Glemseck: Mr. Hasegawa und meine CB1300

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Die Salat-CB1300 und Honda-Entwickler Yosuke Hasegawa am Glemseck. Foto: Buenos Dias

Am 24. März 2015, der Gasgriffsalat war gerade geschlüpft, schrieb ich einen Beitrag über Yosuke Hasegawa, der bei Honda für die Entwicklung aller V4-Projekte die Verantwortung trägt. Honda und V4 ist immer ein besonderes Thema, nicht nur für mich; und ich hatte den Japaner ein paar Mal getroffen, bei Messen und Fahrpräsentationen (VFR1200F, Crossrunner, Crosstourer etc.), konnte also ein paar Dinge über ihn erzählen.

Dieses Wochenende am Glemseck lief mir der V4-Gott, in dessen Zuständigkeitsbereich auch Hondas jüngstes Juwel, die RC213V-S fällt, zufällig über den Weg. Hasegawa war unterwegs in Begleitung zweier weiterer Japaner und eines Managers der Honda R&D Europa-Entwicklungsabteilung, die in Offenbach angesiedelt ist.

Honda Deutschland war nicht mit einem Stand beim Glemseck 101-Event vertreten, ein paar andere Importeure schon. Also war klar: Das Quartett war unterwegs auf informativer Trüffeltour, sich mit offenen Augen umschauen, Eindrücke sammeln und sich ein Bild verschaffen von den Trends der Motorrad-Szene, in der stilvolle Umbauten und Customizing derzeit ein gewaltiges Drehmoment entwickeln.

Durchs Dickicht gesehen: Nicht so einfach, die Wünsche der Europäer zu erkennen. Foto: Buenos Dias

Meine höfliche Frage, ob der lange Trip tatsächlich nur wegen des Besuchs dieses Events in Angriff genommen worden sei, wurde geradeaus mit Ja beantwortet, mit dem Nachsatz, dass vor allem die Vorlieben und Wünsche der jüngeren Generation von Interesse seien, aufgespürt zu werden.

Ich wollte die Japaner nicht weiter abhalten, die Vielzahl wunderbarer Bikes unter die Lupe zu nehmen, aber eines liess ich mir nicht nehmen: Ich bat Herrn Hasegawa geschwind um ein Foto mit meiner CB1300, die zufällig ein paar Meter weiter abgestellt parkte.

Wofür, wusste ich selber nicht so genau. Wahrscheinlich wollte ich dem freundlichen Honda-Entwickler einfach voller Besitzerstolz meine Honda zeigen – inzwischen 12 Jahre alt und still running strong. Vielleicht wünschte ich mir auch nur ein Bilddokument von meiner 13 mit dem hochrangigen Honda-Technikus, um es als alter Angeber im CB1300-Forum, das hier ja auch mal wieder erwähnt werden sollte, zu posten.

Nur in Japan zu beziehen: Das Buch über Honda-Design von 1957 bis 1984.

Erst später fiel mir die Geschichte ein von Honda-Designer Minoru Morioka, die ich gelesen habe in einem sehr speziellen Buch, in dem verantwortlich involvierte Entwickler aus dem Nähkästchen plaudern über das Honda-Design etlicher wichtiger Modelle zwischen 1957 bis 1984. In diesem Buch, das mir ein Honda-Mitarbeiter nach einem Besuch im Werk Kumamoto und des Honda-Museums in Motegi mitgebracht hatte (mit anderen Worten, dieses zweisprachig japanisch-englische Druckwerk ist in Europa nicht erhältlich), erzählt Morioka interessante Anekdoten zur Entstehung eines seiner Projekte, der Honda Bol d´Or.

Morioka wurde Mitte der Siebziger Jahre vom damaligen R&D-Boss (und späteren Honda-Präsidenten) Tadashi Kume quasi überfallmässig nach Paris beordert, um europäischen Importeuren und Händlern vielversprechende Konzepte und Skizzen neuer Modelle zu präsentieren, nachdem Honda in einer schwierigen Phase nicht gerade erfolgreicher Modellpolitik steckte und dringend ein paar Mutmacher-Visionen benötigte. Kume legte dem Designer nahe, sich vor Ort ein Bild der Motorradszene zu machen und sich von europäischen Denkweisen und Stilrichtungen inspirieren zu lassen, dafür auch Museen, Kunst- und Möbelgalerien zu besuchen, und dann zu Werke zu gehen.

Köstliche Anekdote: Lediglich 20 Tage umfasste der Zeitrahmen, in dem 14 neue Modelle konzipiert und gezeichnet werden sollten. Morioka logierte in einem der oberen Stockwerke in einem Pariser Hotel, in dessen Hof ein großer Baum stand. Zur Extra-Motivation beschied der wohl nicht zimperliche Kume seinem Designer: Sollte er nicht reüssieren mit seinen Entwürfen und die Honda-Gesellschaft davor retten, von den heimischen Konkurrenten eingeholt und übertrumpft zu werden, könne er gleich aussuchen, ob er sich aus seinem Zimmer stürzen oder am Baum aufhängen wolle….

Nun, Morioka tat wie ihm geheissen, suchte auch lokale Motorradtreffs auf, bei denen ihm vor allem die Vielzahl umgebauter Maschinen ins Auge stachen. Eine modifizierte CB750 mit fließender Tank-Sitzbank-Linie inspirierte ihn besonders und half zu verstehen, wie Europas Motorradfahrer ticken, die sich ein sportliches Big-Bike wünschen. Ob es ein Eigenbau war, nach Vorbild der damaligen 250/350er Sonauto-Moraco-TZ-Yamahas von Patrick Pons, oder nach Art der Japauto-Endurance-Hondas oder irgendwas von Bimota, die ihrer Zeit voraus ähnliche Designs wagten, wird in dem Buch nicht genau aufgelöst – lässt sich also nur vermuten.

Wie hier in Monthléry mag es zugegangen sein, als Designer Minoru Morioka einst Euro-Trends nachspürte. Foto: Honda

Jedenfalls war Morioka hernach Feuer und Flamme für ein neues Design, das nicht einfach mit einem Chromschutzblech hinter der Sitzbank endete, sondern durchgehende Linien vom Tank über die Seitendeckel bis zur Heckverkleidung mit angedeutetem Spoiler erlaubte. Die erste Maschine, die mit dem später genannten »Eurostyle« auf den Markt kam und sich blendend verkaufen sollte, war die CB900F Bol d´Or im Jahre 1979. Zuvor wurde das Heck der CBX1000, die ein Jahr vorher in Serie ging, noch im letzten Entwicklungsstadium in diese Designrichtung modifiziert. Später folgte dann eine ganze Reihe CB-Bikes im Eurostyle-Design, bis hinab zu 250 Kubik, wenn ich nicht irre.

Das Eintauchen in europäische Kultur, Denkweisen und Handwerkskünste (bei Besuchen in Museen und Galerien) sollte sich beim Design von Details wie Griffgummis, Schalterarmaturen oder Fußrasten niederschlagen, die der detailversessene Morioka liebevoll wie kleine Kunstwerke neu ausgeführt hatte, und die später noch in viele weitere Modelle verbaut werden sollten. Die geschmiedeten Aluminium-Lenkerhälften der Bol d´Or, damals ein Novum im Motorradserienbau, waren ebenfalls der Inspiration nach Moriokas Europa-Besuch zuzuschreiben.

Honda CB900F Bol d´Or: Damals Trendsetter im Euro-Style, heute ein Klassiker. Foto: Honda

Um zum Ende zu kommen: Niemand vermag heute zu sagen, ob die Studien von Honda-Entwickler Yosuke Hasegawa und seiner Delegation am Glemseck 2015 zu aktuellen Zweirad-Strömungen und Trends jemals einen Einfluss haben werden oder nicht. Früher oder später werden wir es schon sehen, wenn eines Tages neue Hondas präsentiert werden, bei denen Konzepte oder Details europäisch inspiriert anmuten, um – wie es dann wahrscheinlich heissen wird – die Wünsche der Kunden zu befriedigen. Wie heisst es im Englischen so schön: Only time will tell.

 

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

1 Kommentar

  1. Das niedere Volk fährt zum MoGo
    Der Salatprynz dagegen gibt einfach „Gott“ direkt die Anweisung, sich mal eben hinter der CB zu positionieren.

    Wer kann, der kann… 🙂

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