Endurance Gold Wing GL1000

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Mit einer Gold Wing Langstreckenrennen fahren? Vor 40 Jahren wurde dieser Gedanke tatsächlich in die Tat umgesetzt. Zum einen, weil Motorräder nicht derart schubladisiert (Sportler/Tourer/Adventure-Bike etc.) auf den Markt gebracht wurden, wie es heutzutage üblich ist. Zum anderen, weil es Leute gab, sie sich etwas trauten und die Endurance-Szene auch mit ungewöhnlichen Konzepten belebten und als Testfeld zu nutzen wussten.

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Pierre Doncque, ein Professor der Technischen Universität in Amiens/Frankreich, hatte für Georges Godier/Alain Genoud einen Spezialrahmen mit Monoshock-Federbein für Kawas 900er DOHC-Vierzylinder konstruiert. Mit dieser Sidemm-Kawa (benannt nach dem gallischen Importeur, der das Ganze unterstützte) revolutionierte das französisch-schweizerische Duo die Langstrecken-Rennszene und gewann 1975 den Bol d´Or (in Le Mans) und die Europameisterschaft.

Hondas Ur-Gold Wing mit wassergekühlten Einliter-Vierzylinder-Boxermotor war 1975 die erste japanische Serienmaschine mit Kardanantrieb. Daraus ein Motorrad zu machen, dass sowohl im Zivilschutz wie für Notarzt-Einsätze taugt – also stark, zuverlässig, geräumig und mit allem Equipment ausgestattet, was man so braucht – war das nächste Projekt von Professor Doncque.

 

Also konstruierte er (wieder) einen gitterähnlichen Rahmen mit relativ dünnen Rohren für den Boxer der GL1000, in Kombination diesmal aber mit der Orginalschwinge, die (wie bei der Kawa) über Umlenkhebel angelenkt wurde. Das Koni-Federbein war senkrecht hinter dem Triebwerk angeordnet und wurde durch eine Öffnung im Bereich der Schwingenversteifung hindurch geführt. Das ebenso leichte wie tiefliegende Rahmenkonstrukt liess viel Platz für die gewünschten Aufbauten für die anvisierten Spezial-Einsatzzwecke.

Ein Einsatz beim Langstreckenrennen schien als idealer Belastungs-Test für die DLF1000, wie das Bike genannt wurde. D für Doncque, L für Lambert (einen Mitarbeiter des Professors) und F für (Horst) Frerichs, den Chef von Honda Suisse, der das Unterfangen finanzierte und erst möglich machte.

So wurde die Endurance-Gold Wing bei den 24 H von Spa 1976 an den Start geschoben. Mit dem absolut serienmässigen Triebwerk pilotierte das Duo Fourgeaud/Burki den ungewöhnlichen Boliden auf den hervorragenden fünften Platz. Für den Bol d´Or wurde anschließend sogar eine zweite Maschine vorbereitet, aber der Doppeleinsatz unter Burki/Mooser und Fourgeaud/Fasel war von wenig Fortune begleitet. Die erste Doncque-Gold Wing war nach 10 Stunden aus dem Rennen, die zweite strich nach 22 Stunden die Segel.

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Anschließend wurde dieses Projekt nicht weiter verfolgt. Insgesamt wurde nur 5 Maschinen auf die Räder gestellt. Eine davon kaufte Jean-Francois Zanutto, Franzose und Gold-Wing-Enthusiast, 2009 von Horst Frerichs ab und setzt diese seither in seinem »Gold Wing Classic Racing Team (GWCRT) bei ausgewählten Classic-Rennveranstaltungen ein.

Die Maschine mit der bauchigen Verkleidung über den ausladenden Zylindern rollt auf 18-Zoll-Speichen-Rädern (einst 19 und 16 Zoll), damit heute angebotene Classic-Rennreifen (z.B. von Continental) verwendet werden können. Die Bodenfreiheit ist dank des eher hoch eingebauten Triebwerk kein Problem; vorne sind dazu eine italienische Marzocchi-Gabel und Brembo-Bremskomponenten verbaut.

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Laut Zanutto fährt das optisch imposante Motorrad »sehr schön und absolut mühelos; und mag schnelle Kurven lieber als langsame.« Der Boxer-Motor ist wie in der guten alten Zeit serienmäßig und leistet 82 PS (was vor 40 Jahren eine Menge Holz war). Auch die Traktion ist außergewöhnlich gut, weil der Kardanantrieb der Doncque-Honda das Heck beim Beschleunigen nicht anhebt, sondern im Gegenteil auf den Asphalt drückt. Eine Besonderheit ist dazu das kantige Tank-Bodywork, verschweisst aus einer superspeziellen, leichten Legierung, die einst eigentlich für Raumfahrtprojekte verwendet wurde.

Die Endurance-Gold Wing mit Doncque-Rahmen ist eine veritable Rarität. Wer sie bei einem Klassik-Event einmal in Natura vor die Augen bekommt, sollte sich Zeit nehmen, sie gebührend zu bewundern.

Fotos: Buenos Dias

Info-Link: http://gwcrt.org/

About Author

Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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