Cook Neilsons Daytona-Sieg 1977

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Cook Neilson und Phil Schilling 1977 in Daytona nach dem Sieg im Superbike-Rennen. Rechts Wes Cooley, damals noch auf Kawa unterwegs.

Heute vor 40 Jahren, am 11. März 1977, gewann Cook Neilson das Superbike-Rennen in Daytona auf einer Ducati 750 SS, die mit allerlei Tricks kunstvoll getunt worden war und in der renninteressierten Szene als »California Hot Rod« eine Art Legendenstatus verpasst bekam. Für das Tuning und die Salbung des silberblauen Desmo-Renners zuständig war Technikus Phil Schilling.

Neilson und Schilling waren die führenden Köpfe der Fachzeitzeitschrift Cycle, die über 15 Jahre beinahe Bibel-Status genoss und mit 400.000 Exemplaren monatlich die erfolgreichste Motorradzeitung der Welt war. Aus gutem Grund, denn Cycle war anders: Handwerklich brilliant, fachkundig, eloquent, abwechslungsreich, immer interessant – Lesegenuss für Motorradinteressierte von der ersten bis zur letzten Zeile. Allein die Art und Weise zu testen fiel aus dem Rahmen. Von jedem neuen Motorrad wurden zwei Exemplare angefordert. Das eine wurde auf der Straße bewegt und actionfotografiert, das andere im Studio abgelichtet, dann komplett zerlegt, um die technischen Details extrem aufwendig fürs Heft zu dokumentieren. Ein Prüfstandlauf gehörte ebenfalls zum Standard.

Neilson, der von einer Vespa direkt auf eine Harley kletterte und damit alsbald in den Dragster-Rennsport einstieg, hatte in Princeton studiert, landete statt in der Wall Street in New York aber beim mächtigen Ziff-Davis-Verlag und bekam nach relativ kurzer Zeit, mit 26 Jahren, die editoriale Leitung von Cycle anvertraut. Cook verlegte den Redaktionssitz als erstes von Manhattan auf die andere, sonnigere Seite von Amerika, nach Westlake Village, unweit von Los Angeles. Dazu heuerte er Phil Schilling an, einen brillianten Schreiber und Motorradenthusiasten, der zuvor amerikanische Geschichte an der Universität in Wisconsin gelehrt hatte.

Ducati-Kenner Schilling war bereits als Heranwachsender dem Charme einer 175er Desmo-Rarität erlegen und hatte Briefe bis nach Bologna geschickt, um an Info-Material zu gelangen. Als die erste 750 GT nach Amerika kam, begann der Duc-Virus auch Neilson anzuknabbern. Es gab eine Connection zu Joe Berliner, dem damaligen Ducati-Importeur in den USA. Das Duo Neilson/Schilling durfte die GT vorab unter die Lupe nehmen, zeigte sich von Fahrwerk und Motor angetan, nur vom Design nicht. Unglaublich: Schilling kritzelte darauf einen Designentwurf, der anschließend in Italien 1 zu 1 übernommen wurde. Und als die endgültigen 750er GT´s schließlich nach Amerika geliefert wurden, kauften Neilson und Cycle-Redakteur Dale Boller je eine Maschine.

Was bei uns heute als Trackdays weit verbreitet ist, sprießte damals in Kalifornien. Die Leute fuhren mit ihren Serienbikes auf Rennstrecken herum. Auch Neilson begann damit, mit seiner Ducati GT 750 auf der Ideallinie herumzuturnen und an Rennen teilzunehmen. Nach und nach modifizierte er den Italo-V-Twin mehr und mehr für Track-Use, und schrieb dann auch einmal im Jahr in Cycle über seine Erfahrungen und Umbauten. So entstand der erste von mehreren Beyond Racer Road-Artikeln.

Auf die GT 750 folgte schließlich eine SS 750, die mit viel handwerklicher Phantasie und Begeisterung immer konkurrenzfähiger gemacht wurde, gegen die ganze Riege der Japan-Fours. Die Rennabenteuer von Cook Neilson und der Phil-Schilling-Ducati gegen Wes Cooley, Steve McLaughlin, Reg Pridgemore, Mike Baldwin und viele weitere mehr, gegen getunte Kawas, Suzukis und Hondas oder die Butler & Smith-Beemer der damals in Kalifornien beginnenden Superbike-Rennszene zogen sich über mehrere Jahre hin und gipfelten schließlich in diesem Sieg in Daytona 1977, dem ersten Sieg einer Ducati bei einem bedeutsamen Rennevent auf amerikanischem Boden. Die Berichte des Duos über ihr Treiben und die Fortschritte mit »Old Blue«, wie sie die am Ende auf 883 Kubik aufgebohrte Duc nannten, sind veritable Highlights und haben unendlich viele Leser begeistert.

Die Zeitschrift Cycle wurde viele Jahre später mehrfach verkauft und schließlich eingestellt (eine sogannte Management-Entscheidung…), aber es gibt einen Blog von Ex-Rennfahrer Paul Ritter, ebenfalls ein Ducatist, in dem diese Beyond Racer Road-Berichte heute eingestellt und online nachzulesen sind. Hier unten folgen die Links. Was dort aufgeschrieben ist und wie, ist etwas anders als das, was man als Europäer in Sachen derartiger Berichterstattung gewohnt ist. Nehmen Sie sich Zeit, weil die Lektüre ist es wert. Auch heute noch.

https://paulritterblog.wordpress.com/vw-beyond-racer-road-1-the-toe-gets-dipped/

https://paulritterblog.wordpress.com/vu-beyond-racer-road-2-learning-the-craft/

https://paulritterblog.wordpress.com/beyond-racer-road-3-overdog/

https://paulritterblog.wordpress.com/vm-beyond-racer-road-5-the-hot-rod-is-born/

https://paulritterblog.wordpress.com/vl-beyond-racer-road-6-dark-secrets-revealed/

Fotos: Ducati Bologna Press Department. Poster-Repro: Buenos Dias

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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