Vive la France: 70 Jahre Velosolex

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Velosolex-Test anno tuck. Für flatternde Haare reichte der Speed nicht.

Lesen bildet. Radiohören aber auch. Gestern hörte ich einen französischen Sender, der dem Velosolex zum runden Jubiläum von 70 Jahren huldigte. Der Beitrag war kurz, aber gut. Da fielen Sätze wie »Ein Velosolex muss schwarz sein, so wie ein Ferrari rot«, »Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 35 km/h«, »Beim Tanken wurde statt nach Benzin-Öl-Gemisch einfach nach ”Solexine“ verlangt« und »Die Nutzung förderte den sozialen Frieden, weil Solex-Fahren einte den Fahrer, egal welchen Standes, mit dem Fabrikarbeiter«, der damit bevorzugt in die Arbeit knatterte – oder täglich zum Bäcker zum Baguette-Kaufen.

Ein Velosolex ist eine Art Fahrrad mit Hilfmotor und Reibrollenantrieb aufs Vorderrad. Eine Ente auf zwei Rädern. Simpler und charmanter ist motorisierte Fortbewegung nicht vorstellbar. Erfunden hat es Marcel Mennesson, einer der beiden Firmengründer der Vergaserfirma Solex. Gebaut wurde es von 1946 bis 1988, rund sechs Millionen Mal. Es gab weiterentwickelte Typen, die Geschichte ging in diversen Ländern unter verschiedenen Rechteinhabern weiter, sogar heute noch wird angeblich ein Nachbau unter der Bezeichnung »Black n´Roll« gefertigt, sogar von einem eSolex ist die Rede, aber ich will jetzt nicht Wikipedia abschreiben.

Ich habe einmal ein Velosolex getestet. Ist aber ewig her. Es war lahm, aber lustig. An viel mehr kann ich mich nicht erinnern. Außer: Das Fotomodell trug einen hübsch bunten Pullover und die langen Haare flatterten wegen des moderaten Tempos nicht im Fahrtwind. Und ein Kollege erstand mal ein neues Velosolex, in Weiß sogar, es stand als Deko-Objekt aber immer nur im Redaktionsbüro, zur Inspiration quasi.

Ein junger Salatprynz, auf besonders liebevoll lackiertem Rennsolex.

Ich erinnere mich an eine Fahrt nach Grenoble, in den Achtziger Jahren mit einer Test-Honda CB 750, der »kleinen« Bol d´Or. Dort ging ein Langstreckenrennen mit getunten Velosolex über die Bühne. Ein paar Strohballen, ein paar Gitter, fertig war die Piste übers Uni-Campus. War interessant, eine riesige Gaudi und hatte Folgen. Eins der Teams, ein junges Paar aus Orléans, lud mich schließlich ein, doch selber mal mit zu fahren.

Manchmal ging ganz schön die Post ab. Aber echt.

So kam es , dass ich später mit Joel und Armelle Berger bei den 25 Stunden von Orléans startete, dem – na ja – längsten Motorradrennen der Welt. Unser Solex-Renner war ein veritables Kunstwerk. Der Motor wurde am Küchentisch getunt, mit der Feile soweit die Überströmer am Zylinder aufgerieben, bis von außen das Licht durchschien. Daneben hockten zwei Kleinkinder und löffelten ihren Brei. Die Zylinderöffnung wurde dann mit Spezialkleber geschlossen und im Backofen ausgehärtet. Mördervergaser und Rennauspuff erledigten den Rest.

Solex-Pulk-action-1500

Volle Möhre, auch im Pulk. Was sonst.

Die supernette, grenzenlos enthusiastische Rennfamilie kannte alle Technik-Tricks. Unser Renner hatte plusminus 5 PS, rannte mit Anlauf vielleicht 60 bis 80 km/h, außer bei Regen, weil da drehte die Rolle durch. Das Rennen verlief turbulent, aber sehr spaßig, bis ich nach 20 Stunden blöde umkippte und den Daumen brach. Der Knochen wurde gestiftet, es gab Gips und Reha, nach 8 Wochen konnte ich wieder eine Kupplung ziehen.

Grund zur Freude gab´s auch: Technikus Joel in der Mitte, mit deutschen Gastfahrer. Der Bursche an der Flasche (Bruno) fand später zum SERT-Suzuki-Endurance-Team, wo er heute noch anzutreffen ist.

Es folgten weitere Starts bei den 25 H in den Jahren danach, ich überredete Bekannte, sich mit ins Solex-Racing-Abenteuer zu wagen. Einen Mitarbeiter der Opel-Presseabteilung, einen unbekannten Redakteur einer Zeitschrift sowie Karl-Thomas ”Ali“ Grässel, der mit 250er und 350er TZ´s Rennen fuhr (und damals wie heute Yamaha-Händler in Hof ist). Die Bergers bauten für uns eine zweite Renn-Solex auf, wir hatten als Gastfahrer unbeschreiblichen Spass. In einem Rennen stürzte ich gleich fünfmal, aber irgendwann gab es auch mal einen Pokal.

Brutale Technik für deutsche Gaststarter bei den 25 Stunden von Orléans. Hinten Ali Grässel (mit Römer-Helm).

Immer wenn das französische Reibrollen-Vehikel aufs Tapet kommt, werden nette Erinnerungen wach. Deshalb hier und heute: Alles Gute zum 70-jährigen Geburtstag, liebenswerte Velosolex.

Vive la France: Friedliche Ambiance und grenzenlose Phantasie im Renn-Velosolex-Fahrerlager.

Fotos: Buenos Dias

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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