Ausprobiert: Continental RoadAttack3

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Roll over Mallorca.

Reifen sind ein schönes Thema, immer. Weil es schwierig und kompliziert zugleich ist. Was es aber auch interessant macht. Ich stehe also mit über zwei Dutzend motorradkundigen Kollegen auf Mallorca im Hof eines rustikalen Landhotels, umzingelt von etwa 40 Motorrädern, viele BMW´s, etliche Harleys, dazu diverse Yamaha, Ducati, KTM, Honda und Triumph. Continental stellt den neuen ContiRoadAttack3 vor, der die Latte für einen universell sportlichen Straßenreifen wieder einen Stück höher legen soll.

 

Meist organisieren Reifenfirmen für Neuprodukt-Vorstellungen Bikes von Importeuren und Herstellern, was von der Logistik her nicht einfach ist und zusätzlich verkompliziert wird, wenn das Event auf einer Insel im Ausland stattfindet. Conti war clever und hat Edelweiss Bike Travel damit beauftragt. Die Österreicher brachten ihren Fuhrpark mit, aufgefüllt mit Bikes von Händlern, alles neue und aktuelle Modelle, technisch top und gepflegt, kümmerten sich dazu um die komplette Umbereifung, auch so eine irre Aufgabe, halfen bei der Streckenauswahl und stellten die Tourguides.

ContiRoadAttack3: Geradliniges, funktionelles Profildesign.

Der ContiRoadAttack3 folgt auf den ContiRoadAttack2 EVO. Ich hatte auf meiner CB1300 bereits Reifen von Continental aufgezogen, den ersten SportAttack, den SportAttack2 und auch den RoadAttack2, deshalb weiss ich, dass die Pneus dieser Marke nicht nur im Trockenen prima funktionieren, sondern auch rasch auf Betriebstemperatur kommen, was sich als angenehme Eigenschaft entpuppt, wenn man gleich nach dem Losfahren zu Hause erst einen Kreisel und dann ein paar flüssige Kurven durchrollt. Es geht dabei nicht um Speed oder Sekundenbruchteile, wir reden ja über Straßenverkehr, sondern rein ums Wohlfühlen. Es ist einfach ein Unterschied, ob man abfährt und erstmal irgendwie verknotet herumeiert oder gleich ein gutes Feeling hat.

Conti-Tester Malte Bigge über den RoadAttack3: »Ein sportlicher Alleskönner der Spaß macht.«

Den RoadAttack2 Evo kenne ich nicht. Dafür Malte Bigge, den Chef-Testfahrer der Hannoveraner Gummibäcker, die im hessischen Korbach produzieren. In Fahrerlagern bei Renn-Events sind wir uns einige Male über den Weg gelaufen. Bei den 1000 km Hockenheim, im Suzuki-Cup und der Langstrecken-WM in Oschersleben im letzten Jahr. Der begeisterte Motorrad- und leidenschaftliche Rennfahrer hat Maschinenbau studiert, ist 38 Jahre alt und seit fünf Jahren bei Conti.

Ich frage Malte zuerst nach den Stärken des Vorgängers Attack2 Evo. Seine Antwort: »Sehr kurze Aufwärmzeit, man findet sofort Vertrauen nach dem Losfahren. Handling ist gut, Gripp ist gut, Laufleistung am Hinterrad auf dem Niveau des Wettbewerbs. Der Reifen ist sportlich und verbessert die Handlichkeit, so dass praktisch jedes Motorrad schöner fährt und mehr Spass macht. Und dank Traction-Skin benötigt die Lauffläche fast keine Einfahrzeit nach der Montage, weil der Reifen ohne Lösungsmittel aus der Form kommt.«

ContiRoadAttack3-Hinterrad: Breiter Laufstreifen, Flanken geradlinig profiliert und hoher Negativanteil.

Folgefrage: Und was kann jetzt der RoadAttack3 besser? Malte: »Mehr Laufleistung. Am Vorderrad extrem gesteigert. Hinten durch das Mittelband (er meint den breiten, profillosen Gummistreifen in Laufmitte) ebenfalls gesteigerte Laufleistung. Nässe-Performance: Mehr mechanischen Gripp durch neues Compound (er meint die Gummimischung), durch höheren Negativanteil bessere Wasserverdrängung, bessere Drainage. Dazu gesteigerte Stabilität bei hohem Tempo. Der RoadAttack3 ist bei Hochgeschwindigkeit mit Gepäck stabiler als der Evo2.«

Fragezeichen zum Unterbau, ist die 3er Karkasse identisch? Antwort: »Nein, ist auch anders: Nicht die Karkasse mit Nullgrad-Gürtel, die blieb gleich. Anders ist die Steifigkeit des Reifens. Denn: Das Compound ist zäher, damit verschleißfester; die Flexibilität für besseren Gripp holen wir über einen höheren Negativanteil.«

ContiRoadAttack3: Am Vorderrad Laufleistung extrem gesteigert.

Und wem empfiehlst den neuen ContiRoadAttack3? Malte: »Jemand, der einen Allrounder sucht, einen Alleskönner der Spaß macht. Ich bin ein sportlicher Fahrer. Hätte ich zum Beispiel eine BMW S 1000 XR, würde ich genau diesen Reifen aufziehen.«

Dann ist Selberfahren angesagt. Dafür bilden sich Gruppen. Die erste mit grimmigen Tieffliegern aus ganz Europa, die zweite und dritte gut durchgemischt mit Test- und Media-Honks und die vierte mit schweren Harleys und RT-Kühen, weil die Contianer die Gelegenheit nutzen, gleichzeitig die neuen Cruiserreifen ContiTour und ContiLegend vorzustellen, die die Milestone-Modellreihe ablösen.

 

Ich steige zuerst auf eine Yamaha MT-09, nackter Dreizylinder-Roadster, nicht so rotzig wie das GB-Counterpart, sondern laufruhiger, zivilisierter. Das schlanke Bike mit kurzen Überhängen hinten und vorne fährt schön, zieht ordentlich auch aus tiefen Drehzahlen und fühlt sich leicht an, wie ein Feder.

MT-09: Let´s roll.

Hinterland, Stadtverkehr mit Tempolimit-Hubbeln, Gullis und Zebrastreifen, Kreisverkehr, Landstraßen, mal schneller, mal langsamer, mal kurvenreich, reichlich guter Asphalt, zwischendurch Flickenteppich, also alles außer Autobahn. Zum Glück überwiegen die kurvenreichen Passagen auf dunklem Asphalt, weil heller Mallorca-Asphalt bietet weniger Gripp und ist phasenweise arg rumplig, was die lasche Federung der MT ziemlich aus der Contenance bringt. Sei es drum: Ich genieße das Fahren und habe Spass.

Bei einer Kaffeepause checke ich mein biologisches Datarecording und notiere eifrig im Notizblock: Geradeauslauf (einwandfrei), Einlenkpräzision auf glattem Asphalt (passt, jedenfalls fährt das Motorrad immer dahin, wohin ich ziele), Handling beim Schräglagenwechsel (rund und leichtfüssig), Gripp in Schräglagen (super, mehr als ich mich traue abzuwinkeln), Aufstellen beim Bremsen (minimal, praktisch keins), Einleiten von Lenkerpendeln geradeaus (klingt sofort ab).

Dickschiff-Come-Together.

Optisch ähnelt der ContiRoadAttack3 jetzt dem ContiSportAttack3. Einfach anmutende, gerade Profilrillen rechts und links, dazwischen der breite Laufstreifen.

Dazu ein kleiner Exkurs: Als es einst los ging mit den Attack-Pneus (Road wie Sport), zog sich das Profil extravagant in Ellipsen über die Lauffläche und wurde später abgewandelt zu zackigen Haifischflossen. Dazu wurde eine Black-Chili genannte Gummimischung verwendet, die konsequent auf Trockenhaftung optimiert war. Argumentativ hiess es dazu, sportlich Motorrad werde ohnehin nur bei trockenen Bedingungen gefahren. Mehr Silica-Anteile hätten mehr Nassgripp erlaubt, den Gummi bei sportlich extremer Fahrweise aber eher überhitzen und schmieren lassen.

Nun sind inzwischen etliche Jahre in Land gegangen. Bei Continental Motorrad, der kleinsten Sparte des Konzerns (der übrigens weltweit 220.000 Mitarbeiter beschäftigt und 40 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftet, in den Bereichen Autoreifen, Chassis & Safety-Komponenten, Powertrain, Interior und ContiTech), gab es an entscheidenden Stellen einige Änderungen, dazu hat, eingebettet in Konzernstrategien, ein Umdenken stattgefunden. Fun und Safety spielen überall mit hinein, bei Produkten wie Aktivitäten, es gibt Projekte wie die ContiRidingSchool im Contidrom, dazu ContiRidingTours und eine Vision Zero, was Unfälle, Verletzungen und Personenverluste betrifft, über alle Grenzen hinweg.

Mehr Profil = höhere Reifentemperatur = besserer Gripp. Conti-Empfehlung: 2 mm Mindestprofiltiefe. Damit bei Regen wie Bremsmanövern alles im grünen Bereich bleibt.

Continentals Zentrale in Hannover betreibt ein Hightech-Labor. Dort werden mit unzähligen Zutaten und Ingredienzen ständig neue Mischungen zum Gummibacken ausgeheckt und getestet. Diese Hexenküche hat nun eine Mischung mit mehr Silica-Anteil, die reichlich Haftung bei trockener wie auch nasser Fahrbahn erlaubt, bei gleichzeitig optimierter Laufleistung. Damit die zähere Lauffläche mehr Temperatur und damit wiederum mechanischen Gripp aufbauen kann, sind die Flanken des ContiRoadAttack3 mit deutlich mehr Negativanteil versehen, also stärker profiliert. Gleichzeitig unterstützen die Profilrillen die Nasshaftung, weil damit die Wasserverdrängung besser gelingt. Die Profilgestaltung erfolgte somit unter funktionalen Gesichtspunkten, weniger unter Design-Prämissen.

Vor welchem Hintergrund diese Entwicklung erfolgte, lässt sich leicht nachvollziehen. Vergleichende Reifentests sind für den Erfolg am Markt von großer Bedeutung. Conti hat bei den Trocken-Benotungen immer hervorragend abgeschnitten. Jetzt wird mit besserer Nasshaftung gezielt versucht, auch jene Kunden abzuholen, die Wert darauf legen, dass die Gesamtperformance des ContiRoadAttack3 auch diesen Bereich mit abdeckt.

Harmonisch: Kuh mit Conti.

Für die Weiterfahrt wechsele ich von der MT-09 auf eine BMW R 1200 R. Der Boxer-Roadster harmoniert bestens mit dem sportlichen Allround-Gummi und saugt die mallorquinischen Kurvengeschlängel neutral, entspannt und sicher auf. Wie leicht und präzise die Kuh auf glattem Asphalt Wechselkurven quasi einatmet und verdaut, öffnet die Tür zur Fahrfreude weit auf. Nichtmal auf einer längeren Passage griplosen Rumpelasphalts lässt sich der Boxer irritieren. Obwohl immer wieder Traction Control und ABS regelnd eingreifen und die Kontrollleuchten-Flackerei im Cockpit ungewohnt bunte Züge annimmt, bleiben Kontrolle und Wohlgefühl unbeeinträchtigt

Idyllischer Moment für die R 1200 R.

Vor einem Photospot tausche ich auf eine S 1000 XR, die mir ein smarter Brite aufdrängt und gleich danach wieder entreisst, also ströme ich weiter mit dem Flach-Twin Richtung Mittagspause zur Küste. Eigentlich will ich anschließend einer Ducati Multistrada auf den Zahn fühlen, aber das klappt nicht; stattdessen lande ich auf einer ContiLegend-bereiften Harley Road King und der dazu gehörigen Gruppe, deren Tourguide eine BMW RT-Schrankwand bewegt. Das US-Eisen mit neuem Milwaukee-Eight-V-Twin hängt butterweich am Gas, die Sitzposition ist majestätisch, auch an schierer Masse und Chrom ist kein Mangel, aber das Gewicht (379 kg) ist erschütternd. Jesus, das fährt ja wie ein Tanker!

379 kg-Eisen: Road King mit Milwaukee-Eight-Twin.

»Wieso, ich finde, das fährt gut«, widerspricht Walter, Motor + Technikredakteur bei der wunderbaren FAZ, nachdem er mit der Harley die enge Schweinekringel-Kurve am zweiten Photopunkt auf ganzer Länge am schleifenden Trittbrett umrundet hat. Man weiss ja, dass kluge Köpfe hinter dieser Zeitung stecken, aber überdurchschnittliche Fahrkunst beim geschätzten Kollegen sicher auch.

»Du solltest die Road King mal mit den Reifen des Wettbewerbers fahren«, wird Malte Bigge mir später trocken entgegnen. Okay, verstanden.

Ahoi! Kapitän auf Kurs.

ContiTour und ContiLegend sind punkto Karkasse und Compound identisch, unterscheiden sich nur beim Profil und dem Weißwandstreifen. Was die neuen Cruiser-Reifen, die die Milestone-Typen ablösen, besser können? Malte: »Mehr Laufleistung und besseres Handling. Wir haben gezielt für schwere Maschine entwickelt und getestet. Diese Reifen machen das Motorrad deutlich handlicher, fahrbarer und neutraler. Also genau die Dinge, die ein Kunde verlangt, der entspannt cruisen will. Beruhigend ist auch, dass die Neuen unempfindlicher auf Spurrillen reagieren, dass man nicht ständig korrigieren muss. Dazu sind wir ausgiebig im Nassen gefahren. Nicht weil es der Kunde es so will, sondern weil es generell zum Testprozedere gehört.«

Auch die Desmo-Queen mag den Gummi aus Korbach.

Abschliessend findet sich doch noch eine Multistrada zum Wechseln. Auch das italienisch elegante Adventure-Bike liess sich ContiRoadAttack3-bereift mühelos, zielgenau über die Inselstraßen treiben. Aufrecht sitzender Desmo-Fahrspass, stabiles Chassis wie ein Sportbike, dynamisch, ausgewogen und präzise. Alles unter Kontrolle, lustvoll und lebendig. Passt.

Ach, würde die Straße doch nie enden….

Ich habe einen Tag verschiedene Motorräder probiert, mit dem 3er RoadAttack-Reifen als übergreifendes Element. Ich habe jede Linie getroffen, die ich treffen wollte, wurde selbst in engen Spitzkehren nie gemein herausgetragen, konnte mit Wonne tiefe Schräglagen geniessen, Wechselkurven ohne Wuchten durchströmen und alle Bikes in Kurven bei Bedarf ohne Aufstellmoment verzögern. Jemand fragt wie es war. Ich antworte: »Prima, ich habe mich den ganzen Tag wohl gefühlt«. Weil es genau das ist, worauf es beim Motorradfahrern ankommt.

Lokale Weisheit…

Fotos: Buenos Dias, Continental

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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