Visite in Tokio: Japanische Impressionen

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Eine Reise nach Japan zu Honda ist etwas Besonderes, oder? Eben. Also haben wir Oliver Franz gebeten, uns ein bisschen von seinem Trip neulich zu erzählen. Dass Franz für die Flügel-Company arbeitet, und zwar als PR-Mann für Motorräder und Autos, wissen wir (und Sie als Leser jetzt auch); das ist dem Gasgriffsalat ehrlich gesagt auch wesentlich lieber, als wenn er sich mit Tiefkühltruhen, abgefahrener Strickkunst oder Dachziegeln beruflich beschäftigen würde. Jeder, der jetzt trotzdem weiter liest, wird das hoffentlich rasch nachvollziehen können.

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Also führt Olli jetzt das Wort:

»Der Nonstop-Flug nach Japan dauerte 13 Stunden, von Tokio nach Tochigi ins Entwicklungszentrum von Honda nochmal 3 Stunden. Bei diesem Trip habe ich 6 Journalisten begleitet, der Fokus lag auf Automobilen und der Tokio Motor Show. Es ging um den Honda S660, ein kleiner Roadster, ein sogenanntes Kei-Car, das sind Kleinstwagen, die unter 3,5 Meter sind und maximal 660 Kubik-Motoren haben dürfen; um Steuervorteile zu geniessen und die von der Stellplatz-Nachweisregel befreit sind. Wir haben neue Turbomotoren für den Civic getestet, und in einem Akkord autonomes Fahren erlebt. E-Mobilität war ein Thema, in einem CRZ mit mehreren Elektro-Motoren. Das Bonbon am Schluss war der NSX, der nächstes Jahr auf den Markt kommt, ein Hybrid-Sportwagen mit 573 PS. Damit durfte jeder ein Oval befahren, allerdings mit dem Tempolimiter auf 200 km/h, weil das ein Vorserienprodukt ist.«

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»Das Tochigi-Areal mit Gebäuden und Teststrecken für Automobile und Motorräder ist beeindruckend weitläufig, etliche Quadratkilometer groß, die Mitarbeiter tragen weiße Overalls und diese berühmten grün-weißen Kappen. Entwickelt wird in Tochigi alles, was den Namen Honda trägt, also z.B. auch Power Products. Es gibt sogar riesige Rasenflächen, auf denen zum Beispiel Rasenmäher getestet werden. Am Eingang mussten die Handys abgegeben werden, um unerlaubte Fotos auszuschließen, aber die Atmo grundsätzlich würde ich schon mit angenehm gastfreundlich umschreiben. Man spürt, dass alle, die für Honda arbeiten, auch ehrlich stolz auf ihre Company und die Produkte sind und sich freuen, wenn man sich dafür interessiert, weil man mit einem Besuch ja auch seine Wertschätzung ausdrückt.«

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»Am nächsten Tag sind wir nach Tokio zurück gefahren. Ich fand die Stadt beeindruckend, extrem dicht bebaut, riesig groß, kaum zu überschauen, mit vielen Wolkenkratzern, direkt am Hafen, aber schön. Mit Frankfurt würde ich das nicht vergleichen, die Dimensionen sind anders. Mehr Leute, mehr Traffic, mehr Bewegung. Es geht wuselig zu, aber unaufgeregt. Keiner schreit, hupt oder plärrt, auch wenn Stau vorherrscht. Alles geht typisch japanisch zurückhaltend zu, niemand rastet aus. Die Leute gehen respektvoll miteinander um, wenn zur Rush Hour Millionen Menschen unterwegs sind. Man bleibt gelassen, auch wenn es länger dauert.«

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»Das Verkehrsbild ist autogeprägt, aber mit Zweirädern. Weniger Big-Bikes, dafür mehr Großroller, von allen Marken. Auffällig ist, das viele mit anderen Auspuffanlagen und allerlei Zubehör ausgestattet sind, dazu geschmückt und bemalt. Man kann fast sagen, die Leute leben das Zweiradfahren; es ist weniger Fortbewegungsmittel, um von A nach B zu kommen, sondern gehört zum Lifestyle dazu. Die Fahrer sind schick und stylisch unterwegs, Bekleidung eher auffällig, die Helme bunt. Die Motorräder sind meist 125er, 300er, 400er, in der Größenordnung, was auch durch Steuern und Führerscheinregeln bedingt ist. Große Bikes gibt es auch, die sind aber empfindlich teurer.«

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»Man sieht viele junge Paare. Wenn die Jungs ihre Freundin ausführen, dann auch gerne auf dem Roller. Wie man das selbst von früher kennt, als die Freundin mit der 80er abgeholt wurde – wir sprechen jetzt von der Generation bis 40 Jahre. Es gibt Plätze und Treffs in belebten Vierteln, in denen Elektrogeräte und Manga-Comics angeboten werden, da fahren die Leute hin, da stehen dann Hunderte Roller und Motorräder, die Menschen drumherum. Ich fand das toll.«

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»Auf der Tokio Motorshow war der Messeauftritt von Honda bei Auto und Motorrad gleichberechtigt, wie bei anderen Herstellern, die beides anbieten, auch. Für japanische Firmen ist der Stellenwert schon überwichtig. Die Africa Twin war ausgestellt, obwohl die eigentliche Weltpremiere erst drei Wochen später für Mailand eingeplant war. Das Interesse der heimischen Journalisten war entsprechend – unglaublicher Andrang bereits am frühen Morgen, Kameras überall, Live-Schalte, Streaming und sogar Frühstücksfernsehen mit einem Mann-Frau-Moderatoren-Duo; die haben da rund um die Africa Twin ihre Morgensendung produziert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass derartiges in Deutschland möglich wäre. Der Stellenwert des Motorrads allgemein ist in Japan schon ein anderer. Das mit eigenen Augen zu beobachten, war superinteressant.«

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»Am Honda-Stand waren einige Studien, die CB 1300 wurde gleich in zwei Variationen gefeiert. Es gab einen großen Custom-Bereich, auch zum Thema MSX 125, die dort Grom heisst, was mir allein deshalb taugte, weil ich selbst eine fahre. Es gab auch eine 50er Grom als Scrambler und Offroader. Die Leute stehen fasziniert davor und fotografieren. Die ganze Haltung gegenüber Zweirädern ist anders als wir es gewohnt sind, ich will nicht sagen verliebt, aber, ja, sehr enthusiastisch. Ich meine, es ist verständlich, dass Zweiräder in so einer Großstadt zur Fortbewegung erste Wahl sind, aber innerhalb Tokios wird das Thema Zweirad scheinbar gerne gelebt. Man konnte die Messe mit der U-Bahn erreichen, aber die meisten sind mit Rollern und Leichtmotorrädern gekommen. Es macht Freude, das zu sehen, wenn man selbst Zweiradenthusiast ist. Wenn ich in Frankfurt morgens zur Arbeit fahre, muss ich regelrecht suchen, ob andere Zweiräder einem begegnen.«IMG_2478

»In Tokio gehören Zweiräder zum Stadtbild dazu. Man kann das durchaus vergleichen mit Rom oder Barcelona, Das gilt auch für das Verhältnis zwischen Auto- und Motorradfahrern. Da regt sich keiner auf, wenn ein Zweiradler seine Vorteile nutzt und sich an der Ampel nach vorne durchschlängelt. Es gibt zwar keine eigenen Bike-Lanes, aber wenn jemand anrauscht mit etwas Tempo, dann gibt der Autofahrer schon nach und fährt zur Seite. Aufgefallen ist mir auch die Werbung für Zweiräder in Tokio auf großen Plakat- und Video-Wänden. Ich habe noch keine Großstadt in Deutschland gesehen, in der Motorradwerbung so großzügig betrieben wurde.«

»In der Tokio-Zentrale von Honda gibt es unten so eine Art Flagship-Store mit Showroom, kein Geschäft, aber über zwei Etagen. Mitten in der Stadt. Da wird gezeigt, was man kann und hat, so in der Art. Es gibt ein Honda Café, einen Mechandising-Shop und eine Bühne, auf der Filme zur Honda-History laufen. Da kann jeder reingehen und sich umschauen nach Autos, Motorrädern und Power Products, oder Kaffee trinken und einen Muffin essen; ich fand das interessant.«

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IMG_2499»In Shibuya, einem Citybereich, querte ich eine Straßenkreuzung und sah im Augenwinkel ein weißes Motorrad mit roter Lampe dran. Der erste Reflex war, ein Polizeimotorrad, aber keine BMW. Es war dann eine CB 1300. Als ich ein Foto machte, kam der Polizist, der dort den Verkehr überwachte, auf mich zu. Ich dachte erst, ojeh, das jetzt gibt Ärger, aber er meinte nur, das ist eine Honda. Ich sagte, ja, sehe ich, super. Er fügte hinzu, ich mag bestimmt eher BMW und ich fragte zurück, warum? Seine Antwort: Weil ich aus Europa komme. Ich erklärte ihm dann, dass ich zwar Europäer und aus Deutschland sei, aber für Honda arbeite und selbst eine CB 1300 hatte. Da ging sein Herz auf und wir waren im Gespräch. Er war freundlich und nett, wir haben sogar noch Selfies gemacht. Er erzählte, dass er mit dem Bike sehr happy sei, weil das Drehmoment perfekt für die Stadt ist, damit er bei Einsätzen schnell vom Fleck kommt; auch seine Kollegen seien alle zufrieden und die Maschinen ewig im Dienst, weil sie so langlebig sind. Man stellt ja oft fest auf Reisen, dass Bikes verbinden, auf der ganzen Welt. Natürlich war er Polizist, aber in dem Moment waren wir beide Motorradfahrer, und das war schön.«

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»Einmal abends sind wir nach dem Essen in eine Kneipe; nach 22.00 Uhr gab es kein Rauchverbot, da qualmte es an allen Ecken und Enden, was man in Deutschland nicht mehr kennt. Weil der Platz knapp war, rückten halt ein paar Japaner für ein paar Deutsche zusammen und wir sassen dann in netter Runde gemütlich zusammen.«

»Es gibt in Tokio eine bekannte Straße mit vielen Motorradgeschäften, aber da bin ich nur mit dem Bus vorbei. Thematisch gruppierte Geschäfte findet man öfter. Ich habe nach einem Shop für E-Gitarren von Fender gesucht, eine US-Marke, die in Mexiko und Japan fertigen lässt, wobei die asiatischen als besonders gelungen angesehen sind. Als ich ankam, gab es da plötzlich 25 Gitarrenläden, alle vollgestopft. Du gehst in einen rein, kriegst eine Tasse Tee hingestellt und kannst rumjammen. Das war schon lustig.«

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Das Preisniveau allgemein ist höher als wir es gewohnt sind. Aber dafür ist die Atmo sehr speziell. Alle freuen sich in Japan, wenn Du Interesse zeigst an der Kultur und an ihren Produkten. Einmal war ich in einem Teeladen, nur mal gucken. Was mir gefiel, ein ganzer Geschirr-Set, war hochwertig handgemacht und sehr edel und mir dann einfach zu teuer. Als ich das sagte, meinte die Dame in dem Laden nur: »Kein Problem, solange Sie sich dafür interessieren und das schön finden, ist alles gut. Das reicht mir.« Ich fand das sehr entgegenkommend, weil die Verkäuferin so half, die Situation würdevoll zu Ende zu bringen, anstatt mich nur irgendwie rauszuwinden und den Ort fluchtartig zu verlassen.«

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»Als wir ankamen in Tokio war Sonntag und Halloween. Da laufen in der City zwischen normalen Fußgängern viele krass geschminkt herum, als Spiderman oder irgendwelche Manga-Vampire, aber keiner dreht sich deswegen um, das gehört zum Alltag. Bemerkenswert ist die Höflichkeit aller, vom Taxifahrer bis zur Verkäuferin. Als ich ein bestimmtes Geschäft suchte, nahm ich zuerst die U-Bahn und fragte dann eine Dame nach der Adresse; sie hat sich bei mir entschuldigt, kein Englisch zu sprechen und organisierte dann jemand, der es auch nicht wusste, aber geduldig sein Handy zückte, um dann auf der Navi-Karte den Weg zu erklären. Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft sind unglaublich ausgeprägt, jedenfalls gab es nie Anlass, sich unsicher zu fühlen, auch wenn ich alleine unterwegs war in der Millionenstadt, die Tokio ja ist. Eigentlich begann es schon im Flugzeug der ANA. Man fühlt sich gut und zu Gast, das kenne ich auch anders. Ich habe mich stets und überall wohl gefühlt, die 6 Tage gingen rasch herum. Ich habe Japan mit Bedauern verlassen; für mich ist klar, das ich da wieder einmal hin möchte.«

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Der Gasgriffsalat bedankt sich höflich bei Oliver Franz für die Zeit, die wir ihm für diesen Beitrag stehlen durften, sowie für die Fotos.

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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