Wankel-Exot: Suzuki RE5

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Wankel-Mut: Suzuki RE5

Ein großes Herz für Motorräder haben Roland und Kerstin Müller aus Florstadt ganz bestimmt. Sage und schreibe 46 Bikes umfasst ihre private Sammlung, darunter viele Softchopper und auch etliche Exoten. Aber die wundersamste Maschine von allen ist ihre Suzuki RE5. Entdeckt hat das Duo das blaue Wankel-Wunder vor 15 Jahren bei einer Veterama. Der Tag war ein kompletter Reinfall. Kein Bike gesehen, welches Kaufgelüste ausgelöst hätte, kein Ersatzteil entdeckt, die Füße taten weh, eigentlich war man bereits auf dem Weg zum Ausgang und nach Hause. Dann entdeckte Kerstin die seltene Suzi, verliebte sich auf der Stelle und quengelte beharrlich so lange, bis Roland schließlich einlenkte und einen Deal mit dem Händler aushandelte – Bike plus zweite Auspuffanlage plus Werkstatthandbuch für drei-drei, wobei man schon hinzufügen kann, dass das Angesparte eigentlich für einen Urlaub vorgesehen war, der sich damit eben in Luft auflöste….

Suzukis RE5 ist ein Monument von einem Motorrad. Beindruckend riesig, extrem selten, kurios, exotisch. Technisch wie optisch. Vorgestellt Ende 1973, in Serie dann gefertigt ab 1975, aber nur für drei Jahre und in geringen Mengen, weil die Kundschaft Berührungsängste mit der avantgardistischen Wankel-Technik hatte, vielleicht auch die Optik nicht jedermanns Geschmack war, jedenfalls blieben die Verkaufszahlen weit hinter den Erwartungen zurück. Der NSU RO 80 im Automobilsektor hatte nicht den besten Ruf damals, das mag mit eine Rolle beim Image der neuen Technik gespielt haben. Die Dichtleisten bereiteten Probleme (ein Punkt, den Suzuki von Beginn an im Griff hatte), dazu rangierte der Spritverbrauch eher auf der hohen Seite.

Um die 60 Exemplare der Wankel-Suzuki sollen in Deutschland in Kundenhand gelangt sein, mehr nicht. Interessant: Alle Japaner, also auch Honda, Kawasaki und Yamaha, hatten damals Wankel-Lizenzen von NSU erworben. Kawasaki stellte einen Prototypen immerhin auf die Räder, Honda und Yamaha stellten die Entwicklung aber irgendwann ein. Durchgezogen bis zur Serienfertigung hat am Ende nur Suzuki. In Europa baute Hercules noch Wankel-Bikes, die W2000, dann OCR-Van Veen, aber weniger als eine Handvoll Exemplare, und später noch Norton.

Beeindruckende Technik, bemerkenswertes Design, anno 1975.

Suzukis Einscheiben-Wankelmotor mit 498 cm3 Kammervolumen der ersten Serie ab 1975 (RE5 M) leistete 62 PS bei 6500/min, das max. Drehmoment betrug 74,5 Nm bei 3.500 Touren. Optisch absolut unverwechselbar fielen dazu Cockpit und Rücklicht in zylindrischem Design sowie die kugelrunden Blinker aus. Die zweite, modellgepflegte Serie ab 1976 (RE5 A) war schließlich mit den gewohnten Instrumenten und Leuchten von der Suzuki GT 750 ausgestattet.

Das hier abgebildete Exemplar, eine RE5 M, fand zunächst in Frankreich in Kundenhand. Ein Fremdenlegionär, der damit nur im Urlaub herumkurven konnte, war der erste Besitzer. Der Zweite kam damit nicht zurecht und gab die Suzi bei einem Kawasaki-Händler in Zahlung für ein normaleres Bike. Als sich kein neuer Käufer fand, landete die RE5 im Keller, wo sie trocken und ohne Licht fast 20 Jahre ausharrte. Als der Kawa-Dealer aus Altersgründen schließlich zusperrte, bot er den Wankel-Exoten zwei Tage erfolglos auf der Veterama feil – bis die Müllers vorbei spazierten. Erst als ein »Verkauft«-Schild daran prangte, standen die Interessenten plötzlich Schlange, boten unfassbare Summen, sogar mehr als das Doppelte.

Bei den Müllers ist die RE5 in besten Händen, denn Kerstin, die eigentlich Optikerin ist, aber auch noch Maschinenbau studiert hat, schraubt wie eine Göttin. Ein paar Gummis wurden ersetzt, der Registervergaser gereinigt, neue Reifen spendiert. Das Bike wird gehegt und regelmäßig bewegt, zusammen mit drei Dutzend weiteren fahrbereit gehaltenen Maschinen. Inzwischen stehen 15.000 Kilometer auf der Uhr.

Wie die Wankel-Suzuki fährt, beschreibt Roland so: »Ähnlich wie die erste 1000er Gold Wing; das Triebwerk ist schwer, aber eher tief angeordnet. Der Motor zeigt Null Verzögerung beim Gaswegnehmen, noch weniger als ein Zweitakter. Das ist gewöhnungsbedürftig. Die Wankel-Scheibe, ein bogig-dreieckiger Rotationskolben, dreht in Drehrichtung immer weiter, deswegen fehlt jedes Bremsmoment. Nur Luft und Rollwiderstand bremsen. Bis 2.500 Umdrehungen kommt die Leistung zäh, ab 3.000 zieht es raus bis oben ohne Loch, dreht problemlos wie eine Turbine und ohne Vibrationen hoch, einfach immer weiter. Der rote Bereich beginnt bei 7.500/min. Der Sound ist eine Mischung aus Zweitakter und unrund laufendem Diesel. Dreht man richtig am Gas, klingt es dann wie ein Düsenjäger. Dieser Mischmasch ist einmalig und etwas Besonderes. Es macht jedenfalls irrsinnig Spass, damit zu fahren.«

Der Verbrauch liegt wohl etwas über Durchschnitt, ist aber gar nicht so dramatisch: 6,5 Liter bei normalem Mitschwimmen im Verkehr. 9,5 bis 10 Liter, wenn das Gas mehr aufgedreht wird. Also wie bei jedem Motorrad: Der Fahrstil bestimmt den Verbrauch.

Hegen und pflegen ihre Wankel-Suzi – neben 45 (!) anderen Bikes: Kerstin und Roland Müller.

Fortsetzung folgt: Nächste Perle der beeindruckenden Motorrad-Sammlung von Kerstin und Roland Müller ist eine GS450A aus den USA – mit Suzukimatik!

Fotos: Buenos Dias

About Author

Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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