Gefahren: Harley-Davidson Dyna Low Rider

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Warm-up

Warum denke ich bei Harley Davidson immer an Dampflokomotiven? Weil sie mechanischer, schwerer, dickschiffiger, teurer sind. Und lauter, jedenfalls nach irgendwelchen Auspuff-Umbauten. Harley-Leute witzeln gerne, dass man sich mit einem Milwaukee-Eisen in erster Linie eine Weltanschauung kaufe, das Motorrad gibt es gratis dazu. Man sitzt halt aufrecht im Wind und lässt Gedanken an Sport und Dynamik besser abperlen.

Ich wollte diese Dyna Low Rider ausprobieren, weil ich sie ästhetisch schön finde, nicht so überladen, wie Touring-Modelle mit Trittbrettern und Verkleidungen; und nicht so dürr wie manche Sportster-Einsteiger-Varianten. Auch die Softtail-Familie mit Starrahmen-Optik trägt ja eher gewichtig auf.

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Den ersten Aha-Effekt setzte es beim Einladen in den Salatbus: Das Teil ist so lang, dass es nur ohne Wippständer hineinpasst. Den zweiten beim Ausladen, als das Eisen erst unten aufsetzte und dann auf der Rampe in Schieflage geriet. Heiliger Bimbam, viel hat nicht gefehlt und ich hätte hier offenbaren dürfen: Der Gasgriffsalat schmeisst nagelneue Harley noch vor der ersten Abfahrt hin…..

Die Dyna Low Rider wurde für das Modelljahr 2015 als Neuauflage ins Programm gerückt, nach ein paar Jahren Pause. Zuvor war die Low Rider über Jahrzehnte (seit 1977!) als Custom-Bike in diversen Versionen ein Fixstern der Modellpalette, das neben niedrigem Sitz mit üppigem Zubehörangebot glänzte, das sich zur Individualisierung anschrauben liess. Optik und Stil der neuen Low Rider fallen eher traditionell aus, clean und ohne viel Firlefanz.

Techno

Die Dyna-Modellfamilie ist mit dem Twin-Cam-103-Motor bestückt und wird hinten über Stereo-Federbeine abgefedert. Besonderes Kennzeichen der Low Rider ist die niedrige Sitzhöhe mit 68 Zentimetern, wobei auch die Wide Glide ähnlich tief zum Aufsitzen einlädt. Twin-Cam-103-Motor heisst: Luftgekühlter 1690er V-Twin mit Ausgleichswellen, 76 PS bei 5.000 Touren, 126 Nm bei 3.500/min. Der V2 mit Wrinkle-Black-Pulverbeschichtung und polierten Kühlrippenkanten ist ein Langhuber. Ruhig mal ein Maßband in die Hand nehmen, um die Vorstellungskraft für 98,4 mm Bohrung und 111,3 mm Hub zu stärken.

 

Der Motor startet mit mächtigem Schlag aus der 2-in-1-Auspuffanlage an, läuft dann aber weich und elastisch. Die Charakteristik beim Fahren ist bullig entspannt und macht Spaß, keine Frage. Je nach Drehzahl schwingt oder massiert es, was angenehm bis unterhaltsam ist. Wenn die Drehzahl sinkt, kribbelts in den Füßen. Trotz zweier Ausgleichswellen steckt also eine Menge Leben drin. Lob verdient die Abstimmung der Einspritzung: Der Twin spricht einwandfrei auf Gasbefehle an, auch bei Teillast nach Schiebebetrieb beim Wiederaufziehen.

Das Getriebe hat sechs Gänge und Landmaschinen-Charme. Klonk macht es bei jedem Gangwechsel. Aber jede Gangstufe sitzt. Der Sechste ist extrem als Overdrive ausgelegt, für Spritsparen auf der Autobahn eher, den Fünften nutzt man zum Herumcruisen mehr.

Im Fahrwind

Die Sitzposition ist cruisig-komfortabel, dazu passt die Aussicht auf jede Menge Chrom im Lenker- und Lampenbereich. An die Instrumente auf der Tankkonsole gewöhnt man sich. Im LCD-Sichtfenster im Tacho lassen sich über den Tripschalter links am Lenker wahlweise Kilometerstand, Tageskilometer, Uhrzeit oder eine Ganganzeige aufrufen. Den Tankinhalt behält man über die Anzeige im linken Verschluß im Auge. Getankt wird über den rechten Tankdeckel.

 

Die Low Rider wiegt mit vollem 17,7 Liter Tank 302 Kilo. Das ist eine Menge und mehr als man auf den ersten Blick vielleicht vermutet. Optisch wirkt die Maschine schlanker, als sie sich tatsachlich anfühlt. Man spürt es speziell bei Wendemanövern und beim Rangieren. Einmal in Bewegung gesetzt, fährt das aber sehr ordentlich. Das Motorrad läuft einwandfrei geradeaus und nimmt Kurven mit Grazie, die Reifen (Michelins mit HD-Branding) vermitteln ein gutes Gefühl, auch die Federabstimmung passt zum Fahrzeugcharakter.

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In Flugschulen trichtern Lehrer ihren Motorflug-Schülern gerne auf dem Weg vom Hangar zur Startbahn ein: »Gerollt wird majestätisch.« Dergleichen ist bei der Low Rider nicht nötig. Masse und Gewicht sorgen dafür, dass man den Fahrstil automatisch anpasst, was aber leicht fällt. Am besten ist, es nie wirklich eilig zu haben oder in hektische Manöver zu verfallen. Souverän, gelassen und mit Weitsicht bewegt ist die Low Rider in ihrem Element.

 

Nur zwei von fünf Dyna-Modell glänzen mit einer Doppelscheiben-Bremse im Vorderrad. Die Low Rider ist eine davon, was schon zeigt, dass Harley sie eher den fahraktiven Cruisern zuordnet. Das bremst in der Praxis in der Tat okay, erfordert aber Handkraft. Mit ein oder zwei Fingern bremsen ist keine gute Angewohnheit bei einem 300-Kilo-Eisen, vor allem wenn eher überraschend strammere Verzögerung notwendig wird.

Unprickelnd

Die Beifahrerrasten sind an der Schwinge befestigt, wie an 50er Mopeds früher. Der Fußbremshebel steht ergonomisch ungünstig. Zum Bremsen muss man den Fuß weit nach vorne abwinkeln, was das Gefühl beeinträchtigt. Das rechte Bein liegt am Luftfilter an, wenn man es nicht abspreizt. Auch der Seitenständer ist special, man muss das Bike etwas nach rechts lehnen, sonst lässt sich der Arm weder aus- noch einklappen.

Prima ist

…das Gefühl, etwas Solides zu fahren. Aus diesem Klotz von Motor würden die Japaner wahrscheinlich zwei Triebwerke giessen, oder drei. Rahmen, Schwinge, alle Bauteile bis zu den Handhebeln – nichts ist unterdimensioniert. Maschinenbau für die Ewigkeit. Die Kupplung greift weich und schön dosierbar. Die Lenkerposition lässt sich über die Riser-Hebelei um 60 mm nach vorne oder hinten einstellen; das ist pfiffig gelöst, allerdings benötigt man Zollwerkzeug. An der Fahrer-Sitzfläche ist hinten ein Extrapolster, das sich abschrauben lässt, wenn man mehr Bewegungsfreiheit wünscht.

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Exit

Die Dyna Low Rider ist eine schönes Bike und macht am meisten Freude, wenn man sie für kultiviertes, entspanntes Entschleunigen einsetzt. Man muss sich darauf einlassen und auch mit dem schieren Gewicht arrangieren. Guckt an der Ampel jemand rüber, bist nicht irgendwer, sondern jemand. Someone who´s made it. Kann sein, dass das am V-Twin liegt, der wie ein Schiffdiesel vor sich hin murmelt. Potato, Potato. Oder am Auftritt, der schon oberklassig ausfällt, wenn man diese Ausstrahlung mag. Ich hatte jedenfalls Spaß mit der Low Rider und kann alle gut verstehen, die darauf total abfahren.

 

Datensalat

Harley-Davidson Dyna Low Rider: 45-Grad-V-Twin, Hubraum 1690 Kubik, Leistung 76 PS bei 5000/min, max. Drehmoment 126 Nm bei 3500/min, ESPFI-Kraftstoffeinspritzung, Stahlrahmen, Telegabel, Stereo-Stoßdämpfer, Schlauchlose Michelin-Bereifung mit Harley-Branding auf Speichenrädern, Reifengröße vorne 100/90B19 57H und hinten 160/70B17 73V. Doppelscheibenbremse vorne mit Vierkolben-Festsattel, Einfachscheibe hinten mit Zweikolben-Schwimmsattel, ABS serienmäßig, Gewicht fahrfertig vollgetankt 302 kg, Tankinhalt 17,7 Liter. Preis: 16.285 bis 17.785 Euro (inklusive Überführung/Aufbau), je nach Lackierung, lieferbar sind 6 Farben.

Fotos: Buenos Dias

 

 

 

 

 

 

About Author

Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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