Brasilien 1954: Hondas erstes Inter-Rennen

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Inter-Rennen in Interlagos/Brasilien 1954: Mikio Omura, Honda R125, Startnummer 136.

Am 13. Januar 1954 flogen drei Japaner vom Haneda-Airport in Tokio nach Brasilien. Ziel war ein internationales Motorrad-Einladungsrennen in Sao Paulo, das erste nach dem Krieg. Zwei waren Honda-Mitarbeiter: Mikio Omura, der als Fahrer in Aktion treten sollte, und Toshiji Baba als Betreuer und Techniker. Der dritte Mann, Katsuhiro Tashiro, sollte für den damaligen Hersteller Meguro an den Start gehen.

Das Unterfangen außerhalb Nippons war etwas Besonderes. Nie zuvor waren japanische Motorräder geschweige denn japanische Fahrer bei einem Übersee-Rennen angetreten. Soichiro Honda hatte seine Company im September 1948 gegründet. Mikio Omura hatte 1949 als 16-Jähriger bei Honda angeheuert, arbeitete am Band in der Produktionsstätte in Noguchi bei Hamamatsu und machte sich zwischendurch als Testfahrer nützlich. Im September hatte er am lokalen Noguchi-Stadtpark-Rennen teilgenommen, mit einer C-Type-Honda, die er sich ohne zu fragen einfach »ausgeliehen« hatte.

Als Omura das Rennen gewann, wurde er von Soichiro Honda aufgesucht, der das Spektakel als Zuschauer verfolgt hatte. Erstaunlicherweise zollte »der alte Mann« (wie Mr. Honda in zeitgenössischen Erzählungen oft genannt wird) seinem jungen Mitarbeiter reichlich Lob und Anerkennung, anstatt ihm zu zürnen wegen der grenzwertigen, na ja, »Leihgabe«.

In den ersten Nachkriegsjahren, als Soichiro sein frühes »Honda Technical Research Institute« betrieb, um sich notwendiges Wissen selbst beizubringen, betätigte sich der Autodidakt noch selbst als Rennfahrer, mit Motorrädern wie mit Automobilen. Ein ziemlich heftiger Unfall war ein Grund, das Fahren lieber doch anderen zu überlassen. Ein weiterer Grund war die ständig wachsende Honda Motor Co, die ihn als Präsident und Technikus natürlich dringlicher benötigte.

Motorradwettbewerbe gab es damals schon einige auf der japanischen Halbinsel, sogar weiter weg, etwa in Nagoya oder Shizuoka. Das Event in Sao Paulo also war der erste Auslandsstart einer Honda. Im Rückspiegel betrachtet ein veritables Abenteuer. Omura erinnert sich: »Ich wurde auserwählt nach Brasilien zu reisen, um dort am Rennen teilzunehmen. Chojiro Kuriyama, der Vorsitzende der “All-Japan Small Motor Vehicle Federation” hatte im Oktober 1953 eine Einladung des brasilianischen Wirtschaftsministeriums erhalten, die wiederum über den brasilianischen Motorsportverband ausgesprochen worden war, zum Anlass eines 400-jährigen Jubiläums der Stadt Sao Paulo.«

Ursprünglich hatten fünf japanische Hersteller ihr Interesse bekundet, insgesamt 10 Fahrer plus zwei Mechaniker sollten aufgeboten werden. Weil jedoch irgendwelche Deadlines zwischendurch verstrichen waren, blieben am Ende nur zwei Fahrer über. Auch die zugesagte Übernahme der Transportkosten war auf einmal hinfällig. Spesenersatz sollte nurmehr für eine Person erfolgen. Am Ende blieb also nur jene Dreimann-Truppe von Honda und Meguro über, wobei als salomonische Lösung vereinbart wurde, sich die übrigen Kosten zu teilen. Allein der Flug kostete pro Person 800.000 Yen, ein Vermögen.

Omura: »Ich war 21 Jahre alt, einfacher Honda-Arbeiter und nahm hier und da an Rennen teil, die meist auf Feldwegen ausgetragen wurden. Die Zuschauer schlossen dazu üblicherweise Wetten über den Ausgang ab, wie bei Pferde- oder Fahrradrennen auch. Jedenfalls wurde ich vom alten Mann als Fahrer auserwählt für die Brasilien-Mission; die Company baute für dieses Rennen sogar eine spezielle Maschine auf. Baba, mein Begleiter und Techniker, zählte 23 Lenze und war erst zwei Jahre zuvor frisch von der Universität zu Honda gestossen. Natürlich war das mutig von Mr. Honda, uns zwei Grünschnäbel ans andere Ende der Welt zu schicken.«

R125-Honda-1954

Honda R125 von 1954: Luftgekühlter OHV-Single, 6 PS, Zweigang, Trapezgabel, starre Hinterradaufhängung.

»Wir hatten keine Ahnung, was auf uns zukommen sollte. Ich war für das 125er Rennen genannt, das über 8 Runden angesetzt war, die Distanz pro Runde betrug 8 Kilometer. Mehr Infos gab es nicht. Also nahmen wir eine 150er Honda Dream E-Type und kürzten den Hub, um auf 125 Kubik zu kommen. Es existierte zwar eine neue Dreigang-Schaltbox, der aber nicht recht zu trauen war, also beliessen wir es beim bewährten Zweiganggetriebe. Der Rahmen wurde aus speziellen Rohren gefertigt und hellblau angepinselt. Das Ergebnis sah mehr nach Dirt Track aus als nach Straßen-Rennmaschine.«

»Am Tag vor der Abreise besuchten wir den alten Mann in seinem Haus, um ihm unseren Respekt zu zollen und um seine guten Wünsche zu erheischen. Er gab uns mit auf den Weg: “Niemand erwartet einen Sieg, also solltet Ihr es auch nicht tun. Fahrt das Rennen zu Ende, unbedingt, das ist mein einziger Wunsch.” Mir war bereits ziemlich klar, dass an Siegen nicht zu denken war. Fertig fahren schien allein schon schwierig genug.«

Das Motorrad auf dem Seeweg nach Brasilien zu verfrachten, dafür fehlte die Zeit. Luftfracht wäre extrem kostspielig gewesen. Einziger Ausweg: Das japanische Duo zerlegte die hellblaue Honda R125 und stopfte die Einzelteile ins Reisegepäck. In jener Ära der Propeller-Flugzeuge nahm der Flug von Tokio nach Sao Paulo sechs Tage in Anspruch.

In Brasilien waren die rennfahrenden Gäste aus Fernost etwas Besonderes. Mikio Omura: »Für lokale Zeitungen waren wir ein Thema, wir wurden überall herumgereicht, es gab Empfänge, festliche Reden und ein paar Partys; aber am besten gefiel mir die Leihgabe einer britischen 250er AJS für die Trainings, denn so konnte unsere Maschine erstmal geschont werden. Jedes technische Problem hätte das frühzeitige Aus bedeuten können; denn wir hatten zwar ein Bike, aber praktisch keine Ersatzteile. Ich habe mit der Dream also selten und nur das Notwendigste trainiert, auch weil es dem Rahmen schon an Steifigkeit mangelte. Im Sattel redete ich mir ständig ein, es nicht zu übertreiben. Ankommen-Ankommen lautete meine Devise, just finish the run.«

»Statt zu schlafen, fuhr ich nachts in Gedanken die Strecke ab, immer wieder. Ich dachte ständig an den alten Mann und was er uns aufgegeben hatte. Die Rennstrecke hieß Interlagos, viele Jahre später sollten sogar Formel 1-Rennen dort stattfinden. Meine Konkurrenten im Rennen, die meisten aus Europa, fuhren förmlich in einer anderen Liga. Vom Material her wie überhaupt. Weltklasse-Niveau halt, an Mithalten durfte ich nicht einmal denken, vollkommen unmöglich. Beim Start wurde zuerst über die Piste zum Motorrad gerannt. Als Sprinter hatte ich meine Qualitäten, also gab ich zumindest zu Beginn eine gute Figur ab, bevor im Rennen alle nach und nach an mir vorbeibrausten. Ich gab alles, in den engen Kurven lief es auch ganz gut, ich streckte innen den Fuß raus wie ein Dirt-Tracker, aber auf den Geraden hatte ich keine Chance.«

Die Europäer und vor allem die Italiener auf ihren pfeilschnellen Bikes machten das Rennen unter sich aus. Am Ende gewann Pagani auf einer Mondial. Es gab viele Ausfälle, aber Omura fuhr tapfer durch, büsste jedoch eineinhalb Runden ein. Von 25 Startern wurde er Dreizehnter und Letzter, mit einem Schnitt von 115 km/h. Omura:»Meine Honda R125 leistete etwa 6 PS. Die Mondial hatte locker die doppelte Leistung und donnerte mit über 130 km/h dahin. Es war unglaublich heiss und anstrengend und turbulent; am Ende war ich froh überhaupt durchzufahren und die Zielflagge zu sehen. Ich war so erleichtert, weil ich wusste, ich kann zumindest dem alten Mann gegenübertreten und in die Augen schauen, ohne ihn zu enttäuschen.«

Es gab noch andere Hürden zu meistern. Tashiro, der Meguro-Pilot, der für das 250er Rennen genannt hatte, kam im Training schwer zu Fall, verletzte sich an der linken Hand und war so außer Gefecht. Damit ging leider auch sein Startgeld von 75.000 Yen durch die Lappen. Omura: »Damals war es nicht gestattet, größere Mengen ausländische Währung aus Japan auszuführen. Unsere Geldreserve war schon knapp und wurde mit dem Startgeld-Ausfall komplett über den Haufen geworfen. Finanziell steckten wir also in der Klemme, auch wenn es gute Seelen gab, die zu helfen versuchten und extra Party-Events mit Spendenaktionen durchführten, uns zum Essen einluden undsoweiter. Wir telefonierten hilfesuchend nach Japan, aber von dort kamen schließlich nur 40.000 Yen. Das reichte nicht. Wir hatten also keine Wahl als unsere Motorräder vor Ort zu verkaufen, um mit dem Erlös unsere Rechnungen zu bezahlen und überhaupt nach Hause fliegen zu können.«

Die Rückreise führte über die USA und nahm insgesamt 5 Tage in Anspruch. Omura: »Als wir schließlich in Tokio ankamen, machten Toshiji Baba und ich uns unverzüglich auf den Weg ins Head Office. Als wir ankamen, sass Soichiro Honda am Ende der Eingangshalle auf einem Sofa und las eine Zeitung. Als wir sagten »Sir, wir kommen eben aus Brasilien zurück«, blickte er kaum auf und antwortete: »Oh, ihr seid zurück? Tatsächlich! Es war wohl eher schwierig für Euch.« Das war´s. Keine anerkennenden Worte, kein Lob, nichts dergleichen. Natürlich war ich enttäuscht. Erst als ich später nach Hamamatsu zurückkehrt war, hörte ich, dass der alte Mann überall stolz herumerzählt hatte: »Omura hat es geschafft, er hat das internationale Rennen in Brasilien erfolgreich zu Ende gefahren!«

Fotos: Honda

 

PS: Damals war die Firma Honda etwas über 5 Jahre alt. Honda heute, nach 68 Jahren, ist (längst und immer noch) der weltgrößte Motorradhersteller, hat zuletzt über 17 Millionen Zweiräder per anno gefertigt und im internationalen Rennsport mehr Rennen und WM-Titel gewonnen als jeder andere.

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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