so viel. Maximal eine Sekunde pro Runde. Mal schauen wie es ist, wenn ich nächstes Jahr mehr testen kann. Ich bin mir aber sicher, dass man als IDM-Pilot unter die Top-Ten in der WM regelmäßig fahren kann. Das ist jetzt nicht nur auf mich bezogen, das gilt genauso für einen Max Enderlein, einen Kevin Wahr oder den Christian Stange. Ich muss eh sagen, dass heuer in dem IDM-Feld die Leute viel Potenzial haben und richtig schnell Motorradl fahren. Die 600er IDM ist vielleicht ein kleines Feld, aber ein feines.«

IDM 600 Endwertung: Der große Pott geht nach Austria, links Wahr als Vize, rechts Enderlein als Dritter.

Wennst künftig WM fährst, kannst dann bei KTM als Testfahrer weiter arbeiten?

Thomas Gradinger: »Da sind wir dran. In der WM sind doppelt so viele Events wie in der IDM, die Anreisewege sind weiter. Ich glaube, dass sich eine Lösung finden lässt, in welcher Form auch immer, dass ich weiter für KTM arbeiten und testen kann.«

In Schleiz gab es diese Ritterschlag-Aktion von Deinen Spezies…

Link zum Ritterschlag-Video

Thomas Gradinger: »Schleiz ist besonders, von der Atmo, dazu waren Freunde und Bekannte da, wennst dann einen Doppelsieg einfährst, ist das schon sehr cool. Schleiz war eins der besten Rennen, aber das Schönste war am Lausitzring bei der WM. Ich habe mein Bestes gegeben, bin über mein Limit gefahren und durchgekommen und auf P9 gelandet; ich habe mich riesig gefreut und ich würde das schon gleichstellen mit dem Titelgewinn.«

Das ist die schöne Verkleidung, Bilder mit der alten sind alle weggeworfen.

Ihr habt im Training immer eine alte, nicht so schöne Verkleidung montiert?

Thomas Gradinger: »Ja, weil ich war früher ein extremer Sturzpilot. Deswegen wurde gesagt: Training mit alter Verkleidung und im Rennen die neue. Das haben wir beibehalten. In Oschersleben bin ich zweimal im Training gestürzt, das war also schon weise.«

Beim Verhör der Burschen franst dem Eddie Mielke schon mal die Jacke aus….

Wahr, Enderlein, van der Valk und die zwei Rubins haben die neue R6 eingesetzt. Warum Ihr nur beim WM-Einsatz?

Thomas Gradinger: »Wir haben schon überlegt, ob ich die Neue fahren soll. Aber als das Bike so spät kam, haben wir uns gefragt, warum sollen wir umsteigen , wenn unseres gut funktioniert und konkurrenzfähig ist. Sicher gibt’s ein paar Vorteile. Neben der steiferen Gabel ist der Tank schmäler, ich bringe die Arme besser hinein, habe mehr Platz nach hinten, kann mich richtig gut verstecken. Bei der alten ist der Tank bauchiger, deswegen stehen die Ellenbogen raus. Das alles ist aber kein Nachteil, den man nicht kompensieren kann.«

Gradinger, Wahr, Enderlein.

Wennst im Winter zurückschaust…

Thomas Gradinger: ….wird 2017 immer etwas Besonderes sein und bleiben, weil es meine erste Saison war, in der das bestmögliche Material mit der bestmöglichen Betreuung zur Verfügung stand und ich es auch nutzen konnte. Deswegen danke ich allen vom MPB-Team um Teamchef Marcel Bach, Technikus Thomas Kubiak und Mechaniker Tobias Gattermaier, die ununterbrochen geschuftet haben, um das Beste rauszuholen. Tobias, mein bester Freund, hatte im Jänner noch eine Herz-OP; der Typ ist vor 8 Monaten noch im Krankenhaus gelegen, war klinisch für ein paar Minuten kaputt, und dann ist er überall dabei und gibt sein Bestes, damit ich meinen Spaß haben und, na ja, sinnlos Runden drehen kann. Ein Wahnsinn, oder? Das macht es noch schöner, weil Du genau weisst, wer Dir alles geholfen hat.«

Flagman Toby: »Immer dabei, damit ich, na ja, sinnlos meine Runden drehen kann.«

Fotos: Buenos Dias

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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