Kullmann-BMW Rahier Replica

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Wenn zierliche Menschen dicke Motorräder steuern, ruft das warmherzige Begeisterung hervor, die gerne auch ins Legendäre abdriften darf. Gaston Rahier war so einer. Kleiner Mann, großes Kämpferherz. Der Belgier gewann für Suzuki drei 125er WM-Titel im Motocross (1975, 76, 77), danach steuerte er Bayerns Großtank-Boxer gen Dakar. Wie er das vollbrachte, grenzte an ein Wunder, weil er mit 1,64 Meter Körpergröße mit den Füßen nicht den Boden erreichte. Hielt er an, musste er absteigen und neben der riesigen Gummikuh stehen. Zum Anfahren stellte er einen Fuss auf die Raste, rollte los und schwang dann erst wie ein Indianer das andere Bein über die Sitzbank. Wie mutig musste man sein, quer durch Afrika zu brausen, volle Kanne, durch die Wüste und über Stock und Stein, ohne sich bei Bedarf mal gschwind abstützen zu können? Unfassbar.

Gaston Rahier, Dakar-Rallye Sieger 1985. Foto: BMW

1982 verlor Gaston bei einem Unfall fast eine Hand. 1983 nahm er trotzdem die Dakar aufs Korn. Beim Debütritt durch Afrika zwang ihn ein technischer Defekt zur Aufgabe. Beim zweiten Anlauf legte er sich gleich mit dem siegverwöhnten Teamkollegen Hubert Auriol an und gewann die Dakar-Rallye das erste Mal. 1985 gewann Rahier seine zweite Dakar, obwohl sein mächtiges Boxerschiff bei einem kapitalen Sturz nahezu irreparabel demoliert wurde. 1986 war er wieder dabei, stürzte mit Karacho, brach ein Schlüsselbein und sechs Rippen, fuhr aber trotzdem heldenhaft bis zum Ende in Afrika durch. Das spätere Schicksal war wenig gnädig: Die kleinwüchsige Racer-Legende wurde nur 58 Jahre alt, Rahier erlag 2005 einer heimtückischen Krankheit.

Das Original in der Münchner Kleinod-Sammlung.

Über 30 Jahre sind seit Rahiers wüsten Großtaten verstrichen. Aber natürlich gibt es Leute, die sich daran gerne erinnern. Thorsten Kullmann ist einer von Ihnen. Der Maschinenbauer aus Dreisen am Donnersberg, der mit seiner Firma »Pebetho« Edelstahl-Sonderbauten fertigt (das Reifenmontiergerät GP503 z.B. entsteht bei ihm) und parallel dazu in »Kullmanns Boxergarage« bayrische Eisen geschmackvoll umbaut und modifiziert, hat sich mit dem Bau einer Rahier-Replica einen persönlichen Traum erfüllt, den er schon geraume Zeit hegte.

Dakar-Boxer aus Dreisen am Donnersberg: Thorsten Kulmanns Wüstenschiff-Nachbau.

Als Basis diente eine gebraucht gekaufte R 100 Paris-Dakar von 1991. Bauchiger 43 Liter Tank von HPN, kantige Lampenverkleidung und raumgreifende Plastikteile von Acerbis (bezogen ebenfalls über HPN, jene Firma die einst für BMW die Dakar-Racebikes aufbaute) takeln die Maschine mit beeindruckender Optik auf, die weiss-leuchtfarbene Farbgebung von Lackgott Alexander Kapp mitsamt Sponsor-Aufklebern ist dem Original so weit wie möglich nachempfunden.

 

Vorne steckt eine 48er WP Upside Down-Gabel aus einer 640er KTM drin, hinten federt ein extralanges Federbein die Kardan-Einarmschwinge ab. Federweg gibt´s reichlich: Vorne 300 mm und hinten 200 mm. Auf die originalen Speichenfelgen sind Continental TKC80 aufgezogen, vorne in 90/90-21, hinten in 130/80-17. Den filigranen Heckrahmen hat Thorsten Kullmann selbst geschweisst, aus 20er Rohr und 10er Vollmaterial, für den Gepäckträger wurde das Originalteil wiederverwendet, zur Hälfte jedenfalls.

 

Schmiedekolben von Wössner (400 Gramm leichter als Serie) und höhere Verdichtung helfen, den Zweizylinder auf geschätzte 75 PS bei 6.000 Touren aufzupumpen. Weil das Triebwerk bereits über 70.000 km Laufleistung aufwies und der Motor ohnehin demontiert war, hat Kullmann alle Innereien komplett überholt, auch die Pleuellager sind neu gemacht. Alle Verschleissteile wie Bremsbeläge, Luftfilter, Lenkkopflager etc. sind ebenfalls erneuert. Die spezielle Auspuffanlage wurde bei Hattech gefertigt, die Zylinderköpfe wie auch die Vergaser hingegen blieben original. Die Batterie ist in einem Kästchen in der jetzt Schwarz-Weiss mit Kunstleder bezogenen Sitzbank geschickt versteckt untergebracht. Das Motorrad macht einen handwerklich sauberen und soliden Eindruck, wohin man auch guckt – Respekt.

 

Knapp vier Monate hat Thorsten Kullmann an seiner komplett TüV-abgesegneten Rahier-Replica gearbeitet, die zwar groß und hochbeinig geraten ist und respektheischend auf dem 12 cm verlängerten Hauptständer steht, aber trotzdem nur 190 kg vollgetankt wiegt. Wie das Teil fährt, umschreibt der Erbauer so: »Das hat richtig Dampf und fährt einwandfrei; dabei so verblüffend agil, man denkt man sitzt auf einem Fahrrad. Durch Wechselkurven fährt das handlicher als jeder Sportler.«

 

Wie bei den meisten Kullmann-Boxern ist zunächst geplant, mit der Rahier-Replica erstmal möglichst viele Kilometer selbst zu fahren. Was danach passiert, wird sich schon ergeben. Bislang ist noch immer jemand aufgekreuzt, der ihm seine Kreation abkaufen wollte. Wer den imposanten Wüstenschiff-Nachbau in Natura bewundern möchte: Das Bike wird am ersten September-Wochenende beim Glemseck 101-Event am Hattech-Stand ausgestellt sein. Wer auf historischen Adventure-Style steht, kann bei der Gelegenheit entzückt feststellen, wie authentisch sich die Aura des neu aufgebauten Oldies entfaltet, auch nach über 30 Jahren – wirklich ergreifend.

32 Jahre später: Kullmanns Rahier-Replica.

Info-Link: Kullmanns Boxergarage

Fotos: Buenos Dias

 

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

1 Kommentar

  1. Schöner Umbau.
    Die 190 kg vollgetankt, bei einem 43 Liter fassenden Tank, klingt sensationell, scheint mir aber nicht sehr realistisch, besonders, weil das Serien Modell 236 kg mit “nur” 35 Liter Tank wog.
    Aber egal, was die Waage sagt, tolles Mopped.

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