Neu von Michelin: Power RS

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Yummie-yummie, frischer Gummi. Frohlockender Bibendum.

Die Götter der internationalen medialen Meute wurden von Michelin nach Katar gebeten, den neuen Power RS auf diversen Bikes unter Flutlicht auszuprobieren. Der Salatprynz hatte, zusammen mit diversen nationalen Berichterstattern und Bloggern, das bessere Los gezogen: Ich durfte mir bei Michelin in Karlsruhe, einem von fünf deutschen Produktionstätten, einen Satz Power RS für meine Honda abholen.

Das Michelin-Team und die aufgetürmte Power RS-Gummiware.

Der neue Gummi ist als supersportlicher Straßenreifen mit voller Alltagstauglichkeit über dem Pilot Power 3 positioniert und ersetzt den bisherigen Power Supersport Evo. Der Reifen rangiert in der hausinternen Abstufung direkt unter Slick-Rennreifen und dem Power Cup, einem profilierten Rennreifen für Seriensport-Wettbewerbe. Der Einsatzbereich ist mit 50/50 Rennstrecke/Straße umrissen. Mit dem RS wird auf anspruchsvolle Straßenfahrer gezielt, die bereit sind, die Lebensdauer dem Haftungsvermögen unterzuordnen. Sowie auf gelegentliche Rennstrecken-Fahrer, die ohne Reifenwärmer auskommen und nicht das letzte Quentchen Track-Performance dauerhaft einzufordern gedenken, die ein reiner Rennreifen bietet.

Michelin Power RS

Der Michelin Power RS verfügt vorne über die 2 Compound Technology (2CT) mit drei Laufstreifen, mit härterer Mischung in der Mitte und weicher Mischung an den Flanken. Auch hinten ist mittig und an den Flanken unterschiedlich gummiert, wobei die Seitenteile eine eher rußhaltige Mischung (statt hoher Silica-Anteile) enthalten, um mehr Trockengripp bei gleichzeitig höherer Hitzefestigkeit zu bieten. Bei den Mixturen wurde auf Erfahrungen und Rezepturen aus dem Rennsport zurück gegriffen.

Eine Besonderheit ist die neue, patentierte ACT+ genannte Konstruktion, bei der die Steifigkeit der Karkasse von der Mitte nach außen zunimmt. Die flexiblere Reifenmitte stabilisiert das Motorrad geradeaus, während die zu den Flanken hin ansteigende Steifigkeit der Karkasse die Kurven- und Beschleunigungsstabilität verbessert. Die Franzosen geben an, für die Entwicklung des Power RS stattliche vier Jahre investiert zu haben!

Power RS-Profilierung: Ein Slick mit tief herausgehackten Kerben.

Markant ist das Profil, das aussieht, als hätten Raubvögel mit spitzem Schnabel dicke Chunks herausgehackt. Laufstreifen-Mitte und die Ränder glänzen slick-ähnlich, gut für Laufleistung wie Trockengripp. Die Profil-Vertiefungen rechts wie links sind zwischen 10 und etwa 30 Grad angeordnet, also in jenem Schräglagenbereich, in den Fahrer sich bei nasser Fahrbahn noch trauen. Um a) zusätzliche Verzahnung und b) die Wasser-Drainage zu gewährleisten.

Der Michelin Power RS kommt in 13 Dimensionen auf den Markt. Mit vier Vorder- und neun Hinterreifen können dicke Supersportler und Power Naked-Bikes als auch kleinere Sportbikes bis 300 Kubik ausgerüstet werden.

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Racer Achim Penisch anno 1994 in der 600er DM, mit einer Suzuki RF 600 R.

Der frühere Rennfahrer Achim Penisch arbeitet bei Michelin. Er war von 1989 bis 1996 im Seriensport, im OMK-Pokal, in der Pro Superbike-DM und in der Supersport 600-Klasse unterwegs, daran schlossen sich 2004 bis 2006 Einsätze beim Bol d´Or und den 24h Le Mans an. Ich habe das damals teilweise verfolgt. Als die Power RS-Präsentation vorbei und der Reifensatz verstaut war, habe ich ihn gebeten, einen Moment auf der Salatbus-Ladefläche Platz zu nehmen, mir etwas über sich und Michelins jüngsten Gummi zu erzählen und einfach nur zugehört:

Achim Penisch: »Ich arbeite seit 20 Jahren bei Michelin und bin bei Motorradreifen zuständig für Produktmarketing und Produkttechnik. Umschrieben bin ich die Schnittstelle für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Das heisst, wir informieren Frankreich, was wir benötigen für diese Märkte. Was wir haben, was es kann und was nicht. Oder was fehlt, was wir an Produkten, Dimensionen und generell an Performance benötigen.

In die Entwicklung bin ich insofern in einer Sonderfunktion eingebunden, weil ich in Deutschland die Fahrversuche erledige für die Freigaben; ich habe also Zugriff auf viele Motorräder. In Frankreich gab es Leistungsbeschränkungen, zumindest in der Vergangenheit, also wollen die Entwickler oft auch Motorräder von uns; dazu finden immer wieder Joint-Tests zum Abgleich statt, um unsere speziellen Bedürfnisse bei Hochgeschwindigkeit und Stabilität exakter zu definieren. Weil: Ein Motorrad mit 100 PS erreicht 240 km/h, bei offenen Sportbikes reden wir über Bereiche von 250 bis 300 km/h, da passiert schon noch einiges, was es zu berücksichtigen gilt.

Der Power RS ist definiert als supersportlicher Strassenreifen mit voller Alltagstauglichkeit. Wir haben beim Gripp eine ordentliche Schippe draufgelegt und die Fahrbarkeit optimiert über eine neue Konstruktion, vor allem hinten. Was man tatsächlich spürt, ist eine verbesserte Stabilität, egal ob du schnell oder langsam bist. Das Motorrad fährt präziser und exakt dorthin, wohin du möchtest. Wir haben das Lenkverhalten auf den Prüfstand gestellt, damit es vorne und hinten superhomogen einlenkt, und man als Fahrer präzise die intuitiv angepeilte Linie trifft.  Ohne viel Kraftaufwand, das Lenkverhalten bleibt neutral.

Manche Motorräder sind von der Geometrie her sensibel. Oder mit viel Power und breitem Lenker ausgestattet, auch Superbike-Umbauten, wo man leicht Unruhe ins Motorrad hinein bringt. Dann profitierst mit dem Power RS davon, dass die Maschine immer auf den Punkt fährt, sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen lässt, nicht mit Zappeln oder Pendeln anfängt. Das erhöht den Fahrspass und verbessert das Fahrerlebnis.

»Verbesserte Stabilität, ob schnell oder langsam. Das Motorrad fährt präziser exakt dorthin, wohin du möchtest.«

Der Pilot Power 3 bleibt im Programm, und die Reifen, die es vorher gab, Pilot Power und 2CT ebenfalls. Wir glauben, dass es unterschiedliche Käuferschaften für diese Produkte gibt und kein Kannibalisierungseffekt auftritt. Sicherlich werden vom 3er einige auf den RS wechseln, dennoch bleibt der Power 3 für diejenigen, die sagen, ich will mit meinem Sportmotorrad jeden Tag auf die Arbeit fahren; ich wünsche mir Handlichkeit und Sportlichkeit, aber auch ein Maximum an Sicherheit über Nassgripp. Und dazu auch mehr Laufleistung.

Michelin leistet sich dieses große Angebot im Sportreifenbereich, weil uns genau das erfolgreich gemacht hat. Wir sind Marktführer im Sportreifen-Segment, weil die Produkte stimmig sind, was die Performance anbelangt und auch beim Preis.

Bei Motorrädern ist Michelin der Erfinder der Radialtechnologie. Vom konstruktiven Grundprinzip hat sich in 30 Jahren nicht viel geändert. Ein Radialreifen hat immer eine radial verlaufende Karkasse mit ein oder zwei Lagen und einen endlos gewickelten Null-Grad-Gürtel oben drüber. Geändert haben sich die unterschiedlichen Anforderungen an die Steifigkeit und an die Stabilität. Bei Geradeausfahrt, bei Kurvenfahrt und vor allem bei der Beschleunigung aus Kurven heraus.

 

Für den Power RS wurde deshalb eine neue Karkasse entwickelt: ACT+, was für »Adaptive Casing Technology Plus« steht. Dabei ist der Karkassaufbau in der Mitte flexibler, damit der Reifen super geradeaus führt, auch bis Tempo 300 km/h hoch. Die Enden des querlaufenden Unterbaus sind umgeschlagen und an den Flanken wieder nach oben geführt. Der Fadenwinkel des Unterbaus verläuft etwas weniger als 90 Grad was nach dem Umschlag zu einem sich überkreuzenden Fadenwinkel an den Flanken führt. Dieser überkreuzende Bereich sorgt in Schräglage und aus der Kurve heraus für die Stabilität, die man für sportliches Fahren braucht.

Steifigkeit und Stabilität funktionieren damit in einer Kombination, die es vorher nicht gab. Das spürt man. Was fährst Du? Eine SC54, aha. CB 1300 oder auch die XJR 1300, das sind Motorräder, die fangen irgendwann das Pendeln an, wennst 180 oder 200 km/h fährst. Dann gibt es manche Bikes mit sehr handlichen Fahrwerken, die bei hohen Tempi eine Flatterneigung vorne haben. Auch diese profitieren vom Power RS-Konzept. Von einem Hinterradreifen, der darauf ausgelegt ist, bei hohem Tempo die Führung mit zu übernehmen. Du wirst den Unterschied auch in unteren Tempobereichen spüren, weil sich das Bike präziser, in sich stabiler, direkter, einfach schöner fahren lässt. Und der Bereich zum Pendeln ist nach oben verschoben.

Kleine, mittlere, große Kaliber. Für alle gibt es passende Dimensionen.

 

Die Karkasse des Power RS ist aus Polyamid, obendrüber der Nullgrad-Gürtel. Der Gürtelfaden ist ein Geflecht aus Kevlar und in sehr engem Abstand über die Karkasse gewickelt. Michelin verwendet dafür Kevlarmaterial, keinen Stahldraht. Das ist zwar teurer, aber auch besser, weil leichter und zugfester. Weswegen es ja auch im Rennsport verwendet wird. Stahlgürtel machen Motorradreifen schwer, was für Sportreifen nicht das Beste ist. Bei Michelin wird immer schon Kevlar verwendet. Ich glaube, Stahlgürtel gibt es bei uns nur, wo Gewicht keine Rolle spielt, also im LKW-Bereich.

Privat fahre ich rund 20.000 km im Jahr. Ich besitze eine Aprilia Tuono, eine GS 1200 Triple Black und eine GSX-R 1000, eine 2015er. Ob ich an einen neuen Gixxer denke? Nein. Ich schätze an der letzten GSX-R, dass sie total ausgereift ist und dass es Suzuki beim letzten Modell wieder gelang, den Motor mit mehr Spitzenleistung, aber sehr homogener Kraftentfaltung auszustatten; und der übers ganze Drehzahlband immer super am Gas hängt. Das war eine Weile lang nicht der Fall.

»Bei Michelin wird Kevlar verwendet. Stahlgürtel gibt es nur, wo Gewicht keine Rolle spielt.«

Auf der Aprilia und der Suzuki fahre ich den Power RS, der auf beiden prima funktioniert. Auf der BMW fahre ich den Pilot Road 4 Trail. Der »normale« Pilot Road 4 passt als Sport-Touring-Pneu für Naked Bikes und Sport-Tourer, die Variante Pilot Road 4 GT für schwere Tourer wie R 1200 RT oder FJR 1300; der Reifen hat hinten eine verstärkte Karkasse mit einer speziellen Konstruktion. Als dritte Variante gibt es den Pilot Road 4 Trail. Trail ist das französische Wort für Enduro. Da wir schon einen reinen Enduroreifen haben, der auch für die Straße taugt, also handlich ist und gute Kilometerleistung bietet, plus gute Beladungsstabilität, haben wir gesagt, wir schaffen mit dem Pilot Road 4 Trail einen Fahrspass- und Performance-Reifen, der gegenüber dem Enduroreifen eine verbesserte Handlichkeit sowie einen besseren Trockengripp bietet. Erreicht wird das über weichere Mischungen und die Lamellentechnologie des Road 4, der ein sehr sicherer und vielseitiger Reifen ist.«

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Als ich im Salatbus nach Hause dieselte, vorfreute ich mich, demnächst den Michelin Power RS auf meiner 13 auszuprobieren. Also: Stay tuned – auch wenn es ein bißchen dauern wird.

Fotos: Buenos Dias, Michelin

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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