Kawasaki Z 1000, O-Ring-Kette, Dry Lube

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Die Geschichte der Dichtringkette begann 1976, als Honda sich hilfesuchend an Kettenhersteller Takasago (heute RK) wandte. Die RCB-Werks-Honda für Langstrecken-Rennen, eine DOHC-Vierventil-Konstruktion auf dem Gehäuse der CB 750 Four, verfügte anfänglich über 915 Kubik Hubraum und leistete 100 PS. Die zweite RCB-Stufe mit 941 Kubik schickte bereits 115 PS an Hinterrad. Das war eine Menge Power vor über 40 Jahren, die herkömmliche Ketten schlicht überstrapazierte. Um drohenden Kettenschäden aus dem Weg zu gehen, bei Rennen über 1000 km, 8 oder 24 Stunden, existierte deshalb bei Honda  die Order, nach 6 Stunden die Kette zu wechseln.

24 H Spa 1976, Honda RCB, Léon/Chemarin: Die O-Ring-Neuerung beseitigte alle Ketten-Probleme.

Für die 24 H in Spa lieferte Takasago dann eine neuartige Kette mit Fettfüllung und Dichtringen, die erste O-Ring-Kette. Honda brachte für dieses fünfte Saisonrennen bereits das dritte Update, mit 120 PS aus 997,5 Kubik, aber der Antrieb zum Hinterrad bereitete von da an kein Kopfzerbrechen mehr. Die Sieger-Paarung Léon/Chemarin auf der Werk-RCB-Honda donnerte mit 270 km/h Topspeed und einem Kettensatz auf dem alten 14 km langen Straßenkurs einmal rund um die Uhr durch die Ardennen, legte 315 Runden und 4.447,8 km zurück, der Rennschnitt betrug sensationelle 185,3 km/h. Auch auf dem zweiten Platz landete eine Werks-RCB, unter Huguet/Ruiz. Kurzum: Das Haltbarkeitsproblem durch immer stärkere Motorleistungen war mit der Erfindung der O-Ring-Kette vom Fleck weg aus der Welt.

Epochales Bike: Kawasaki Z 1000.

Die erste Serienmaschine mit einer Dichtringkette kam 1977 von Kawasaki, die Z 1000. Das 85 PS starke 1000er Vierzylinder-Bike löste die erfolgreiche 900er Z1-Kawa ab, hatte außerdem eine 4-in-2-Auspuffanlage (statt 4-in-4), eine Doppelscheibenbremse vorne (vorher nur eine Scheibe) plus ein scheibengebremstes Hinterrad (vorher eine Trommel).

Inline-Four zum Niederknien.

Rollenketten einfacher Bauart wurden über die Jahre nahezu ausnahmslos verdrängt. Alle Hersteller verbauen bis heute Dichtringketten, die über eine Dauerfettfüllung verfügen (Kardanbikes und Beltdrive-Antriebe natürlich ausgenommen). Die O-Ringe, die zu unterschiedlichen Querschnittsformen (X, W, U) weiter entwickelt wurden, sorgen dafür, dass das Schmiermittel um den Bolzen zwischen den Platten verbleibt, und gleichzeitig dafür, dass von außen kein Dreck oder Wasser eindringt.

Saubere Sache: O-Ring-Kette und Trockenfilm-Schmierung mit Profi Dry Lube.

Die hier gezeigte Z 1000 gehört Reiner Bayer, dem Erfinder des Profi Dry Lube, eine spezielle Trockenfilm-Schmierung für Dichtring-Ketten, die er entwickelte und seit 1995 vertreibt. Das Besondere an dem Spray auf Teflonbasis ist, dass es nicht klebt. Die Wirkstoffe reduzieren den Verschleiß an den Dichtringen und kriechen unter die Rollen, die auch bei diesen Ketten nach Schmierung von außen verlangen, in regelmäßigen Abständen. Das Trockenfilm-Schmiermittel bietet mehrere Nebeneffekte. Es wird nicht abgeschleudert, Hinterrad und Schwinge bleiben sauber. Weil es nicht klebt, bleiben Schmutz und Dreck auch nicht an der Kette hängen. Und da die Kette sauber bleibt, finden wiederum die Wirkstoffe des Schmiermittels beim jeweils nächsten Spray-Vorgang ungehindert unter die Rollen, durch den Spalt an den seitlichen Laschen. Folge ist eine optimierte Schmierung, die wiederum die Lebensdauer der Kette verlängern hilft, angeblich um 50 bis 80 %.

Als Alltagsmotorrad fährt Reiner Bayer eine Ducati Multistrada 1200. Die Kawasaki, die erst seit März 2016 für Genusstouren eingesetzt wird, kam hinzu, weil damit ein Jugendtraum erfüllt wurde und weil das erste Serien-Bike mit einer Dichtringkette sehr gut zu einer Unternehmung passt, die sich überwiegend mit Antriebstechnik befasst. Bayers Firma Profi Products bietet neben dem Dry Lube-Spray und weiteren Pflegemitteln auch selbst entwickelte Laser-Messgeräte zur Überprüfung der Kettenflucht, zur Kettenverschleiss-Messung sowie für Spurvermessungen an, letzteres nicht nur für Bikes, sondern auch für Quads (und sogar Karts).

Sounds sweet: Marving 4-in-1.

Die 40 Jahre alte Kawasaki, ein US-Importmodell, wurde restauriert und komplett neu aufgebaut, und zwar von Thomas Ludwig, einem früheren Kundendienst-Mitarbeiter bei Ducati. Dass einige Details vom Orginalzustand abweichen (Marving 4-in-1, andere Sitzbank, rundes Rücklicht, Konis, Alu-Speichenräder) ist vom Eigentümer ausdrücklich so gewollt.

Machtvoll: Luftgekühlter Vierzylinder mit 85 PS.

Für den Salatprynz gibt es genau zwei Motorräder, die aus dem Reich der historisch ewig wertvollen Youngtimer herausragen, quasi den Klassiker-Olymp darstellen und jederzeit für Momente einer stillen Andacht taugen: Honda´s CB 750, die demnächst 50-jähriges Jubiläum feiert und Kawa´s Z 900/Z 1000, die auf das Inline-Four-Nonplusultra nochmal einen draufsetzte. Deshalb zog es mich nach Trippstadt. Auf der Dortmunder Messe hatte Reiner Bayer von seiner Z 1000 erzählt, am Stand, an dem eine Demo-Apparatur eine trocken geschmierte, unklebrige Kette durch erdiges Blattwerk zieht und trotzdem sauber bleibt. Der Zustand seiner Kawasaki entpuppte sich in der Tat als bewundernswert. Nach ein paar Fotos sind wir zusammen ein Stück durch die Pfalz gefahren, vorbei am bekannten Treffpunkt Johanniskreuz, und dann in einem Gasthaus eingekehrt.

Am Rückweg: Ein Glück, dass man die Kette meiner 13 nicht sieht; so 5.000 km muss sie noch halten.

Statt über die epochale Kawa driftete das Gespräch in Richtung Ketten ab. Dry Lube ist mir schon ein Begriff, obwohl ich es noch nie selbst ausprobiert habe. Meine CB 1300 geht auf die 100.000 km zu, mit dem vierten Kettensatz und normalem Fett-Spray. Klar ist damit: Jetzt noch umsteigen auf die Trockenfilm-Schmierung wäre kein gutes Timing. Also werde ich noch 5.000 km zuwarten und erst mit der nächsten neuen Kette dann eine Trockenschmier-Phase starten.

Kraftwerk für Ästheten.

Reiner Bayer lernte den Beruf des Laborgerätebauers in einem Betrieb, in dem Prototypen und Neuentwicklungen für große, weltweit agierende Konzerne hergestellt wurden, auch aus der chemischen Industrie. Als er vor ziemlich genau 25 Jahren damit begann, ein Trockenfilm-Schmiermittel für Dichtring-Ketten zu entwickeln, auf Teflon-Basis, was damals etliche Anwendungen ersetzte, half ihm seine konstruktive, technische Denkweise. Anstoss war eigentlich, dass die Innovation der dauergefetteten Kettenbolzen von niemand aufgenommen worden war, was ihn schlicht und einfach ärgerte und gleichzeitig herausforderte. Die Entwicklung seines Profi Dry Lube dauerte schließlich über zwei Jahre und schloss eine längere Test- und Praxiserprobung mit ein. Bis auf Nuancen blieb die Rezeptur bis heute unverändert.

Das Hinterrad bleibt sauber.

Wie lange die Lebensdauer einer Kette ausfällt, hängt stets von vielen Faktoren ab: Die Qualität der Kette spielt eine Rolle, die Motorcharakteristik, die Fahrweise, die Pflege und das Pflegemittel natürlich, dazu spielt die Kettenspannung hinein, ob das Rad gerade in der Schwinge steht, damit die Kette korrekt fluchtet, wieviel Regen, Staub und Straßenschmutz das Gliederwerk in ständiger Bodennähe abbekommt.

Bis 10.000 km Kettenlaufleistung macht der Umstieg laut Reiner Bayer auf Trockenfilm-Schmierung Sinn. Bei neuen Ketten appliziert man das Profi Dry Lube einfach, nachdem das werksseitig aufgebrachte Schmiermittel weggefahren wurde. Für zuvor mit Fett-Spray geschmierte Ketten gibt es das PDL Base Treatment, mit dem geschmiert und gleichzeitig gereinigt werden kann. Der Trick bei diesem neuen Übergangsmittel sind Kriechöle, die in der Lage sind, die Teflon-Wirkstoffe mitzunutzen; man kann also fahren, während das Produkt gleichzeitig unter den äußeren Rollen, den etwa ein Zehntel großen Schmierspalt säubert. Dreck, Schmutz und altes Fett werden herausgefahren, damit beim nächsten Sprühvorgang das Trockenfilm-Schmiermittel auch unter die Rollen gelangen kann und nicht an klebrigen Schmiermittelresten hängen bleibt.

Bei der Anwendung mit Profi Dry Lube fallen die Pflege-Intervalle etwas kürzer aus. Bei Fett-Kettenspray ist gut zu sehen, wenn die Kettenrollen beginnen, trocken zu laufen. Bei PDL-geschmierten Ketten sind die Rollen immer blank und deshalb rein optisch schwieriger zu beurteilen. Vor allem als erfahrener Motorradfahrer kommt man laut Bayer damit aber sehr schnell zurecht. Zum einen, weil man das beim Schalten und punkto Elastizität im Antriebsstrang spürt. Zum anderen, wenn man dazu übergeht, nach relativ festen Intervallen, sagen wir 300 bis 400 km, die Kette nachzusprühen.

Reiner Bayer und sein Schmuckstück.

Reiner Bayer denkt, dass sein Mittel auf meinem Motorrad eine Kettenlaufleistung von 40.000 km ermöglicht. Dass meine Honda bis dahin, über den jetzigen Stand hinaus, weiter brav funktioniert, ist meine geringste Sorge. Die Frage ist eher, wie lange es dauert, bis ich diese km-Marke erreicht haben werde. Das wird sich zeigen, wenn es soweit ist.

Die Kawa war 1977 das erste Serienbike mit Dichtringkette, das Profi Dry Lube speziell dafür gibt es seit 1995.

Jetzt habe ich soviel über Ketten und eine mögliche Variante der Schmierung ausgeführt. Dabei ist diese Kawasaki Z 1000 einfach ein tolles, sagenhaft schönes, epochales Motorrad und dazu das erste Serienbike mit einer O-Ring-Kette, dass für den Dry-Lube-Erfinder natürlich von besonderer Bedeutung ist.

Fotos: Buenos Dias, Honda (1)

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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