Baby-Beemer: Michel BMW R 100 RR

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Baby-Beemer: Eine kleinere, zierlichere, filigranere BMW hat es nie gegeben.

Manchmal zieht man eine Schublade auf oder einen Ordner mit alten Dias aus dem Hängeregister und muss tief Luft holen, weil man über irgendwelche, längst vergessene Geschichteln stolpert. Diese Michael-BMW ist so eine Archivperle.

Willi Michel war ein BMW-Enthusiast erster Klasse. Der Tuner aus Mommenheim verband Boxer-Begeisterung mit extremer Handwerkskunst und baute begeisternde Boxer-Rennmaschinen. Jenes Projekt, von dem hier die Rede ist, die Michel-BMW R 100 RR von 1982, war vielleicht sein endgültiges Meisterstück – obwohl diesem Bike kein Happy End vergönnt war.

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Eigentlich war diese Maschine namenlos, aber anstatt einfach Michel BMW auf R 100 Basis dazu zu sagen, verpasste ich dem Teil Jahre später für einen Beitrag in einem Magazin den Zusatz R 100 RR. Ich hoffe einmal, dass Willi, der 1996 verstorben ist, damit einverstanden gewesen wäre, speziell vor dem Hintergrund der heutigen weiss-blauen Typenbezeichnungen.

»Man muss klein und leicht bauen«, pflegte Willi zu sagen, der sich einst immer wieder mit Boxer-Kreationen gegen die Japaner mit ihren starken, aber schweren Boliden an den Start stellte. Einmal brausten seine belgischen Fahrer Collewaert/Collard beim Bol d´Or auf einen Top-Ten-Platz und Willy hörte gar nicht mehr auf wie eine H4-Birne zu strahlen.

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Für das nächste Projekt griff er tiefer in die Trickkiste als je zuvor. Im Sommer 1982 war das Wunderwerk fertig. Beim 8-Stunden-WM-Lauf auf dem Nürburgring zeigte er den Renner im Fahrerlager erstmals her. Die Folge war, dass Fahrer, Teamchefs und Mechaniker der japanischen Werke mit großen Augen vor dem rot-gelben Schmuckstück standen und staunten.

»Das war ja noch nie da«, erzählte Willi später, »die sind nicht nur einfach vorbei gelaufen, die haben sich da richtig aufgehalten.«

Kein Wunder: Diese Michel-BMW war sehr klein und so kompakt wie in Kindermotorrad. Quasi ein Baby-Beemer, also fast. Es gab 16-Zoll-Räder vorne und hinten, einen Rahmen aus dünnen Röhrchen plus Gitterrohr-Schwinge, abgefedert mit Zentralfederbein. Vom Auspuff lugte seitlich nur ein Röhrchen hervor. Dazu gab es eine Vorderradgabel mit mechanischem Anti-Dive-System, einen schlanken Tank und eine Mini-Höckersitzbank. Das Finish war traumhaft und die Silhouette winzig.

Ganze 1007 Millimeter hoch war die Maschine, an der Oberkante der Plexischeibe. Eine kleinere, zierlichere, filigranere BMW hat es nie gegeben. Nehmen Sie – schöne Leserin, schlauer Leser – mal einen Zollstock in die Hand und vermessen das im Vergleich zu ihrer Maschine oder zur persönlichen Gürtellinie.

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Auch die Eckdaten beeindruckten: 125 Kilo leicht, fahrfertig mit Öl, aber ohne Benzin, und ordentliche  104 PS stark, bei 8.600 Touren. Zum Vergleich: Eine Werks-Suzuki GS 1000 R, leistete damals 130 PS und drückte 172 Kilo auf die Waage.

Den Rahmen hatte Michel speziell für die 16-Zöller konstruiert. Der Motor hing an Streben unter einem dicken Rückgrat-Rohr. An der vorderen Motoraufhängung waren Traversen befestigt, die über die Zylinder hinweg zur Schwingenaufnahme unter dem Getriebe (!) am Ende der Ölwanne verliefen. Diese Anordnung sollte mit der extralangen Schwinge (620 mm) die Kardanreaktionen abbauen und die Maschine beim Beschleunigen und Bremsen weitgehend neutral halten. Interessant auch, dass der Motor 30 Millimeter höher als beim Vorgänger eingebaut war; das typische BMW-Kippeln um die Längsachse sollte so bis auf ein Minimum reduziert werden.

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Ein offen laufender Kardan (ein Schiebestück mit bogenverzahntem Mitnehmer und verlängerter Glocke diente zum Längenausgleich) war damals keine Selbstverständlichkeit. Ebensowenig ein leichter, angeschraubter Hilfsrahmen, der Sitzhöcker, Rastenträger und Auspuffhalterung aufnahm. Eine Delikatesse auch die abgedrehte R-65-Gabel mit gekürzten Standrohren und Alu-Innereien. Das mechanische Anti-Dive-System war ein weiteres Schmankerl, wenn auch von der Werks-Kawa kopiert. Bei der Michel-BMW schien die Anti-Eintauch-Hilfe besonders notwendig, um bei Bremsmanövern in Schräglage jedes Quäntchen Bodenfreiheit der niedrig bauenden Maschine auch tatsächlich auszunutzen.

Natürlich verhalf Willi auch dem Boxer-Herz mit kunstvollem Tuning zu mehr Schmalz. Die erleichterte Kurbelwelle wies zwei gleichgroße Wangen statt aufgenieteter Gegengewichte auf, die Pleuel waren 10 mm verkürzt (zwecks geringerer Zylinderbaubreite) und wie die Stehbolzen aus Titan gefertigt. Geschmiedete Mahle-Kolben steckten in Nikasil-beschichten Alu-Zylindern. Die Nockenwelle war ein Spezialteil für mehr Ventilhub und längere Öffnungszeiten. Alle Bauteile von der Kipphebelwelle bis zur Kupplung waren überarbeitet, optimiert oder erleichtert. Da kannte Willi kein Limit. Kein Teil, dass er nicht abdrehte oder bohrte. Und waren schon Löcher drin, etwa bei Getrieberädern, machte er diese noch größer.

Neben dem 1000er Boxer hatte Willi auch noch ein 850er Triebwerk fertig, mit 92 PS bei 9.000 Touren. Daraus hätte sich mit Blick auf das angekündigte Langstrecken-WM-Reglement mit 750 Kubik Hubraum (ab 1984) eine 750er Version ableiten lassen.

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Willi Michel war ein Maniac der Mechanik. Einer mit goldenen Händen, der alles selber machen konnte. Er bohrte, drehte und fräste nach eigenen Plänen. Nockenwellen-Steuerzeiten errechnete er selbst. Verkleidung, Auspuff, Motorinnereien bis hin zur erleichterten Ventil-Einstellschraube – alles selbstkonstruiert. Sogar die Rohre für die Rahmen bog er eigenhändig. Die handwerkliche Ausführung war über jeden Zweifel erhaben.

Damit nähern wir uns der dunklen Seite dieses Projekts. Abgesehen von einer Ausfahrt in Hockenheim für eine Zeitschrift langte es nie zu Testfahrten oder Renneinsätzen. Erst im Sommer 1983 war es soweit. Auf Einladung des spanischen BMW-Importeurs packte Willi Michel den revolutionären Boxer in seinen Transit und fuhr nach Barcelona zum 24 Stunden-Rennen. Drei spanische Rennfahrer drehten am Gas und zeigten sich von den Qualitäten der R 100 RR auf dem kurvenreichen Kurs durch den Montjuich-Stadtpark begeistert. Power prima, Fahrwerk klasse, Handling überragend. Alles bestens also – vom achten Startplatz aus ging das Trio ins Rennen.

Dass das Team dann nach wenigen Stunden vorzeitig aufgab, hatte einen delikaten Grund. Ersatzfelgen waren zwar dabei, nur leider waren diese nicht mit Lagern bestückt, weil sie zu spät angeliefert worden waren. Jedenfalls wollte Willi in Barcelona noch schnell die passenden Lager organisieren. Dies aber klappte wider Erwarten nicht. Ersatzräder im Fahrerlager aufzutreiben war nicht möglich, exotische 16-Zöller waren damals Mangelware. Und mit nur einem Satz Räder machte es nicht viel Sinn, ein 24-Stundenrennen durchzufahren….

Aber das dicke Ende folgte noch. Als Willi nach dem Rennen am Montagmorgen aus dem Hotel zu seinem Transporter kam, war dieser aufgebrochen und die BMW geklaut worden. Die Polizei nahm den Vorfall auf, fand aber nie eine Spur des Übeltäters. Michels superbes Boxer-Schmuckstück blieb für immer verschollen.

Nach der Rückkehr aus Spanien trauerte Willi Michel nicht lange, sondern nahm das nächste Projekt in Angriff – eine Boxer-Rennmaschine mit Kettenantrieb. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

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Fotos: Buenos Dias

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Gerhard Rudolph, fährt Honda CB 1300 und am liebsten Jethelm mit dunklem Visier.

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