Freddie Spencer Interview

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Autogramme gerne auch mit Widmung: Freddie Spencer ist im Umgang mit Fans eine Klasse für sich.

Freddie Spencer, Anfang/Mitte der Achtziger Jahre absoluter Wunderkabe und das schnellste menschliche Wesen auf diesem Planeten, »der Außerirdische«, der auf dem bis heute legendären Bol d´Or Superbike der US-Szene seinen Stempel aufdrückte, bevor er nach Europa kam und nach einigen Gastauftritten im 500er GP-Sport ab 1982 als Honda-Werksfahrer mitmischte. »Fast Freddie«, der 1983 jüngster 500er Weltmeister aller Zeiten wurde, nach erbittertem Duell gegen King Kenny Roberts, gewann 1985 für Honda schließlich den 250er und den 500er WM-Titel gleichzeitig, was vorher niemand geschafft hatte. In den Folgejahren kämpfte der Amerikaner mit den Folgen einer Sehnenscheiden-Entzündung am rechten Arm und anderen unglücklichen Verletzungen, ein Comeback 1988 in Agostinis Yamaha-Werksteam scheiterte, sein Ruhm verblasste mehr und mehr. Zuletzt erholte sich Spencer zusehends und fuhr noch eine Weile in der US-Szene, zuletzt für Two-Brothers-Honda und Fast-by-Ferraci-Ducati, bevor er Mitte der Neunziger Jahre seine Karriere als aktiver Rennfahrer beendete. Zu den europaweit immer beliebteren Classic-Events wird Freddie inzwischen regelmässig als Gaststar eingeladen, auch beim Glemseck 101-Event war er mit Honda vor Ort. Der Salatprynz erhielt Gelegenheit zu einem Gespräch mit dem heute 55-jährigen Ex-Champion und nutzte diese gerne. Nachfolgend der Aufschrieb:

Fast Freddies weltberühmtes Design, das jeder kennt.

? Freddie, wie geht´s Dir, wie verbringst Deine Zeit, womit beschäftigst Du Dich?

Spencer: »Danke, es geht mir gut. Ich verbringe viel Zeit auf Classic- und Vintage-Events, seit fünf, sechs Jahren, dazu gibt es eine Rennfahrerschule in Südfrankreich, zusammen mit Bernard Garcia, unsere Basis ist in Le Castellet. Bernard organisiert Trackdays, die Schule ist ein Teil davon. Ich helfe ihm so gut ich kann, vielleicht drei bis viermal im Jahr, weil ich denke, dass es wichtig ist, das Fahren auf Rennstrecken vernünftig und richtig vermittelt beigebracht zu bekommen, damit die Leute Spass haben und sicher unterwegs sind.«

»Ich lebe in London, liefere Podcast-Beiträge für ein Motorsport-Magazin und habe ein Buch geschrieben, über mein Leben, meine Karriere. Der Titel der Autobiographie ist „Freddie Spencer, Feel – my Story“. Erschienen ist es im Random House-Verlag, erhältlich ist es seit April. Bei Amazon findest Du es, in englischer Sprache zunächst.«

»Natürlich geht es in dem Buch über meine Karriere als Racer, um Motorräder allgemein und warum diese wichtig sind, aber auch um persönliche Lebenserfahrungen, was man gelernt hat, wie man denkt, handelt, Dinge angeht, was einem wichtig ist. Das Buch rollt gute Zeiten wie schwierige Phasen auf; dabei geht es auch um all die Leute, denen man dabei begegnet ist.«

»Seit Mai habe 12 Events beigewohnt, viele mit und für Honda wie jetzt am Glemseck. Davor war ich in der Schweiz bei einer Hillclimb-Veranstaltung mit 10.000 Besuchern. Als nächstes folgt das Ace-Cafe-Revival und danach der Bol d´Or, in dessen Rahmen ein Fireblade-Event für Kunden organisiert wird.«

»Mir bereitet das Freude, ich mache das wirklich gerne. Motorräder begleiten mich ein Leben lang, für mich ist nicht nur das Thema wichtig, sondern auch, andere teilhaben zu lassen, die Begeisterung zu teilen und etwas zurück zu geben von dem, was mir der Motorsport ermöglicht hat. Ich habe vieles erlebt und gelernt, bin herumgekommen in der Welt und interessanten Menschen begegnet. All das findet auch in meinem Buch Niederschlag.«

Legenden am Glemseck: Kevin Schwantz, Freddie Spencer.

? Wo ist Freddie Spencer eigentlich zu Hause?

Spencer: „Die Saison über in London, seit zwei Jahren in einem Apartment im Norden der Stadt. Der Flughafen ist rasch erreicht und in 15 Minuten bin ich mit dem Zug mitten in London, ich liebe es dort. Vorher lebte ich bei Marseille bei einer Freundin. In den Wintermonaten halte ich mich in Amerika in Louisana auf.«

»Bikes sind grundsätzlich eine positive Sache, deswegen schätzen ja alle Motorradfahrer dieses Thema so sehr, beschäftigen sich gerne damit und tauschen sich mit anderen darüber aus. Mir geht das nicht anders. Für mich waren Motorräder immer wichtig, diese Passion zu teilen, liegt mir ehrlich am Herzen.«

? Hast Du ein eigenes Motorrad?

Spencer: »Ja, in den USA, eine 2008er Honda VFR Interceptor, als Limited Edition.«

Gixxer gegen Blade, KS vs. FS, nur ein Showrun, trotzdem natürlich spannend.

? Am Glemseck bist einen Showsprint gegen Kevin Schwantz gefahren, hattest Erfolg und die Nase vorne, Glückwunsch dazu.

Spencer: »Ja, es hat Spaß gemacht. Das war mit der Serien-Blade. Wie Kevin reagiert hat? »Good Job« hat er mir gratuliert. Wir sind schließlich beide Professionals, da herrscht gegenseitiger Respekt. Die Show war gut und die Leute hat unser Treiben offensichtlich interessiert, was mir immer viel bedeutet. Die Honda war geliehen von einem Dealer. Nach dem ersten Probelauf wusste ich nicht nur, wie das Girl mit der Flagge hantiert, sondern auch dass ich 1.000 Touren mehr zum Losfahren brauche. Dazu habe ich mehr Gewicht nach vorne verlagert, um Wheelies entgegenzuwirken und war besser vorbereitet, bei steigendem Vorderrad in den nächsten Gang hochzuschalten.«

Jarama-GP 1986: das erste 500er Rennen mit der Nr. 1 in jener Saison war auch das erste, in dem Spencer mit Schmerzen im rechten Unterarm aufgeben musste. Von da ab kämpfte er mit Problemen.

? Du bist bis Mitte der 90er Jahre Rennen gefahren, hast sicher tausend tolle Erinnerungen. Gibt es Anlässe, einen oder zwei, die besonders herausragen, warum auch immer?

Spencer: »Very special waren 1980 die Match Races über Ostern in England, als ich das erstmals  nach Europa kam. Das erste Training war bereits am Donnerstag nachmittag in Brands Hatch, 45 Minuten. Ich war Rookie im US-Team, fuhr eine Yamaha TZ 750, betreut von Erv Kanemoto, niemand erwartete etwas von mir. Aber am Sonntag gewann ich beide Rennen. Was dort passierte, was unglaublich dramatisch für mich. Weil von dem Tag an wusste jeder, dass ich auch auf Top-Niveau mithalten konnte.«

»Extrem befriedigend für mich verlief der Jarama-GP 1983. Ich hatte die ersten drei GP-Rennen der Saison gewonnen, Kenny Roberts das Vierte, Spanien war die fünfte Station. Die NS500-Dreizylinder passte gut zur kurvigen Strecke, ich fuhr die Bestzeit im Training, startete von der Pole. Das Rennen ging über 30 Runden, Kenny führte 29 davon. In der letzten Runde ging ich in Führung, wir kämpften beide mit allem was wir hatten, das erste Mal in dieser Saison direkt gegeneinander, Rad an Rad, mit Überholmanövern und Positionswechsel, wie es später noch etliche Male passieren sollte. In der letzten Runde waren meine Bremsen praktisch fertig, normal bremste ich mit zwei Fingern, jetzt musste ich die ganze Hand nehmen, weil der Hebel sich bis zum Griff durchziehen liess und die anderen Finger im Weg waren. Auch meine Reifen waren fertig, no more edge-grip. Jarama war kurvig und holprig und ohne edge-grip bist verloren, alles was ich tun konnte, war die Linien zu verändern und noch mehr zu sliden.«

»Ich mogelte mich an Kenny in Kurve 3 vorbei. Eine halbe Runde weiter überholte er mich wieder, aber ich konnte kontern und gewann schließlich auf der Ziellinie mit einer halben Bike-Länge Vorsprung. Ich fuhr in dieser letzten Runde meine beste Rundenzeit des ganzen Wochenendes, dazu neuen Rundenrekord, trotz fertiger Bremse und abgenutzter Reifen. Zurück an der Box war ich dermassen ausgelaugt, ich konnte nicht mal absteigen. Es gibt davon ein Video. Ich weiss noch, wie Kenny später rüber kam zu meinem Motorhome und wir redeten, er trank ein Bier, ich eine Dr. Pepper-Limo. Ich denke, nach diesem Rennen schwahnte Kenny erstmals richtig, auf was für einen erbitterten Kampf die Saison hinaus lief, wie gefährlich ich für seine Titel-Ambitionen in seiner letzten Saison war.«

Mit dieser grimmig nackten Fireblade fuhr Freddie am Glemseck am zweiten Tag, wenn auch nur kurz.

? Du gehörst zu den wenigen, die Soichiro Honda zu Hause besuchen durften?

Spencer: »Ja. Nach dem WM-Finale in Imola 1983, ich war jüngster Halbliter-Weltmeister aller Zeiten und es war der erste 500er Titel für Honda, flogen wir am Montag von Mailand über Moskau nach Tokio, um in der Firmenzentrale und mit HRC zu feiern, dazu gab es noch ein internationales Rennen in Suzuka, genannt »Japan-GP«, das wichtiger war als das 8-Stundenrennen damals. 100.000 Zuschauer kreuzten zum Rennen auf, unglaublich. Jedenfalls kam auf diesem Flug Rennleiter Yoichi Oguma zu mir, sagte: »Freddie, wir haben ein Geschenk für Dich. Donnerstag, Lunch in Mr. Honda´s Haus«, drehte sich um und ging zurück auf seinen Platz. Ich fuhr inzwischen ein paar Jahre für Honda, aber es hatte nie eine Begegnung mit dem Gründer gegeben. Es war klar, dass das etwas Besonderes bedeutete.«

»Also folgten wir der Einladung und fuhren da hin. Oguma und einige Honda-Manager, Erv Kanemoto war dabei, auch Mechaniker George Vukmanovic, dann tauchte zuerst Frau Honda auf, und der Sohn. Ich stand da, wartete, schaute mich um. Hinter dem Haus, das ziemlich großzügig schien, für japanische Verhältnisse jedenfalls, ungefähr so groß wie mein Elternhaus, war ein sehr schöner Garten, darin spazierte jemand herum, kniete hier und da nieder, ich dachte zuerst, das sei der Gärtner. Dass das Mr. Honda war, kapierte ich erst, als er schließlich hereinkam und alle aufstanden.«

Hondas PR-Mann Paul Nowers zückte am Glemseck ein Motorrad-Spielkartenquartett, das einen seltenen Ruckus 250 zeigte, der Spencer überraschend entzückte. Deshalb traute sich der Salatprynz, Fast-Freddie um ein Foto mit dem Salatzoomer (der 50er heisst in USA Ruckus) zu bitten. O-Ton: »Sure we can do that!«

»Soichiro war freundlich und liebenswürdig, dabei hatte ich ihn nie zuvor getroffen. Der alte Mann, so wie ihn alle nannten, kam direkt auf mich zu, legte mir die Hand auf die Schulter und sagte: »Thank you«. Dann dirigierte er mich zum Tisch, wir alle nahmen Platz zum Essen und er erzählte, wie es angefangen hatte mit seiner Company in einer Garage. Gleichzeitig wusste er über alles, wie es mir bei den Rennen ergangen war, genau Bescheid. Diesbezüglich erinnerte er mich an meinen Vater. Als ich ihm das sagte, lächelte er still. Eigentlich war uns beiden klar, dass es um viel mehr ging als um gesetzte Ziele. Honda´s größte Träume waren, auf der Insel Man bei der TT zu siegen und eines Tages die Halbliter-Königsklasse zu gewinnen. Ich hatte als Jugendlicher in Shreveport bei einem Händler ein Foto einer 125er Yamaha-Rennmaschine auf der Theke gesehen; das war fortan mein innigster Wunsch, so etwas einmal zu fahren, was nach ersten Anfängen dann tatsächlich klappte. So kam eins zum anderen, meine Karriere ging weiter und weiter bergauf bis zum Weltmeister. Aber nicht nur meine Wünsche wurden Realität; ich konnte dazu beitragen, Honda´s Traum vom 500er WM-Titel zu erfüllen.«

Glemseck-Souvenir.

Fotos: Buenos Dias, Zep Gori/Honda


Die Autobiografie von Freddie Spencer trägt den Titel »Feel« und den Untertitel »My Story«, ist  englischsprachig und erhältlich über www.amazon.de  – der Preis für die Kindle-Reader-Edition beträgt 14,99 Euro. Das gebundene Buch kostet 22,99 Euro, die Taschenbuch-Ausgabe 10,53 Euro.

About Author

Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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