Die Schleizer »Seng« und die dicken Eier

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6. Gang Vollgas, Downhill: Reiterberger, Smrz, Gines, Lucy Glöckner, Mackels und Halbich in der Schleizer Seng.

Mut und Selbstüberwindung braucht jeder Motorradrennfahrer, meistens mehr als weniger. Zu den Stellen, die auf der nach oben offenen Wahnsinnsskala schon nicht mehr einzuordnen sind, zählt die »Seng« in Schleiz, eine furchteinflössende Links-Rechts-Links-Bergabpassage, die im 6. Gang voll geht, mehr oder weniger. Früher gab es eine Tribüne auf der Außenseite am Hügel, jetzt nurmehr Böschung und Büsche. Streckenposten 15 auf der Außenseite, der mit vier Marshalls (3 Männer und 1 Frau) und zwei Sanitätern besetzt ist, verfolgt das grandiose Schauspiel quasi vom Logenplatz aus. Der Posten ist mit Eisen und Gittern verbarrikadiert wie Fort Knox, obwohl am Kurvenausgang und weit hinter dem Kiesbett platziert, weil nicht ausgeschlossen ist, dass ein gestürztes Motorrad weiter fliegt, als man für möglich hält.

Auf der Innenseite zum Ende der »Seng«, die in eine Rechts mündet, aus der wiederum eine scharfe Links angebremst wird, ist eine Gaststätte. Dort kann mich sich draußen hinhocken, Kaffee oder Bier schlürfen oder was essen, und den Rennfahrern zuschauen. Von Außen betrachtet ist die Seng extrem spektakulär: der irre Speed, der Sound der Motoren im Vollastbereich, Richtungswechsel und heftige Schräglagen, das Erlebnis kommt extrem verdichtet; und es fällt schwer, das nicht zu bewundern. Ein Motorradtourist würde die Seng mit geschätzten 60 oder 80 km/h herunterrollen, was Rennfahrer hier anstellen, ist atemberaubend und krank zugleich – auf jeden Fall weit mehr als nur eine Mutprobe.

Was die Fahrer zur »Seng« sagen:

Samstag, 1. August, 15.09 Uhr, Qualifying, bergab in der Seng, letzte Links, Reiti zieht bei 207 km/h das Gas auf, das Hinterrad dreht durch, kommt leicht quer und malt einen schwarzen Strich, die Traction Control spannt den Rettungschirm auf, reicht weniger Gas durch als die Gashand will, am Ende des Slides sind es 213 km/h. Die Schräglage beträgt 62 Grad. Mehr geht nicht.

Markus Reiterberger, BMW S1000RR, IDM-Superbike

»Wichtig ist, dass man oben am Berg aus der Links der Kohlbach-Schikane gut rauskommt. Die Gerade zur Seng runter ist ein langer Linksbogen, also versuchst, das Bike früh aufzustellen, um möglichst viel Vortrieb zu haben. Die Seng beginnt mit einer schnellen Links. Ich berühre innen kurz die Curbs, versuche für die Rechtskurve innen zu sein am Exit, um mich zu positionieren für die lange Links unten in der Seng, weil die ist am wichtigsten. Das musst gut vorbereiten.«

»Ausgangs der Schikane oben vom Dritten hochschalten bis in sechsten Gang, in die erste Links kommst fast bis in den Begrenzer, knappe Anbremsphase vor der Rechts, reinrollen lassen, aufziehen, kurz rollen lassen, damit das Bike umlegen kannst auf die andere Seite, dann wieder aufziehen. Die ganze letzte Links im Prinzip Vollgas. Und danach zwei Gänge runter, für die folgende Rechtskurve vor der engen Spitzkehre.«

»Ich bin vorher mit dem Roller rum und hab alles angeschaut; da hast mehr Angst. Weil wennst eingangs der Seng geradeaus fahrst, geht’s direkt in den Wald. Wenn Du auf dem Moped sitzt, geht das schon. In der langen Links ist das Knie am Boden, ja, in der Rechts zuvor nicht. Da mache ich das Knie nicht raus, das rentiert sich nicht.«

»Ich freu mich auf jeden Teil der Strecke, weil Schleitz megageil ist. Die Seng ist eigentlich nicht schwierig. Man braucht viel Kraft zum schnellen Umlegen. Du musst das Bike von einer Seite auf die andere bringen bei dem Speed, also mit der ganzen Kraft am Lenker ziehen. Dazu musst kurz lupfen, sonst kannst das gar nicht drehen. Ob man in der Seng Mut braucht und dicke Eier? Aber richtig! Keine Weicheier jedenfalls.«

Dirk Linnebacher, Crewchief in Reitis Remeha Van Zon-Team gibt Einblick ins Data Recording

»Aus dem Geschlängel oben fährt Reiti im dritten Gang mit 95 km/h am Scheitel raus. Er schaltet die Gänge durch die Anfahrt runter und segelt mit 258 km/h über den Curb der ersten Links, bevor er lupft und leicht bremst. Durch die Bergab-Rechtskurve der Seng geht es im 6. Gang mit 226 km/h bei 61 Grad Schräglage. Durch die folgende lange Linkskurve im 6. Gang mit 207 km/h am Scheitel; die Schräglage dabei beträgt 62 Grad, mehr geht nicht. Markus zieht das Gas auf und zieht dabei einen Slide, an dessen er Ende er 213 km/h fährt. Die ECU der Traction Control gibt ihm dabei etwas weniger Leistung als er am Gasgriff abruft. Markus beschleunigt weiter bis 236 km/h, bevor er das Gas schließt, nach rechts umlegt und nach kurzem Schiebebetrieb die nächste Passage anbremst.«

 

Lukas Tulovic: Der junge Mann, der hier am Ellenbogen ums Eck biegt, ist 15 Jahre alt.

Lukas Tulovic, Yamaha R6, Yamaha-Cup, ST-One Racing Team

»Die Seng geht im 6. Gang. Mit dem Speed ist es brutal schwer, das Bike nach links, rechts und wieder links umzulegen. Man braucht richtig Eier da unten, sehr dicke. In der Rechts will manchmal das Vorderrad einklappen, was bei 250 Sachen schon heftig ist. Oben aus dem Geschlängel raus folgt ja keine Gerade, sondern es zieht sich langgezogen nach links den Berg runter. Ich lade die Gänge durch und fahre mit Topspeed da runter. Die erste Links geht voll, die zweite Rechts fast, und für die dritte Links musst lupfen, um das Motorrad zu drehen, dann ziehst wieder voll auf.«

»Das Gefühl dabei in Worte fassen ist schwierig. Ob es etwas Vergleichsbares gibt? Runter in ein Loch fahren, so schnell? Nee, glaube ich nicht. Habe ich jedenfalls noch nicht erlebt. Knie am Boden? In der Rechts ja, in der Links nicht. Ob das Spaß macht? Schon, ich freue mich, wenn es da runter geht. Mit dem Superbike wird es aber wohl um einiges schlimmer.«

Anschließend klappte Lukas noch das Laptop auf und schaut in sein 2D-Datarecording: »Oben am Berg komme ich mit 87 km/h im zweiten Gang aus der Links raus, beschleunige hoch bis in den 6. Gang. In der ersten Links fahre ich 260 km/h, in der Rechts 215 km/h und in der letzten langen Links 222 km/h. Danach beschleunige ich weiter auf 232 km/h bis zur Bremszone der engen Links-Haarnadel.«

 

Luca Grünwald: »Die Seng ist schon heftig. Am besten Augen zumachen, also nicht wortwörtlich, aber so ungefähr, alles zusammenzwicken, was man hat, und hoffen, dass es gut geht.«

Luca Grünwald, Kawasaki ZX-10R, Superstock 1000-IDM, Weber-Diener Team

»Ich bin das erste Mal hier mit dem Superbike. Die Seng ist anspruchsvoll, braucht Übung und ist absolut extrem. Du musst auf den Zentimeter treffen, sonst hast komplett verloren und kannst die Kurve nur durch Langsamfahren noch retten.«

»Aus der Kohlbach-Schikane komme ich im 3 .Gang raus, beschleunige in Schräglage alle Gänge durch, es ist relativ rutschig und viel Bewegung im Motorrad, weil dort verschiedene Beläge aufeinander abfolgen; es geht auf die Hauptstrasse zurück zur Seng runter, 6. Gang Vollgas, geschätzt zwischen 250 und 260 km/h, dann kurz nach links und knapp über den Curb, kurz vom Gas, ich tippe die Bremse nur kurz an, damit es sich auch umlegen lässt; dann mit allem, was man hat, auf die Seite vom Motorrad hängen, um den Eingang zu dieser Rechts richtig zu erwischen, da kommt es auf einen halben Meter an, wennst daneben bist, hast keine Chance mehr, die Kurve mit einem ordentlichen Speed zu Ende zu fahren; da passt auch nur einer durch; und nachdem man halb um die Rechts rum ist, sofort wieder alles, was man hat, nach links schmeissen, mit oder ohne Gas, je nachdem, und schauen, dass das Motorrad auf volle Schräglage geht, um überhaupt um die Kurve rumzukommen. Wennst durch bist, schon wieder aufrichten und die folgende Rechts anpeilen, da ist spätes Bremsen notwendig. Die Seng ist brutal anstrengend, es zieht dir die Luft aus Armen, Schulter und Brustkorb raus. Weil das Motorrad relativ schwer ist, grad bei meiner Statur, ich wiege 60 Kilo, ist die Seng ein absoluter Kampf und das Krasseste, was ich bisher erlebt habe.«

»Ich fahre gerne in Schleiz, aber mit dem Superbike war es schon ein Schock. Es geht eigentlich nie richtig geradeaus. Das schnelle Umlegen macht mir Probleme. Unser Bike händelt vielleicht nicht am besten im Moment. Dazu mein geringes Gewicht. Ich habe nicht die Kraft wie ein 1,80-Meter-Großer und nicht so viel Masse zum Einsetzen. Am Anfang ist der Respekt da. Da werden die Augen schon groß, wenn du den Eingang mal nicht perfekt triffst. Dann bist schon am rudern, um überhaupt rumzukommen. Grade die ersten Runden braucht es Mut, mehr als sonst, um richtig schnell zu sein. Wenn du vorne dabei sein willst, brauchst große Eier, bestimmt.«

»Natürlich ist die Passage schön und macht Spaß, wenn es funktioniert. Es ist zwar Platz, aber es ist auch sehr schnell und man sollte da nicht einschlagen. Mit was Kleinerem ist es in Ordnung. Aber mit einem Superbike wird es knackig. Am besten Augen zu, also nicht wortwörtlich, aber so ungefähr, alles zusammenzwicken, was man hat, und hoffen, dass es gut geht. Die Seng ist schon heftig.«

Hier schnürlt Reiti vor Luca von oben den Eingang zur Seng runter: Lange Anfahrt in Schräglage, Eintauchen links über den Curb, dann in die Rechts. Alles flat out im 6. Gang.

Fotos: Buenos Dias

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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